 | Besprechung von 04.04.2012 |
Comeback fürs Nirgendwo
Rolf Lappert spürt dem Rhythmus des „Pampa Blues“ nach in seinem
wunderschönen ersten Jugendroman
Erst kamen die Ufos. Dann kam Lena. In einem Peugeot 404, Baujahr
schätzungsweise zwischen 1970 und 1975. Lackierung hellblau, kaum
noch zu erkennen unter aufgemalten Blumen, Schmetterlingen,
Smileys, Greenpeace- und anderen Aufklebern.
So viel Turbulenz wie diesen Sommer hat es lange nicht mehr gegeben
in Wingroden, einer Ansiedlung irgendwo in der deutschen Ost-Pampa,
am äußersten Rand der Zivilisation. Ein paar Häuser, ein Wohnwagen,
eine Gärtnerei, eine Tankstelle, eine Autoreparaturwerkstatt, ein
Lebensmittelladen, in dem, auf Anfrage, man die Haar geschnitten
bekommt. Und, im Zentrum – der Aktivitäten –, der
Schimmel
, das Gasthaus, wo man sich Abend für Abend trifft, wo jeder sein
Bier kriegt, inklusive Rühmann der Hund. Nicht mehr viel los in
Wingroden, seit die Glasfabrik geschlossen wurde und das Kieswerk.
Wingroden, das steht für Nirgendwo. „Es passiert sowieso immer das
gleiche. Wir in Wingroden müssen nicht auf dem Laufenden sein, die
Welt dreht sich auch ohne uns weiter.“ Konstatiert Ben, der …
 | Besprechung von 24.11.2012 |
Kinder kriegen sie in Wingroden nicht mehrAls Mangas noch "Lucky Luke" hießen: Rolf Lapperts Jugendbuch-Debüt "Pampa Blues" erzählt vom Leben in der sterbenden Provinz, die nur noch ein Ufo retten könnte. Oder wenigstens ein Mädchen im hellblauen Peugeot.
Gerade eben hat Rolf Lappert den Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg gewonnen. Er wird an Debütanten vergeben, und Lappert hat ihn für "Pampa Blues" bekommen. Das ist zwar nicht sein erster Roman, sondern sein dritter, Lappert ist schließlich schon dreiundfünfzig Jahre alt, aber der erste, der sich an ein jüngeres Publikum richtet.
So, wie sich "Pampa Blues" liest, wird er auch älteren Lesern gefallen. Das liegt am Mobiliar des Romans. Er spielt in der norddeutschen Provinz, im erfundenen Wingroden, das ein Anagramm sein könnte für "Nirgendwo", wie Ben einmal sagt (und nicht etwa andersherum). In der Welt, in der Lappert die Geschichte des sechzehnjährigen Ben ansiedelt und die seines dementen Großvaters Karl und ihrer leicht versoffenen und von der Gegenwart abgehängten Freunde, sind nämlich die Uhren stehengeblieben.
Eine Tankstelle, ein Laden, der Post und …
"Stadlober liest mit einer wohldosierten Prise Wehmut, gleitet nie ins Pathetische oder allzu Melancholische. Wohltuend!", Westfälische Nachrichten, 04.09.2012
Dieses Buch ist ein ganz großes kleines literarisches Kunstwerk. Das heißt aber nicht, dass hier nur Leser angesprochen werden sollen, die anspruchsvolle Texte suchen. Ganz im Gegenteil, es wäre wunderbar, wenn sich viele junge Leser in Ben, dessen Geschichte hier erzählt wird, mit ihren geheimsten Sehnsüchten wiederfinden könnten. Ben lebt in der Provinz, und das meint in einem total verschlafenen Nest am Ende der Welt. Dieses Schicksal wünscht man jungen Leuten nicht unbedingt, und zu allem Überfluss lebt er dort mit seinem schwer dementen Großvater zusammen, der versorgt und umsorgt werden muss. Aber Ben ist ein junger Mann zum Verlieben - junge Mädchen sollten ihn als Vorbild für die zukünftigen Väter ihrer Kinder wählen -, denn er meistert seine Aufgabe mit liebender Großmut, und wer von den Jungs, die man so kennt, hat schon diese Qualität zu bieten? Vielleicht mehr, als man denkt, man muss dies nur an ihnen entdecken können, und genau das gelingt dem Autor dieses einzigartig menschlich erwärmenden Buches. Man darf sich nicht täuschen lassen, wenn im Klappentext von Ufos die Rede ist, und schon gar nicht davon, dass es um die Monotonie des Alltags in einem Dorf geht, das alles ist lediglich Kulisse. In Wahrheit geht es um nicht mehr und nicht weniger als um die Wahrheit des Lebens, und das in einer Sprache, dass man jeden Satz gerne mehrmals lesen möchte und dass man Ben und seine Freunde sehr gerne persönlich kennen lernen würde, um mit ihnen zusammen Ufos zu bauen und zu beobachten und sich dabei köstlich zu amüsieren über die Gutgläubigkeit anderer, die man glücklich machen kann, und ein wenig daran verdienen kann - zum Leben braucht man schließlich auch Geld. Leben ist eben niemals trostlos, wenn man es in seine Hände nimmt und es selbst im Nirgendwo so gestaltet, dass es zum großen Glück werden kann. Gabriele Hoffmann (Leanders Leseladen, Heidelberg)
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Nach der Lektüre von "Pampa Blues" stellt Rezensent Tobias Rüther fest, dass Rolf Lappert auch als Jugendbuchautor reüssiert. Allerdings ist sich der Kritiker gar nicht so sicher, dass dieses Buch ausschließlich an Jugendliche gerichtet ist, denn die Geschichte um den sechzehnjährigen Ben, der ganz auf sich allein gestellt in der norddeutschen Provinz seinen Großvater pflegt und schließlich versucht, mit der älteren Lena der Ödnis zu entfliehen, erscheint Rüther zunächst als kluge Geschichte über Demenz. Darüber hinaus liest der Rezensent hier eine etwas zu detailreich und nostalgisch ausgeführte, aber dennoch eindringliche Schilderung über das Leben in einem sterbenden Dorf.
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Lappert ist mit Pampa Blues tatsächlich eine neue Tonlage in der Jugendliteratur gelungen. Vor allem die unglaublich präzise gestalteten, schrägen und vielschichtigen Figuren bringen den Pampa Blues in einer ganz neuen und preiswürdigen Weise zum Klingen. Mareile Oetken anlässlich des Kinder- und Jugendbuchpreises der Stadt Oldenburg, 12.11.12 "Die Coming-of-Age-Story eines Halbwaisen, der sich aus der Einöde in ein abenteuerliches Leben sehnt. ... Die anfängliche Trübsinnigkeit wird niemals vollständig überwunden, sie lässt jedoch Raum für Hoffnungen und Neuanfänge - so wie ein guter Blues sein sollte." Simon Broll, Spiegel online, 13.02.12 "Lapperts Ben erzählt mit einer pointensicheren Lakonie und großer Zärtlichkeit. Ein mitreissender Roman mit Unterströmungen, einem reichen Geflecht an Motiven, die dem Text trotz wundersamem Happy End Abgründigkeit und Offenheit lassen." Christine Lötscher, Tages-Anzeiger, 13.02.12 "Rolf Lappert gehört zu den Grossen der Schweizer Literatur. Pampa Blues ist ein exzellent geschriebenes Buch, das auch für Erwachsene interessant ist. Beeindruckend." Arno Renggli, Neue Luzerner Zeitung, 02.02.12 "Ein wunderbares Buch - nicht nur für Jugendliche. Pampa Blues erzählt, teilweise sehr berührend, von einem Jugendlichen, der ohne die Hilfe seiner Eltern seinen Platz in dieser Welt sucht. In diese Suche wird man als Leser schon nach den ersten Seiten hineingesogen - neugierig, manchmal lachend, und vor allem kann man mit dem Lesen bis zur letzten Seite nicht mehr aufhören." NDR Hamburg Journal 90,3, 20.02.12 "Wenn ein Buch im Titel behauptet, es erzähle einen Blues, muss der Sound stimmen. Rolf Lappert gelingt es, den lakonischen Realismus in eine leichte Schräglage zu bringen, nicht nur durch märchenhafte Zufälle, sondern auch durch den anrührenden Grossvater, die kauzigen Dorfbewohner und eine Liebesgeschichte, die Ben aus seiner inneren Lähmung erlöst. Am meisten jedoch durch eine Sprache, in der es Sätze gibt wie diese: Ihre Zunge berührt meine Lippen. Nicht lange. Ein paar Sekunden. Tausend Jahre. Viel zu kurz." Sieglinde Geisel, NZZ, 07.03.12 "Ein wunderschöner Jugendroman. Der Blues, den die Pampa in dem Buch entwickelt, hat seine eigene Resonanz - ja, seinen eigenen Drive. Diese Provinz vibriert." Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung, 04.04.12 "Wiederholt wurden Lapperts Romane mit John Irvings Erzählstil verglichen. Auch hier bietet der Autor eine Fülle skurriler Episoden; ihm gelingt das Porträt eines Heranwachsenden zwischen Laisser-faire und Sehnsucht und eine Liebesgeschichte, die diesen ermutigt, seinen eigenen Weg zu gehen." Hans ten Doornkaat, NZZ am Sonntag, 05.02.12 "Lesenswert." Björn Wirth, Frankfurter Rundschau, 13.03.12 "Eine umwerfende Mischung aus verrückten Figuren, einer irren Handlung und zugleich der feinen Beschreibung jugendlicher Gefühlswelten. ... Spannend, lustig, skurril und überzeugend." faz.net, 24.05.2012 Dem Autor gelingt es, die Geschichte immer
Rolf Lappert, geb. 1958 in Zürich, absolvierte eine Ausbildung zum Grafiker, bevor er sich entschloss, Schriftsteller zu werden. In den Achtzigerjahren unterbrach er für längere Zeit das Schreiben, gründete mit Freunden einen Jazzklub und reiste kreuz und quer durch Amerika. Zwischen 1996 und 2004 arbeitete er als Drehbuchautor, u.a. für eine Serie im Schweizer Fernsehen. Rolf Lappert lebt als Autor in Listowel, County Kerry, Irland.