Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension
Rezensent Ijoma Mangold stimmt ein in den Chor derer, die von Steve Sem-Sandberg Roman "Die Elenden von Lodz" so erschüttert wie bewegt sind. Der schwedische Autor erzählt darin die Geschichte des Gettos von Lodz, gestützt auf die vor einigen Jahren publizierte Chronik. Die kaum erträgliche Tragik der Geschichte besteht darin, dass die jüdische Selbstverwaltung, vor allem der Ratsälteste Chaim Rumkoswkis, der Propaganda der Nazis auf den Leim gingen und glaubten, Überleben zu können, wenn sie nur effizient genug arbeiteten. Dabei entwickelte Rumkowski eine Selbstherrlichkeit und Grausamkeit, die darin gipfelte, dass er die Kinder opfern wollte, um die Erwachsenen zu retten: "Gebt mir Eure Kinder!" Mangold versichert, dass Sem-Sandberg ein kluger und versierter Erzähler ist, der dank seiner ökonomischen Prosa jeder Gefahr entgeht, künstlerisch oder moralisch mit diesem fiktiven Holocaust-Roman zu scheitern.
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 | Besprechung von 17.09.2011 |
Bist du es, der bestimmt, wer sterben soll?Dies ist keine Geschichte vom Überleben: Der schwedische Schriftsteller Steve Sem-Sandberg hat mit "Die Elenden von Lodz" einen Roman über das Leben im Getto und die Schoa geschrieben, in dem er historische Quellen mit Ausgedachtem mischt. Im Gespräch erklärt er, wie man den Schrecken fiktionalisieren darf.
WIEN, im September
Es ist", sagt Steve Sem-Sandberg irgendwann im Laufe unseres Gesprächs, "als sähe man den Holocaust in Zeitlupe." Dann stockt er kurz und ergänzt seinen filmischen Vergleich: "Jeder Schrecken wird aus allen Richtungen ausgeleuchtet." Und dann kommt der entscheidende Satz ganz lapidar, ohne Metapher: "Alles musste damals als Alltag bewältigt werden."
Das ist es. Das ist das Entsetzliche an der Lektüre. Aber Sem-Sandberg meint gar nicht seinen eigenen Roman "Die Elenden von Lodz", obwohl die Beschreibung perfekt darauf passen würde. Es ist die Chronik des Gettos von Lodz, von der Sem-Sandberg spricht. Dieses einmalige Konvolut ist vor vier Jahren erstmals vollständig in den beiden Sprachen erschienen, in denen es verfasst wurde: auf Deutsch und Polnisch, in jeweils …
 | Besprechung von 11.10.2011 |
Er hätte auch ein
Held werden können
Der schwedische Journalist Steve Sem-Sandberg macht
Chaim Rumkowski, den „Judenältesten“ des Ghettos
von Lodz, zu einer Romanfigur Von Thomas Urban
Unser einziger Weg heißt Arbeit!" Diese Parole gab Chaim
Rumkowski aus, der „Judenälteste“ des von den deutschen Besatzern
eingerichteten Ghettos in der Industriestadt Lodz. Für die meisten
seiner Leidensgenossen, die die Schrecken und das Elend in dem
hermetisch abgeriegelten Wohnbezirk überlebt hatten, war Rumkowski
ein gewissenloser Kollaborateur, der sich um des eigenen Vorteils
willen den Deutschen angedient habe. Auch in der
Geschichtsschreibung galt er lange ausschließlich als Negativfigur,
ein Verräter und Erfüllungsgehilfe der Massenmörder. Doch
bescheinigen ihm heute auch einige jüdische Historiker, dass er mit
aller Kraft versucht habe, das Ghetto vor seiner Auflösung zu
bewahren, die die Vernichtung der Bewohner bedeutet hätte.
Der schwedische Schriftsteller Steve Sem-Sandberg hat Rumkowski in
den Mittelpunkt seines Romans über das Lodzer Ghetto gestellt. In
seinem eigenen Nachwort stellt er lakonisch fest: „Wäre Lodz …
»Sem-Sandberg hat einen Roman auf der Grenze zur Geschichtsschreibung verfasst ... Der Schriftsteller kann freier mit diesen Aussagen umgehen, als ein Historiker. Er vervollständigt das Bild, er verhilft der Wahrheit durcht fiktive Ergänzung zu ihrem Recht.«
Gerhard Spörl, Der Spiegel, 23.01.2012
»Es ist ein großer Wurf mit den Zügen eines Epos in der reichen Literatur über den Holocaust.«
Thomas Urban, Süddeutsche Zeitung, 11.10.2011
»Steve Sem-Sandberg ist ein Dichter, und sein Roman erzählt vom Jammer im Getto ... Sem-Sandberg schreibt am Beispiel des Gettos der polnischen Stadt Lódz, die von den Nazis in Litzmannstadt umbenannt wurde, über die Schoa. Wie er es tut, das hat niemanden unter seinen schwedischen Lesern kaltgelassen, und so wird es sich wiederholen, wenn "Die Elenden von Lódz" nun rund um die Welt erscheint. In Großbritannien und Amerika wird der Roman bereits gefeiert.«
Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeiner Zeitung, 17.09.2011
»Es gibt Situationen, die dem Menschen die Sprache verschlagen, und solche, vor denen die Sprache versagt. Und es gibt Literatur, die auch das Verstummen beschreiben kann. Zum Beispiel die des schwedischen Journalisten Steve Sem-Sandberg, der Schriftsteller geworden ist ... Der Roman erreicht mehr, als es die wissenschaftliche Analyse (hier) vermag. Jean-Paul Sartre, Alexander Kluge oder Walter Kempowski haben es ihm vorgemacht. Rekonstruktionen der Fakten und Konstruktionen der Fiktion durchdringen sich wechselseitig. Auf solche Weise hat jetzt auch Steve Sem-Sandberg eine Geschichte des Holocaust, am Beispiel der Elenden von Lodz, erzählen können. Ein bedrückendes, ein Mut machendes, erschütternd großes Buch. «
Martin Lüdke, Der Tagesspiegel, 03.12.2011
»Sem-Sandberg hat mit "Die Elenden von Lódz" ein Stück Weltliteratur
geschrieben. Und er hat den namenlosen Ermordeten ein Denkmal
errichtet, wahrhaftiger als vieles, das in den letzten Jahrzehnten in
Stein gehauen worden ist.«
Klaus Hillenbrand, TAZ, 12.10.2011
»Der schwedische Autor und Journalist Steve Sem-Sandberg legt mit dem Roman "Die Elenden von Lódz" ein in allen Farben schillerndes Werk über das berüchtigte Ghetto von Litzmannstadt vor. Dabei mischt er Fakten und Fiktion. Darf man das? Ja, wenn man´s kann. ... Rumkowski bildet den dunklen Kern des Romans. Um diesen Abgrund von einem Menschen herum baut Sem-Sandberg nun seine Geschichte auf. Und er tut das unmittelbar, mit Verve und einer Fülle einprägsamer Figuren, die den geborenen Erzähler zeigen.«
Manfred Papst, Neue Zürcher Zeitung am Sonntag, 18.09.2011
»Die große Leistung dieses außergewöhnlichen Dokumentarromans besteht darin, uns die Welt des Gettos unter Zuhilfenahme aller verfügbaren Fakten nahezu unerträglich plastisch vor Augen zu führen. ... So gerät "Die Elenden von Lódz" zu einem einzigartigen Kaleidoskop der Inhumanität.«
Knut Cordsen, Deutschlandradio Kultur, 26.09.2011
»Der schwedische Autor, geboren 1958, gehört mit den "Elenden von Lodz" zu den Pionieren eines neuen Erzählens über die Vernichtung der europäischen Juden.«
Brigitte van Kann, Deutschlandradio Büchermarkt, 24.11.2011
»Die großen Romane über den Holocaust, etwa von Primo Levi und Imre Kertész, waren stets Romane von Überlebenden, die das Schicksal und die besondere Last der Davongekommenen in den Blick genommen haben. Die Aussicht auf Entkommen dürfte auch eine Triebfeder der Autoren der Gettochronik gewesen sein. Sem-Sandbergs Roman verheißt diese Aussicht nicht. Sein Kunststück besteht gerade darin, die zerrinnende Zeit als schmerzhaft gegenwärtig zu erzählen. Es handelt von Gewalt, Macht, Siechtum und Tod - aber auch von einer unverfügbaren Würde der Menschen.«
Harry Nutt, Frankfurter Rundschau, 14.10.2011
»Ein Buch, das man lesen sollte, gerade weil es einen bis in die Träume hinein verfolgt.«
Richard Mayr, Augsburger Allgemeine, 27.01.2012
»Ein großes und darum unbedingt lesenswertes Stück literarischer Zeitgeschichte.«
Peter Mohr, Rheinische Post, 16.01.2012
»Sem-Sandbergs so düstere wie gelungene Stimmen-Montage, die Rumkowskis Widersprüchlichkeit nicht aufhebt, ist ein wichtiger Baustein in der Auseinandersetzung mit der schillernden Figur.«
Reinhard Helling, Abendzeitung München, 25.10.2011
»Einen ergreifenden, kaum erträglichen Holocaust-Roman hat Steve Sem-Sandberg geschrieben ... Auf geradezu Schwindel erregende Weise mischt er Tatsachen und Fiktion, lässt authentische Figuren mit erfundenen zusammentreffen, zitiert aus Protokollen und Tagebüchern und beschreibt den Alltag der "Elenden von Lodz" so, als wäre er selbst dabei gewesen.«
Gabriele Weingarter, Die Rheinpfalz, 12.11.2011
»Mit der Genauigkeit eines Historikers und der erzählerischen Kraft eines großen Schriftstellers montiert Sem-Sandberg einen riesigen, vielstimmigen Chor und ein Mosaik aus Tausenden Bildern und Szenen. Daraus entsteht ein riesiges Porträt des Alltagslebens im Ghetto, dessen Wesen der Ausnahmezustand war. Für alles findet Sem-Sandberg die richtige Sprache, fürs Dokumentarische und Faktische ebenso wie fürs halluzinatorische Hungertaumeln, für Wahnvorstellungen oder Verlustschmerz, fürs Abstumpfen oder auch für den prophetischen Größenwahn Rumkowskis.«
Julia Kospach, FALTER, 14.10.2011
Buchhändler-Stimmen
»Historisch präzise, sprachlich ausgefeilt - nie wurde die Atmosphäre des Gettos von Lódz eindringlicher dargestellt. Mit »Die Elenden von Lódz« ist Steve Sem-Sandberg ein Meisterwerk gelungen - ein Highlight des Bücherherbstes 2011!«
Rolf Keussen, Mayersche Droste, Düsseldorf
»Als Leser ist man hin- und hergerissen zwischen Verständnis und Entsetzen über die ungeheuerlichen Ereignisse. Absolut fesselnd zu lesen. Man kann sich den existenziellen Fragen, die das Buch stellt, nicht entziehen. Ich bin sicher, dass das Buch ein großer Erfolg wird.«
Sabine Kuckuck, Buchhandlung Weiland, Lübeck
»Ich war sofort vom Text gebannt, und die erzwungene Widersprüchlichkeit des Chaim Rumkowski ließ mich nicht los.«
Evelyn Röwekamp, Thalia Universitätsbuchhandlung, Rostock
»Ein faszinierendes Buch ... Ein eindringlicher Weckruf gegen das Vergessen.«
Claudia Hüllmann, Thalia Buchhandlung, Magdeburg
»Steve Sem-Sandberg hat mit den »Elenden von Lódz« einen sprachlich und inhaltlich äußerst beeindruckenden Roman über das Getto in Lódz geschrieben.
Sprachlich dicht und stilistisch facettenreich schildert Sem-Sandberg die erschütternden Umstände und die schrecklichen Schicksale Einzelner. Die zentrale Figur des Rumkowski wird einem nie eindeutig, als Leser schwankt man fortwährend zwischen Mitleid und Grauen.«
Ute Bauer, Dussmann, Berlin
»Der Autor ist ein großartiger Erzähler, denn er zeichnet das Gettoleben mit all seinen verschiedenen Charakteren so hautnah nach, als wäre er selbst dabei gewesen. Ich denke: ein sehr wichtiges Buch!«
Susanne Strehl, Buchhandlung am Markt, Lüneburg
»Sprachlich wie inhaltlich sind "Die Elenden von Lódz" große Literatur. Faszinierend ist das Porträt der zentralen Figur Mordechai Rumkowski, den Sem-Sandberg in seiner Ambivalenz schillern lässt und dem Leser die endgültige moralische Beurteilung seines Tuns freistellt.«
Tobias Wrany, Buchhandlung Hanns-Georg Jost, Bonn
Steve Sem-Sandberg, geboren 1958, ist einer der renommiertesten schwedischen Autoren. Für "Die Elenden von Lódz" hat er den schwedischen "August-Priset" verliehen bekommen. Er lebt in Stockholm und Wien.