Leseprobe zu "Schatten auf dem Fels" von Willa Cather
An einem Nachmittag gegen Ende Oktober des Jahres 1697 stand Euclide Auclair, der Apotheker und Philosoph von Quebec, oben auf dem Kap Diamant und blickte auf den breiten, leeren Strom tief unter ihm. Leer schien er deshalb, weil vor einer Stunde hinter der grünen Insel, die den Sankt-Lorenz-Strom in zwei Arme teilte, entschwindende Segel noch einmal aufgeleuchtet hatten und damit das letzte der Sommerschiffe aus Frankreich die lange Heimfahrt antrat.
Solange die "Bonne Esperance" noch in Sicht war, hatten viele von Auclairs Freunden und Nachbarn ihm auf der Hügelkuppe Gesellschaft geleistet; doch als der letzte weiße Zipfel um die Uferbiegung geglitten war, kehrten sie in ihre Läden oder in ihre Küchen zurück und wandten sich wieder den unerbittlichen Forderungen des Alltags zu. Acht Monate lang würde die französische Kolonie auf diesem Fels im Norden nun gänzlich von Europa und der Welt abgeschnitten sein. Jetzt war es Oktober, kein Segler würde vor Juli nächsten Jahres die breite Wasserstraße heraufkommen. Keine Vorräte, kein Wein und kein Fass Mehl, weder Schießpulver noch Leder oder Tuch oder Eisenwaren. Nicht ein einziger Brief - keine Nachrichten über das, was zu Hause vor sich ging. Es mochten neue Kriege, Überschwemmungen, Feuersbrünste und Seuchen wüten, doch die Siedler würden nicht eher davon hören als im nächsten Sommer. Manchmal sagten die Leute, wenn König Louis sterben sollte, würde der Minister die Nachricht durch englische Schiffe, die während des ganzen Winters New York anlaufen konnten, herüberschicken, und die holländischen Händler in Fort Orange würden dann Kuriere nach Montreal senden.
Der Apotheker blieb noch lange, nachdem seine Mitbürger an ihre Arbeit zurückgekehrt waren, auf der Felskuppe ; ihm fiel diese Trennung von der übrigen Welt von Jahr zu Jahr schwerer. Es war gewiss seltsam, dass ein Mann von seiner sanften und nachdenklichen Art, der in der Stadt aufgewachsen und in seinen Gewohnheiten so traditionsgebunden war, hier auf dem grauen Felsen in der kanadischen Wildnis stand. Kap Diamant war der höchste Grat der befestigten Klippe, die "Kebec" genannt wurde - eine dreieckige Landzunge, die sich keilartig zwischen die Vereinigung zweier Flüsse schob und von dem größeren wie in einer Umarmung gehalten wurde. Unmittelbar unter ihm lag die französische Festung - verstreute Turmspitzen und Schieferdächer, die in der prächtigen Herbstsonne aufblinkten; die kleine Hauptstadt, die damals in Europa Gegenstand so manchen Gesprächs und so manchen phantastischen Traumes war.
Auclair fand, diese auf dem Felsen thronende Stadt glich ganz und gar den künstlichen kleinen Bergen, die man in den Kirchen als Schauplatz für die Geburt Christi aufbaute; Berge aus Pappe voller Klippen und Felsenriffe und Höhen, um all die Figuren auf dem Weg zur Krippe zu beherbergen; Engel und Hirten und Reiter und Kamele klommen Anhöhen hinauf oder bargen sich in Grotten oder wimmelten unten am Fuße des Hügels.
Beraubte man diese Vorstellung ihrer orientalischen Buntheit, so konnte man auch hier einen solchen Bergfelsen vor sich sehen, der geschickt mit Kirchen, Klöstern, Befestigungen und Gärten bebaut war, die sich den natürlichen Unebenheiten des Vorgebirges anpassten, auf dem sie standen; manches oben, anderes unten, einiges ragte von einem Vorsprung auf, anderes schmiegte sich in Mulden und wieder anderes kletterte hier und dort über einen Abhang. Das Chateau Saint-Louis aus grauem Stein mit steilen Mansardendächern lag am allerobersten Rand der Klippe und blickte über den Strom; jedoch Kirche und Kloster der Rekollektenbrüder dicht daneben sanken dagegen abwärts, als wollten sie hinunterpurzeln. Zur Landseite hin lag an einem tiefen, gutgeschützten Fleckchen der Konvent der Ursulinen ... Noch tiefer, der Kathedrale gegenüber, erhob sich das wuchtige Stift der Jesuiten. Unmittelbar hinter der Kathedrale schoss die Klippe wieder steil empor und bildete einen vorspringenden Felssporn; dort, zwischen Himmel und Erde, ragte das Seminar des alten Bischofs Laval hoch in die blaue Luft hinein. Unterhalb fiel der Felsen wie bei einer Wendeltreppe in einer Reihe von Terrassen ab; auf einer der Terrassen lag der neue Palast des neuen Bischofs, die Gärten auf einer weiteren darunter.
Nicht ein einziges Gebäude auf dem ganzen Felsen befand sich mit einem anderen auf gleicher Höhe - und zweihundert Fuß tiefer lag die Unterstadt, die sich auf dem schmalen Schwemmland zwischen dem Flussufer und der senkrechten Klippenwand zusammendrängte. Die Unterstadt lag so unmittelbar unter der Oberstadt, dass man auf der Terrasse des Chateau Saint-Louis stehen und einen Stein in die engen Gassen hätte hinunterwerfen können.
Die schweren grauen Gebäude, Klöster und Kirchen mit ihren steilen Giebeln und Mansarden, den Turmspitzen und Schieferdächern waren im Großen und Ganzen im Stil der Normannischen Gotik gebaut. Männer aus dem Norden Frankreichs, die keine andere Bauweise kannten, hatten sie errichtet. Die Ansiedlung erweckte den Eindruck, als sei sie aus einer der rauen Städte in der Normandie oder der Bretagne herausgebrochen und hierher versetzt. Sie war tatsächlich der primitive Beginn eines "Neu-Frankreichs", eines Saint-Malo oder Rouen oder Dieppe, das sich hier im ewig wechselnden nördlichen Licht verankert hatte. Ihr zu Füßen, in einem Bogen um ihre Fundamente, flutete der mächtige Sankt-Lorenz-Strom nordwärts der veilchenfarbenen Kontur des Laurentischen Massivs zu, dem drohenden Kap Tourmente entgegen, das düster vor dem hellen Blau des Oktoberhimmels aufstieg. Die Ile d'Orléans, weit in der Mitte des Stromes, glich einer hügeligen Landkarte, die in Falten mit Dünen, Feldern und Weideland über den kahlen Baumwipfeln lag.
Auf dem jenseitigen Flussufer, gerade gegenüber dem stolzen Felsen von Quebec, ragte der schwarze Tannenwald bis nahe an den Rand des Wassers, und im Westen, hinter der Stadt, erstreckten sich die Wälder, kein Mensch wusste wie weit. Es war die stumme, unbekannte Welt des Pflanzenreichs, ein nicht auf Karten verzeichneter Kontinent, halb erstickt unter einem Gewirr ineinander verschlungener lebender, toter und halb abgestorbener Bäume, die mit den Wurzeln in Sumpf und Moor steckten und sich gegenseitig in langsamem, jahrhundertewährendem Kampf zu Tode würgten. Dieser Wald bedeutete Erstickung und Vernichtung ; ein Europäer wurde dort schnell von dem Schweigen und den endlosen Entfernungen, von Morast und schwarzem Schlamm und den darin brütenden Schwärmen stechender Insekten verschluckt.