Leseprobe zu "Mein vielbewegtes Leben" von Alexander von Humboldt
Einleitung "Solche Tätigkeit, Schnelligkeit und Festigkeit ist noch nie gesehen worden"1, staunte der Dichter Adelbert von Chamisso, als er Alexander von Humboldt im Jahr 1810 in Paris besuchte. Auch Friedrich Schiller berichtete von dessen "rastloser Tätigkeit"2, und Humboldt selbst sprach von einem "ewigen Treiben", das er in sich spüre, "als wären es 10 000 Säue"3. Sogar noch als 87-Jähriger erschien er einem Besucher in Berlin "tätig bis zur Rastlosigkeit"4. Vier Stunden Schlaf genügten dem Gelehrten. Ständig war er unterwegs: auf Reisen oder auch an seinen Wohnorten, von Haus zu Haus eilend. Sogar in seinem eigenen Arbeitszimmer fiel es ihm schwer stillzusitzen. Dass selbst von seinen Auftritten in den literarischen Salons eine faszinierende Unruhe ausging, schilderte die Berliner Schauspielerin Caroline Bauer: Alexander von Humboldt, hoch und schlank, elegant und beweglich wie ein Franzose, tauchte oft plötzlich - blitzartig - ein aufregendes Irrlicht, an Rahels Teetisch auf, knusperte ein paar geröstete Kastanien oder Biskuite, sagte Rahel, Henriette Herz und Bettina von Arnim im Fluge die niedlichsten Schmeicheleien, plätscherte wie ein Salonspringbrunnen von Kölnischem Wasser die zierlichsten und pikantesten Hof- und Stadtneuigkeiten in das Tassenklirren hinein, plauderte mit Herrn von Varnhagen noch zwei Minuten in der Fensternische und war verschwunden - wie ein Irrlicht 5 Oft sprach er von seinem "Nomadenleben "6 und bekannte: "Voller Unruhe und Erregung, freue ich mich nie über das Erreichte, und ich bin nur glücklich, wenn ich etwas Neues unternehme, und zwar drei Sachen mit einem Mal."7 Im Laufe seines 89-jährigen Lebens bereiste er die halbe Welt: Es war vor allem seine fünfjährige Expedition in die amerikanischen Tropen, zu der er im Jahr 1799 im Alter von 29 Jahren aufbrach, die seinen Weltruhm begründete. Seinen 60. Geburtstag feierte er während seiner russisch-sibirischen Reise. In deren Verlauf gelangte er bis an die chinesische Grenze und legte innerhalb von acht Monaten mehr als 18 000 Kilometer zurück. Humboldt veröffentlichte mehr als 45 Bücher, darunter das 29-bändige Werk über die Reise in die amerikanischen Tropen. Es ist die umfangreichste und teuerste Arbeit eines privaten For- schungsreisenden, die jemals publiziert wurde. Der Tod riss den 89-Jährigen aus seiner Arbeit am fünften Band seines Kosmos. Obwohl unvollendet geblieben, sind beide Publikationsprojekte Monumente der Wissenschaftsgeschichte. Humboldts Anspruch und seine Denkweise sprengen alle Grenzen. "Ich weiß wohl, dass ich meinem großen Werke über die Natur nicht gewachsen bin"8, hatte er kurz vor seiner amerikanischen Reise bekannt. Trotzdem hielt er "es für besser, etwas zu leisten, als nichts zu versuchen, weil man nicht alles leisten kann"9. So sah er sein eigenes Werk nie als etwas Endgültiges an, sondern als eine Stufe zu weiteren, neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen: Ich habe mir niemals Illusionen gemacht über mein wissenschaftliches Verdienst Ich bin weit unter dem geblieben, was ich hätte sein können, weil ich meine Kräfte nicht zu konzentrieren vermochte Meine Lebensumstände, die Verbindung mit zwei Kontinenten, mit berühmten Männern, während mehr als eines halben Jahrhunderts, haben mich weit mehr geformt als meine Arbeiten, die sehr unvollständig geblieben sind 10 Gegenüber Charles Darwin meinte er einmal: "Die Werke sind nur gut, soweit sie bessere entstehen lassen."11 Und tatsächlich hat Alexander von Humboldt vielen Forschungsbereichen und Generationen von Wissenschaftlern neue Wege gewiesen. Er schuf die Disziplin der Pflanzengeographie, er erkannte die Gesetzmäßigkeit der Temperaturabnahme in Relation zur Höhe über dem Meeresspiegel, und er erfand die Isothermen - kartographische Linien zur Darstellung der Orte gleicher mittlerer Jahrestemperatur. Seine wirkliche Bedeutung liegt allerdings in der Tat in seiner Rolle als Anreger: Heute sieht man in ihm den Begründer der Geographie der Neuzeit, der modernen Klimaforschung, der Archäologie in Amerika und der globalen kulturwissenschaftlichen Komparatistik. "Mein eigentlicher, einziger Zweck ist, das Zusammen- und Ineinanderweben aller Naturkräfte zu untersuchen, den Einfluss der toten Natur auf die belebte Tier- und Pflanzenschöpfung"12, beschrieb er 1799 sein Programm und begründete damit die moderne Ökologie. Er betrachtete die Landschaft als einen Raum von Wechselbeziehungen innerhalb der Natur und zwischen Mensch und Natur. "Alles ist Wechselwirkung"13, notierte er in sein amerikanisches Reisetagebuch. Geleitet vom Gedanken der "Einheit der Natur", die er "als ein durch innere Kräfte bewegtes und belebtes Ganzes"14 begriff, sah Humboldt ihre Phänomene als Netzwerk, als "eine allgemeine Verkettung nicht in einfach linearer Richtung, sondern in netzartig verschlungenem Gewebe"15. "Nichts steht für sich allein", schrieb er, "ein gemeinsames Band umschlingt die ganze organische Natur"16. Sogar den Moskitos, die ihn und seine Reisebegleiter während der Fahrten auf den Urwaldflüssen quälten, sprach er "trotz ihrer Kleinheit in der heißen Zone eine bedeutende Rolle im Haushalt der Natur"17 zu. Die Globalität seines Denkens überwand alle geographischen und politischen Grenzen. Seine Rolle als Forscher verstand er als die eines verantwortungsvollen, politisch denkenden und handelnden Menschen. Auch in seinen primär wissenschaftlichen Texten verteidigte er die Menschenrechte, klagte Rassismus und Sklaverei an und plädierte für die rechtliche Gleichstellung aller Bürger. Sein Leitsatz war: "Alle sind gleichmäßig zur Freiheit bestimmt."18 Einleitung 1 Adelbert von Chamisso an Eduard Hitzig, Paris, 16. Februar 1810. In: Hanno Beck (Hg.): Gespräche Alexander von Humboldts. Berlin: Akademie-Verlag, 1959 [im Folgenden zitiert: Gespräche], S. 37. 2 Schiller an Christian Gottfried Körner, 6. August 1797. In: Schillers Werke. Nationalausgabe, Bd. 29. Briefwechsel, hg. von Norbert Oellers und Frithjof Stock. Weimar: Hermann Böhlaus Nachfolger, 1977 [im Folgenden zitiert: Schillers Werke], S. 112. 3 Humboldt an David Friedländer, Madrid, 11. April 1799. In: Ilse Jahn und Fritz G. Lange (Hg.): Die Jugendbriefe Alexander von Humboldts 1787-1799. Berlin: Akademie- Verlag, 1973 [im Folgenden zitiert: Jugendbriefe], S. 657 f. 4 Bericht des nordamerikanischen Schriftstellers und Reisenden Bayard Taylor über einen Besuch bei Alexander von Humboldt am 25. November 1856, siehe in diesem Buch, S. 267. 5 Bericht von Caroline Bauer, Berlin 1827. In: Claire May: Rahel Varnhagen, geb. Levin. Ein Frauenleben im 19. Jahrhundert. Berlin: Das Neue Berlin, 1949, S. 13 f. 6 Alexander von Humboldt: Mes confessions. In: Lettres dAlexandre de Humboldt ' Marc-Auguste Pictet 1795-1824, publiées dans le Journal Le Globe, 7, 1868, S. 180-190. Zit. nach der deutschen Übersetzung in: Alexander von Humboldt: Aus meinem Leben. Autobiographische Bekenntnisse. Zusammengestellt und erläutert von Kurt-R. Biermann. Leipzig, Jena und Berlin: Urania, 1987 [im Folgenden zitiert: Leben], S. 60. 7 Ebd., S. 60. 8 Humboldt an David Friedländer, Madrid, 11. April 1799, In: Jugendbriefe, S. 657. 9 Humboldt an Friedrich Anton von Heinitz, Steben, 13. März 1794. In: Karl Bruhns (Hg.): Alexander von Humboldt. Eine wissenschaftliche Biographie, Bd. 1, Leipzig: Brockhaus, 1872 [im Folgenden zitiert: Bruhns], S. 293. 10 Humboldt an Joseph-Louis Gay- Lussac, Paris, 8. Dezember 1842. In: León Delhoume: Hommage de Humboldt ' Gay-Lussac. In: CR 87e Congr's des Sociétés savantes, Poitiers 1962, S. 153 f. 11 Humboldt an Charles Darwin, Sanssouci, 18. September 1839. In: Ilse Jahn: Dem Leben auf der Spur. Die biologischen Forschungen Alexander von Humboldts. Leipzig, Jena, Berlin: Urania 1969 [im Folgenden zitiert: Dem Leben auf der Spur], S. 185. 12 Humboldt an David Friedländer, Madrid, 11. April 1799. In: Jugendbriefe, S. 657. 13 Reisetagebuch 1.-5. August 1803. In: Margot Faak (Hg.): Alexander von Humboldt: Reise auf dem Río Magdalena, durch die Anden und Mexiko. Aus seinen Reisetagebüchern. 2., durchgesehene Aufl., 2 Bde. Berlin: Akademie-Verlag, 2003 [im Folgenden zitiert: Reisetagebücher], hier Bd. 2, S. 258. 14 Alexander von Humboldt: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. 1845, Bd. 1, S. VI. Zit. nach der Ausgabe der Anderen Bibliothek, ediert von Ottmar Ette und Oliver Lubrich. Frankfurt am Main: Eichborn, 2004 [im Folgenden zitiert: Kosmos], S. 3. 15 Kosmos, Bd. 1 S. 33 bzw. 23. 16 Alexander von Humboldt: Relation historique, 1814-1831. Zitiert nach der deutschen Ausgabe: Alexander von Humboldt: Reise in die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents. Ottmar Ette (Hg.). 2 Bde. Frankfurt, 1999 [im Folgenden zitiert: Äquinoktial-Gegenden], hier Bd. 1, S. 680. 17 Ebd. Bd. 2, S. 933. 18 Kosmos, Bd. 1, S. 385 bzw. S. 187.
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