 | Besprechung von 03.06.2011 |
Tanzen mit den Hühnern
Die tragikomische Geschichte eines Jungen aus der Provinz
Kein zweiter Roman weit und breit, der so die Lust auf eine
natürliche, tierfreundliche Hühnerzucht befördert wie
Chicken
Dance, der Debütroman des Amerikaners Jacques Couvillon, der
seltsamerweise in Cow Island, Louisiana, aufwuchs.
Sein elfjähriger Romanheld Don Schmidt lebt Anfang der 1970er Jahre
in Horse Island – einer Insel höchstenfalls im metaphorischen Sinn.
Das Provinznest ist ein Paradies für Hühner jeglicher Herkunft, und
auch ein streunendes Schwein und ein streunender Hund scheinen sich
bei ihren werktäglichen Streifzügen über den Schulhof von Horse
Island sehr behaglich zu fühlen. Und die Menschen? Nun ja, die
finden ihr Vergnügen eher beim Hühnerbingo im Horse Island
Einkaufs- und Einrichtungsmarkt und beim abendlichen Verspeisen
köstlicher Fast Food bei gleichzeitigem Gucken von TV-Seifenopern.
Kultureller Höhepunkt des Jahres ist das örtliche Milch- und
Eierfestival mit dem legendären Hühner-Wissenswettbewerb, dessen
Altersbeschränkung für Teilnehmer just auf elf Jahre herabgesetzt
wurde.
Das ist das Milieu, in dem eine der …
 | Besprechung von 25.06.2011 |
Wenigstens auf das Federvieh ist VerlassTolle, lege: Jacques Couvillons Debüt ist ein so trauriger wie witziger Pubertätsroman. Und nebenbei ein vergnügliches Kompendium für alle Fragen der Hühnerzucht.
Don Schmidt heißt eigentlich Stanley und lebt in Louisiana bei seinen Eltern Janice und Dick, die gar nicht seine richtigen Eltern sind, weil seine Mutter Dawn, die er lange für seine Schwester hielt, gekidnappt worden sei. All das muss einen Zwölfjährigen überfordern, doch Don gibt sich Mühe, seine, um 1980 spielende Geschichte so zu erzählen, dass die eigentümlichen Gepflogenheiten auf der Geflügelfarm der Schmidts auch Lesern einleuchten, die aus geordneten Familienverhältnissen stammen.
Als Don von jenen Turbulenzen berichtet, die aus ihm nicht nur einen gefragten Fachmann für White Leghorns und Rhode Island Reds, sondern auch einen gestählten, durch keine Verwicklungen aus der Ruhe zu bringenden Heranwachsenden machten, liegt ein bewegtes Jahr hinter ihm. Zuvor gilt er als Sonderling, um dessen Geburtstag sich keiner schert und dessen Speiseplan aus Fertiggerichten besteht. Und während seine in Erinnerungen an eine imaginäre …
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Dies ist ein ganz außergewöhnliches Buch, meint Rainer Moritz, denn wie der Rezensent feststellen muss, ist Jacques Couvillons Debütroman "Chicken Dance" nicht nur ein unterhaltsamer und feinfühliger Pubertätsroman, sondern zugleich ein witziges Kompendium für Fragen der Hühnerzucht. Die Geschichte handelt von Don, der im Louisiana der achtziger Jahre bei seinen wenig liebevollen Adoptiveltern aufwachsen muss. Erst als sich der auch ansonsten eher unbeliebte Zwölfjährige der von der Mutter nur auf Grund ihres "pittoresken Ambientes" gehaltenen Hühnerzucht annimmt, gewinnt er nicht nur den örtlichen Hühner-Wissens-Wettbewerb, sondern vor allem auch das eher zweifelhafte Ansehen seiner Eltern. Dank solch überraschender Einfälle und viel Situationskomik verliert sich die traurige Geschichte eines ungeliebten Heranwachsenden nie in Sentimentalitäten, lobt der Kritiker.
© Perlentaucher Medien GmbH
Tanzen mit den Hühner
Die tragikomische Geschichte eines Jungen aus der Provinz
Kein zweiter Roman weit und breit, der so die Lust auf eine natürliche, tierfreundliche Hühnerzucht befördert wie Chicken Dance, der Debütroman des Amerikaners Jacques Couvillon, der seltsamerweise in Cow Island, Louisiana, aufwuchs.
Sein elfjähriger Romanheld Don Schmidt lebt Anfang der 1970er Jahre in Horse Island – einer Insel höchstenfalls im metaphorischen Sinn. Das Provinznest ist ein Paradies für Hühner jeglicher Herkunft, und auch ein streunendes Schwein und ein streunender Hund scheinen sich bei ihren werktäglichen Streifzügen über den Schulhof von Horse Island sehr behaglich zu fühlen. Und die Menschen? Nun ja, die finden ihr Vergnügen eher beim Hühnerbingo im Horse Island Einkaufs- und Einrichtungsmarkt und beim abendlichen Verspeisen köstlicher Fast Food bei gleichzeitigem Gucken von TV-Seifenopern. Kultureller Höhepunkt des Jahres ist das örtliche Milch- und Eierfestival mit dem legendären Hühner-Wissenswettbewerb, dessen Altersbeschränkung für Teilnehmer just auf elf Jahre herabgesetzt wurde.
Das ist das Milieu, in dem eine der schrägsten Geschichten der amerikanischen Kinderliteratur der vergangenen Jahre siedelt, und die vom Helden selbst erzählt wird, glänzend übersetzt von André Mumot. Von außen betrachtet könnte man Dons Leben als ununterbrochene Abfolge von größeren und kleineren Tragödien bezeichnen. Seine Mutter ist eine aufgetakelte Madame, der jegliches Feingefühl für ihre Umwelt, geschweige denn für ihren Sohn fehlt. Der Vater scheint in Sachen Familie ein schlaffer, interessenloser Ja-Sager und Versager. Zärtlichkeit, Zuneigung, Verständnis – das sind bei den Schmidts Fremdworte. Außerdem führt die Mutter Don stets vor Augen, wie unbedeutend sein bisschen Leben ist, im Vergleich zu dem seiner mit 15 Jahren verstorbenen Schwester, einer begnadeten Tänzerin. Ihre Siegerpokale zieren – neben einer Spieluhr mit tanzender Ballerina – das Regal überm Fernseher im Wohn-, Entschuldigung: im Gesellschaftszimmer. Das Leben des Jungen wäre eine einzige Katastrophe und er wahrscheinlich ein Fall für den Kinderpsychiater, wäre da nicht die kleine Hühnerfarm, die seine Eltern dank einer Erbregelung höchst widerwillig betreiben. Die Hühner sind Dons Ein und Alles. Er hegt und pflegt sie, spricht mit ihnen, singt mit ihnen, tanzt mit ihnen und mausert sich binnen kurzem zum besten jugendlichen Hühnerexperten, den Horse Island jemals gesehen hat. Plötzlich wird er von seinen Altersgenossen und von der Provinzsociety geachtet. Doch das ist nur ein Teil der irrwitzigen Geschichte, die nie Gefahr läuft, zynisch zu werden, obwohl es genügend Gründe gäbe, die Ereignisse aus einem bitterbösen Blickwinkel zu betrachten.
Trotz der haarsträubenden Familienverhältnisse, trotz des eigentlich depressionsfördernden Milieus strahlt Jacques Couvillons Roman einen widerspenstigen, widerstandsfähigen und wahrhaftigen Optimismus aus. Zudem spürt man, wie der Autor seine Figuren liebt. Und dann gibt es da noch diese wunderschönen metaphorischen Bilder: Die Ballerina auf der Spieluhr, zum Beispiel. Seit Don sie wahrnimmt, glaubt er, das tanzende Geschöpf flöge wie die Fee Tinkerbell davon, wenn er die Uhr nur bis zum Anschlag aufziehen würde. Er hat sich das nie getraut. Jetzt tut er es. Wer dieses winzige Bild mit der Geschichte des Romans in Beziehung setzt, kann nur noch staunen über die Phantasie, die aus den unmöglichsten Nährböden sprießt, selbst aus einem Hühnerhof hinter Maschendraht, aus der Tristesse eines Einkaufs- und Einrichtungsmarktes. Oder eben aus dem Plastikfigürchen auf einer verstaubten Spieluhr. Alles fliegt. Wenn wir es uns nur kräftig genug einbilden. (ab 12 Jahre)
SIGGI SEUSS
JACQUES COUVILLON: Chicken Dance. Aus dem Amerikanischen von André Mumot. Bloomsbury 2011. 336 Seiten, 16,90 Euro.
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Jacques Couvillon wuchs als jüngstes von acht Geschwistern in Cow Island, Louisiana, auf. In der Highschool war er Mitglied der Future Farmers of America, wo er und seine Freunde Pflanzen-, Hühner- und andere Wettbewerbe veranstalteten. Jacques Couvillon hat in New York gelebt, in der Schweiz und in Louisiana. Chicken Dance ist sein erster Roman.