Die See - Banville, John

John Banville 

Die See

Roman. Ausgezeichnet mit dem Booker Prize 2005

Übers. v. Christa Schuenke
Broschiertes Buch
 
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Die See

Es ist Herbst an der Irischen See. Hierher an die Küste hat sich Max Morden zurückgezogen, um den Tod seiner geliebten Frau Anna zu verarbeiten. Als Kind hat er oft seine Ferien in dieser Gegend verbracht, und so beschwört er neben Erinnerungen an Anna auch jenen längst vergangenen Sommer wieder herauf, in dem er die unkonventionelle Familie Grace mit ihrem Zwillingspaar Myles und Chloe kennen gelernt hatte. Es waren verzauberte Tage erster erotischer Sehnsüchte und aufkeimender Liebe, die jedoch ein so jähes wie tragisches Ende fanden.

Ausgezeichnet mit dem Booker Prize, Englands renommiertestem Literaturpreis.

'Schön und gefährlich [...] ein wunderbares Buch.' -- Elke Heidenreich, "Lesen!"


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 217 S.
  • Seitenzahl: 224
  • Goldmann Taschenbücher Bd.46381
  • Deutsch
  • Abmessung: 189mm x 120mm x 16mm
  • Gewicht: 182g
  • ISBN-13: 9783442463817
  • ISBN-10: 3442463815
  • Best.Nr.: 22817868
Schön und gefährlich [ ] ein wunderbares Buch. Elke Heidenreich, "Lesen!"

"Schön und gefährlich [...] ein wunderbares Buch."

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 04.10.2006

Ein kleines Scheusal mit schmutzigen Gedanken
Was ist das Ich, wenn nicht ein Ölfleck auf den Wellen? John Banvilles erhaben feiner Roman „Die See” / Von Ijoma Mangold
John Banville ist der Meister des abschweifenden Gebrabbels. Das klingt vielleicht ein bisschen abschätzig und der Größe des Lebens unangemessen, so ist es aber nicht gemeint. Denn viel mehr als ein fest umrissener Charakter mit zielgerichteten Gedanken und Überzeugungen ist der Mensch die Summe seiner wabernden Gedankenassoziationen, auf denen wie auf Wellen das Ich als schimmernde Ölpfütze hin- und herströmt, im einen Moment sich größenwahnsinnig aufbläht, im nächsten vor lauter Kleinmut sich zusammenzieht. Der Mensch, könnte man sagen, ist die Gesamtheit dessen, was ihm durch die Birne rauscht – und das ist definitiv etwas anderes als ein wohlkontrolliertes, klar umrissenes Vorstellungskontinuum, wie sich das Descartes – „klar und bestimmt” – gewünscht hat.
In Banvilles neuem Roman „Die See” sitzt der Ich-Erzähler Max Morden zusammen mit seiner Frau Anne dem Arzt Mr. Todd gegenüber, der ihr gleich den Krebsbefund mitteilen wird. Vor sich hat Mr. Todd einen Ordner …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 04.10.2006

Als die Flut kam, gingen die Götter
Ein Orkan in der Streichholzschachtel: John Banvilles meisterhafter Roman "Die See" / Von Michael Maar

Zwei Ziele verfolgt der irische Autor John Banville mit seinen Büchern: Er will den Leser erfreuen und ihn terrorisieren. Für "Die See", seinen vierzehnten Roman, hat Banville den begehrten Man-Booker-Preis erhalten.

In einer Pension an der Irischen See ziehen die zwei älteren Herren, die als Dauergäste übriggeblieben sind, nach dem Abendessen rituell in die herbstklamme Stube mit dem Fernseher. Schweigend betrachten sie eine Sendung über die Wunder der Serengeti. Der Erzähler denkt über die Elefantenherde nach, die über den Bildschirm wogt. Was für herrliche Tiere, sagt er sich, Bindeglieder zu einer Zeit, als Behemots, die sogar noch größer waren, durch die Wälder rumorten. Ihrem Wesen nach sind sie melancholisch, äußerlich aber scheinen sie sich über uns zu amüsieren. Sie traben friedlich in einer Reihe, und jeder hat die Rüsselspitze sanft um das lächerliche Schweineschwänzchen seines vor ihm gehenden Vetters geschlungen. Die Jungen, die behaarter sind als ihre älteren Verwandten, …

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Als elegant konstruiert, provokant elitär, überbordend und kühl zugleich, also Weltliteratur auf der Höhe ihrer Möglichkeiten feiert Rezensentin Julika Griem diesen vielschichtigen Roman. Zunächst fröstelt sie spürbar in den "eisigen Höhen" von John Banvilles Perfektion. Doch immer stärker verführt sie diese Geschichte eines Mannes, der am Meer um seine verstorbene Frau trauert und gleichzeitig in der Erinnerung seiner ersten Liebe nachspürt, zu genauem Lesen. Schließlich ist sie gebannt von der "traumwandlerischen Stilsicherheit", mit der Banville sein Spannungsverhältnis zwischen Gegenwart und Vergangenheit erzeugt, vom Krankheit und Tod, Liebe und Einsamkeit erzählt. Bis in die kleinsten Einheiten der Sprache spürt die Rezensentin die "Intensität" dieser Prosa und ihrer "raffiniert verschränkten Motive". Besonders beeindruckt sie die "visuelle Opulenz" des Romans und die Art, wie Banville darin das Medium Meer zur Grundmelodie seines Erzählens macht. Banville dringe mit seinem Roman in tiefe Bewusstseins- und Erinnerungsschichten vor, ohne das Meer populärpsychologisch auszuschlachten oder den Leser mit einem "Gefühlstsunami" zu überwältigen. In der Zumutung dieser Verweigerung liegt für die Rezensentin die besondere Schönheit dieses Romans. Auch Christa Schuenckes Übersetzung wird überschwänglich gelobt.

© Perlentaucher Medien GmbH
John Banville, geboren 1945 in Wexford, Irland, gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Irlands. Sein umfangreiches literarisches Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. 2011 mit dem Franz-Kafka-Preis. John Banville lebt und arbeitet in Dublin.

Leseprobe zu "Die See" von John Banville

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Leseprobe zu "Die See" von John Banville

Sie sind gegangen, die Götter, am Tag dieser eigentümlichen Flut. Den ganzen Morgen, unterm milchigen Himmel, war das Wasser der Bucht immer weiter angeschwollen, zu unerhörter Höhe, und die kleinen Wellen krochen über den ausgedörrten Sand, der seit Jahren nicht mehr durchnässt worden war, außer vom Regen, bis an die Dünen krochen sie und leckten ihnen die Füße. Der rostige Koloss des Frachters, der vor langer Zeit, länger, als wir alle uns zurückerinnern können, am anderen Ende der Bucht gestrandet war, glaubte wohl gar, es wäre ihm vergönnt, noch einmal auszulaufen. Ich sollte nie mehr schwimmen gehen nach diesem Tag. Die Seevögel wimmerten und stießen herab, als hätten sie die Nerven verloren beim Anblick dieser riesigen Schale voll blasenartig sich blähenden, bleiblauen, böse glitzernden Wassers. Unnatürlich weiß sahen sie aus an diesem Tag, die Vögel. Am Ufer hinterließen die Wellen eine Spitzenborte von schmutzig gelbem Schaum. Kein Segel verschandelte den hohen Horizont. Ich sollte nie mehr schwimmen gehen, nein, nie mehr wieder.

Gerade schritt einer über mein Grab.

Irgendeiner.

Die Villa heißt Zu den Zedern, wie eh und je. Links davon blickt immer noch diese struppige, affenbraune, nach Teer stinkende Baumgruppe mit ihren gespenstisch ineinander verstrickten Stämmen über den ungepflegten Rasen hinweg auf das große Bogenfenster des einstigen Wohnzimmers, das Miss Vavasour im Vermieterinnenjargon freilich die Lounge zu nennen beliebt. Auf der anderen Seite befindet sich die Haustür und davor das ölfleckige Kieskarree hinter dem noch immer grün gestrichenen Eisentor, dessen Gestänge allerdings der Rost so weit zerfressen hat, dass davon nichts mehr übrig ist als nur ein leise zitterndes Filigran. Staunend registriere ich, wie wenig sich verändert hat in diesen mehr als fünfzig Jahren, die ins Land gegangen sind, seit ich zuletzt hier war. Staunend und enttäuscht, ja, ich würde so weit gehen zu sagen, erschrocken, und das aus Gründen, die mir selbst nicht klar sind, denn warum sollte ich mir wohl Veränderungen wünschen, ich, der zurückgekehrt ist mit der Absicht, hier in den Trümmern der Vergangenheit zu leben? Ich frage mich, weshalb man das Haus in dieser Form gebaut hat, mit der fensterlosen weißen, rau verputzten Stirnwand schräg zur Straße; vielleicht, weil die Straße früher, bevor die Eisenbahn da war, ganz anders verlief und direkt an der Haustür entlangführte, alles ist möglich. Miss V. möchte sich mit den Daten nicht festlegen, glaubt aber, dass man hier zuerst, Anfang des vorigen Jahrhunderts, ich meine, des vorvorigen Jahrhunderts, ich verliere allmählich die Übersicht bei den Jahrtausenden, ein kleines Bauernhaus errichtet hat, an das dann über die Jahre hinweg alle möglichen Anbauten drangepappt wurden. Das würde auch erklären, weshalb man den Eindruck hat, alles sei irgendwie zusammengewürfelt, diese kleinen Zimmer, hinter denen plötzlich größere liegen, die Fenster, die auf leere Wände blicken, die niedrigen Decken überall. Die Pitchpineböden geben dem Ganzen eine maritime Note, ebenso wie mein Drehstuhl mit der fragilen Rückenlehne. Ich stelle mir einen alten Seemann vor, der, endlich zur Landratte mutiert, am Kamin sitzt und vor sich hin döst, derweil draußen die Winterstürme an den Fenstern rütteln. Ach, wäre ich doch er. Gewesen.

Als ich vor all den Jahren hier war, damals, zu Zeiten der Götter, war die Pension Zu den Zedern eine Sommerfrische, die man jeweils für vierzehn Tage oder für vier Wochen mieten konnte. Jedes Jahr im Juni fiel ein reicher Arzt mit seiner großen, kreischenden Familie dort ein und blieb den ganzen Monat - wir konnten die Arztkinder mit ihren lauten Stimmen nicht leiden, sie lachten uns aus, standen auf der anderen Seite des Tors, jener unüberwindbaren Schranke, und bewarfen uns mit Steinen, und nach ihnen kam ein ominöses Paar mittleren Alters, das mit niemandem sprach und jeden Morgen um dieselbe Zeit grimmig schweigend seinen wurstförmigen Hund auf der Station Road spazieren führte, hinunter an den Strand. Aber der interessanteste Monat in der Pension Zu den Zedern war für uns der August. Da waren nämlich jedes Jahr andere Mieter da, Leute aus England oder vom Kontinent, hin und wieder auch ein Pärchen in den Flitterwochen, dem wir nachspionierten, und einmal sogar eine Schauspieltruppe von einer Wanderbühne, die in dem Zinkblechkino unten im Dorf eine Nachmittagsvorstellung auf die Beine stellte. Und dann kam damals in dem Jahr Familie Grace.

Das Erste, was ich von den Leuten sah, war ihr Auto, das drüben, jenseits des Tores, auf dem Kieskarree parkte. Ein ziemlich zerkratzter und zerbeulter schwarzer Wagen mit lang gezogener Motorhaube, beigefarbenen Ledersitzen und einem großen Speichenlenkrad aus poliertem Holz. Hinten, auf der Ablage unterm sportlich abgeschrägten Heckfenster, achtlos hingeworfene Bücher mit ausgeblichenen, zerfledderten Schutzumschlägen und dazu eine sehr abgegriffene Straßenkarte von Frankreich. Die Haustür stand weit offen; von drinnen aus dem Erdgeschoss hörte ich Stimmen, oben das Patschen nackter Füße auf den Dielen, ein Mädchen lachte. Ich war draußen am Tor stehen geblieben, hatte unverhohlen gelauscht, und jetzt kam plötzlich ein Mann mit einem Glas in der Hand aus dem Haus. Er war klein und oberlastig, breite Schultern, breite Brust, großer runder Kopf mit kurz geschnittenem, krausem, schwarz glänzendem, stellenweise vorzeitig grau meliertem Haar und ebenfalls meliertem Spitzbart. Er trug ein weites grünes, offen stehendes Hemd und khakifarbene Shorts und war barfuß. Und so braun gebrannt, dass die Haut richtig violett schimmerte. Selbst seine Füße, fiel mir auf, waren oben auf dem Spann gebräunt, wo doch die meisten Väter, die ich kannte, von der Kragenlinie abwärts bleich waren wie ein Fisch am Bauch. Er stellte sein Glas - eisblauer Gin mit Eiswürfeln und einer Zitronenscheibe - gefährlich schief aufs Autodach, öffnete die Beifahrertür, beugte sich hinein und kramte unter dem Armaturenbrett herum. Im unsichtbaren Obergeschoss des Hauses lachte abermals das Mädchen und stieß übermütig einen schrill kollernden - und unverkennbar gespielten - Angstschrei aus, dann wieder das Patschen hastig davonlaufender Füße. Sie spielten Fangen, sie und jemand anders, der keine Stimme hatte. Der Mann richtete sich auf, nahm seinen Gin vom Wagendach und warf die Autotür zu. Er hatte das, wonach er suchte, nicht gefunden.

Kundenbewertungen zu "Die See" von "John Banville"

1 Kundenbewertung (Durchschnitt 5 von 5 Sterne bei 1 Bewertungen ***** ausgezeichnet)
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Bewertung von Polar aus Aachen am 29.08.2007 ***** ausgezeichnet
Um über einen Verlust hinwegzukommen, erinnert man sich nicht selten an bessere Tage. Nicht selten sind diese in der Jugend angesiedelt, in der man kraftvoll an die eigene Zukunft glaubte. Im Alter ist man eines besseren belehrt worden, vieles von dem, was man als Zukunft betrachtete, nicht in Erfüllung gegangen. Nicht anders ergeht es dem Kunsthistoriker Max, nachdem seine Frau gestorben ist, er flüchtet an einen Ort, der ihm vertraut ist, und überläßt sich seinen Erinnerungen, doch auch die sind von Verlust geprägt. John Banville schafft ein Szenarium, das nicht nur von Wind und Wellen, ersten erotischen Phantasien und einer großen Sehnsucht geprägt ist, er versöhnt auch das, was einmal war, mit dem, was nun ist, spiegelt die Zeiten miteinander und verführt uns mit seiner Sprache dazu, ihm überallhin zu folgen. Am Ende des Romans kommt es Max so vor, als gehe er in die See und verschwinde ein für allemal. Es ist nichts geschehen. Weder in seinem Leben, noch in dem Leben anderer. Halt nur das, was allen widerfährt.

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundenes Buch

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