Gescheckte Menschen - Hamilton, Hugo

Hugo Hamilton 

Gescheckte Menschen

Ausgezeichnet mit dem Prix Femina für ausländische Literatur 2004

Aus d. Engl. v. Henning Ahrens
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Produktbeschreibung zu Gescheckte Menschen

Der irische Erzähler Hugo Hamilton erinnert sich an seine ungewöhnliche Kindheit.

Als Sohn eines irischen Vaters und einer deutschen Mutter beseelte ihn ein Kinderleben lang nur ein Wunsch: endlich irgendwo hinzugehören. Nach Frank McCourts Weltbestseller Die Asche meiner Mutter wieder ein lebenskluges Erinnerungsbuch aus Irland.
Hugo lebt in einem Land, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist. Der kleine Junge wurde in Irland geboren und wächst in Dublin auf, er geht jeden Abend in Deutschland zu Bett und steht am Morgen in Deutschland wieder auf. Er und sein Bruder tragen Lederhosen aus Bayern und Aran-Pullis aus Connemara, und sie sprechen kein Englisch, dafür aber Deutsch und Gälisch, was niemand in ihrer Straße versteht. Denn Hugo und seine Geschwister sind braec gescheckt, eine Mischung verschiedener Elemente, die zu einem neuen Ganzen zusammengefügt wurden.
Die Mutter ist aus dem kriegszerstörten Deutschland geflohen, der Vater will mit seiner Familie ein Bollwerk gegen alles Englische errichten. Es ist ein Traum, den er alleine träumt. Hugo registriert den hilflosen Nationalismus des Vaters und die Trauer der Mutter. Er sieht ihre Tränen und lässt sich doch von ihren sanften Trostgeschichten verzaubern. Aber wo genau ist sein Platz in dieser Welt? Was genau ist Heimat?
Ein faszinierendes Buch, das hinter jedem Wort das Schweigen, hinter der Liebe die Einsamkeit und hinter jedem Witz die Trauer spüren lässt. Kongenial übersetzt von Henning Ahrens.



Produktinformation


  • Verlag: KNAUS
  • 2004
  • Ausstattung/Bilder: 2004. 316 S.
  • Seitenzahl: 316
  • Deutsch
  • Abmessung: 22 cm
  • Gewicht: 536g
  • ISBN-13: 9783813502299
  • ISBN-10: 3813502295
  • Best.Nr.: 12431787
"Ein fantastisches Werk, nachdenklich und kraftvoll, klug und einzigartig, traumhaft schön geschrieben." (Nick Hornby)
"Das fesselndste Buch, das ich seit Jahren gelesen habe. Faszinierend, ergreifend und immer wieder ungeheuer komisch." (Roddy Doyle)
"Ein hinreißend schönes Buch, heiter und nachdenklich, sensibel und entschlossen, mit einem wunderbaren Sinn für Humor und einem Hauch von Tragik. Ich habe die Lektüre sehr genossen." (Bernhard Schlink)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 17.05.2004

Die Zunge ist ein empfindliches Organ
Der irische Schriftsteller Hugo Hamilton erzählt von seiner Kindheit im irisch-englisch-deutschen Bannkreis
Wie in älteren Kindheitsgeschichten gibt es auch in dieser, deren Schauplatz die späten Fünfziger und die Sechziger Jahre sind, ein Puppentheater. „Man steht hinter dem Puppentheater, die Puppe in der Hand, und kann nicht gesehen werden. Niemand weiß, dass man da ist. Dann zieht man an der Schnur, und der Vorhang geht auf, und man lässt die Puppe vor die Zuschauer treten. Man kann sagen, was man will. Man kann mit verstellter Stimme sprechen und sich alle möglichen Geschichten ausdenken. Man kann sich hinter der Geschichte verstecken, und das ist ein bisschen, als wäre man unter Wasser, denn alles, was man sagt, steigt als Blasen auf zur Oberfläche.”
In dem Stück, das die Kinder vor den eigens angereisten Onkeln und Tanten, den kleinen Geschwistern und den Enkeln aufführen, geht es um einen Hund, der keinen Namen hat und niemandem gehört und den ganzen Tag bellt, bis er heiser ist und keine Stimme mehr hat. Und es geht um einen Mann namens Arnulf, der allen anderen Puppen im Stück den Mund verbietet.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 27.05.2004

Deutsch schlafen, irisch träumen
Nebelland: Hugo Hamilton sucht seine Kindheit und stößt auf Joyce

Kindheitsgeschichten erzählen immer zweierlei. Zum einen erzählen sie von jener abgeschiedenen Erinnerungswelt, dem Heimatland der Phantasie, das wohl vertraut und doch zugleich verloren scheint. Zum anderen erzählen sie vom Hier und Jetzt, dem Standpunkt des gegenwärtigen Beobachters, der dies zu fassen und uns mitzuteilen sucht. Wer die Vergangenheit, der er erwachsen ist, zur literarischen Spurensuche ausschreibt, verfaßt stets seinen eigenen Steckbrief.

Denn Kindheitserinnerungen sind immer auch ein Spionagespiel. Wie zuletzt Michael Frayn in seinem subtilen Rätselroman über eine deutsch-englische Familiengeschichte gezeigt hat (F.A.Z. vom 14. Februar), bleibt alle Vergangenheitserkundung auf Mutmaßungen angewiesen, die letztlich den Erzähler selbst als einen Spion ausweisen. Dies gilt erst recht für Autobiographen. Als vorsätzliche Türsteher des eigenen Lebens verharren sie auf jener heiklen Schwelle, die das Ich vom Er scheidet und dabei vom Erinnern zum Erinnerten führen soll.

Mit "Gescheckte Menschen" begibt sich nun …

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Uwe Pralle ist von diesem autobiografischen Roman des irischen Autors Hugo Hamilton sehr beeindruckt. Hamilton erzählt dabei aus der Perspektive des Kindes von seiner Kindheit und Jugend, die durch die deutsche Mutter und den ultranationalistischen irischen Vater geprägt ist, fasst der Rezensent zusammen. In der Familie herrscht ein "Sprachkrieg", der es dem Jungen verbietet, Englisch - die Sprache der Eroberer - zu sprechen und der zu Hause nur Deutsch oder Gälisch sprechen darf, was aber im Dublin der Nachkriegszeit außerhalb des Familienkreises kaum einer versteht, erklärt Pralle den Grundkonflikt der Hauptfigur. Er sieht es als großes Verdienst Hamiltons, konsequent die kindliche Perspektive beizubehalten, ohne ins "Infantile" abzugleiten und findet, dass es dem Autor glänzend gelingt, in der "Komik des Familienlebens" auch die "Bitterkeiten" aufscheinen zu lassen. Sich nur auf den Blick des Kindes zu verlassen, um die schwierigen, dabei aber auch geborgenen Familienverhältnisse darzustellen, dazu braucht es großen "literarischen Mut", der dem Rezensenten Bewunderung abringt. Außerdem gefällt ihm, dass in dem Roman kein "literarischer Vatermord" stattfindet, wie er am Schluss seiner Kritik betont.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Ein fantastisches Werk, nachdenklich und kraftvoll, klug und einzigartig, traumhaft schön geschrieben."
Nick Hornby

"Das fesselndste Buch, das ich seit Jahren gelesen habe. Faszinierend, ergreifend und immer wieder ungeheuer komisch."
Roddy Doyle

"Ein hinreißend schönes Buch, heiter und nachdenklich, sensibel und entschlossen, mit einem wunderbaren Sinn für Humor und einem Hauch von Tragik. Ich habe die Lektüre sehr genossen."
Bernhard Schlink

"Das fesselndste Buch das ich seit Jahren gelesen habe. Faszinierend, ergreifend und immer wieder ungeheuer komisch."
Hugo Hamilton wurde 1953 als Sohn eines irischen Vaters und einer deutschen Mutter in Dublin geboren. Er arbeitete zunächst als Journalist, bevor er Kurzgeschichten und Romane veröffentlichte. Als DAAD-Stipendiat lebte und arbeitete er 2001/2002 ein Jahr lang in Berlin. Hugo Hamilton lebt mit seiner Familie in Dublin. 2004 erhält er in Paris den "Femina-Preis" für ausländische Literatur.

Leseprobe zu "Gescheckte Menschen" von Hugo Hamilton

1

Wenn du klein bist, weißt du nichts.

Als ich klein war, erwachte ich in Deutschland. Ich hörte die Glocken, rieb mir die Augen und sah, wie der Wind die Vorhänge bauschte. Ich stand auf, sah aus dem Fenster und erblickte Irland. Und nach dem Frühstück gingen wir alle aus der Haustür nach Irland und besuchten die Messe. Und nach der Messe gingen wir zum großen, grünen Park am Meer, weil ich Mutter und Vater zeigen wollte, dass ich auf einem Ball stehen und bis drei zählen konnte, bevor der Ball unter meinen Füßen wegflutschte. Ich lief ihm nach, aber die Sonne blendete mich, und ich stolperte über einen Mann, der auf dem Rücken und mit offenem Mund im Gras lag. Er richtete sich ruckartig auf und sagte: "What the Jaysus?" Er sagte mir, ich solle in Zukunft besser aufpassen. Also rappelte ich mich rasch auf und lief zurück zu Mutter und Vater. Ich erzählte ihnen, dass der Mann "Jaysus" gesagt hatte, aber beide wandten mir den Rücken zu und lachten das Meer an. Vater lachte und blinzelte hinter seiner Brille, und Mutter hielt eine Hand vor den Mund und lachte das Meer an, bis ihr die Tränen kamen, und ich dachte, vielleicht lacht sie gar nicht, vielleicht weint sie ja.

Woher sollst du wissen, was es bedeutet, wenn ihre Schultern beben, wenn sie rote Augen hat und kein Wort mehr hervorbringt? Woher sollst du wissen, ob sie froh oder traurig ist? Und woher sollst du wissen, ob sich Vater freut oder ob er sich immer noch über all das ärgert, was in Irland noch nicht geschafft ist. Du weißt, dass Meer und Himmel blau sind und dass sie sich irgendwo in weiter Ferne am Horizont treffen. Du siehst, dass die weißen Segelboote still im Wasser liegen, und du siehst Menschen mit Eiswaffeln in der Hand vorbeigehen. Du kannst einen Hund hören, der die Wellen anbellt. Du siehst, wie er am Ufer steht und bellt und nach der Gischt schnappt. Du merkst, wie lange es dauert, bis du sein Gebell hörst, so als käme es von ganz woanders und gehörte gar nicht mehr zu dem Hund. Man könnte glauben, dass er sich heiser gebellt und schließlich seine Stimme verloren hat.

Wenn du klein bist, weißt du nichts. Du weißt nicht, wo du bist oder wer du bist oder welche Fragen du stellen musst.

Dann taten Mutter und Vater eines Tages etwas Komisches. Zuerst schrieb Mutter einen Brief nach Deutschland und bat eine ihrer Schwestern, meinem Bruder und mir neue Hosen zu schicken. Sie wollte, dass wir etwas Deutsches trugen - Lederhosen. Als das Päckchen kam, konnten wir es kaum erwarten, sie anzuziehen, nach draußen zu gehen und die Gasse hinter den Häusern entlangzulaufen. Mutter traute ihren Augen nicht. Sie trat einen Schritt zurück, klatschte in die Hände und sagte, nun seien wir richtige Jungs. Ganz egal, ob wir auf Bäume oder Mauern kletterten, diese deutschen Lederhosen seien unverwüstlich, sagte sie. Und das stimmte. Aber mein Vater wollte, dass wir auch etwas Irisches trugen. Er lief sofort los und kaufte handgestrickte Aran-Pullover. Große, weiße Wollpullover mit Zopfmuster aus dem Westen Irlands, die ebenfalls unverwüstlich waren. Also liefen mein Bruder und ich mit Lederhosen und Aran-Pullovern nach draußen. Wir rochen nach grober Wolle und neuem Leder und waren oben irisch und unten deutsch. Wir waren unverwüstlich. Wir konnten Granitfelsen hinunterrutschen. Wir konnten auf Nägel fallen und auf Dornen sitzen. Nichts konnte uns pieksen, und wir liefen schneller die Gasse hinunter als je zuvor und streiften dabei schulterhohe Brennnesseln.

Wenn du klein bist, bist du wie ein weißes Blatt Papier. Vater schreibt seinen Namen auf Irisch, und Mutter schreibt ihren Namen auf Deutsch, und dann gibt es noch ein freies Kästchen für jene, die Englisch sprechen. Wir sind etwas Besonderes, weil wir Irisch und Deutsch sprechen, und wir mögen den Geruch der neuen Kleidung. Mutter sagt, das gebe ihr das Gefühl, wieder zu Hause zu sein, und Vater sagt, die Sprache sei das Zuhause, und die Heimat sei die Sprache, und die Sprache sei die Nationalflagge.

Aber eigentlich willst du nichts Besonderes sein. Dort draußen in Irland möchtest du sein wie alle anderen. Weder möchtest du jemand sein, der Irisch spricht, noch Deutscher, Kraut oder Nazi. Wenn wir einkaufen gehen, beschimpfen sie uns als die Nazi-Brüder. Sie behaupten, wir wären schuldig, und ich gehe nach Hause und sage Mutter, dass ich nichts getan habe. Aber sie schüttelt den Kopf und meint, das dürfe ich nicht sagen. Leugnen kann ich nichts, und ich kann mich nicht wehren und auch nicht behaupten, ich wäre unschuldig. Mutter sagt, wer gewinnt, ist egal. Stattdessen lehrt sie uns, nachzugeben und schweigend weiterzugehen, als wären wir taub und machten uns nichts aus den Rufen.

Wir haben Glück, noch am Leben zu sein, sagte sie. Der Ort, an dem wir leben, ist der beste auf der ganzen Welt. Hier gibt es keinen Krieg und nichts, wovor man Angst haben muss, und das Meer ist nicht weit, und in der Luft liegt der Geruch von Salz. Viele blaue Bänke gibt es, auf denen man sitzen und den Wellen zusehen kann, und viele Badestellen. Viele Kletterfelsen und Teiche zum Krabbenfischen. Läden, die Angelschnüre und Haken, Eimer und Plastiksonnenbrillen verkaufen. Wenn es heiß ist, gibt es Eiscreme, und in den Schaufenstern hat man Zeitungen ausgebreitet, damit die Schokolade nicht in der Sonne schmilzt. Und manchmal ist es so heiß, dass du meinst, eine Nadel in den Rücken zu bekommen, so heftig sticht die Sonne unter dem Pullover. Sie lässt den Teer auf der Straße Blasen werfen, die du mit dem Eisstiel zum Platzen bringen kannst. Wir leben in einem freien Land, sagt sie, in dem immer ein Wind weht und in dem man tief Luft holen kann. Fast könnte man meinen, ein Leben lang Ferien zu haben, denn vor den Häusern sieht man Segelboote, und in den Vorgärten wachsen Palmen. Dublin, die Palmenstadt, sagt sie, weil die Stadt wie das Paradies und das Meer immer nah ist und wie ein Spiegel blau-grünen Wassers auf dem Grund jeder Straße schimmert.

Aber das ändert nichts. Sieg Heil, rufen sie. Achtung. Schnell, schnell. Donner und Blitzen. Ich weiß, dass sie uns vor Gericht stellen werden. Auf die Seitenwand des Ladens und auf die Wände in den Gassen haben sie Parolen gepinselt. Sie werden uns irgendwann schnappen und uns Fragen stellen, auf die wir keine Antwort haben. Ich sehe doch, wie sie uns anstarren, wie sie auf jenen Tag warten, an dem wir nur zu zweit sind und niemand in der Nähe ist. Ich weiß, dass sie mich hinrichten werden, denn meinen älteren Bruder nennen sie Hitler, und ich bekomme den Namen eines SS-Mannes, der in Argentinien aufgespürt und vor Gericht gestellt wurde, um für all seine Morde zu büßen.

"Ich bin Eichmann", sagte ich eines Tages zu Mutter.

"Aber das kann doch nicht sein", erwiderte sie. Sie ging in die Hocke, um mir in die Augen sehen zu können. Sie wog meine Hände in den ihren. Dann schwieg sie eine Weile, weil sie nicht wusste, was sie als Nächstes sagen sollte.

"Du kennst doch den Hund, der die Wellen anbellt", sagte sie. "Du kennst doch den herrenlosen Hund, der den ganzen Tag die Wellen anbellt, bis er heiser ist und keine Stimme mehr hat. Er weiß es nicht besser."

"Ich bin Eichmann", sagte ich. "Ich bin Adolf Eichmann, und ich kaufe mir jetzt ein Eis. Dann gehe ich runter zum Meer, um den Wellen zuzusehen."

"Warte", sagte sie. "Warte auf deinen Bruder."

Sie steht in der Tür, eine Hand vor dem Mund. Sie glaubt, dass wir nach Irland hinausgehen und nie mehr heimkehren werden. Sie hat Angst, dass wir uns in einem fremden Land verirren, in dem niemand unsere Sprache spricht und uns niemand versteht. Sie weint, weil ich Eichmann bin und weil sie uns nicht daran hindern kann, hinauszugehen und Nazis zu sein. Sie sagt, wir sollen uns vorsehen, und dann sieht sie zu, wie wir über die Straße gehen und um die Ecke biegen, und dann sind wir außer Sicht.

Und wir versuchen, so irisch wie möglich zu sein. Im Laden verlangen wir das Eis auf Englisch und deuten an, dass wir kein Deutsch können. Wir haben Angst, Deutsche zu sein, also rennen wir so irisch wie möglich zum Meer, damit uns niemand bemerkt. Wir lehnen am Geländer und sehen zu, wie die Wellen auf die Felsen schlagen und die Gischt spritzt. Wir schmecken das Salz auf unseren Lippen und sehen die Gischt wie Milch durch die Risse laufen. Wir sind Iren, und jedes Mal, wenn eine Welle donnernd auf den Felsen zusammenschlägt, sagen wir: "Jaysus!"

"Jaysus, what the Jaysus!", rief ich.

"Jaysus, what the Jaysus, was für ein böser Monsterbauch!", rief Franz, und dann rannten wir fäusteschüttelnd am Ufer entlang.

"Böse Monsterwellen!", schrie ich, weil sie uns nicht kriegen konnten, und das wussten sie. Ich nahm einen Stein und traf eine unter der Gürtellinie, als sie sich aufbäumte und mit ihrem glatten, grünen Bauch und den langen, weißen Haaren, die über ihre Augen fielen, auf uns zugestürmt kam.

"Hau ab, du böser bombastischer Monsterbauch!", lachten wir, als der Stein in die Welle klatschte und sie mit ausgestreckten Armen auf dem Sand zusammenbrach. Ein paar Wellen versuchten, zu entkommen, aber wir waren zu schnell für sie. Wir lasen noch mehr Steine auf und warfen eine Welle nach der anderen ab, denn wir waren Iren, und niemand konnte uns sehen. Der Hund war da, und er bellte und bellte, und wir hielten die Wellen in Schach, weil wir es nicht besser wussten.

2

Hier wollen sie uns nicht, das weiß ich. Aus dem Fenster des Schlafzimmers von Mutter und Vater kann ich sehen, wie sie vorbeilaufen, sie kommen vom Fußballplatz und gehen zu den Läden. Sie haben Knüppel dabei und qualmen Kippen und spucken. Ich höre sie lachen, und irgendwann müssen auch wir nach draußen, und dort werden sie auf uns warten, das ist nur eine Frage der Zeit. Sie werden rasch herausfinden, wer wir sind. Sie werden uns sagen: Geht wieder dorthin zurück, wo ihr hergekommen seid.

Vater sagt, dass wir uns keine Sorgen zu machen brauchen, weil wir die neuen Iren sind. Einerseits sind wir aus Irland, andererseits von irgendwo anders. Wir sind halb irisch und halb deutsch. Wir sind gescheckte Menschen, sagt er, die Brack-Menschen, und das Wort brack ist irisch oder, wie man auch sagt, gälisch. Bevor Vater Ingenieur wurde, war er Lehrer, und breac ist ein Wort, erklärt er, das die Iren mitgenommen haben, als sie in die englische Sprache hinübergewandert sind. Es bedeutet so viel wie gefleckt, gescheckt, gepunktet, bunt. Eine Forelle ist brack und auch ein Apfelschimmel. Ein barm brack ist ein Rosinenbrot, und das Wort kommt vom Irischen bairín breac. Also sind wir gescheckte Iren oder Brack-Iren. Brack, selbst gebackenes irisches Brot mit deutschen Rosinen darin.

Aber es bedeutet auch, dass wir gebrandmarkt sind, das weiß ich genau. Es bedeutet, dass wir Fremde sind und nie irisch genug sein werden, obwohl wir Irisch sprechen und irischer als die Iren selbst sind, wie Vater meint. Wir haben gescheckte Gesichter, und darum ist es besser, drinnen zu bleiben, weil sie uns da nicht schnappen können. Drinnen können wir sein, wie wir sind.

Ich schaue aus dem Fenster und sehe, wie sich das Licht auf dem roten Backstein der Reihenhäuser gegenüber verändert. Ich sehe die Geländer und Hecken und die gestreiften Markisen über den Haustüren. Ich sehe einen Gärtner, der die Hecken schneidet, und das Klappern seiner Schere höre ich auf Englisch, denn Englisch ist die Sprache des Draußen. Das Draußen ist ein fremdes Land, und von der Entfernung abgesehen, ist es in jeder Hinsicht weit entrückt. Eine Wolke wirft ihren Schatten auf die Straße, und der Gärtner blickt auf. Ich höre Mutter sagen, dass das Nachmittagslicht dort draußen seltsam sei. Eine Wolke verdecke die Sonne, sagt sie, und diese werfe ein schwaches Licht wie von einer Laterne auf die Mauern aus rotem Backstein, und es komme ihr vor, als wäre der Tag an sein Ende gelangt.

"Falsches Licht", nennt sie das, und sie sagt es auf Deutsch, weil wir in unserem Haus nur Deutsch oder Irisch sprechen. Englisch nie. Sie geht zum Fenster, um selbst einen Blick hinauszuwerfen, und wieder sagt sie: "Falsches Licht." Sie beißt die Zähne zusammen und holt tief Luft, und das heißt, dass es demnächst regnen wird. Das heißt, dass die Möwen vom Meer in die Stadt kommen und sich kreischend auf den Schornsteinen niederlassen. Den Leuten sagt es, dass sie schnell ihre Wäsche hereinholen müssen. Dem Gärtner sagt es, dass er ins Haus gehen muss, weil sich auf dem Straßenpflaster schon große Regentropfen abzeichnen. Und als sich alle Tropfen vereinigt haben und das Pflaster ganz nass ist, geht Mutter nach unten in die Küche.

Wir dürfen mit einigen ihrer Sachen spielen. Gemeinsam mit Franz, meinem großen Bruder, und Maria, meiner kleinen Schwester, untersuche ich alles, was auf dem Frisiertisch liegt - Lippenstift, Schere, Nagelschere, Rosenkranz. Eine Bürste liegt da, in deren Borsten der Kamm steckt wie eine Säge. Da stehen ein Schälchen mit Haarclips und eine Puderdose und eine blau-goldene Flasche, auf der groß die Zahl 4711 prangt. Wir leeren ein Schmuckkästchen aus und finden die grüne Schlange aus jenem Edelstein, den Mutter Smaragd nennt. Maria, die sich wie Mutter etwas aus der blau-goldenen Flasche hinter die Ohren, auf die Handgelenke und in die Kniekehlen tupft, als wäre es Weihwasser, ruft unablässig die große Zahl 4711, und der Duft von Eau de Cologne erfüllt das Zimmer. Franz findet die Geldbörse aus Krokodilleder, die viele schwere Silberstücke enthält, und nun sind wir reich. Die Gerüche von Regen und Leder vermischen sich mit dem Duft des Eau de Cologne. In den Seitenschubladen des Frisiertisches finden wir Briefe, Schals und Strümpfe. Pässe und Fotos, Eisenbahnfahrkarten und Reservierungen für den Schlafwagen.

Und dann stießen wir auf die Orden. Ich wusste sofort, dass es deutsche Orden waren, denn alles, was Mutter gehörte, war deutsch. Sie erzählt uns viele Geschichten über Kempen, den Ort, in dem sie aufgewachsen ist, und deshalb wusste ich, dass mein Großvater, Franz Kaiser, im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte und Mutter im Zweiten Weltkrieg gewesen war. Und ich weiß auch, dass Großmutter Berta Opernsängerin war und dass Großvater Franz ins Krefelder Opernhaus ging, um sie zu hören, und weil ihr jeder einen Blumenstrauß schickte, beschloss er, ihr einen Strauß Bananen zu schicken, und so verliebten sie sich ineinander und heirateten. Ab und zu stellt Mutter das Radio an, weil sie hofft, ein paar jener Lieder zu hören, die ihre Mutter gesungen hat. An den Schatten, die Mutter manchmal um die Augen hat, kann ich erkennen, wie weit Deutschland weg ist. An der Art, wie sie schweigt. Oder an der Art, wie sie den Kopf zurückwirft und über die Streiche ihres Vaters lacht. Wie einmal, als er den Postboten bat, ihm seine Dienstmütze zu leihen, und sich höflich dafür bedankte, um dann auf das mitten auf dem Platz stehende Denkmal zu klettern und die Mütze dem Hl. Georg aufzusetzen.

Wir wussten auch ohne Erklärung, dass die Orden militärische Auszeichnungen Franz Kaisers waren. Als er im Ersten Weltkrieg Soldat war, setzte sich Berta, seine Frau, jeden Tag in den Zug und brachte ihm das Essen in einem Strohkorb. Manchmal stellte sie den Korb auch einfach so in den Zug, und abends kam er leer zurück. Eines Tages musste Franz Kaiser an die Front, und bei seiner Heimkehr hatte er eine Krankheit in den Lungen, die ihn umbrachte. Schon vor dem Krieg war er nicht bei bester Gesundheit gewesen, und Mutter sagt, dass er niemals zum Militär hätte eingezogen werden dürfen, denn als er starb, war sie erst neun Jahre alt. Sie sagt, dass sie sich noch an den Duft der Blumen erinnern kann, die um den Sarg standen, und an die Schatten um die Augen ihrer Mutter. Also hefte ich mir Franz Kaisers Orden mit dem Kreuz an die Brust und marschiere auf den blanken Dielen des Schlafzimmers meiner Eltern auf und ab, betrachte mich im Spiegel und salutiere, während mein Bruder, der einen anderen Orden trägt, hinter mir salutiert, und hinter ihm salutiert meine Schwester, die sich die Smaragdschlange angesteckt hat.

Dann kam die Sonne wieder heraus, und die Straße hellte sich auf, und ich glaubte, dass jemand im Zimmer das Licht angeknipst hätte. Die Wolke war vorübergezogen, und das Straßenpflaster dampfte. Der Gärtner war wieder draußen und schnitt die Hecke, und man hörte nur das Geräusch der Schere und meine Schwester Maria, die durch den Mund atmete, und manchmal einen der Züge im Bahnhof. Aus der Küche kroch der Backduft, und er kroch die Treppe hinauf und drang bis ins Schlafzimmer, und eigentlich hätten wir hinunterrennen müssen, um die Schüsseln auszuschlecken. Wir hätten eigentlich loslaufen müssen, um Vater vom Zug abzuholen. Aber wir waren viel zu sehr damit beschäftigt, nach den alten Sachen zu suchen.

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Hugo Hamilton 

Gescheckte Menschen

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  • 2004
  • Ausstattung/Bilder: 2004. 316 S.
  • Seitenzahl: 316
  • Deutsch
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  • Gewicht: 536g
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Als Sohn eines irischen Vaters und einer deutschen Mutter beseelte ihn ein Kinderleben lang nur ein Wunsch: endlich irgendwo hinzugehören. Nach Frank McCourts Weltbestseller Die Asche meiner Mutter wieder ein lebenskluges Erinnerungsbuch aus Irland.
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Wenn du klein bist, weißt du nichts.

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In dem Stück, das die Kinder vor den eigens angereisten Onkeln und Tanten, den kleinen Geschwistern und den Enkeln aufführen, geht es um einen Hund, der keinen Namen hat und niemandem gehört und den ganzen Tag bellt, bis er heiser ist und keine Stimme mehr hat. Und es geht um einen Mann namens Arnulf, der allen anderen Puppen im Stück den Mund …

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

29.04.2004

Uwe Pralle ist von diesem autobiografischen Roman des irischen Autors Hugo Hamilton sehr beeindruckt. Hamilton erzählt dabei aus der Perspektive des Kindes von seiner Kindheit und Jugend, die durch die deutsche Mutter und den ultranationalistischen irischen Vater geprägt ist, fasst der Rezensent zusammen. In der Familie herrscht ein "Sprachkrieg", der es dem Jungen verbietet, Englisch - die Sprache der Eroberer - zu sprechen und der zu Hause nur Deutsch oder Gälisch sprechen darf, was aber im Dublin der Nachkriegszeit außerhalb des Familienkreises kaum einer versteht, erklärt Pralle den Grundkonflikt der Hauptfigur. Er sieht es als großes Verdienst Hamiltons, konsequent die kindliche Perspektive beizubehalten, ohne ins "Infantile" abzugleiten und findet, dass es dem Autor glänzend gelingt, in der "Komik des Familienlebens" auch die "Bitterkeiten" aufscheinen zu lassen. Sich nur auf den Blick des Kindes zu verlassen, um die schwierigen, dabei aber auch geborgenen Familienverhältnisse darzustellen, dazu braucht es großen "literarischen Mut", der dem Rezensenten Bewunderung abringt. Außerdem gefällt ihm, dass in dem Roman kein "literarischer Vatermord" stattfindet, wie er am Schluss seiner Kritik betont.

© Perlentaucher Medien GmbH

Rezensionen und Kritik

"Ein fantastisches Werk, nachdenklich und kraftvoll, klug und einzigartig, traumhaft schön geschrieben." (Nick Hornby)
"Das fesselndste Buch, das ich seit Jahren gelesen habe. Faszinierend, ergreifend und immer wieder ungeheuer komisch." (Roddy Doyle)
"Ein hinreißend schönes Buch, heiter und nachdenklich, sensibel und entschlossen, mit einem wunderbaren Sinn für Humor und einem Hauch von Tragik. Ich habe die Lektüre sehr genossen." (Bernhard Schlink)

Rezension

"Ein fantastisches Werk, nachdenklich und kraftvoll, klug und einzigartig, traumhaft schön geschrieben."
Nick Hornby

"Das fesselndste Buch, das ich seit Jahren gelesen habe. Faszinierend, ergreifend und immer wieder ungeheuer komisch."
Roddy Doyle

"Ein hinreißend schönes Buch, heiter und nachdenklich, sensibel und entschlossen, mit einem wunderbaren Sinn für Humor und einem Hauch von Tragik. Ich habe die Lektüre sehr genossen."
Bernhard Schlink

Rezensionen und Kritik

"Das fesselndste Buch das ich seit Jahren gelesen habe. Faszinierend, ergreifend und immer wieder ungeheuer komisch."

Autorenporträt zu "Hugo Hamilton"

Hugo Hamilton wurde 1953 als Sohn eines irischen Vaters und einer deutschen Mutter in Dublin geboren. Er arbeitete zunächst als Journalist, bevor er Kurzgeschichten und Romane veröffentlichte. Als DAAD-Stipendiat lebte und arbeitete er 2001/2002 ein Jahr lang in Berlin. Hugo Hamilton lebt mit seiner Familie in Dublin. 2004 erhält er in Paris den "Femina-Preis" für ausländische Literatur.

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