Krieg ohne Fronten - Greiner, Bernd

Bernd Greiner 

Krieg ohne Fronten

Die USA in Vietnam

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Krieg ohne Fronten

»Ich hatte meine Waffe auf Automatik gestellt. Deshalb kann man nicht sagen, wie viele man erschossen hat. Ich habe vielleicht 10 oder 15 von ihnen erschossen.« - »Männer, Frauen und Kinder?« - »Männer, Frauen und Kinder.« - »Und Babys?« - »Und Babys.« - »Sind Sie verheiratet?« - »Ja.« - »Kinder?« - »Zwei.« - »Wie alt?« - »Der Junge ist zweieinhalb, das Mädchen anderthalb.« - »Dann drängt sich doch die Frage auf, wie der Vater von zwei kleinen Kindern Babys erschießen kann.« - »Keine Ahnung. Es kommt halt vor.« - »Wie viele Menschen wurden an diesem Tag erschossen?« - »Ich schätze an die 370.« So beschrieb Paul Meadlo in einem 1969 von CBS ausgestrahlten Interview das Massaker von My Lai. Die Bilder der zerstörten Dörfer, der von Napalm verbrannten Kinder, von einem Land, auf das mehr Bomben geworfen wurden als auf alle Schauplätze des Zweiten Weltkrieges zusammen, prägen die Erinnerung an den Vietnamkrieg und die Jahre zwischen 1965 und 1975. Bernd Greiner beschreibt die Geschichte hinter diesen Bildern. Er geht der Frage nach, weshalb sich die USA überhaupt auf den Konflikt einließen und warum sie den Krieg selbst im Wissen um eine unausweichliche Niederlage weiterführten. Wie viele Gräueltaten in Vietnam verübt wurden, wird sich nie beantworten lassen. Deutlich wird indes, dass sie keineswegs die Ausnahme waren und mitnichten nur auf das Konto vereinzelter Exzesstäter gingen. Ausführlich werden Einheiten wie die »Tiger Force« und andere Todesschwadronen porträtiert und Operationen wie »Speedy Express« geschildert, in deren Verlauf knapp 11 000 Menschen getötet, aber nur 750 Waffen erbeutet wurden. An diesen Beispielen wird deutlich, wie Absicht und Zufall, Planung und Unvorhersehbares zusammenwirkten und zu einer Radikalisierung kriegerischer Gewalt führten - wie aus regulären Verbänden marodierende Haufen wurden, wie Routineeinsätze in Massakern endeten. Nicht zuletzt kommen die Reaktionen von Politikern, Militärs und der Öffentlichkeit zur Sprache und mit ihnen die Art und Weise, wie in den USA über Kriegsvölkerrecht diskutiert wurde - ein Thema, dessen Echo bis in unsere Tage nachhallt. Diese Annäherung an den Krieg war nur auf Grundlage eines Aktenbestandes möglich, der zwar seit 1994 zugänglich ist, aber bis dato kaum Beachtung gefunden hat: der riesige Bestand der »Vietnam War Crimes Working Group« und der »Peers-Kommission«. Bernd Greiner legt die weltweit erste Buchpublikation vor, die mit diesen Quellen arbeitet, und rekonstruiert mit ihrer Hilfe die hintergründige Aktualität des Vietnamkrieges - eines asymmetrischen Krieges zwischen vermeintlich starken und vorgeblich schwachen Kontrahenten, die sich mit grundverschiedenen Mitteln und vor allem mit einer diametral entgegengesetzten Strategie bekämpften. So gesehen, gewinnt auch der historische Ort des Vietnamkrieges eine unerwartete Kontur: Er wird als »Brücke« zwischen den heißen Kriegen im Kalten Krieg und den »kleinen Kriegen« unserer Gegenwart wie der absehbaren Zukunft kenntlich.


Produktinformation

  • Verlag: Hamburger Edition
  • 2009
  • Durchges. Ausg.
  • Ausstattung/Bilder: Durchges. Ausg. 2009. 596 S. m. Abb. u. Ktn.
  • Seitenzahl: 596
  • Deutsch
  • Abmessung: 230mm x 157mm x 39mm
  • Gewicht: 865g
  • ISBN-13: 9783868542073
  • ISBN-10: 3868542078
  • Best.Nr.: 25898161
»Das Buch wird unseren Blick auf diesen Krieg verändern. Denn noch nie zuvor ist so eindringlich und materialreich geschildert worden, wie ein militärischer Konflikt, der mit dem Vorsatz begann, einen Eckpfeiler der freien Welt in Südostasien zu verteidigen, zu einem Gewaltexzess eskalierte, der alle westlichen Werte und Errungenschaften infrage stellte.« (Die Zeit, Volker Ullrich)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 10.10.2007

Das Pentagon achtete genau auf die Tötungsquote
Bernd Greiner rekonstruiert den Alltag im Vietnam-Krieg und die juristische Verfolgung von amerikanischen Gewalttaten / Von Harald Biermann

Bücher über den Vietnam-Krieg füllen mittlerweile Bibliotheken. Vor allem das Interesse an militärischen Fragen hat Jahrzehnte nach dem Fall von Saigon am 30. April 1975 nicht nachgelassen. Noch immer kämpfen Hobbystrategen und Schreibtischkrieger gegen das nationale Trauma an: Alles wäre ganz anders gekommen, wenn die Stümper in Washington den Soldaten in Vietnam nur freie Hand gelassen hätten. Oft gipfelt ein solcher Denkansatz in der trotzigen Feststellung, dass die GIs auch diesen Waffengang gar nicht verloren hätten. Die U.S. Army - im Felde unbesiegt! Dass die Niederlage der Vereinigten Staaten im Dschungel von Indochina indes eine unbezweifelbare Tatsache ist, stellt Bernd Greiner deutlich heraus und betont zudem die schweren Verwerfungen in der amerikanischen Gesellschaft.

Als Zugang wählt Greiner den Weg über die Akten der "Vietnam Kriegsverbrechen-Arbeitsgruppe" des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Etwa 10 000 Blatt dokumentieren …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 05.02.2008

Anleihen beim totalen Krieg
Wie es aus Selbsthass und verletztem Stolz zur exzessiven Gewalt amerikanischer Soldaten in Vietnam kommen konnte
Spätestens mit dem Vietnamkrieg mutierten die USA vom „good” zum „bad cop”. Gut 25 Jahre nachdem die Amerikaner maßgeblich Europa von den Nazis befreit, und rund 15 Jahre nachdem sie Großbritannien und Frankreich für ihre kriegerischen kolonialen Abenteuer am Suezkanal verurteilt hatten, waren sie selbst zur Zielscheibe weltweiter Proteste gegen einen grausamen „neokolonialen” Krieg geworden. Dieses militärische Engagement in Vietnam war das entscheidende Ereignis des weltweiten Antiimperialismus der siebziger Jahre – wenn auch der europäische Antiamerikanismus viel älteren Datums ist. Doch die Massaker von My Lai und die Agent-Orange-Einsätze beendeten den amerikanischen Traum und stützten die Anklage der fortdauernden Herrschaft des „weißen Mannes”, nun unter dem Kommando der „Yankees”. Gleichwohl gibt es in Deutschland nur recht wenig Literatur über diesen Krieg. Marc Freys „Geschichte des Vietnamkrieges” beispielsweise, ein instruktives, aber schmales Bändchen aus der Beck’schen Reihe, …

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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

" "Dieses Buch ist ein Schock", beginnt Volker Ullrich seine Rezension von Bernd Greiners Erforschung der Kriegsverbrechen von Vietnam. Noch nie nämlich sei so eindringlich und materialreich geschildert worden, wie ein militärischer Konflikt in einen Gewaltexzess ausgeartet sei. Deshalb sei das Buch auch eine "glänzende Rechtfertigung" der Antikriegsbewegung in den USA. Im Mittelpunkt stehe weniger die militärische Seite des Krieges, so verheerend sie auch gewesen sei. Im Fokus sieht der Rezensent die Gräuel und Kriegsverbrechen stehen, für die das Massaker von My Lai zum Synonym geworden sei. Greiner räume mit einigen Mythen auf, zum Beispiel, dass die USA in diesen Krieg hineingeschlittert seien. Positiv nimmt den Rezensenten besonders die Tatsache ein, dass der Autor in allem eher unter- als übertreibe. Außerdem besticht Ullrich das Buch durch umfassende Quellen- und Literaturkenntnisse, scharfsinnige Analysen und ein "Höchstmaß an Sachlichkeit und Differenzierung".

© Perlentaucher Medien GmbH"
Bernd Greiner ist Leiter des Arbeitsbereichs "Theorie und Geschichte der Gewalt" am Hamburger Institut für Sozialforschung und Professor am Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaften der Universität Hamburg.

Blick ins Buch "Krieg ohne Fronten"

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