 | Besprechung von 11.03.2009 |
Bauer im GeschichtsspielAus reinem Eigennutz wird ein deutscher Diplomat im Nationalsozialismus zum Fluchthelfer von verfolgten Juden. Nora Bossong erzählt von den Falltüren der Moral und der Deutungsmacht über die Vergangenheit.
Adesso non posso più." - "Jetzt kann ich nicht mehr." Konrad Weber, einem jungen deutschen Diplomaten in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, geht dieser Satz umso häufiger durch den Kopf, je enger sich ein Netz der Verzweiflung um ihn zusammenzieht. "Webers Protokoll" - der Titel von Nora Bossongs zweitem Roman suggeriert, es handele sich hier um einen schriftlichen Bericht, der Fakten zusammenträgt. Doch diese Erwartung wird sofort durchkreuzt.
Auf der Suche nach Webers Geschichte stößt die namenlose junge Ich-Erzählerin auf einen inzwischen uralten Kollegen, der Weber gekannt haben will. Im Gespräch der beiden über den einstigen Vizekonsul an der deutschen Botschaft in Italien, das die Rahmenhandlung bildet und sich im Verlauf des Romans regelrecht zu einem Streit um die Erzählhoheit auswächst, vermischen sich die gesicherten Tatsachen mit Spekulationen und Interpretationen. Im Wechsel mehrerer Zeitebenen …
Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension
Als "schillerndes Vexierspiel" beschreibt Rezensent Wend Kässens diesen aus seiner Sicht "etwas überorchestrierten" Roman der jungen Berliner Autorin, der seinen Informationen zufolge die Nazi-Verstrickung des Auswärtigen Amtes zum Thema mache. Im Zentrum stehe eine verstrickte Figur und der Versuch, ein Leben neu zu erfinden, bei dessen Komposition Nora Bossong dem Eindruck Kässens' zufolge auch ein bisschen bei Max Frisch abgeschaut hat. Denn sie erfinde eine junge Frau, die mehr über diesen Dr. Weber zu wissen vorgebe und an deren Spuren sie sich als Erzählerin hefte. Insgesamt kann er dem entstandenen labyrinthischen Entwurf aus Vor- und Rückblenden, harten Schnitten und unterschiedlichen Schrifttypen dennoch nur teilweise etwas abgewinnen - nämlich dann, wenn sich Geschehenes und Gespiegeltes zu einer Geschichte ordnet, in der der Mensch Weber erkennbar werde.
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 | Besprechung von 16.06.2009 |
Ein deutscher Diplomat
Unter Konsuln, unter Nazis: Nora Bossongs Roman „Webers
Protokoll”
Weber sieht nicht richtig, es brennt in seinen Augen, immer wieder,
aber der Arzt kann auch diese Woche nichts finden. Dabei muss
Weber, der sich elend fühlt, wirklich in die Schweiz zur Kur. Schon
deswegen, weil er in München erwartet wird, und nicht mehr hin
will. Es geht um persönliche Protokollführung beim
Reichsaußenminister, der ihn für eine Konferenz benötigt, was Weber
zuerst als Auszeichnung angesehen hat. Aber Rippler, den er noch
aus der Zeit vor den Nazis kennt, hat Weber auf einem Empfang
zugeraunt, man werde ihn in München verhaften.
Dr. Konrad Weber, die Hauptfigur von Nora Bossongs zweitem Roman,
ist, man sieht es, in die deutsche Geschichte verstrickt. Auf
vertrackte Weise. Als Stellvertreter des Mailänder Generalkonsuls,
eines mehr oder minder honorigen alten Herrn, verachtet Weber die
Nazis schon länger, doch schlimm wird es erst, als Weitkamp in
Pension geht, und nicht Weber, sondern Palmer, ein junger,
pöbelhafter Lackaffe mit Parteibuch und Sonnenbrille zu Weitkamps
Nachfolger erkoren wird. Es wäre allerdings zu eng gedacht, dass
Weber …
 | Besprechung |
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Ihrem Ruf als die Intellektuelle unter den Jungautorinnen wird Nora Bossong auch mit ihrem zweiten Roman gerecht. Sie erzählt die Geschichte des Diplomaten Konrad Weber, der unter Hitler Konsul in Mailand war und zwischen die Fronten von Regimetreue und Gewissen gerät. Schlussendlich hilft Weber Juden mit gefälschten Pässen zur Flucht - aber wohl nur, weil es gut bezahlt ist, er Geld veruntreut hat und nicht auffliegen will. Was genau Webers Motive waren, wird in der Metabebene des Romans verhandelt: Eine junge Erzählerin, die in Webers Vergangenheit wühlt, sucht zu Recherchezwecken einen alten Diplomaten auf. So gelingt der Autorin ein natürlich wirkender Wechsel zwischen der Innenperspektive und der Außenanalyse, dem Wühlen in Webers Seelenleben und dessen moralisches Hinterfragen. Darf man ihn verurteilen? Oder ist es egal, aus welchen Gründen man Gutes tut? Im Buch erleidet Weber ohnehin kein schönes Schicksal: Sowohl im Krieg als danach in der jungen Republik - zwei Zeiten, die Bossong ständig ineinanderblendet - ist er ein nervöser Hypochonder. Kein Held, sondern eine Schachfigur, aufgerieben zwischen den Zügen der anderen und besessen davon, seine Vergangenheit, seine Spuren zu löschen. Ein kluger Roman, teils etwas trocken, aber gegen Ende hin immer spannender zu lesen, der fast nebenbei die wichtigen Fragen zur Nazizeit und zur jungen Republik aufwirft, ohne sich ein abschließendes Urteil anzumaßen. (kat)
"Komponiert mit den Spannungsmomenten eines Krimis, dem Erkenntnisanspruch philosophischer Fragestellungen, mit historischer Akribie und psychologischem Spürsinn, lässt sich dieser beeindruckende Roman doch auf keines dieser Momente reduzieren. Webers Protokoll ist ein Buch, dem man Beachtung über einen literarischen Frühling hinaus wünscht." (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
"Ein spannender, fulminanter Roman. Die Sprache lebt ungemein, es ist phantastisch, wie viele Stimmen man in Webers Protokoll hört. Ein, ja, magischer Roman." SWR2
"Komponiert mit den Spannungsmomenten eines Krimis, dem Erkenntnisanspruch philosophischer Fragestellungen, mit historischer Akribie und psychologischem Spürsinn, lässt sich dieser beeindruckende Roman doch auf keines dieser Momente reduzieren. Webers Protokoll ist ein Buch, dem man Beachtung über einen literarischen Frühling hinaus wünscht." (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
Christoph Schröder lässt in seiner Besprechung erst einmal die jungen Starautorinnen der vergangenen Jahre Revue passieren, um festzustellen, dass sich Nora Bossong nicht so einfach in ein Raster einfügen lasse. "Ätherische Melancholikerin, Popgöre" oder die Intellektuelle vom Dienst? Nichts davon treffe auf die 27-Jährige zu, die sowohl Prosa auch als Lyrik schreibe, stellt Schröder klar, der Bossong die Eigenwilligkeit sehr positiv anrechnet. Auch ihr Roman "Webers Protokoll" hat ihn sehr beeindruckt, auf unterschiedlichsten Ebenen erzählt Bossong darin von dem Diplomaten Konrad Weber, der sich in einem eher mehrdeutigen Verhältnis aus innerem Rückzug, Mitläufertum und Dissidenz zum NS-Regime befindet. "Manchmal spröde und jederzeit intelligent" findet Schröder diesen komplex konstruierten Roman und sieht durch ihn die Frage aufgeworfen, wie legitim es sei, individuelle Entscheidungen retrospektiv zu beurteilen.
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Nora Bossong, geboren1982, lebt in Berlin und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Stipendium der Stiftung Niedersachsen und dem Bremer Autorenstipendium. Für ihren Debütroman "Gegend" erhielt sie das Leipziger Literaturstipendium und das Prosawerk-Stipendium der Jürgen-Ponto-Stiftung.