Schatten auf dem Fels - Cather, Willa

Willa Cather 

Schatten auf dem Fels

Roman. Nachw. v. Sabina Lietzmann

Aus d. Amerikan. v. Elisabeth Schnack
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Schatten auf dem Fels

Einfühlsamer Roman über das Heranwachsen eines jungen Siedlermädchens in Quebec

Die Wiederentdeckung einer großen amerikanischen Klassikerin geht weiter: In «Schatten auf dem Fels» wendet sich Willa Cather der faszinierenden Wildnis Kanadas zu. Mit berührender Anteilnahme und literarischem Feingefühl erzählt sie von einer französischen Einwandererfamilie, die auf dem «Grauen Fels» erst heimisch werden muss.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts beginnt die Pariser Familie Auclair in Kanada ein neues Leben. Als ihre Mutter stirbt, wird die zehnjährige Cécile mit der Führung des Haushalts betraut. Allmählich lernen Vater und Tochter sich mit den langen Wintern zu arrangieren. Sie unterhalten eine kleine Apotheke, und bei der Arbeit zwischen Pulvern und Pasten hören sie die aufregendsten Geschichten von der Jagd in den Wäldern und dem Tauschhandel mit den Indianern. Doch ist Quebec wirklich die richtige Umgebung für ein heranwachsendes Mädchen wie Cécile? Immer öfter denkt Monsieur Auclair daran, nach Frankreich zurückzukehren ...

Willa Cather wendet sich in diesem Roman einem der ergiebigsten Stoffe der amerikanischen Literatur zu: der Begegnung von Alter und Neuer Welt.



Produktinformation

  • Verlag: Manesse
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 411 S.
  • Seitenzahl: 416
  • Manesse Bibliothek der Weltliteratur
  • Deutsch
  • Abmessung: 156mm x 101mm x 23mm
  • Gewicht: 206g
  • ISBN-13: 9783717521921
  • ISBN-10: 3717521926
  • Best.Nr.: 24923680
«Ohne Cather wären Truman Capote und E. Annie Proulx kaum denkbar.» (Elmar Krekeler, Literarische Welt)

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Quebec sehen und sterben? Tilman Spreckelsen zieht es vor, Willa Cather zu lesen. Nicht nur dass ihr Buch im Quebec des 17. Jahrhunderts spielt, auch die Überraschungsfreiheit der Geschichte, deren Inhalt und einzigen Zweck Spreckelsen in der Stadt selbst erkennt, findet er sehr angenehm. Dagegen ein Jahr im Leben einer Apothekerstochter zu folgen, hat Spreckelsen überhaupt nichts. Im Gegenteil, dieser Welt überlässt er sich bereitwillig und zieht aus der feingezeichneten Siedlungsgeschichte, der allerdings Wind und Natur viel wichtiger sind als politische oder historische Details und gut konturierte Figuren, durchaus Spannung. Für das ein oder andere dennoch auftauchende historische Detail nutzt Spreckelsen dankbar den Anmerkungsteil.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 09.12.2009

Schimmer von Blattgold

Willa Cathers Roman über Quebec spielt im siebzehnten Jahrhundert, und doch trägt er alles in sich, wofür diese Stadt über die Zeiten hinweg steht.

Es sollte wenig mehr als eine Stippvisite sein, der Aufenthalt der amerikanischen Schriftstellerin Willa Cather in Quebec, doch weil ihre Lebensgefährtin krank wurde, blieb sie zehn Tage. Drei Jahre und einige Recherchereisen später, im Sommer 1931, veröffentlichte sie dann einen Roman, dessen Schauplatz Quebec ist - oder, könnte man sagen, dessen Inhalt und einziger Zweck diese Stadt ist, ein Buch, das ohne Willa Cathers inzwischen erworbene intime Kenntnis der frankophonen Metropole nicht denkbar ist, ein historischer Roman, der im späten siebzehnten Jahrhundert angesiedelt ist und doch das in sich trägt, was Quebec in den Augen der Autorin über alle Zeiten hinweg ausmacht.

Denn mit irgendwelchen Dramen hält sie sich nicht auf, um eine nacherzählbare Handlung geht es ihr nicht. Zwölf Monate und knapp vierhundert Seiten lang folgt sie den Schritten der kleinen Cécile, die ihrem Vater, dem Apotheker von Quebec, nach dem Tod der Mutter den Haushalt führt. Sie …

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»'Schatten auf dem Fels' ähnelt einem großen Gemälde. Fasziniert von der ursprünglichen Landschaft Kanadas, dem rauen Wetter und den Widrigkeiten, mit denen die ersten Siedler zu kämpfen hatten, fertigt die amerikanische Schriftstellerin Willa Cather eine Serie von Tableaus an, die das Städtchen Quebec mitsamt seiner Bewohner zum Gegenstand haben. In farbenprächtigen Beschreibungen präsentiert uns die Schriftstellerin die Alltagsgeschehnisse und illustriert den Zusammenprall von Alter Welt und Neuer Welt. Die Figuren sind eindringlich gezeichnet, und durch den Wechsel zwischen kanadischen und französischen Schauplätzen entsteht ein reizvolles Porträt des 17. Jahrhunderts. Außerdem gelingt der Schriftstellerin wieder eine anrührende Mädchengestalt. Cécile ist wie Lucy Gayheart ein ungestümes, lebendiges Geschöpf, das seinen Weg geht.«

«Ohne Cather wären Truman Capote und E. Annie Proulx kaum denkbar.» (Elmar Krekeler, Literarische Welt)
Willa Cather (1873 1947) übersiedelte als Achtjährige mit ihren Eltern von Virginia nach Nebraska, wo sie mit der unermesslichen Prärie, aber auch mit den dortigen Einwanderern aus der Alten Welt Bekanntschaft schloss. Diese Erfahrungen eines Neben- und Miteinander verschiedener Ethnien, Religionen und Kulturen prägten sie tief. Obwohl sie als Lehrerin, Redakteurin und später als erfolgreiche Schriftstellerin vor allem in New York lebte, spielen ihre Werke meist in der heroischen Weite der Prärie des amerikanischen Westens und Südwestens, der sie so ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Willa Cather erhielt den Pulitzer-Preis und gilt als eine der großen amerikanischen Erzählerinnen.

Leseprobe zu "Schatten auf dem Fels" von Willa Cather

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Leseprobe zu "Schatten auf dem Fels" von Willa Cather

An einem Nachmittag gegen Ende Oktober des Jahres 1697 stand Euclide Auclair, der Apotheker und Philosoph von Quebec, oben auf dem Kap Diamant und blickte auf den breiten, leeren Strom tief unter ihm. Leer schien er deshalb, weil vor einer Stunde hinter der grünen Insel, die den Sankt-Lorenz-Strom in zwei Arme teilte, entschwindende Segel noch einmal aufgeleuchtet hatten und damit das letzte der Sommerschiffe aus Frankreich die lange Heimfahrt antrat.

Solange die "Bonne Esperance" noch in Sicht war, hatten viele von Auclairs Freunden und Nachbarn ihm auf der Hügelkuppe Gesellschaft geleistet; doch als der letzte weiße Zipfel um die Uferbiegung geglitten war, kehrten sie in ihre Läden oder in ihre Küchen zurück und wandten sich wieder den unerbittlichen Forderungen des Alltags zu. Acht Monate lang würde die französische Kolonie auf diesem Fels im Norden nun gänzlich von Europa und der Welt abgeschnitten sein. Jetzt war es Oktober, kein Segler würde vor Juli nächsten Jahres die breite Wasserstraße heraufkommen. Keine Vorräte, kein Wein und kein Fass Mehl, weder Schießpulver noch Leder oder Tuch oder Eisenwaren. Nicht ein einziger Brief - keine Nachrichten über das, was zu Hause vor sich ging. Es mochten neue Kriege, Überschwemmungen, Feuersbrünste und Seuchen wüten, doch die Siedler würden nicht eher davon hören als im nächsten Sommer. Manchmal sagten die Leute, wenn König Louis sterben sollte, würde der Minister die Nachricht durch englische Schiffe, die während des ganzen Winters New York anlaufen konnten, herüberschicken, und die holländischen Händler in Fort Orange würden dann Kuriere nach Montreal senden.

Der Apotheker blieb noch lange, nachdem seine Mitbürger an ihre Arbeit zurückgekehrt waren, auf der Felskuppe ; ihm fiel diese Trennung von der übrigen Welt von Jahr zu Jahr schwerer. Es war gewiss seltsam, dass ein Mann von seiner sanften und nachdenklichen Art, der in der Stadt aufgewachsen und in seinen Gewohnheiten so traditionsgebunden war, hier auf dem grauen Felsen in der kanadischen Wildnis stand. Kap Diamant war der höchste Grat der befestigten Klippe, die "Kebec" genannt wurde - eine dreieckige Landzunge, die sich keilartig zwischen die Vereinigung zweier Flüsse schob und von dem größeren wie in einer Umarmung gehalten wurde. Unmittelbar unter ihm lag die französische Festung - verstreute Turmspitzen und Schieferdächer, die in der prächtigen Herbstsonne aufblinkten; die kleine Hauptstadt, die damals in Europa Gegenstand so manchen Gesprächs und so manchen phantastischen Traumes war.

Auclair fand, diese auf dem Felsen thronende Stadt glich ganz und gar den künstlichen kleinen Bergen, die man in den Kirchen als Schauplatz für die Geburt Christi aufbaute; Berge aus Pappe voller Klippen und Felsenriffe und Höhen, um all die Figuren auf dem Weg zur Krippe zu beherbergen; Engel und Hirten und Reiter und Kamele klommen Anhöhen hinauf oder bargen sich in Grotten oder wimmelten unten am Fuße des Hügels.

Beraubte man diese Vorstellung ihrer orientalischen Buntheit, so konnte man auch hier einen solchen Bergfelsen vor sich sehen, der geschickt mit Kirchen, Klöstern, Befestigungen und Gärten bebaut war, die sich den natürlichen Unebenheiten des Vorgebirges anpassten, auf dem sie standen; manches oben, anderes unten, einiges ragte von einem Vorsprung auf, anderes schmiegte sich in Mulden und wieder anderes kletterte hier und dort über einen Abhang. Das Chateau Saint-Louis aus grauem Stein mit steilen Mansardendächern lag am allerobersten Rand der Klippe und blickte über den Strom; jedoch Kirche und Kloster der Rekollektenbrüder dicht daneben sanken dagegen abwärts, als wollten sie hinunterpurzeln. Zur Landseite hin lag an einem tiefen, gutgeschützten Fleckchen der Konvent der Ursulinen ... Noch tiefer, der Kathedrale gegenüber, erhob sich das wuchtige Stift der Jesuiten. Unmittelbar hinter der Kathedrale schoss die Klippe wieder steil empor und bildete einen vorspringenden Felssporn; dort, zwischen Himmel und Erde, ragte das Seminar des alten Bischofs Laval hoch in die blaue Luft hinein. Unterhalb fiel der Felsen wie bei einer Wendeltreppe in einer Reihe von Terrassen ab; auf einer der Terrassen lag der neue Palast des neuen Bischofs, die Gärten auf einer weiteren darunter.

Nicht ein einziges Gebäude auf dem ganzen Felsen befand sich mit einem anderen auf gleicher Höhe - und zweihundert Fuß tiefer lag die Unterstadt, die sich auf dem schmalen Schwemmland zwischen dem Flussufer und der senkrechten Klippenwand zusammendrängte. Die Unterstadt lag so unmittelbar unter der Oberstadt, dass man auf der Terrasse des Chateau Saint-Louis stehen und einen Stein in die engen Gassen hätte hinunterwerfen können.

Die schweren grauen Gebäude, Klöster und Kirchen mit ihren steilen Giebeln und Mansarden, den Turmspitzen und Schieferdächern waren im Großen und Ganzen im Stil der Normannischen Gotik gebaut. Männer aus dem Norden Frankreichs, die keine andere Bauweise kannten, hatten sie errichtet. Die Ansiedlung erweckte den Eindruck, als sei sie aus einer der rauen Städte in der Normandie oder der Bretagne herausgebrochen und hierher versetzt. Sie war tatsächlich der primitive Beginn eines "Neu-Frankreichs", eines Saint-Malo oder Rouen oder Dieppe, das sich hier im ewig wechselnden nördlichen Licht verankert hatte. Ihr zu Füßen, in einem Bogen um ihre Fundamente, flutete der mächtige Sankt-Lorenz-Strom nordwärts der veilchenfarbenen Kontur des Laurentischen Massivs zu, dem drohenden Kap Tourmente entgegen, das düster vor dem hellen Blau des Oktoberhimmels aufstieg. Die Ile d'Orléans, weit in der Mitte des Stromes, glich einer hügeligen Landkarte, die in Falten mit Dünen, Feldern und Weideland über den kahlen Baumwipfeln lag.

Auf dem jenseitigen Flussufer, gerade gegenüber dem stolzen Felsen von Quebec, ragte der schwarze Tannenwald bis nahe an den Rand des Wassers, und im Westen, hinter der Stadt, erstreckten sich die Wälder, kein Mensch wusste wie weit. Es war die stumme, unbekannte Welt des Pflanzenreichs, ein nicht auf Karten verzeichneter Kontinent, halb erstickt unter einem Gewirr ineinander verschlungener lebender, toter und halb abgestorbener Bäume, die mit den Wurzeln in Sumpf und Moor steckten und sich gegenseitig in langsamem, jahrhundertewährendem Kampf zu Tode würgten. Dieser Wald bedeutete Erstickung und Vernichtung ; ein Europäer wurde dort schnell von dem Schweigen und den endlosen Entfernungen, von Morast und schwarzem Schlamm und den darin brütenden Schwärmen stechender Insekten verschluckt.

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