Leseprobe zu "Hurra, wir kapitulieren!, 3 Audio-CDs"
Alle gaga, oder was?
Mitte Juni 2010 verlieh die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften die neu geschaffene Kant-Medaille an Seine Königliche Hoheit Prinz Salman Bin Abdulaziz Al-Saud aus Saudi-Arabien. Der Königsberger Philosoph war einst außerordentliches Mitglied der Akademie, der erste Empfänger der Auszeichnung amtiert als Gouverneur von Riad, der Hauptstadt des Königreiches. In seiner Laudatio pries Akademie-Präsident Günter Stock den Preisträger als "einen Förderer von Bildung und Wissenschaften auf der Arabischen Halbinsel und darüber hinaus", der "die Wissenschaft zu einer zentralen Triebfeder für die Zukunft der Region Riad gemacht" hat.
Unter den Gästen der Feier war auch der Berliner Politiker Klaus Uwe Benneter, Jurist, ehemaliger Generalsekretär der SPD und eine Legislaturperiode lang Justitiar der SPD-Bundestagsfraktion. Er war von der Begegnung mit dem Prinzen dermaßen angetan, dass er ins Schwärmen geriet. "Selten habe ich in meinem Leben einen so kulturell und wissenschaftlich interessierten Menschen erlebt wie bei seiner Königlichen Hoheit. Es ist eine wahre Freude, mit ihm zusammen sein zu dürfen."
Kaum anzunehmen, dass der Rechtsanwalt Benneter nicht wusste, mit wem er es zu tun hatte: Dem Repräsentanten eines Regimes, das von einem Rechtsstaat so weit entfernt ist wie die SPD vom Erfurter Programm aus dem Jahre 1891, eines Regimes, das köpfen, steinigen, und auspeitschen lässt, dessen Beitrag zur Bildung und Wissenschaft primär darin besteht, dass Dieben die Hände nicht mehr abgehackt sondern unter örtlicher Betäubung wegamputiert werden. Andererseits - auch in Saudi-Arabien geht es mit den Menschenrechten voran, wenn auch wesentlich langsamer als mit der SPD bergab.
Ende Mai dieses Jahr wies das Erziehungsministerium in Riad alle Schulleiter im Lande an, im Notfall die Retter nicht zu behindern - egal ob Jungen oder Mädchen geholfen werden müsste. Der Erlass war eine späte Reaktion auf ein schweres Unglück im März 2002. Damals waren 15 Schülerinnen verbrannt, nachdem in ihrer Schule ein Feuer ausgebrochen war und die Tugendwächter der Religionspolizei, die noch vor der Feuerwehr vor Ort waren, die Türen von außen versperrt und einige Mädchen, die sich dennoch ins Freie retten konnten, in das brennende Gebäude zurückgeprügelt hatten.
Die Auszeichnung des Gouverneurs von Riad mit der Kant-Medaille und der tiefe Kotau, zu dem sich ein Sozialdemokrat aus diesem Anlass verpflichtet fühlte, passten gut in eine Landschaft, in der die reine Toleranz gegenüber jeder Zumutung sich fest etabliert hatte.
Wenn man bedenkt, dass die Anschläge vom 11. September 2001 gerade erst neun Jahre zurück liegen und dass alle spektakulären Terroraktionen danach (London, Madrid, Djerba, Bali, Casablanca, Istanbul, Taba, Scharm el Scheich, Amman, Mumbai, Mombasa) von Moslems beziehungsweise "Islamisten" begangen wurden, die allesamt mit dem Anspruch auftraten, den Willen Allahs zu vollstrecken, dann kommen einem die Reaktionen der aufgeklärten Öffentlichkeit umso seltsamer vor. Zum einen wird immer wieder nachgerechnet, dass 99,9 Prozent aller Muslime friedliche Menschen und nur ganz wenige gewaltbereite Extremisten seien, dass der Islam, "die Religion des Friedens", von einer kleinen radikalen Minderheit missbraucht und als Geisel genommen werde. Statt aber die logische Anschlussfrage zu stellen, warum sich 99,9 Prozent von 0,1 Prozent missbrauchen und als Geiseln nehmen lassen, ohne die kleine radikale Minderheit in die Schranken zu weisen, zieht es die aufgeklärte Öffentlichkeit vor, den radikalen Elementen entgegenzukommen, sich mit ihnen präventiv zu arrangieren. "If you can't beat them - hug them!"
Der Bischof von Breda, Tiny Muskens, ein liberaler Katholik, hat im August 2oo7 vorgeschlagen, in der katholischen Liturgie den Begriff "Gott" durch "Allah" zu ersetzen. Der sozialdemokratische Bürgermeister von Brüssel, Freddy Thielemans, hat eine Kundgebung gegen die schleichende Islamisierung Europas, die am 6. Jahrestag von 9/11 in Brüssel stattfinden sollte, verboten, zugleich hat seine Verwaltung die Polizisten in der Hauptstadt Europas angewiesen, während des Fastenmonats Ramadan nicht in der Öffentlichkeit zu rauchen oder zu essen, um die religiösen Gefühle der Moslems nicht zu verletzen. Vermutlich ist der Brüsseler Bürgermeister der Ansicht, so lange gegen eine Islamisierung nicht demonstriert werden darf, findet sie nicht wirklich statt. Auch die Polizisten der Stadt Zürich sind aufgefordert worden, sich mit der islamischen Kultur vertraut zu machen, indem sie im Monat Ramadan freiwillig einen Tag lang fasten. Das Interesse an diesem Vorschlag soll aber angesichts des kulinarischen Angebots in Zürich gering gewesen sein.
In Glasgow und einigen anderen Städten des Vereinigten Königreichs sollten Ärzte und Krankenpfleger nur darauf verzichten, ihre Pausen-Snacks am Arbeitsplatz zu konsumieren, aus Rücksicht auf ihre fastenden Kollegen. Aus dem gleichen Grund kündigten die britischen Konservativen an, dass sie auf ihrem diesjährigen Parteitag in Blackpool zum ersten Mal einen Gebetsraum einrichten würden, um Moslems sowohl die Teilnahme an der Konferenz wie die Erfüllung ihrer religiösen Pflichten während des Ramadan zu ermöglichen. Wesentlich weiter geht die BBC in ihrer Internet-"Section on Islam". Wird der Name des Propheten erwähnt, folgt sofort der Zusatz: "Peace be upon him", der Friede sei mit ihm. Das sei man einer fairen und ausgewogenen Darstellung des Islam schuldig.
Einen aufregenden Praxistest dürfte die Sprachregelung bestehen, wenn die BBC über einen Selbstmordanschlag gläubiger Muslime berichtet, deren letzte Worte ihrem barmherzigen Gott Allah und seinem Propheten, Peace be upon him, gelten.
Wem solche Exerzitien in Anpassung noch nicht radikal genug sind, der kann sich mit einem Beispiel aus Kanada behelfen. Im Widerspruch zum Wahlgesetz, das eindeutig statuiert, dass alle Wähler "zweifelsfrei visuell identifiziert werden können", hat die Wahlkommission entschieden, dass auch völlig verschleierte Frauen ihre Stimmen abgeben dürfen, ohne ihr Gesicht zeigen zu müssen, vorausgesetzt, sie bringen zwei Ausweise und einen Zeugen mit, der ihre Identität bestätigt. Und wenn es demnächst in kanadischen Wahllokalen wie auf Halloween-Parties zugeht, wird das nicht unbedingt der Demokratie, in jedem Fall aber der Produktion und dem Absatz von Burkas zugute kommen.
Alle gaga, oder was? Oder ist ein System umso anfälliger für totalitäre Versuchungen, je liberaler es ist und je weniger Erfahrung es mit politischen Ideen gemacht hat, die sich demokratischer Mittel bedienen, um die Demokratie auszuhebeln? Das würde erklären, warum Briten und Kanadier so unendlich tolerant sind und nicht einmal dann zusammenzucken, wenn sie Demonstranten begegnen, die keine Zeit haben, einer geregelten Arbeit nachzugehen, weil sie die Einführung der Todesstrafe gegen Karikaturisten und andere Gotteslästerer fordern müssen.
Sitemap: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20