Leseprobe zu "Ihr seid nicht allein" von James Van Praagh
Ginny Meyer schaute auf die Uhr. Der große Zeiger stand kurz vor der Elf, der kleine unmittelbar vor der Fünf. Jetzt ist es nur noch eine Sache von Minuten, bis Neil von der Arbeit kommt, dachte sie. Ben würde also nur noch ein paar Augenblicke lang allein sein. Außerdem hockten er und sein kleiner Freund Andrew wie festgewachsen vor dem Fernseher. Pokémon! Wenn sich Kinder in der Welt der Taschenmonster verlieren, nehmen sie Mamis höchstens als Hintergrundrauschen wahr. Und so hatten es die beiden Jungen nicht einmal richtig mitbekommen, als Ginny ihnen sagte, dass sie kurz bei ihrer Nachbarin Nancy vorbeischauen wolle. Dazu muss man wissen: Was für Ben seine Cartoons waren, war für Ginny das Kochen. Dieselbe Besessenheit. Ginny hatte gerade ein neues Hackbratenrezept ausprobiert und brannte nun darauf zu hören, was Nancy davon hielt.
Eine bessere Nachbarin als sie konnte man sich kaum vorstellen. Nicht nur, dass Ginny Kochrezepte mit ihr austauschen konnte, Nancy hatte auch immer ein offenes Ohr für sie, brachte ihr manchmal etwas vom Markt mit oder holte die Kinder von der Schule ab. Die beiden Frauen gingen fast wie Schwestern miteinander um. Ginny genoss das sehr, denn ihre wirkliche Schwester wohnte Tausende von Kilometern weit entfernt, und so war Nancy quasi ein perfekter Ersatz. Allerdings hatten die beiden Frauen aufgrund ihrer familiären, kirchlichen und beruflichen Verpflichtungen leider nur selten Zeit füreinander. Die aber war ihnen heilig.
Nancy spülte ihr Stückchen vom Hackbraten mit einem leichten, trockenen Chablis herunter. Normalerweise trank sie tagsüber keinen Alkohol, aber heute machte sie eine Ausnahme. Es war schließlich eine besondere Gelegenheit, denn seit über einem Monat hatten sie und Ginny sich nicht mehr in Ruhe gesehen. Nancy lächelte fröhlich - für Ginny ein Zeichen, dass ihre neueste kulinarische Kreation gut angekommen war. Sie war sehr stolz auf sich.
Draußen hörte man eine Autotür zuschlagen. Das musste Neil sein. Und so gern Ginny auch noch geblieben wäre, bekam sie jetzt doch ein schlechtes Gewissen. Neil würde sich wundern, dass sie nicht zu Hause war, und es wahrscheinlich auch nicht so toll finden, wenn sie die Kinder unbeaufsichtigt ließ, um mit ihrer Nachbarin über Kochrezepte zu ratschen. Also nahmen sich die beiden Frauen in den Arm, und Nancy sagte zum Abschied: "Ich versteh das schon. Gehört alles mit dazu."
Ginny eilte über den Rasen und überzeugte sich, dass Neils Kombi tatsächlich in der Auffahrt stand. Als sie die Haustür erreichte, ging diese plötzlich auf und der kleine Andrew kam herausgestürmt. Er drehte sich noch einmal kurz um, blickte zu ihr hoch und rannte dann schnell weg. Ginny dachte nicht weiter darüber nach, wahrscheinlich hatte Ben irgendetwas gesagt, was den Jungen verletzt hatte.
Ginny betrat das Haus. Der Fernseher war viel zu laut. Sie rief nach Ben und Neil, dann griff sie zur Fernbedienung und stellte den Ton ab. Plötzlich herrschte ohrenbetäubende Stille. Und alles schien stillzustehen. Ginny lief die Treppe hoch und rief nochmals nach Neil und Ben. Nichts. Ginny bekam ein ganz komisches Gefühl im Magen. Hier stimmte doch was nicht.
Aus dem oberen Stockwerk hörte sie ein Stöhnen. Die letzten Stufen rannte sie und rief dabei immer wieder nach Neil. Als sie oben angelangt war, drang ein markerschütternder Schrei aus Bens Zimmer. Sie blickte hinein und sah das Unvorstellbare. Vor ihr stand Neil, blutüberströmt, im Arm hatte er ihren leblosen Sohn. Wie versteinert starrte Neil an die Decke. Zu seinen Füßen lagen Patronen verstreut, dazwischen der Neunmillimeterrevolver. Erst vor zwei Tagen hatte Ginny ihren Mann noch aufgefordert, die Waffe sicher zu verstecken, damit Ben sie nicht fand. Jetzt war es zu spät. Die Eltern fanden keine Worte, viel zu überwältigend waren ihre Gefühle. Beide beteten, berührten ihren Sohn im verzweifelten Versuch, ihm ein Lebenszeichen zu entlocken. Doch vergebens. Er war längst von ihnen gegangen.
Und so begann die schlimmste Zeit im Leben von Ginny und Neil Meyer.
EINFÜHRUNG Die Geschichte, die Sie gerade im Prolog gelesen haben, ist entsetzlich - eine einzige Ansammlung fataler Fehler. Man mag gar nicht glauben, dass solche Dinge tatsächlich geschehen, aber sie sind häufiger, als man sich vorstellen kann. Ich habe Ihnen diese Geschichte erzählt, weil sie zwar nicht typisch ist für den Verlust eines Kindes, ich sie aber bis heute nicht vergessen konnte. Als Ginny und Neil zu mir kamen, um meine Hilfe in Anspruch zu nehmen, lagen so viele Schichten von Schuld, Vorwürfen und Scham im Raum, dass es sehr schwer war, die Kommunikation mit ihrem Sohn in Gang zu bringen. Natürlich trauerten die Eltern immer noch um Ben, darunter aber lag noch etwas. Sie waren tief in gegenseitige Beschuldigungen verstrickt. Ginny warf Neil vor, die Waffe nicht sicher aufbewahrt zu haben, wie sie es von ihm verlangt hatte, und gleichzeitig wurde sie von einem schlechten Gewissen geplagt, weil sie die beiden Jungen allein gelassen hatte. Neil wiederum beschuldigte Ginny, ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt zu haben, während er selbst es sich nicht verzeihen konnte, dass er den Revolver hatte offen herumliegen lassen. Beide fühlten sich für Bens Tod verantwortlich, empfanden es aber auch so, als hätten sie einander im Stich gelassen. Sie waren zwar nicht tot, doch im Grunde hatten sie so dichtgemacht, dass sie genauso wenig lebendig wirkten wie ihr Sohn. Als Ben dann endlich durchkam, brachte er seinen Eltern ganz viel Liebe und Vergebung entgegen. Er versuchte, ihnen ihr Leben zurückzugeben, flehte sie an, zu akzeptieren, dass er ihnen verziehen hatte, und bat sie inständig, auch einander zu vergeben. Ich weiß noch, wie komisch ich es fand, ein Kind seinen Eltern sagen zu hören: Ihr habt doch das ganze Leben noch vor euch. Macht es euch nicht kaputt. Nachdem Ginny und Neil gegangen waren, wusste ich zwar, dass Bens Erscheinen ihnen eine gewisse Erleichterung verschafft hatte, mir war aber auch klar, dass sie sich weiterhin darüber streiten würden, wer von ihnen die größere Schuld an seinem Tod trug. Diese Hürde konnten sie einfach nicht nehmen. Von gemeinsamen Freunden habe ich später erfahren, dass sie sich irgendwann scheiden ließen.
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