«Schneeland»: Yasunari Kawabatas moderner Klassiker
Was man sich als Laie schon immer unter japanischer Literatur vorstellte und angesichts der progressiven Ächtung des Exotismus gar nicht mehr vorzustellen wagte, findet sich in Yasunari Kawabatas Erzählung «Schneeland» aus dem Jahr 1948: Schönheit, Reinheit und Fremdheit, Artistik, Erotik und Hermetik. «Jenseits des langen Tunnels erschien das Schneeland. Der Nacht Tiefe wurde weiss. Die Dampflok hielt an einem Signal», lautet - in der etwas manieriert wirkenden Neuübersetzung Tobias Cheungs - der vielzitierte Anfang eines Buches, das in mancherlei Hinsicht an Thomas Manns «Zauberberg» erinnert. Auch hier entflieht ein Mann der Prosa der Ebene in die poetische Wirklichkeit der Berge, auch hier sucht einer nach dem hohen Sinn des Lebens und verstrickt sich im Spannungsfeld von Theorie und Leben, Erkenntnis und Interesse, Eros und Thanatos, ohne dass es zu einer Lösung der aufgeworfenen Fragen käme.
Shimamura heisst Kawabatas Protagonist, ein wohlhabender Dandy und Ästhet aus Tokio. Er ist zurückgekehrt in den kleinen Kurort, um die Geisha Komako zu besuchen, die er ebenda im Frühling kennen gelernt …
Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension
Irmela Hijiya-Kirschnereit preist diesen Roman aus dem Jahr 1948 des japanischen Autors Yasunari Kawabata als "zweifellos" eines der "wichtigsten" japanischen Werke des 20. Jahrhunderts an, wobei sie betont, dass er die Erwartungen an das Genre eigentlich nicht erfüllt. Es handelt sich dabei nämlich eher um ein im Verlauf von 14 Jahren entstandenes "Konglomerat" von "Erzählskizzen" um den reichen Shimamura, der "auf der Suche nach sich selbst" in den Norden des Landes reist und dort der Geisha Komako und dem Mädchen Yoko begegnet, erklärt die Rezensentin. Für sie liegt die "Magie" dieses Buches weniger in der insgesamt eher "unscheinbaren" Handlung, als vielmehr in der Schilderung der "vielschichtig verknüpften sinnlichen Eindrücke", die verschiedene Zeitebenen durchdringt. Dieser "durch und durch ästhetisierte Text", der vieles in der "Schwebe" lässt und mitunter an die "Grenze der Verständlichkeit" stößt, verlangt natürlich nach einer besonderen Übersetzung ins Deutsche, betont Hijiya-Kirschnereit. Und hier setzt auch ihre Kritik an der Neuausgabe und Neuübersetzung des Romans an. Sie findet die Übertragung durch Tobias Cheung nämlich viel zu "hölzern und …
 | Besprechung von 18.10.2004 |
Wenn der Teekessel singtEin Klassiker: Yasunari Kawabatas "Schneeland", neu übersetztIn der Literatur hat das postkoloniale Zeitalter 1968 begonnen. So könnte man plakativ die Verleihung des Nobelpreises in jenem Jahr an den japanischen Autor Yasunari Kawabata deuten, war er doch der erste Autor einer nichteuropäischen Sprache, sieht man von dem bereits 1913 ausgezeichneten Rabindranath Tagore ab. Doch dieser hatte den Preis in erster Linie für die englischen Versionen seiner Dichtung entgegengenommen. An Kawabata pries die Jury, durchaus zum Erstaunen der japanischen Öffentlichkeit, dessen Traditionsverwurzelung. Es waren wenige, aber eindrucksvoll übersetzte Werke, die seinerzeit seinen internationalen Ruhm begründeten, darunter "Schneeland", sein wohl berühmtester Roman.
Nun ist diese Gattungsbezeichnung eher irreführend, versteht man darunter ein architektonisch durchkonstruiertes Erzählwerk oder womöglich narrative Strukturen in der Tradition der europäischen Realisten des 19. Jahrhunderts. Es handelt sich vielmehr um ein Konglomerat aus verstreut und über einen längeren Zeitraum hinweg publizierten Erzählskizzen, die der …
Die Welt im Spiegel Shimamura, die Hauptfigur in Schneeland, kann die übermenschliche Schönheit einer Frau nur in ihrer Spiegelung im Zugfenster ertragen. Dieses Motiv des Romans ist zugleich der Schlüssel zu seinem Verständnis: Kawabata ergründet das wirkliche Leben über den Spiegel der Kunst. Indem er die Einsamkeit der Figuren, ihre vergeblichen Hoffnungen und ihre ziellosen Handlungen in die Naturkulisse einer abgelegenen japanischen Bergregion versetzt, wird ihre Verzweiflung umso augenfälliger. Gleichzeitig wird alles Negative entweder in poetischen Umschreibungen aufgelöst oder bleibt gänzlich unausgesprochen. Die Geschichte zwischen Shimamura und der Geisha Komako wirkt entsprechend unfertig, ihre Gespräche brechen ab, bevor man erfährt, was wirklich in ihnen vorgeht. Doch gerade diese Lücken führen dazu, dass das Lesen zum aktiven Erlebnis wird und die ganze assoziative Kraft beansprucht. In diesem Sinne ist der Roman selbst ein Spiegel: Was er darstellt, hängt davon ab, wer einen Blick hineinwirft. Kawabata gelang mit Schneeland die Verbindung japanischer Erzähltraditionen mit modernen europäischen Einflüssen – einer der Gründe, warum er 1968 als erster Japaner den Nobelpreis für Literatur erhielt.
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