Leseprobe zu "Keltengrab / Illaun Bowe Bd.1" von Patrick Dunne
16. Dezember
Ihr Körper sah aus wie erstarrter Asphalt, und ich nahm an, er würde sich ebenso hart anfühlen. Doch als ich ihre Hand ergriff, war die Haut wie feuchtes Leder, voll gesogen und weich, so wie meine Handschuhe immer wurden, wenn ich als Kind Schneebälle geworfen hatte. Und genau in diesem Augenblick begann Schnee, fein wie Mehl, vom Himmel zu rieseln und sprenkelte die schwarze Erde und die Frau, die zusammengepresst darin lag.
Seamus Crean, der Baggerführer, der sie gefunden hatte, saß über mir in seinem Führerhaus, nachdem er die Schaufel so geneigt hatte, dass ich den längs in ihr liegenden Körper besser betrachten konnte.
Eine Stunde zuvor war Crean dabei gewesen, einen Graben zu verbreitern, der entlang einer sumpfigen Wiese verlief, als er etwas aushob, das er für den knorrigen Ast einer Mooreiche hielt, der im Torf feststeckte. Er stieg von seinem Gefährt, um nachzusehen, und stellte zu seinem Entsetzen fest, dass er die geschwärzten Überreste eines Menschen ausgegraben hatte.
Und da war noch etwas gewesen. Crean zufolge hatte es sich unter der freiliegenden Hand des Kadavers befunden, teilweise in einem Torfbrocken verborgen, den die Schaufelzähne vom größeren Teil des Aushubs abgetrennt hatten. Er beschrieb es mir als Holzschnitzerei oder vielleicht eine Puppe, und es war in den Graben gefallen, als er versuchte, es aufzuheben.
Die Wiese lag am Fluss Boyne, gegenüber von Newgrange, einem von mehreren Ganggräbern in der fünftausend Jahre alten Nekropolis Bruna Boinne, einem Weltkulturerbe. Eine Moorleiche, die am gegenüberliegenden Ufer auftauchte, konnte deshalb von erheblicher archäologischer Bedeutung sein.
Als Crean das Besucherzentrum benachrichtigte, war er sich absolut sicher gewesen, dass es sich um eine weibliche Leiche handelte. Ich sah jetzt, weshalb. Zwar steckte sie von den Füßen über die Rippen bis zum Schädel wie eine dünne Sandwichfüllung zwischen zwei Lagen aus feuchtem Torf, der rechte Arm samt Schulter ragte jedoch aus dem Morast, vollständig und vollkommen erhalten, von den Windungen der Fingerspitzen bis zu den feinen Haaren auf der Haut, von den Sehnen- und Muskelsträngen in ihrem Unterarm bis zur glatten Mulde ihrer Achselhöhle über der leer gepressten Brust.
Außer kleinen Knochenfragmenten hatte man von den jungsteinzeitlichen Erbauern der Boyne-Gräber nie etwas gefunden, deshalb begeisterte mich die - zugegebenermaßen geringe - Möglichkeit, dass die Frauenleiche eventuell aus dieser weit zurückliegenden Zeit stammte. Sie konnte nicht nur dringend nötige Aufklärung darüber liefern, wer diese Leute gewesen waren, sondern auch, welche Absichten sie verfolgt hatten.
Und seien wir ehrlich, nichts lieben Archäologen mehr, als wenn sie konservierte Menschen finden, egal ob diese in Wüsten luftgetrocknet, in Salzminen gepökelt, auf Bergspitzen tiefgefroren oder in Sümpfen eingelegt worden waren. Die Beigaben, die mit den mumifizierten Toten begraben wurden - Schmuck, Tonwaren, Kleidung -, sie sind natürlich wichtig. Aber was wir im Innern der Mumien finden - ihre intakten Skelette und Organe -, das erst führt uns wirklich in ihre Zeit zurück und erlaubt uns, genau zu beschreiben, was beim letzten Mahl eines Bauern auf dem Speisezettel gestanden hatte; es lässt uns feststellen, ob die Gelenke eines Mönches wegen Arthritis gescheuert hatten, oder die Spuren der Parasiten verfolgen, die an der Leber eines Pharaos genagt hatten.
Doch sobald ich die Moorfrau in ihrem klammen Sarkophag sah, wich meine berufliche Begeisterung einem leichten Anflug von Mitgefühl für sie und ihr herzloses Schicksal. Nicht genug damit, in ein wässriges Grab gesunken - möglicherweise ertrunken - zu sein, war sie im Lauf der Zeit auch noch in ein ledernes Fossil verwandelt worden, das man nun aus der Erde gerissen hatte und bald zur Schau stellen würde, damit wildfremde Leute es begaffen konnten. Und deshalb wollte ich ihr mit ein wenig Anstand begegnen und dachte, es sei ein guter Anfang, ihre Hand zu berühren, sie sogar leicht zu drücken.
Meine nächste Sorge galt dem Gegenstand, der mit der Frau begraben worden war. Ich machte Crean ein Zeichen. Er stellte den Motor seines Baggers ab und kletterte mühsam vom Führerhaus herunter. Der Radbagger thronte auf einem Damm, der entlang des Abflussgrabens zum Flussufer verlief und die Sumpfwiese von einer benachbarten Weide trennte. In deren Mitte drängten sich einige friesische Rinder unter einem kahlen Baum, eingehüllt in eine Wolke ihres eigenen Atems. Es schneite nun heftiger, und das Nachmittagslicht begann rasch zu schwinden. Es war an der Zeit, die Leiche unter ein schützendes Dach zu schaffen. Ich konnte mich aber darauf verlassen, dass sich das forensische Team der Garda darum kümmern würde, das jede Minute eintreffen musste.
Crean hatte seine Arbeit am Morgen mit der Rodung einer Erlenhecke begonnen, um so die gegenüberliegende Seite des Grabens zu erreichen. Dort, wo er die Büsche herausgerissen hatte, befand sich nun ein unebener Sims, etwa einen Meter vom oberen Rand entfernt und noch einmal so hoch über dem Grund des Grabens. Als Crean sich näherte, rutschte ich den Graben hinab auf den Sims und von dort weiter bis ins Wasser, das halb bis zu meinen Gummistiefeln hinaufstieg. "Wo genau ist es hingefallen, Seamus? Das Ding, das sie gehalten hat." Ich schaute auf die andere Grabenseite hinüber, aus der er den Körper gebaggert hatte, und sah von hier aus, wie viel Material ausgehoben worden war. Weit mehr als nötig, um einen Graben zu verbreitern. Aber wahrscheinlich fing ich schon an, mir Sorgen über den Erhalt der Fundstätte zu machen.
"Ich weiß nicht, ob sie es gehalten hat, Misses", sagte er, als ich mich wieder umdrehte. "Es war mehr, als hätte sie die Hand danach ausgestreckt." Crean stand auf dem Damm über mir und zündete sich nervös eine Zigarette an, der Reißverschluss seiner rot-schwarz karierten Wolljacke war trotz der Kälte offen. Die Rötung seiner Wangen, die ich ursprünglich der rauen Witterung zugeschrieben hatte, war tatsächlich seine natürliche, lebhafte Gesichtsfarbe. Mir wurde außerdem bewusst, dass ich seit meinem Eintreffen freimütig seinen Namen benutzte, während er keine Ahnung hatte, wer ich war.
"Entschuldigen Sie, Seamus, ich habe mich gar nicht vorgestellt. Ich bin Illaun Bowe."
Er sah mich ausdruckslos an.
"Ich bin Archäologin. Nachdem Sie das Besucherzentrum verständigt haben, wurde ich hierher gerufen, damit ich den Fund begutachte."
"Hallo, Misses Bowe."
Misses?
Creans Anrede bedeutete, dass ich älter war als er, obwohl ich ihn auf Mitte dreißig geschätzt hätte, mein eigenes Alter. Übergewichtig und langsam in seinen Bewegungen, erweckte er den Eindruck, als sei er auch im Denken nicht der Schnellste, doch es beeindruckte mich, dass er nach der Entdeckung der Leiche die Arbeit eingestellt, das Besucherzentrum von Newgrange auf seinem Handy angerufen und den Kipplaster weggeschickt hatte, den er seit dem Morgen belud.
"Also, Seamus, wo ist es gelandet?"
"Dort", sagte er, ging unter pfeifendem Schnauben in die Hocke und deutete.
Ich sah nicht, worauf er deutete. Verdammt, warum kommt er nicht einfach runter und zeigt es mir?
Dann wurde mir klar, dass er sich fürchtete.
"Es ist da, gleich neben Ihnen ... auf halber Höhe."
Ich beugte mich vor, um einen Klumpen Erde zu betrachten, der an der Kante des freigebaggerten Simses hing. In dem Klumpen konnte ich etwas ausmachen, das der bauchigen Form eines Lederbeutels ähnelte. Ich dachte an einen Weinschlauch, denn es wölbte sich an einem Ende und warf am anderen Falten, da, wo man ihn normalerweise zunähte. Genau wie die Leiche hatte es die Gerbsäure im Torf aufgenommen, sah aber weniger teerartig aus. Wie konnte Crean das Ding mit einer Puppe verwechselt haben?
Ich blickte kurz nach oben, aber er war nicht mehr zu sehen. Die Baggerschaufel reichte ein Stück in mein Blickfeld, und die Hand der Frau ragte als Silhouette vor dem aschgrauen Himmel heraus und zeigte nach unten, als wollte sie mich an die richtige Stelle führen. Ich blinzelte, da sich Schneeflocken in meinen Wimpern verfingen, dann wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Behälter zu.
Ich beugte mich tiefer hinab, um ihn zu untersuchen, als mich irgendetwas, vermutlich ein schwacher Verwesungsgeruch, erkennen ließ, dass ich die Überreste eines Tiers vor mir hatte.
Und doch nicht ganz ein Tier, nicht vollständig ausgebildet, es sei denn - ich trat rasch einen Schritt zurück, und das, was ich sah, zwang mich zu einer absurden Schlussfolgerung: Das hier war ein zusammengerollter Kokon, und die Falten, von denen ich gedacht hatte, sie seien durch Zusammennähen aufgeworfen worden, waren eine Vielzahl von Puppengliedern.
Die Vorstellung, eine riesige Made in einer Lederhülle könnte über Jahre hinweg im Moor herangewachsen sein, war lächerlich, und doch erfüllte mich jener besondere Ekel, der unsere Begegnungen mit aufgedunsenen Larven begleitet. Und die Frage, die mir laut durch den Kopf hallte, war: Wovon hatte sie sich ernährt?
Ich kam nicht dazu, die nahe liegende Antwort zu formulieren, denn ich musste die Böschung unmerklich erschüttert haben, als ich zurückzuckte, genug, damit der Beutel sich von der Erde löste, die an ihm gehaftet hatte, und in den Graben hinabrollte. Instinktiv hob ich den Fuß, damit er nicht ins Wasser fiel.
Ich dachte, er würde beim Aufprall aufplatzen, aber er plumpste mit einem dumpfen Geräusch an die Innenseite meines Stiefels, und ich zwängte ihn gegen die Böschung. Ich entdeckte nun einen tiefen Riss auf jener Seite, die vorher nicht zu sehen gewesen war. Offenbar hatte ein Zahn der Baggerschaufel den Riss verursacht, und er legte eine Substanz mit der Farbe und Konsistenz von Räucherkäse frei.
Dann nahm ich zu meinem Schrecken Bewegung an meinem Bein wahr und musste hilflos mit ansehen, wie das knollenförmige Ende der Kreatur nach hinten sackte. Und nun starrte ich auf etwas hinab, das ein geschrumpftes Menschengesicht hätte sein können, wäre nicht das fleischige Horn gewesen, das mitten aus der Stirn ragte, und darunter, unter einem Verschluss aus gelatineartiger Substanz, zwei Augen, die aus einer einzigen Höhle blickten.
Ich schaute nach oben, um festzustellen, wohin Crean verschwunden war, aber alles, was ich vom Boden des Grabens aus sah, waren die Hydraulikarme des Baggers und dahinter die weiß überzuckerten Äste von Bäumen, die sich vor einer zinnfarbenen Wolke ausbreiteten wie Bronchien in einer Röntgenaufnahme der Brust.
Aus einer Seitentasche meines Parkas zog ich einen Latexhandschuh, den ich abgestreift hatte, bevor ich die Hand der toten Frau berührte.
"Seamus!", rief ich, und zog den Handschuh mit einiger Mühe wieder an; meine Finger wurden allmählich steif von der Kälte. "Ich brauche Sie hier unten." Ich würde das Geschöpf auf die Böschung hinaufheben müssen, ehe es an meinem Stiefel entlang ins Wasser rutschte.
Ein pfeifendes Husten ließ mich wieder nach oben blicken, und da stand Crean mit einem Spaten in der Hand. "Den hatte ich beim Tor stehen lassen", sagte er, ging in die Hocke und streckte mir das Gerät entgegen. Ich holte tief Luft, packte das Ding und legte es auf den Spaten. Ich schätzte sein Gewicht auf rund zwei Kilo, und es fühlte sich fest an zwischen meinen Händen.
Crean hob den Spaten ächzend an und hielt ihn so weit von sich weg, wie er nur konnte. "Was mach ich jetzt damit?"
"Legen Sie es in die Schaufel zu der Leiche, neben die Messlatte, damit ich ein Foto machen kann." Ich begann, mich aus dem Graben zu ziehen.
"Was, glauben Sie, ist das?"
"Sie sagten, es ist unter ihr herausgefallen?"
"Ja. Aber was zum Teufel ist es?"
Du hast eine wunderbare Fantasie, Illaun. Aber halte sie im Zaum. Wie ein Mantra hatte mich dieser Spruch von der Vorschule bis zur Doktorarbeit verfolgt.
"Ich weiß nicht ... Eine Katze oder ein Hund vielleicht." Ich wollte ihm nicht noch mehr Angst machen. Und damit meine wunderbare Fantasie nicht mit mir durchging, hatte ich mich auf die Meinung festgelegt, es müsse sich um eine Art Tier handeln.
Crean schippte es geschickt auf die Torfscheibe neben eine rot-weiße Messlatte, die ich ungefähr parallel zum Körper der Frau gelegt hatte. Ich holte meine Digitalkamera heraus und machte ein paar Blitzaufnahmen, und als hätte ich eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, durchschnitt ein zweites Licht den Schneefall, und seine schnellen Drehungen ließen die Flocken wie blaue Funken kreiseln. Ein Streifenwagen der Garda hielt am Tor, gefolgt von einem schwarzen Range Rover und einem weißen Kombi mit der Aufschrift TECHNISCHER DIENST. Zwei Polizisten in gelben Jacken kamen den Fußweg herab, gefolgt von einem Mann im grünen Dufflecoat und einer Anglermütze aus Tweed. Das war Malcolm Sherry, einer der drei staatlich zugelassenen Pathologen. Obwohl erst Ende dreißig, gab er sich in Auftreten und Aussehen gern wie ein Landarzt aus einer vergangenen Epoche. Die Ironie dabei war, dass ihn sein jungenhaft gutes Aussehen - runde Teddybäraugen, ein schlankes Kinn und lockiges Haar - fortwährend zu skeptischen Reaktionen, zu Widerspruch sogar, von Polizei und Rechtsexperten verurteilte, die bezweifelten, dass ein so offenkundig junger Mensch dazu in der Lage war, verlässlich die Toten zu deuten.
Was allerdings mich betraf, war mir der Anblick Sherrys willkommen. Ich hatte schon früher mit ihm zu tun gehabt und wusste, dass er die Bedeutung menschlicher Knochenfunde für die Archäologie richtig einschätzte.
Am Heck des Kombis sah ich drei weitere Personen, zwei Männer und eine Frau, die sich weiße Schutzanzüge aus Kunststoff anzogen.
Ich ging Sherry entgegen, um ihn zu begrüßen.
"Ah, Illaun, Sie persönlich?" Schwang da eine leichte Herablassung in seiner Stimme mit? Wahrscheinlich nicht. Seine rustikale Sprechweise stand im Einklang mit seinem Erscheinungsbild. "Womit, glauben Sie, haben wir es zu tun, mit einem unserer Urvorfahren?"
"Ich glaube, ja. Unglücklicherweise befindet sie sich nicht mehr in situ, aber sie lag unter schätzungsweise zwei Meter Morast. Das deutet auf ein ziemliches Alter hin. Und sie ist auch nicht allein."
"Ach ja? Von zwei Toten hat mir niemand was gesagt."
"Ich weiß nicht genau, was das andere ist. Sieht aus wie irgendein Tier."
Sherry runzelte fragend die Stirn. "Eine Frau, die ihren Köter retten will und in ein Moorloch fällt?"
"Ein sechsbeiniger Hund? Wohl kaum."
Sherry schaute noch zweifelnder.
Auf dem Weg zum Bagger beschrieb ich, was gerade in dem Graben passiert war. "... und das ist Seamus Crean, der Mann, der die Leiche entdeckt hat."
"Gut gemacht, Seamus, Sie haben richtig gehandelt. Jetzt wollen wir mal sehen."
"Es ist im Frontlader."
Sherry ging nach vorn zu der breiteren Schaufel, dann warf er einen Blick zum Himmel. "Es ist schon sehr düster, Seamus. Und es wird eine Weile dauern, bis wir die Scheinwerfer aufgebaut haben. Könnten Sie mir diese Lampe auf dem Führerhaus nach hier unten ausrichten?"
Crean kletterte folgsam auf die Maschine.
Ein Reifenquietschen draußen auf der Straße ließ uns alle den Blick wenden. Ein silberner S-Klasse-Mercedes war in den Torweg eingebogen und steuerte auf uns zu.
Crean rief eine Warnung. "Das ist Mister Traynor, Sie sollten lieber ..."
Er wurde übertönt von dem Wagen, der schlitternd zum Stehen kam und Kies verspritzte. Heraus sprang ein Mann mit dunklem, aber schon schütterem Haar, er trug einen schweren blauen Mantel, ein lavendelfarbenes Hemd und eine silberne Krawatte. Sein feistes Gesicht mit den schwarzen Bartstoppeln erinnerte im Farbton an sein Hemd, der Mund war vor Zorn nur ein schmaler Strich. "Sie halten sich unbefugt auf meinem Besitz auf. Ich möchte, dass Sie verschwinden - auf der Stelle!"
Einer der Polizisten, der die Streifen eines Sergeants trug, trat vor. "Immer mit der Ruhe, Frank. Wir untersuchen einen Leichenfund."
"Das sind bestimmt nur uralte Überreste. Ich will, dass sie weggeschafft und woanders untersucht werden. Du wirst doch so freundlich sein, oder, Brendan?"
"Ja sicher, natürlich. Wir müssen nur das übliche Verfahren abspulen, dann sind wir dir nicht mehr im Weg - nicht wahr, Dr. Sherry?" Der Sergeant war für meinen Geschmack viel zu nachgiebig.
Sherry, der gerade einen Blick in die Baggerschaufel geworfen hatte, trat in die Runde. "Was sagten Sie, Sergeant?"
"Ich sagte gerade zu Frank ..."
Traynor baute sich vor Sherry auf. "Dass Sie sofort von meinem Grund und Boden verschwinden."
Die drei Männer standen dicht um mich herum. Nicht zum ersten Mal in meinem Leben unterhielten sich Leute, die größer als ich waren, buchstäblich über meinen Kopf hinweg. Ich nahm den starken Geruch eines Aftershaves wahr.
"Stopp!", sagte ich laut genug, dass sie zuhörten. "Dr. Sherry und ich führen hier im staatlichen Auftrag bestimmte Verfahren durch, und zwar ungestört - so ist die Rechtslage." Dessen war ich mir zwar keineswegs sicher, aber ich dachte, es könnte für den Augenblick genügen. Ich nickte dem Pathologen zu, den Stab aufzunehmen. Er besaß in dieser Situation mehr Autorität.
"Dr. Bowe hat völlig Recht, Mr. ...?"
"Traynor. Frank Traynor." Er musterte Sherry von oben bis unten mit unverhohlener Verachtung. "Ich wusste gar nicht, dass die Angelsaison schon angefangen hat."
"Ich bin Malcolm Sherry, staatlich bestellter Pathologe. Und Sie sind der Eigentümer der Wiese, wie ich höre?"
"Sie haben richtig gehört." Traynor war drauf und dran, ihn nachzuäffen.
"Dann passen Sie jetzt mal auf. Wir wissen nichts über die gefundene Leiche. Aus diesem Grund bin ich hier, insbesondere, um festzustellen, ob ein Verbrechen begangen wurde." Er blickte Traynor ernst an, als wollte er andeuten, es könnte ihn irgendwie verdächtig machen, wenn er Einwände erhob. "Bis auf weiteres ist diese Wiese für die Öffentlichkeit gesperrt - das gilt auch für Sie." Er sah hinauf zu dem Kombi des Technischen Dienstes. "Schafft ein paar Absperrgitter runter", bellte er. "Das Gelände hier muss gesichert werden."
Traynor sah verblüfft aus. Dass ihm diese Person in ihrem lächerlichen Aufzug Vorschriften machte, schien ihm offenbar unbegreiflich. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber es kam nichts heraus. Dann, wie es tyrannische Typen oft tun, wenn sie Widerstand erfahren, schaltete er auf Einschmeicheln um. "Natürlich müssen Sie Ihre Arbeit tun, Dr. Sherry, das verstehe ich sehr wohl. Haben Sie schon eine Vorstellung, wann Sie die Leiche wegbringen lassen?"Sherry warf mir einen Blick zu. Er wusste, ich würde das Gebiet gern für eine gründliche Erforschung abgesperrt haben, falls sich der Fund als altertümlich herausstellte.