Leseprobe zu "Felidae" von Akif Pirincci
Erstes Kapitel
Wenn Sie meine Geschichte tatsächlich hören wollen - und ich empfehle Ihnen eindringlich, sie zu hören so müssen Sie sich zunächst mit dem Gedanken vertraut machen, daß Sie keine angenehme Geschichte hören werden. Im Gegenteil, die mysteriösen Geschehnisse, durch die ich mich im vorigen Herbst und Winter hindurchquälen mußte, ließen mir endgültig bewußt werden, daß Harmonie und ein geruhsames Leben selbst für meinesgleichen eine Angelegenheit von kurzer Dauer sind. Heute weiß ich, daß vor dem allgegenwärtigen Horror niemand verschont bleibt und daß das Chaos jeden Augenbhck über uns alle hereinbrechen kann. Doch bevor ich Gefahr laufe, einen langweiligen Vortrag über die finsteren Abgründe unseres Daseins zu halten, erzähle ich sie besser, die Geschichte - eine traurige und eine böse Geschichte.
Alles begann mit dem Einzug in dieses verdammte Haus!
Das, was ich im Leben am meisten hasse, und, da ich der Rein- karnationstheorie in meinen philosophischen Stunden zu glauben geneigt bin, auch in meinen früheren Leben gehaßt haben muß, sind Umzüge und alles, was damit zusammenhängt. Schon die geringste Unregelmäßigkeit in meinem Alltag läßt mich in einen tiefen Brunnen voller Depressionen stürzen, aus dem ich nur mit viel Selbstüberwindung herauszuklettern vermag. Aber mein einfaltiger Lebensgefährte Gustav und seinesgleichen würden am liebsten jede Woche das traute Heim wechsein. Sie machen einen verrückten Kult um das Wohnen, ziehen sogar Fachzeitschriften zu Rate (die sie zu weiteren Umzügen re- gehrecht anstacheln), veranstalten bis in die tiefe Nacht hinein hitzige Debatten über Inneneinrichtungen, geraten sich wegen der gesundheitsverträglichen Form einer Klobrille in die Haare und halten stets Ausschau nach neuen Domizilen. In den Vereinigten Staaten soll ein Mensch im Laufe seines Lebens bis zu dreißigmal den Wohnort wechseln. Daß er dabei irreparablen Schaden an seinem Verstand nimmt, steht für mich außer Zweifel. Ich erkläre mir diese schlechte Angewohnheit so, daß diesen bemitleidenswerten Trotteln die innere Ruhe fehlt und sie diesen Mangel durch unentwegten Behausungswechsel wettzumachen versuchen. Also nichts anderes als eine ausgereifte Zwangsneurose. Denn der Schöpfer aller Dinge hat den Menschen nicht deshalb Hände und Füße gegeben, damit sie ständig Möbel und Geschirr von einer Bleibe in die nächste transportieren.
Ich muß allerdings gestehen, daß die alte Wohnung in der Tat ihre Macken hatte. Da waren zunächst einmal diese Milliarden Stufen, die man tagaus, tagein hinauf- und hinunterrennen mußte, wollte man drinnen nicht zu einer Art Robinson Crusoe der Großstadt verkommen. Obwohl das Gebäude jüngeren Datums war, hatte der Erbauer die Erfindung des Aufzugs offensichtlich für ein wahres Teufelswerk gehalten und den Bewohnern seines Turms zu Babel die konservative Weise der innerhäuslichen Fortbewegung zugemutet.
Und dann war die Wohnung auch zu klein. Sicher, für Gustav und mich war sie eigentlich groß genug, aber machen wir uns nichts vor, im Lauf der Zeit wird man doch anspruchsvoller. Geräumig will man's dann haben und gemütlich und teuer und stilvoll, na, man kennt das ja. Als junger Rebell hat man ja noch seine goldenen Ideale, wenn man schon keine Superwohnung besitzt. Doch wenn man später immer noch keine Superwohnung besitzt und feststellen muß, daß man inzwischen auch nicht gerade ein Superrebell geworden ist, was bleibt einem dann noch? Das Jahresabonnement für Schöner Wohnen!
Wir zogen also in dieses verfluchte Haus um!
Als ich es aus dem hinteren Seitenfenster des Citroen CX-2000 zum ersten Mal sah, dachte ich zunächst, Gustav hätte sich einen faulen Witz mit mir erlaubt, was mich in Anbetracht seines mehr als unterentwickelten Humors kaum überrascht hätte. Zwar hatte ich ihn bereits Monate vorher etwas von "Altbau", "Renovierung" und "Zeit hineinstecken" reden hören, aber da Gustav von der Renovierung eines Hauses etwa so viel versteht wie eine Giraffe von Börsenspekulation, meinte ich, es ginge lediglich darum, das Namensschildchen an die Tür zu nageln. Nun aber wurde mir zu meinem Entsetzen bewußt, was er mit "Altbau" tatsächlich gemeint hatte.
Gewiß, das Wohnviertel war sehr vornehm, und romantisch war's auch. Ein Zahnarzt hätte seinen Opfern eine ansehnliche Menge Füllungen andrehen müssen, um hier einziehen zu dürfen. Doch ausgerechnet das traurige Gebilde, in dem wir künftig hausen sollten, ragte unter all diesen Jahrhundertwende-Puppenhäusern wie ein fauler Zahn hervor. Eingebettet in eine baumgesäumte Ansichtskarten-Straßenzeile, in welcher der Renovierungswahn von Abschreibungszauberern besonders schlimm gewütet hatte, machte dieses majestätische Wrack den Eindruck, als sei es geradezu durch die Imaginationskraft eines Horrordrehbuchautors materialisiert worden. Es war das einzige Gebäude in der Straße, das nicht instand gesetzt war, und ich versuchte krampfhaft, mir besser nicht vorzustellen, warum das so war. Wahrscheinlich hatte der Besitzer jahrelang einen Dummen gesucht, der das Wagnis auf sich nehmen wollte, diesen Trümmerhaufen überhaupt zu betreten. Wir würden hineingehen, und das ganze Haus würde dann über unseren Köpfen zusammenbrechen. Gustav hatte nicht das Zeug, bei einem Intelligenztest den Rekord zu brechen, doch das Ausmaß seiner Verblödung wurde mir erst jetzt so richtig bewußt.
Die Fassade des Gebäudes, die mit einer Menge brüchigem Stuckfirlefanz verziert war, sah wie die Fratze eines mumifizierten ägyptischen Königs aus. Grau und verwittert starrte dieses Horrorgesicht einen an, als hätte es eine dämonische Botschaft an die noch Lebenden. Die teilweise zerbrochenen Fensterläden der beiden oberen Stockwerke, die, wie Gustav erwähnt hatte, leer standen, waren verschlossen. Etwas Gespenstisches ging von diesen Stockwerken aus. Man konnte von unten das Dach nicht sehen, aber ich hätte meinen Kopf darauf gewettet, daß es vollkommen verrottet war. Da die Parterrewohnung, in die mein geistig verwirrter Freund und ich einziehen sollten, von der Straße etwa zwei Meter erhöht lag, hatte man durch die schmutzigen Fensterscheiben nur einen notdürftigen Einblick. In der grellen, erbarmungslosen Nachmittagssonne konnte ich die flek- kigen Zimmerdecken und die geschmacklosen Wandtapeten erkennen.
Weil Gustav mit mir nur in einer skurrilen Babysprache redet, was mich kaum stört, da auch ich dieselbe Primitivlinguistik bei ihm anwenden würde, wenn ich mit ihm sprechen wollte, stieß er gutturale Begeisterungslaute aus, als wir endlich vor dem Haus stoppten.
Wenn Sie inzwischen den Eindruck gewonnen haben sollten, daß ich feindselige Gefühle für meinen Lebensgefährten hege, so haben Sie nur teilweise recht, Gustav... tja, wie ist Gustav? Gustav Löbel ist Schriftsteller. Aber einer von der Sorte, deren Verdienste um die Geisteswelt nur in Telefonbüchern Erwähnung und Anerkennung finden. Er verfaßt diese sogenannten "Kurzromane" für diese sogenannten "Frauenzeitschriften", die so raffiniert kurz sind, daß die Handlung sich in einer DIN-A4-Seite erschöpft. Inspiriert zu seinen Geniestreichen wird er in der Regel von der Vision eines Zweihundertfünfzig-Mark-Schecks - mehr zahlen ihm seine "Verleger" nie! Doch wie oft sah ich auch diesen gewissenhaften Autor mit sich selber ringen, auf der Suche nach einer Pointe, einer für sein Genre spektakulären Dramaturgie oder einem bis jetzt nie dagewesenen Aspekt des Ehebruchs. Nur kurzfristig verläßt er regelmäßig das schöpferische Universum der Erbschleicher, vergewaltigten Sekretärinnen und der Ehemänner, die nie merkten, daß ihre Ehefrauen seit dreißig Jahren hinter ihrem Rücken auf den Strich gehen, um das zu schreiben, was er lieber schreiben möchte. Da Gustav studierter Historiker und Archäologe ist, verfaßt er auch, wann immer er Zeit findet, Sachbücher über das Ahertum mit dem Spezialgebiet ägyptisches Götterwesen. Dies tut er jedoch derart umständlich und langatmig, daß sämtliche Werke sich über kurz oder lang als Ladenhüter entpuppen und seine Vorstellung, einmal davon zu leben, für ihn immer unvorstellbarer wird. Obwohl sein Erscheinungsbild dem eines Gorillas nicht unähnlich ist und er das fetteste Lebewesen ist, das ich persönlich kenne (konkret hundertdreißig Kilo), ist er, wie man so schön sagt, ein Kind geblieben, obendrein ein vertrotteltes. Sein Weltbild beruht auf Gemütlichkeit, Ruhe und satter Selbstzufriedenheit. Allem, was dieses geheiligte Dreieck zu sprengen droht, versucht Gustav aus dem Wege zu gehen. Ehrgeiz und Hektik sind für diesen harmlosen Spießer Fremdworte, und Muscheln in Knoblauchsuppe und eine Flasche Chabhs sind ihm mehr wert als eine steile Karriere.
So ist Gustav, und er ist das krasse Gegenteil von mir! Es ist deshalb kein großes Wunder, daß solch unterschiedliche Charaktere wie wir sich hin und wieder in die Wolle kriegen. Doch ich will es nun dabei bewenden lassen. Er sorgt für mich, hält mir die alltäglichen, banalen Qualen vom Leibe, beschützt mich vor Gefahren, und die größte Liebe in seinem beschaulichen Leben, die bin immer noch ich. Ich achte und respektiere ihn, obwohl ich gestehen muß, daß mir sogar dies manchmal schwerfallt.
Nachdem Gustav den Wagen zwischen die Kastanien vor dem Haus bugsiert hatte - die Welt des Autoparkens hat Gustav nie verstanden. Parken ist für ihn die reinste Quantenphysik - stiegen wir beide aus. Während er sich mit seiner gesamten, ehrfurchtgebietenden Masse vor dem Gebäude aufbaute und es mit glänzenden Augen betrachtete, als hätte er es selber errichtet, machte ich sofort einen Geruchscheck.
Der Modergestank des Ungeheuers traf mich wie ein Stanzhammer. Obwohl ein lauer Wind wehte, war der faulige Zerfallsgeruch um dieses Haus derart intensiv, daß er meine Nasenhöhle in einen Schockzustand versetzte. Blitzschnell erfaßte ich, daß dieser unangenehme Geruch nicht vom Fundament des Gebäudes emporstieg, sondern von den oberen Stockwerken nach unten kroch und nun im Begriff war, seine Stinkefmger nach der Wohnung auszustrecken, in der wir künftig, wenn schon nicht mit Würde wohnen, so doch, na ja, existieren sollten. Doch da war auch etwas Fremdes, etwas Seltsames, ja Bedrohliches. Selbst für mich, der ich ohne falsche Bescheidenheit von meinen zweihundert Millionen Riechzellen behaupten kann, daß sie auch unter meinesgleichen ein Unikum an Scharfsinnigkeit darstellen, war es außergewöhnlich mühsam, diese beinahe nicht wahrnehmbaren Gerüche zu analysieren. So sehr ich auch die Nase befeuchtete, ich vermochte diese sonderbaren Moleküle nicht zu identifizieren. Daraufhin zog ich das gute alte J-Organ zu Rate und flehmte so intensiv wie mögliche Dies brachte den gewünschten Erfolg. Jetzt entdeckte ich, daß sich unter dem Fäulnisgeruch unseres neuen Domizils ein weiterer eigentümlicher Geruch verbarg. Dieser hatte jedoch keinen natürlichen Ursprung, und ich brauchte eine Weile, um ihn einzuordnen. Dann fiel endlich der Groschen: Es war ein Geruchspotpourri aus verschiedenen ChemikaUen.
Zwar hatte ich immer noch keinen blassen Schimmer, welchen spezifischen Gestank dieses Spukschlößchen nun konkret ausstieß, doch zumindest war die Verbindung zu synthetischen Substanzen hergestellt. Jeder kennt den Geruch, der in einem Krankenhaus oder in einer Apotheke vorherrscht. Und genau den hatte jetzt mein Superrotzkolben unter dem widerwärtigen Schimmeldunst dieser Hausleiche ausgegraben, als ich, noch nichts von den Schrecken ahnend, die da auf mich zukommen sollten, neben meinem freudestrahlenden Freund auf dem Bürgersteig stand.
Gustav kramte umständlich in seiner Hosentasche, bis er schließlich einen abgewetzten Metallring hervorzauberte, an dem zahlreiche Schlüssel hingen. Er schob den wurstigen Zeigefinger durch den Ring, hob so die kUmpernden Schlüssel etwas in die Höhe und beugte sich zu mir herab. Mit der anderen Hand tät- I Die Ziffern im Text verweisen auf Erläuterungen im Anhang Seite 278 bis 288.
schelte er meinen Kopf und begann, frohlockende Gluckser von sich zu geben. Ich nehme an, er versuchte eine jener vielversprechenden Reden, welche ein Bräutigam seiner Braut zu halten pflegt, bevor er sie über die Türschwelle trägt, wobei er ständig mit den Schlüsseln in seiner Hand klimperte und auf die untere Etage deutete, um mir den Zusammenhang zwischen Schlüssel und Wohnung klarzumachen. Liebenswerter Gustav, er hatte den Charme von Oliver Hardy und das pädagogische Talent eines Hufschnüeds!
Als hätte er meine Gedanken erraten, huschte ein lieblich wissendes Lächeln über das Gesicht meines Freundes. Bevor er sich jedoch entschließen konnte, mich tatsächlich über die Türschwelle zu tragen, schoß ich zwischen seinen Fingern davon zu der niedrigen Haustürtreppe. Während ich die brüchigen, mit vergilbtem Herbstlaub übersäten Stufen hinauftapste, fiel mein Blick auf ein helles Rechteck auf der Backsteinmauer neben dem Türpfosten. An seinen Ecken waren Schrauben in die Mauer hineingetrieben, die längst verrostet waren. Die Köpfe der Schrauben waren abgeschlagen. Es sah aus, als sei hier in Windeseile ein Schild gewaltsam entfernt worden. Ich nahm an, daß sich in dem Haus früher eine Arztpraxis oder ein Labor befunden hatte, was auch die unterschwelligen Chemikaliengerüche erklären würde.
Dann wurde ich in meinem genialen Gedankenfluß jäh unterbrochen. Denn wie ich so vor meiner zukünftigen Haustür da stand, den Blick auf das abwesende Praxisschild von Doktor Frankenstein gerichtet, stieg mir ein anderer, allerdings wohlvertrauter Gestank in die Nase. In Unkenntnis über die Territorialverhältnisse in diesem Distrikt hatte ein Artgenosse ganz frech seine recht aufdringliche Visitenkarte am Türpfosten hinterlassen. Da nun aber mit meinem Einzug die Eigentumsverhältnisse geklärt waren, ließ ich es mir natürlich nicht nehmen, den Türpfosten neu zu signieren. Ich drehte mich um hundertachtzig Grad, konzentrierte mich so intensiv wie möglich und legte los.
Der umweltfreundliche Allzweckstrahl schoß zwischen meinen Hinterbeinen hervor und überflutete den Abschnitt, wo mein Vorgänger sein Memorandum hinterlegt hatte. Jetzt war die Welt wieder in Ordnung - zumindest war die Ordnung geklärt.
Gustav lächelte hinter meinem Rücken dümmlich, so wie ein Vater dümmlich lächelt, wenn sein Baby zum ersten Mal in seinem Leben den Ausspruch "Bu-bu" tut. Ich hatte Verständnis für seine kleinen Freuden, denn Gustav schien mir bisweilen selbst ein niedlicher Bu-bu zu sein. Seine einfältige Lache zu einem Jubelgrunzen kultivierend, watschelte er sodann an mir vorbei und schloß mit einem alten, verrosteten Schlüssel die Tür auf, die sich nach einigem Rütteln öffnen ließ.
Gemeinsam gelangten wir über einen kühlen Flur vor unsere Wohnungstür, die bei mir spontan die Assoziation eines Sargdeckels aufkommen ließ. Von hier aus führte links eine morsche Holztreppe zu den beiden oberen Stockwerken, aus denen der Tod persönlich herabzuwehen schien. Ich nahm mir vor, sie bald zu inspizieren, um herauszufinden, was es mit ihnen nun tatsächlich auf sich hatte. Ich muß jedoch gestehen, daß mir allein der Gedanke an das Herumstreunen in diesen unheimlichen Räumen eine Mordsangst in die Glieder fahren ließ. Gustav hatte uns in eine gottverdammte Gruft geschleppt, und er wußte es nicht einmal!
Dann flog die Tür auf, und wir marschierten im Gleichschritt auf den Kriegsschauplatz.
Es war in der Tat eine beeindruckende Altbauwohnung - die sich allerdings in einer Art kosmischer Auflösung befand. Aber dies war gar nicht das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem war Gustav. Mein geliebter Freund würde weder körperlich noch geistig, geschweige denn handwerklich in der Lage sein, ein solches Wrack auf Vordermann zu bringen. Und wenn er das trotzdem ernsthaft in Erwägung zog, so hatte sein von mir schon seit längerer Zeit vermuteter Hirntumor bedenkliche Ausmaße angenommen.
Langsam und behutsam schlich ich durch die einzelnen Gemächer und nahm jedes Detail in mich auf. Von dem breiten Korridor gingen rechts drei Zimmer ab, die untereinander einen i8 beinharten Wettbewerb um Zerfall und Verkommenheit fochten und Erinnerungen an Das Kabinett des Dr. Caligari weckten. Diese Zimmer waren alle recht groß und gingen nach Süden zur Straße hin, so daß sie voraussichtlich an gutmütigen Frühlingsund Sommertagen von Sonnenschein durchflutet sein würden. Weil die Nachmittagssonne gerade allmählich anfing, sich um die Ecke zu verdrücken, kam diese Wirkung im Augenblick nicht voll zur Geltung. Am Ende des Korridors befand sich ein weiterer Raum, von dem ich annahm, daß es das Schlafzimmer war. Von diesem Zimmer führte eine Tür nach draußen. Links vom Gang lag gleich am Anfang die Küche, durch die man dann zur Toilette und zum Bad gelangte.
Sämtliche Räume schienen nach dem Zweiten Weltkrieg (oder Ersten?) allenfalls von Würmern, Kakerlaken, Silberfischchen, Ratten und von unterschiedlichen Insekten- und Bakterienimperien bezogen worden zu sein; die Vorstellung, daß hier vor kurzem noch Menschen gelebt haben sollten, schien völlig absurd. Sowohl der schimmelige Parkettboden als auch die Decke waren stellenweise eingebrochen. Alles roch nach Moder und Urin irgendwelcher undefinierbarer Lebewesen, die gerade so hochentwickelt waren, daß sie urinieren konnten. Es ist allein meiner überragenden Leidensfähigkeit und meinem einwandfreien Hormonhaushalt zu verdanken, daß ich angesichts dieses Grauens keinen Nervenzusammenbruch erlitt.
Was Gustav anging, so wurde er plötzlich schizophren. Denn als ich von der Besichtigung des letzten Raumes, vermutUch des Schlafzimmers, gramgebeugt in den Flur zurückkehrte, sah ich meinen armen Freund mitten in der Küche stehen und lebhafte Selbstgespräche führen. Zu meinem Entsetzen mußte ich jedoch schon im nächsten Moment konstatieren, daß die enthusiastische Unterhaltung, die er mit den betagten Wänden der Küche führte, sich keinesfalls um den niederschmetternden Zustand dieses Lochs drehte, sondern ganz im Gegenteil seiner freudigen Erregung Ausdruck gab, endlich im gelobten Land angekommen zu sein. Und wie er da stand, immer wieder um die eigene Achse wirbelte, die Arme emporgestreckt wie zu einem Gebet oder einem kultischen Ritual, und vor sich hinplapperte, als hielte er eine Rede an all die Insekten- und Bakterienstaaten, da tat mir dieser Mann irgendwie leid. Mit einem Mal kam er mir vor wie eine dieser schäbigen, alkoholkranken Nebenfiguren aus einem Tennessee-WiUiams-Stück. Gustav war kein tragischer Held, für den sich das Publikum die Augen ausweinen würde, wenn er am Ende einer Tragödie das Zeithehe segnete. Sein Leben war ein ganz gewöhnliches, stinklangweiliges Drama, eins von der Sorte, aus der Fernsehredakteure den Stoff für solche Betroffenensendungen wie "Fettleibigkeit muß nicht sein!" oder "Senken Sie Ihren Cholesterinspiegel!" bezogen. Wer war er schon? Ein fetter, nicht besonders intelligenter Mann Mitte Vierzig, der liebevolle Weihnachts- und Geburtstagsgrußkarten an sogenannte Freunde schrieb, die ihm alle zehn Jahre einen Besuch abstatteten, und der seine gesamte Glaubens- und Hoffnungskraft in die Pharmaindustrie investierte, auf daß sie ein Wundermittel gegen seine fortschreitende Kahlheit erfände. Das ideale Opfer von Versicherungsvertretern, dessen drei oder vier un- glückUche Sexepisoden in seinem unglücklichen Sexleben sich allesamt in der Nacht von Rosenmontag mit schauderhaften Kreaturen abgespielt hatten, die am nächsten Morgen, während er seinen Rausch ausschlief, die Haushaltskasse mitgehen heßen. Und nun hatte er es irgendwie geschafft, diese Bruchbude zu ergattern. Es war für ihn einer der größten Erfolge in seinem Leben, und die tristen Aspekte seiner Existenz stimmten mich nachdenkhch; in Anbetracht der farblosen Lebensverhältnisse dieses Mannes begann ich mich mit meinem Schicksal abzufinden. Hatte nicht alles eine Ordnung, einen Zweck und einen höheren Sinn in dieser Welt? Klar, so mußte es sein. Bestimmung, das war es. Oder wie der japanische Fließbandarbeiter sagt: So, wie es ist, ist es gut!
Doch genug der Philosophie, schließlich war Gustav nicht Hiob. Während also mein Freund weitere Oden an die Herrlichkeit unserer neuen Behausung verfaßte, driftete mein Blick von ihm ab und fixierte das WC. Die Tür und das große rückwärtige Fenster standen offen, und ich nahm die Gelegenheit wahr, endlich den hinteren Teil des Gebäudes in Augenschein zu nehmen. Geschwind lief ich an dem mit sich selbst redenden Gustav vorbei, gelangte in die Toilette und sprang auf die Fensterbank.
Die Aussicht, die sich mir von hier oben bot, war einfach paradiesisch. Es handelte sich dabei gewissermaßen um den Bauch des Wohnviertels. Unser Viertel bestand aus einem etwa zweihundert mal achtzig Meter großen Rechteck, dessen Rahmen die erwähnten properen Anno-Tobak-Klitschen bildeten. Hinter diesen Häusern, also direkt vor meinen Augen, breitete sich ein verschlungenes Netz von unterschiedlich großen Gärten und Terrassen aus, die von hohen, verwitterten Ziegelsteinmauern eingegrenzt wurden. In einigen Gärten standen recht pittoreske Gartenhäuschen und Lauben. Andere wiederum waren total verwildert, und ganze Schlingpflanzenarmeen kletterten über die Mauern hinweg in die Nachbargärten. Dort, wo es möglich war, hatte man ganz trend- und biomäßig Minitümpel angelegt, über denen Geschwader von neurotischen Großstadtfliegen lustlos und etwas verloren schwirrten. Es gab seltene Baumarten, sauteure Bambussonnenschirme, neoantike Terrakotta-Blumentöpfe mit Reliefs von kopulierenden Griechen, Batterien von Umweltschutzmüllkübeln, rührige Haschischanpflanzungen, Kunststoffskulpturen und alles, was das Herz eines neureichen Mittelständlers begehrt, der nicht mehr so recht weiß, was er mit den hinterzogenen Steuern anfangen soll.
Dazu gesellten sich aber auch solche Gartenidyllen, deren Charakter man komprimiert mit dem Begriff "Gartenzwerg-Horror- Picture-Show" umreißen könnte. Diese Schauerszenerien waren offensichtlich das Werk von Leuten, die ihren Hunger nach modischen Trends allein mit dem Otto-Versand-Katalog stillten.
Was unsern Distrikt betraf, so lag der Fall etwas komplizierter. Direkt unter mir, das heißt unter dem Klofenster, etwa einen halber Meter über dem Erdboden, befand sich ein vergammelter Balkon mit einem hoffnungslos verrosteten Geländer. Auf den Balkon konnte man nur durch das Schlafzimmer gelangen, aber ich vermutete, daß für mich das Klofenster die gängige Pforte zur Außenwelt sein würde. Unter dem Balkon dehnte sich eine weite Betonterrasse aus, die wohl als fix zusammengeschusterte Decke der Weiterführung des Kellers diente. Als Folge der schlampigen Arbeit war diese Betondecke zu großen Teilen aufgesprungen; aus ihren Rissen sproß undefinierbares Grün hervor. Nach ungefähr fünf Metern verhinderte eine weitere Rostbrüstung, daß man in der Nacht in einen tiefer gelegenen, kleinen Garten hinunterknallte. In der Mitte dieses vollends verwilderten Gartens wuchs ein extrem hoher Baum, der schätzungsweise zu Attilas Zeiten angepflanzt worden war und sich jetzt herbstgemäß seiner Blätter entledigt hatte.
Und noch etwas entdeckte ich, als meine Augen umherstreiften: einen überaus beeindruckenden Artgenossen.
Er hatte sich mit dem Rücken zu mir vor das Terrassengeländer gehockt und glotzte auf den kleinen Garten hinab. Obwohl er, was sein Körpervolumen betraf, locker mit einem Medizinball konkurrieren konnte und seine ganze Gestalt einer drolligen Knetmassenfigur aus einem experimentellen Videocüp glich, bemerkte ich sofort, daß er keinen Schwanz besaß. O nein, er war kein von Natur aus Schwanzloser, man hatte ihm das kostbare Stück einfach abgeschnitten. So schien es jedenfalls. Er war eindeutig eine Maine-Coon, eine schwanzlose Maine-Coon"^. Es fällt mir schwer, seine Fellfarbe zu beschreiben, denn der Typ sah tatsächlich wie eine wandelnde Malerpalette aus, deren Farben allerdings vertrocknet und schmutzig geworden waren. Der dominierende Farbton war zwar schwarz, doch mischten sich überall beige, braune, gelbe, graue, ja sogar rote Tupfer mit hinein, so daß er von hinten aussah wie eine riesengroße, etwa sieben Wochen alte Schüssel Obstsalat. Außerdem schien der Kerl fürchterlich zu stinken.
Gleich würde er mich bemerken und eine Großoffensive starten, weil wahrscheinlich schon sein Urgroßvater auf diese Terrasse gekackt hatte oder weil er bereits 1965 vor dem Obersten Gerichtshof die Sondergenehmigung für sich erstritten hatte, jeden gottverdammten Tag zwischen fünfzehn und sechzehn Uhr von hier oben auf diesen wundervollen Garten hinabzuglotzen. Es war schon ein Kreuz mit diesen Brüdern.
Ich ließ es darauf ankommen. Was blieb mir übrig?
Und als wäre er so eine Art lebender Radar, drehte er sich in dem Moment, in dem mir das alles durch den Kopf schoß, zu mir und starrte mich an - das heißt, starren war vielleicht zuviel gesagt. Er hatte nur noch ein Auge, das andere war offenbar das Opfer eines nervösen Schraubenschlüssels geworden oder infolge einer Krankheit ausgelaufen. Dort, wo vorher das linke Auge gewesen war, befand sich nun eine verschrumpelte, rosarote und im Lauf der Zeit immer häßlicher gewordene Fleischhöhle. Überhaupt war die gesamte linke Visagenhälfte, wohl infolge einer halbseitigen Gesichtslähmung, zusammengefallen. Aber das bedeutete nicht viel. Mir war klar, daß höchste Vorsicht geboten war.
Nachdem er mich, ohne eine Regung zu zeigen, gemustert hatte, drehte er jedoch zu meiner Überraschung seinen Kopf wieder weg und richtete den BUck erneut auf den Garten.
Höflich, wie ich nun mal bin, beschloß ich, mich diesem bemitleidenswerten Fremden vorzustellen, in der Hoffnung, nähere Informationen über meine neue Umgebung aus ihm herauszulocken.
Ich sprang von der Fensterbank auf den Balkon und von dort auf die Terrasse. Langsam und mit aufgesetzt ausgelassenem Gehabe spazierte ich auf ihn zu, etwa so, als hätten wir uns schon im Sandkasten gegenseitig die Augen ausgestochen. Er nahm das mit majestätischer Gelassenheit zur Kenntnis und unterbrach seine Gartenmeditation kein einziges Mal, um mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Dann stand ich neben ihm und riskierte einen Blick von der Seite. Aus der Nähe potenzierte sich der Eindruck, den er von weitem auf mich gemacht hatte, um das, sagen wir mal, vierunddreißigfache. Im Vergleich zu dieser geschundenen Kreatur hätte selbst Quasimodo realistische Chancen gehabt, in die Dressmanbranche einzusteigen. Zu allem Überfluß mußten meine inzwischen arg strapazierten Augen wahrnehmen, daß seine rechte Vorderpfote verstümmelt war.
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