Leseprobe zu "Der geheimnislose Junge" von Stephan Brüggenthies
Zbigniew verspürte ein Gefühl der Erleichterung, als sie aus den düsteren Gemäuern der Schule heraustraten. Draußen schien die Sonne, es war ein wunderschöner Tag im Frühherbst. Zbigniew kannte einen guten vietnamesischen Imbiss in Lindenthal, wo man draußen in einem schattigen Innenhof sitzen konnte. Er schlug Zeynel vor, dort zu Mittag zu essen. Bei einer großen Reisnudelsuppe mit Bambussprossen und einigen Schnipseln Zitronengras diskutierten sie die Lage. Im Endeffekt waren sie kein Stück weitergekommen; es hatte sich lediglich der Eindruck verstärkt, dass ein Junge wie Timo Lindner normalerweise nicht von alleine verschwand. "Seit wann liest du eigentlich die Kölner Kriminalstatistiken? 92 Prozent, stimmt das wirklich'", grinste Zeynel. "Manchmal muss man auch improvisieren können." "Wir haben nichts, oder? Hast du irgendeinen Anhaltspunkt gesehen? Entführung? Sexualdelikt? Zufälliger Täter? Jemand aus der Nachbarschaft von Timo entführt ihn, aus sexuellem Motiv." Zbigniew schüttelte den Kopf. Derlei Spekulationen brachten nichts ein, ohne irgendwelche Indizien oder Beweise. Zeynel grinste plötzlich, als habe er eine großartige Idee. "Vielleicht steht dieser Polizeikommissar, der da um die Ecke wohnt, ja auf Kinder." Zbigniew hatte gerade seinen Löffel aus der Suppe hochgeführt und beließ ihn nun auf halber Höhe zu seinem Mund. Er blickte Zeynel verärgert an. Einen Moment lang analysierte er sich selbst. Er spielte keine Verärgerung, sondern er war verärgert. Und das hatte nichts mit Lena zu tun. Überhaupt nichts. "Oder unser Wirtschaftsminister", beschwichtigte Zeynel. "Sonst noch konstruktive Ideen'", fragte Zbigniew etwas aufgebracht. "Hatte Timo eigentlich Geld dabei, als er verschwand'" Zbigniew biss sich auf die Unterlippe. Warum wussten sie es nicht? Ermittlungsfehler, sie hätten sofort die Eltern fragen müssen, ob Timo Geld bei sich führte. Unter Jugendlichen in Finkenberg, einem der sozialen Brennpunkte in Köln, war bereits ein Paar mittelmäßiger Turnschuhe oder ein Zwanzig-Euro-Schein Anlass, einen Mitschüler zu erstechen. Zeynel schien seine Gedanken zu lesen. "Dann hätten wir Timo aber bereits gefunden. Bei einem Raubdelikt gibt sich niemand große Mühe." Zbigniew nickte. Dennoch würden sie Tonia Lindner fragen. Als er schon zum Telefon griff, fiel ihm etwas ein. "Sag mal, wie kann die Mutter eigentlich nach Mailand mitfliegen, jetzt, wo ihr Sohn vermisst wird? Ist das nicht eigentlich eine Ungeheuerlichkeit'" Zeynel nickte. "Jetzt, wo du's sagst." Auf einmal fing sein Kollege an zu grinsen. "Was ist'" "Nichts", grinste Zeynel weiter. Zbigniew löffelte die Suppe aus. "Dann los." Zbigniew ging allein zum Haus Lübecker Straße 6. Zehn Minuten später stand er vor der Tür, klingelte mehrmals, doch niemand öffnete. Wenn Tonia Lindner um 12.41 Uhr in Köln gelandet war, musste sie inzwischen wieder zu Hause sein. Es sei denn, sie war gar nicht nach Hause gegangen. Ins Büro? Das Büro der Lindners befand sich in der Wohnung, soweit Zbigniew wusste. Wenn Tonia Lindner nicht zu Hause war, war alles andere Rätselraten. Auf einmal schallte es quer über den Platz vor der Eigelsteintorburg. "Herr Kommissar!" Zbigniew drehte sich um. Gegenüber, im Szene-Café Scharf direkt an der Eigelsteintorburg, saß Tonia Lindner und winkte ihm ein wenig hysterisch zu. Natürlich hatten inzwischen fast alle der Gäste zu Zbigniew herübergeschaut. Am liebsten hätte Zbigniew nicht reagiert, weil er befürchtete, dass nun alle im Viertel ihn als Herrn Kommissar kennen würden. Alle, inklusive der stolzen Kellner im Scharf. Das Ende eines Lebens in geruhsamer Anonymität. Zbigniew begab sich zum Café; die Gäste wandten ihre prominenten Köpfe langsam wieder ihren Tischnachbarn zu. Inzwischen aber war Tonia Lindner bereits von ihrem Tisch aufgestanden. Hoffentlich ruft sie nicht noch einmal, dachte Zbigniew, sah dann aber, dass sie mit einer kaum wahrnehmbaren Kopfbewegung dem Kellner einen Abschiedsgruß zunickte. Der Kellner lächelte gnädig zurück, ein Lächeln, das Zbigniew als Gast hier noch nie zuteil geworden war. Zbigniew vermutete, dass Tonia Stammgast war und ihre Zeche nicht direkt bezahlen musste. "Lassen Sie uns hochgehen", murmelte sie, als sie auf ihn zukam, "ich musste etwas Essbares zu mir nehmen." Zbigniew spürte in ihrem Ton Unsicherheit und Verzweiflung, was dem Verhalten gegenüber dem Kellner entgegengesetzt war. "Ja", murmelte Zbigniew zurück. Er fand es immer wieder faszinierend, wenn Menschen von einer Sekunde auf die andere in ihrer Außenwirkung völlig umschwenken konnten. Zbigniew selbst konnte dies nicht. Wenn er schlecht drauf war, war er schlecht drauf; wenn er dagegen gut drauf war, konnte ihn nichts aus der Ruhe bringen. Tonia hatte gegenüber dem Kellner selbstsicher, routiniert und abgeklärt gewirkt, gegenüber Zbigniew verstärkte sie nun den Eindruck der verzweifelten Mutter. Als Zbigniew hinter Tonia Lindner die Treppe hochstapfte, versuchte er zu ergründen, welches Verhalten gespielt war. Oder ob die Wahrheit irgendwo in der Mitte lag. Tonia Lindner schloss die Wohnungstür auf. Zbigniew fiel zum ersten Mal das Türschloss auf, ein besonderes Sicherheitsschloss. Zbigniew wollte in Timos Zimmer. Und zwar so schnell wie möglich.Er ging den langen Flur entlang, bis er im Türrahmen zu TimosZimmer stand. Es war unübersehbar, und trotzdem bemerkte man es nicht. Zbigniew fröstelte. War das möglich? Oder hatte er nur einen Mechanismus übersehen? Zbigniew untersuchte den Türrahmen. Er erinnerte sich an den ausgeklügelten Türschließmechanismus mit dem Chromhebel im Bad. Hier gab es keinen derartigen Mechanismus. Nichts zum Abschließen.Denn es war da nichts zum Abschließen. Der Türrahmen hatte keine Tür. Zbigniew stand vor dem Zimmer eines fünfzehnjährigen Jungen, das keine Tür hatte.
Leseprobe zu "Der geheimnislose Junge" von Stephan Brüggenthies
Zbigniew verspürte ein Gefühl der Erleichterung, als sie aus den düsteren Gemäuern der Schule heraustraten. Draußen schien die Sonne, es war ein wunderschöner Tag im Frühherbst. Zbigniew kannte einen guten vietnamesischen Imbiss in Lindenthal, wo man draußen in einem schattigen Innenhof sitzen konnte. Er schlug Zeynel vor, dort zu Mittag zu essen. Bei einer großen Reisnudelsuppe mit Bambussprossen und einigen Schnipseln Zitronengras diskutierten sie die Lage. Im Endeffekt waren sie kein Stück weitergekommen; es hatte sich lediglich der Eindruck verstärkt, dass ein Junge wie Timo Lindner normalerweise nicht von alleine verschwand. "Seit wann liest du eigentlich die Kölner Kriminalstatistiken? 92 Prozent, stimmt das wirklich'", grinste Zeynel. "Manchmal muss man auch improvisieren können." "Wir haben nichts, oder? Hast du irgendeinen Anhaltspunkt gesehen? Entführung? Sexualdelikt? Zufälliger Täter? Jemand aus der Nachbarschaft von Timo entführt ihn, aus sexuellem Motiv." Zbigniew schüttelte den Kopf. Derlei Spekulationen brachten nichts ein, ohne irgendwelche Indizien oder Beweise. Zeynel grinste plötzlich, als habe er eine großartige Idee. "Vielleicht steht dieser Polizeikommissar, der da um die Ecke wohnt, ja auf Kinder." Zbigniew hatte gerade seinen Löffel aus der Suppe hochgeführt und beließ ihn nun auf halber Höhe zu seinem Mund. Er blickte Zeynel verärgert an. Einen Moment lang analysierte er sich selbst. Er spielte keine Verärgerung, sondern er war verärgert. Und das hatte nichts mit Lena zu tun. Überhaupt nichts. "Oder unser Wirtschaftsminister", beschwichtigte Zeynel. "Sonst noch konstruktive Ideen'", fragte Zbigniew etwas aufgebracht. "Hatte Timo eigentlich Geld dabei, als er verschwand'" Zbigniew biss sich auf die Unterlippe. Warum wussten sie es nicht? Ermittlungsfehler, sie hätten sofort die Eltern fragen müssen, ob Timo Geld bei sich führte. Unter Jugendlichen in Finkenberg, einem der sozialen Brennpunkte in Köln, war bereits ein Paar mittelmäßiger Turnschuhe oder ein Zwanzig-Euro-Schein Anlass, einen Mitschüler zu erstechen. Zeynel schien seine Gedanken zu lesen. "Dann hätten wir Timo aber bereits gefunden. Bei einem Raubdelikt gibt sich niemand große Mühe." Zbigniew nickte. Dennoch würden sie Tonia Lindner fragen. Als er schon zum Telefon griff, fiel ihm etwas ein. "Sag mal, wie kann die Mutter eigentlich nach Mailand mitfliegen, jetzt, wo ihr Sohn vermisst wird? Ist das nicht eigentlich eine Ungeheuerlichkeit'" Zeynel nickte. "Jetzt, wo du's sagst." Auf einmal fing sein Kollege an zu grinsen. "Was ist'" "Nichts", grinste Zeynel weiter. Zbigniew löffelte die Suppe aus. "Dann los." Zbigniew ging allein zum Haus Lübecker Straße 6. Zehn Minuten später stand er vor der Tür, klingelte mehrmals, doch niemand öffnete. Wenn Tonia Lindner um 12.41 Uhr in Köln gelandet war, musste sie inzwischen wieder zu Hause sein. Es sei denn, sie war gar nicht nach Hause gegangen. Ins Büro? Das Büro der Lindners befand sich in der Wohnung, soweit Zbigniew wusste. Wenn Tonia Lindner nicht zu Hause war, war alles andere Rätselraten. Auf einmal schallte es quer über den Platz vor der Eigelsteintorburg. "Herr Kommissar!" Zbigniew drehte sich um. Gegenüber, im Szene-Café Scharf direkt an der Eigelsteintorburg, saß Tonia Lindner und winkte ihm ein wenig hysterisch zu. Natürlich hatten inzwischen fast alle der Gäste zu Zbigniew herübergeschaut. Am liebsten hätte Zbigniew nicht reagiert, weil er befürchtete, dass nun alle im Viertel ihn als Herrn Kommissar kennen würden. Alle, inklusive der stolzen Kellner im Scharf. Das Ende eines Lebens in geruhsamer Anonymität. Zbigniew begab sich zum Café; die Gäste wandten ihre prominenten Köpfe langsam wieder ihren Tischnachbarn zu. Inzwischen aber war Tonia Lindner bereits von ihrem Tisch aufgestanden. Hoffentlich ruft sie nicht noch einmal, dachte Zbigniew, sah dann aber, dass sie mit einer kaum wahrnehmbaren Kopfbewegung dem Kellner einen Abschiedsgruß zunickte. Der Kellner lächelte gnädig zurück, ein Lächeln, das Zbigniew als Gast hier noch nie zuteil geworden war. Zbigniew vermutete, dass Tonia Stammgast war und ihre Zeche nicht direkt bezahlen musste. "Lassen Sie uns hochgehen", murmelte sie, als sie auf ihn zukam, "ich musste etwas Essbares zu mir nehmen." Zbigniew spürte in ihrem Ton Unsicherheit und Verzweiflung, was dem Verhalten gegenüber dem Kellner entgegengesetzt war. "Ja", murmelte Zbigniew zurück. Er fand es immer wieder faszinierend, wenn Menschen von einer Sekunde auf die andere in ihrer Außenwirkung völlig umschwenken konnten. Zbigniew selbst konnte dies nicht. Wenn er schlecht drauf war, war er schlecht drauf; wenn er dagegen gut drauf war, konnte ihn nichts aus der Ruhe bringen. Tonia hatte gegenüber dem Kellner selbstsicher, routiniert und abgeklärt gewirkt, gegenüber Zbigniew verstärkte sie nun den Eindruck der verzweifelten Mutter. Als Zbigniew hinter Tonia Lindner die Treppe hochstapfte, versuchte er zu ergründen, welches Verhalten gespielt war. Oder ob die Wahrheit irgendwo in der Mitte lag. Tonia Lindner schloss die Wohnungstür auf. Zbigniew fiel zum ersten Mal das Türschloss auf, ein besonderes Sicherheitsschloss. Zbigniew wollte in Timos Zimmer. Und zwar so schnell wie möglich.Er ging den langen Flur entlang, bis er im Türrahmen zu TimosZimmer stand. Es war unübersehbar, und trotzdem bemerkte man es nicht. Zbigniew fröstelte. War das möglich? Oder hatte er nur einen Mechanismus übersehen? Zbigniew untersuchte den Türrahmen. Er erinnerte sich an den ausgeklügelten Türschließmechanismus mit dem Chromhebel im Bad. Hier gab es keinen derartigen Mechanismus. Nichts zum Abschließen.Denn es war da nichts zum Abschließen. Der Türrahmen hatte keine Tür. Zbigniew stand vor dem Zimmer eines fünfzehnjährigen Jungen, das keine Tür hatte.