 | Besprechung von 26.09.2010 |
Kann man den Messias klonen?Auf dem Rückweg zum alten Glauben mit den neuesten Mitteln: Der orthodoxe Atheist Doron Rabinovici hat mit "Andernorts" den lustigsten deutschsprachigen Roman dieses Herbstes geschrieben
Es gibt Romane, in denen Realität und Fiktion so perfekt miteinander verwoben sind, dass man an die erfundene Welt ohne weiteres zu glauben beginnt. Alles, was in ihr geschieht, hält man plötzlich für möglich. Die unwahrscheinlichsten Dinge erscheinen einem völlig plausibel. Selbst über erstaunliche oder ganz und gar absurde Figuren wundert man sich nicht, sondern begegnet ihnen mit der größten Selbstverständlichkeit. Der österreichische Schriftsteller Doron Rabinovici hat so einen Roman geschrieben. "Andernorts" heißt er. Er spielt zwischen Wien und Tel Aviv und ist, in seiner Mischung aus Sprachwitz, Intelligenz und Übertreibung, der mit Abstand lustigste Roman dieses Herbstes - was nicht heißt, dass in ihm nicht trotzdem alles auch sehr ernst gemeint wäre.
Die unglaublichste und zugleich seltsam glaubwürdige Figur in diesem Roman heißt Rabbi Berkowitsch, eine geistige Autorität in Israel, ein ultraorthodoxer …
Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension
Bestnoten vergibt Rezensent Helmut Böttiger an diesen Roman über jüdische Selbstwahrnehmung, der ihm einige ungewöhnliche Einsichten vermittelte: in das Überleben nach der Shoah, österreichische Erinnerungskultur, aber auch handfeste akademische Probleme. Die Hauptfigur Ethan Rosen ist ein österreichisch-jüdischer Intellektueller, der in Wien ebenso zu Hause ist wie in Tel Aviv, wo seine Familie lebt. Der Tod eines väterlichen Freundes und Politikers löst eine Art Identitätskrise bei Rosen aus: Er streitet sich mit einem Gegenspieler, der sich auf die selbe Professur wie Rosen bewirbt, in Nachrufen um die Einschätzung des Verstorbenen. Dieser Gegenspieler ist nicht nur findig, sondern mit den Intrigen des akademischen Betriebes auch viel vertrauter als Rosen. Böttiger beeindruckt die "Verzweiflungskomik", mit der Rabinovici hier das Modell einer modernen europäischen jüdischen Existenz zeichnet. Und er hat besser verstanden als aus allen Sonntagsreden, was das ist: eine "Familie nach Auschwitz".
© Perlentaucher Medien GmbH
 | Besprechung von 07.02.2012 |
Total
meschugge
Schon auf dem Flug von Tel Aviv nach Wien beginnt für den
österreichisch-israelischen Kulturwissenschaftler Ethan der
Schlamassel. Während sein Nachbar zur Rechten im Gebet vor und
zurück schaukelt, „als gehöre er einer Hardrockband an“, frühstückt
zur Linken eine Oma Medikamente. „Ob sie an einer Krankheit leide?“
„Nein. An mehreren.“ Als ihn dann die schöne Noa anspricht,
verleugnet er sich, gibt sich als Johann Rossauer aus. Doron
Rabinovici erzählt in „Andernorts“ von der schwierigen Suche nach
Herkunft, Identität, Heimat, aberwitzig und ernst zugleich. Ethan
schickt er in den Clinch mit dem Kollegen Klausinger, mit dem er
letztlich mehr gemeinsam hat, als ihm lieb ist. Unterdessen
benötigt der Vater eine neue Niere, und ein Ultraorthodoxer
verfolgt wirre Pläne: „Rabbi, sind Sie total meschugge? Sie wollen
den Messias klonen?“
Florian Welle
Doron
Rabinovici:
Andernorts. Roman.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012.
286 Seiten,
9,99 Euro.
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»Doron Rabinovicis Roman handelt bitterernste Fragen mit einem kräftigen Schuss überdrehten Humors ab. Das liest sich flott und unterhaltsam und macht - so wohlkonstruiert der Roman auch sein mag - einen wohltuend unangestrengten Eindruck.«
" Andernorts ist das humorvollste, das der Autor bisher geschrieben hat. Rabinovici entwirft eine österreichisch-israelische Familiengeschichte, mit einem Personal, das man sich durchaus in einem Hollywood-Film vorstellen könnte."
Klaus Kastgerber Frankfurter Allgemeine Zeitung
" Andernorts ist das humorvollste, das der Autor bisher geschrieben hat. Rabinovici entwirft eine österreichisch-israelische Familiengeschichte, mit einem Personal, das man sich durchaus in einem Hollywood-Film vorstellen könnte."
Klaus Kastgerber Frankfurter Allgemeine Zeitung
Gegenleben
Doron Rabinovicis Roman „Andernorts“ ist ein cleveres
Wechselspiel zwischen einem jüdischen Ich und Nicht-Ich
Sitzen ein israelischer Intellektueller und ein Orthodoxer im Flugzeug von Tel Aviv nach Wien. Der Orthodoxe steht auf, legt die Gebetsriemen um und fängt wild an zu wippen. Der Intellektuelle ist genervt, es kommt zum Streit. Ob er denn schon gebetet habe, und überhaupt, ob er denn kein Jude sei, fragt der Orthodoxe. Er sei genauso jüdisch, schnappt der Intellektuelle zurück, aber er stehe nicht auf Leder.
Das ist ein hübscher Schenkelklopfer, und in Doron Rabinovicis Roman „Andernorts“ kommt er wiederholt zum Einsatz. Nach einer peinlichen Verwechslung im Flugzeug kann ausgerechnet der wippende Chassid den Intellektuellen identifizieren: Der, der nicht auf Leder steht, heißt Ethan Rosen und ist Soziologe, ein Zugehörigkeitsverweigerer und Spezialist für brüchige Identitäten. Einer, der immer da ist, wo er nicht sein will, und sich dorthin zurücksehnt, wo er sich gerade losgerissen hat, „Andernorts“ eben. Der Lederwitz eröffnet das große Thema des Romans: Wer bestimmt, was jüdisch ist und was nicht, was als berechtigte Kritik gilt und was als antisemitisch? Auf einem anderen Flug hätte er den Orthodoxen gegen jeden scheelen Blick verteidigt, überlegt Ethan.
Abstammung, Biologie, Herkunft – das sind die Ekelpakete, die Kulturwissenschaftler wie Ethan zertrümmern wollen. Gleichzeitig müssen Wurzeln bis aufs Blut verteidigt werden, wenn „der Andere“ wegen seiner Abstammung ausgeschlossen wird – oder wenn der Kulturrelativismus in Geschichtsrelativismus umzuschlagen droht. Diesen Spagat setzt Doron Rabinovici mit einem durchaus cleveren Wechselspiel in Szene: Ethan hat einen nichtjüdischen Doppelgänger namens Rudi Klausinger, der auch sein Gegenspieler ist. Dieser Rudi schreibt einen vergifteten Nachruf auf Dov Zedek, einen Holocaust-Überlebenden und väterlichen Freund Ethans. Die Auschwitzfahrten mit Jugendlichen, die Dov Zedek zeit seines Lebens organisiert hatte, seien auch in Israel umstritten gewesen, heißt es bei Rudi. Ethan veröffentlicht eine wütende Antwort – nur hat er leider vergessen, dass er selbst in Israel gegen diese Gedenkfahrten angeschrieben hatte. Der Kontext macht’s, schiebt der Erzähler nach.
Derweil scheint sich Rudi mit immer perfideren Mitteln in Ethans Leben einzuzecken. Er bewirbt sich auf die Professur, die Ethan auf den Leib geschneidert wurde, und behauptet, er habe endlich seinen jüdischen Vater gefunden. Als Ethan am Bett seines nierenkranken Vaters in Tel Aviv eintrifft, wartet dort schon grinsend: Rudi. Ab hier gewinnt der Roman deutlich an Fahrt, denn Rabinovici fügt dem grotesken Abstammungs-Match einen ultraorthodoxen Rabbi hinzu, der den Messias aus den Genen von Holocaust-Überlebenden züchten will. „Rabbi, sind Sie total meschugge? Sie wollen den Messias klonen? Wie Dolly, das Schaf?“, fragt Ethan, als der ihm eine Niere für den Vater im Tausch gegen eine Samenspende anbietet.
Doron Rabinovici, Jahrgang 1961, ist wie sein Protagonist in Tel Aviv geboren und in Wien aufgewachsen. Als Historiker hat er eine Studie über den Wiener Judenrat veröffentlicht, seine zeitkritisch-politischen Essays drehen sich um die Fragen, die sich auch Ethan Rosen stellt. 2004 erschien sein Roman „Ohnehin“, eine ins Satirische lappende Wien-Geschichte über einen Nervenarzt, einen SS-Mann, dessen Kinder und die Tücken der Erinnerung. Rabinovici hat auch über den Freudschen Witz und seine Beziehung zum Unbewussten geschrieben, und das merkt man seinen Texten an. Sie sind von einem Strom an Szenen durchzogen, der oft etwas Filmisches und weniger Literarisches an sich hat.
„Andernorts“ ist, ähnlich wie „Ohnehin“, eine Mischung aus zeitkritischer Erinnerungsdebatte, Familienfreakshow und der Frage, was Identitäten eigentlich sind. Und diese Mischung gelingt immer dann, wenn das Charakterporträt des Zugehörigkeitsverweigerers Ethan im Zentrum steht. Der gäbe tatsächlich eine passable Woody-Allen-Figur ab, denn er ist „ein umgekehrtes Chamäleon“, das sich immer extrem von seiner Umgebung abheben muss – das genaue Gegenteil von Allens „Zelig“, dem Prototyp aller wahnwitzigen Anpasser. Den Vogel schießt die Mutter ab, die ihren Sohn einen „Herrn Klug“ nennt, der in Jerusalem über „Palästinenser in der Literatur“ spricht und in Bulgarien über die Situation der Roma. Die verdienstvollen Anstrengungen dieses Professors, seine zerquälte, eher angstgesteuerte als neugierige Psychostruktur, sind gut getroffen. Und auch die Geschichte rund um den brüderlichen Wechselbalg und den fanatischen Genetik-Rabbiner hat ihren Reiz.
Aber der Roman ist stilistisch nie auf der Höhe seiner irrlichternden Einfälle. Die langen Passagen in indirekter Rede und die Dialoge wirken holprig; einfache Verben werden durch vermeintlich gewähltere ersetzt: Jemand „betreibt“ Nordic Walking, eine Telefonnummer „lautet“ und ein Lachen „zerrinnt“. Die lexikalischen „Meschugge“- und „Mischpoche“-Einsprengsel reichen gefährlich nah an die Folkloregrenze heran, und die betont nachdenklichen Abschnitte kippen ins Klischee: „Die Welt war voll mit Menschen, die Juden, Orientalen oder Südseeinsulaner sein wollten und sich und ihr Zuhause exotisch ausstaffierten. (. . .) Sie tanzten Flamenco, weil ihnen ihr Heim nur noch spanisch vorkam.“ Jerusalem ist „die Stadt der Heiligkeit und Metropole der Eiligkeit, das Fundament aller Fundamentalisten“. Heilig, eilig – solche eher schlichten Wortspiele passen einfach nicht zu intelligenten Identitätsforschern.
Und was ist davon zu halten, dass der Erzähler die Freundin des Protagonisten völlig unironisch „nach dunklem Harz“ riechen lässt? Das klingt viel zu erdig für einen Roman, der ansonsten so darauf bedacht ist, sämtliche Ganzheitsmythen zu zertrümmern. Das vielversprechend Bizarre und Zelighafte liegt bei „Andernorts“ im Dauerclinch mit der konventionellen Familiengeschichte, die letztlich die Oberhand behält. Es geht nicht um Vererbung im biologischen Sinne, wird am Ende nochmal erklärt. Da wünscht man sich sofort den exzentrischen Rabbi Berkowitsch zurück, denn der verspricht das literarisch interessantere Programm. Sein Klonmessias hätte den gepflegt zerrissenen Herrn Klug vielleicht in surreale Sphären katapultieren können. JUTTA PERSON
DORON RABINOVICI: Andernorts. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 285 Seiten, 19,90 Euro.
Stilistisch ist Rabinovici
nie auf der Höhe seiner
irrlichternd bizarren Figuren
Rabinovici, 1961 in Tel Aviv geboren, lebt in Wien. Foto: Susanne Schleyer
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»Andernorts ist das humorvollste, das der Autor bisher geschrieben hat. Rabinovici
entwirft eine österreichisch-israelische Familiengeschichte, mit einem Personal, das man sich durchaus in einem Hollywood-Film vorstellen könnte.«
Doron Rabinovici, 1961 in Tel Aviv geboren, lebt seit 1964 in Wien. Als Schriftsteller, Essayist und Historiker ist er Autor zahlreicher Bücher. Doron Rabinovici ist Träger verschiedener Auszeichnungen, u. a. Preis der Stadt Wien für Publizistik (2000), Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg (2002) Jean-Améry-Preis (2002) und Anton Wildgans-Preis (2011)