Leseprobe zu "Rettungslos, 4 Audio-CDs" von Simone van der Vlugt
Erst im letzten Moment sieht Lisa den Mann. Sie hängt gerade Wäsche an der Trockenspinne im Garten auf, als er hinter den Betttüchern auftaucht. Mit einem Schrei lässt sie das Laken, das sie gerade in der Hand hat, ins Gras fallen. Der Mann starrt sie so bedrohlich an, dass sie unwillkürlich zurückweicht und an den Gartentisch hinter sich stößt, auf dem der Wäschekorb steht. Er fällt zu Boden, anschließend der Klammerbeutel.
Mit zusammengekniffenen Augen mustert er sie. Er wirkt reichlich ungepflegt, hat eine schwarze Stoppelfrisur und einen Dreitagebart. Er trägt ausgetretene Cowboystiefel, und seine Kleidung hat Grasflecken. Aber vor allem sein eiskalter Blick macht Lisa Angst.
Ein Windstoß wirbelt die Trockenspinne herum, und die flatternde Wäsche verdeckt den Mann einen Moment lang. Lisa nutzt die paar Sekunden, um auf die Küchentür zuzurennen. Der Mann geht um die Spinne herum, schlägt die Laken beiseite, die ihm ins Gesicht wehen, und geht ihr nach. Sie ist schon fast am Haus, als er losläuft. Mit einem Knall schlägt sie die Tür zu, aber bevor sie abschließen kann, drängt er sich in die Küche und erfüllt sie mit seiner Gegenwart.
Lisas Blick fällt auf die Messer an der Fliesenwand über der Spüle, aber sie kann sie nicht schnell genug erreichen. Vorsichtig geht sie rückwärts auf die offene Tür zum Wohnzimmer zu. Hinter ihr dröhnt der Fernseher, ihre sechsjährige Tochter Anouk sitzt mit der Fernbedienung auf dem Sofa.
Regungslos stehen Lisa und der Eindringling da und sehen sich sekundenlang an. Hoffentlich hat Anouk nichts gemerkt, denkt Lisa, hoffentlich bleibt sie auf dem Sofa und sieht sich weiter ihren Zeichentrickfilm an.
Der Mann wirkt nicht besonders kräftig, aber er ist sehr groß, und Lisa weiß, dass er sie problemlos überwältigen könnte. Aufhalten kann sie ihn nicht, aber immerhin fürs Erste verhindern, dass er ihre Tochter zu Gesicht bekommt.
Bisher hat er noch kein Wort gesagt. Sie hat keine Ahnung, wer da vor ihr steht und was er will.
Der Mann macht ein paar Schritte auf sie zu. Sie weicht zurück und stützt sich am Türrahmen ab. Plötzlich dreht er sich um, zur Arbeitsplatte. Dort befinden sich noch die Reste vom Mittagsimbiss: das Schneidebrett, ein halbes Roggenbrot, Zwieback und eine Packung Schokoladenstreusel. Im Spülbecken steht das halb ausgetrunkene Glas Milch von Anouk. Mehr wollte sie vorhin nicht trinken, und Lisa hat sie nicht dazu gezwungen, weil die Kleine den Rest ohnehin wieder ausgespuckt hätte.
Der Mann nimmt das Glas und leert es auf einen Zug. Dann greift er nach dem Brot, ignoriert Lisas ordentlichen Knoten in der Plastiktüte und reißt sie auf.
Die Brotscheiben fallen heraus, der Mann stopft sich eine davon ohne jeden Belag in den Mund. Er kaut und lässt Lisa nicht aus den Augen.
Verwirrt beobachtet sie die Szene. Der Mann muss völlig ausgehungert sein. Sie sieht, wie er zur nächsten Brotscheibe greift. Wäre sie allein, würde sie umgehend einen Fluchtversuch unternehmen. Aber mit Anouk kommt sie nicht weit. Am besten, sie versucht ihm klarzumachen, dass sie nicht feindlich gesinnt ist, ihm helfen will.
Leicht zitternd öffnet sie den Kühlschrank und greift hinein. Im nächsten Moment umklammert eine große Hand mit stählernem Griff ihren Arm. Seine harten Züge sind plötzlich ganz nah, doch als er merkt, dass Lisa einen Eierkarton und Butter in der Hand hat, entspannt er sich.
"Ich _ ich dachte, Sie mögen vielleicht Spiegeleier", stottert Lisa.
Ihr ängstlicher, unterwürfiger Tonfall gefällt ihr nicht, aber wenigstens lässt der Mann ihren Arm los.
Mit weichen Knien geht sie zur Küchenzeile und öffnet eine Schranktür. Langsam und ohne abrupte Bewegungen nimmt sie eine Bratpfanne heraus und stellt sie auf den Herd.
Zu nah, der Mann steht viel zu nah bei ihr. Lisa umklammert das Butterpäckchen. Sie muss ein Stück abschneiden, traut sich aber nicht, nach einem Messer zu greifen.
Die Butter ist kalt und hart; es dauert ewig, bis sie das Papier abgepellt und mit den Fingern ein Stück abgebrochen hat. Schnell wirft sie es in die Pfanne und wischt die fettigen Hände an ihrer Jeans ab.
Leise zischend schmilzt die Butter in der Pfanne. Gleich darauf schlägt Lisa die Eier hinein, allerdings so ungeschickt, dass sie ein paar Stückchen Schale herausklauben muss. Auch Salz und Pfeffer richtig zu dosieren, gelingt nicht. Dass ihre Hände zittern, irritiert sie, gleichzeitig hat sie das Bedürfnis, beschäftigt zu bleiben und so den Schein aufrechtzuerhalten, dass sie noch Herrin der Lage ist.
Langsam und bedächtig dreht sie sich zum Kühlschrank um, und diesmal lässt er sie gewähren. Käse und Schinkenscheiben landen krumm und schief auf den Eiern, deren Dotter langsam stocken. Jetzt kann sie das Gas herunterdrehen und die Eier mit dem Pfannenwender aus Metall anheben. Es tut gut, etwas in der Hand zu haben, das als Waffe dienen kann, und sei sie auch noch so kümmerlich.
Wie gebannt starrt der Mann auf die Pfanne und saugt den Essensduft förmlich ein. Plötzlich stößt er Lisa beiseite, nimmt die Pfanne vom Herd und kippt die Eier auf das Schneidebrett. Mit den Händen verteilt er sie auf zwei Brotscheiben, die er anschließend im Stehen isst.
Mit dem Rücken an der Wand sieht Lisa zu. Meine Güte, wie der Mann schlingt! Wenn er noch größere Bissen nimmt, erstickt er daran.
Aber er verschluckt sich nicht. Plötzlich kommt er auf Lisa zu. Sie stößt einen unterdrückten Schrei aus, aber er macht nur den Kühlschrank auf, nimmt die Milchpackung heraus und setzt sie an den Mund. Die Milch rinnt ihm über das unrasierte Kinn und tropft auf seine Kleider.
Lisa atmet tief durch. Was hat er als Nächstes vor? Kann sie telefonieren oder gar mit Anouk fliehen? Nein, sie muss alles vermeiden, was ihn reizen könnte. Außerdem wohnt sie zu abgelegen, als dass sie eine Flucht wagen könnte. Allein würde sie es versuchen, aber nicht mit einem kranken Kind.
Ihre einzige Chance ist das Telefon. Ihr Handy liegt auf der Kommode, sie braucht nur den Notruf zu wählen _ Langsam löst sie sich von der Wand, aber der Mann versperrt ihr sofort den Weg.
"Bleib stehen."
Seine Stimme klingt ruhig, aber dadurch umso bedrohlicher. Lisa rührt sich nicht.
Er wirft die leere Milchpackung auf die Arbeitsfläche und späht durch die offene Tür ins Wohnzimmer, zu Anouk, die mit schreckgeweiteten Augen auf dem Sofa sitzt. Sie fremdelt stark, und auch Bekannten gegenüber, die sie eine Zeit lang nicht gesehen hat, gibt sie sich oft scheu. Es kam schon vor, dass sie bei Geburtstagsfeiern von Freundinnen eine geschlagene Stunde im Flur stand, weil sie sich nicht ins Getümmel im Wohnzimmer traute. Erst als niemand mehr auf sie achtete, schlich sie hinein und überwand langsam, aber sicher ihre Schüchternheit.
Jetzt sitzt sie in ihrem lila Dora-Schlafanzug da und starrt den wildfremden Mann in der Küche an. Ängstlich sucht sie den Blick ihrer Mutter, und die Unterlippe beginnt zu zittern.
"Ma-ma?"
Mit einer schnellen Bewegung drängt sich Lisa an dem Mann vorbei und bildet mit ihrem Körper einen Schild zwischen ihm und ihrer Tochter. Wenn er Anouk etwas antun will, muss er es erst mit ihr aufnehmen. Das dürfte ihm zwar keine große Mühe bereiten, aber jede Sekunde, die sie ihn in der Küche halten kann, zählt.
"Ganz ruhig, mein Schatz!", ruft sie Anouk beschwichtigend zu.
"Wer ist das?"
"Der Mann hatte großen Hunger. Ich hab ihm was zu essen gemacht."
"Aber wer ist das?", wiederholt Anouk mit jener störrischen Beharrlichkeit, wie sie Kindern in diesem Alter eigen ist.
Die Antwort bleibt Lisa im Hals stecken, denn der Mann drängt sie grob beiseite und lässt den Blick prüfend durch das Wohnzimmer mit Essecke gleiten. Anscheinend weiß er selbst nicht so recht, was nun werden soll. Womöglich ist er nicht richtig im Kopf?
Dann aber sieht er Lisa direkt an, und sein Blick bekommt etwas Berechnendes.
"Geh rein", sagt er schroff.
Insgeheim hatte sie gehofft, dass er verschwindet, nachdem er sich satt gegessen hat. Stattdessen geht er nun durch ihr Wohnzimmer, nimmt Fotos zur Hand, zieht Schubladen auf und guckt in die Schränke. Bitte sehr, ihretwegen kann er den gesamten Hausrat mitnehmen, solange er nur Anouk und sie in Ruhe lässt.
"Du hast ein schönes Zuhause."
"Danke." Wie dämlich das klingt - ganz so, als wäre er ein Bekannter, der einen Höflichkeitsbesuch macht, und kein zwielichtiger Eindringling, aber etwas anderes fällt ihr nicht ein. Nicht provozieren, auf keinen Fall provozieren. In Ruhe abwarten, was er als Nächstes vorhat, und möglichst immer zwischen ihm und Anouk bleiben.
Zum Glück verhält sich Anouk ruhig. Sie hat ihren Plüschaffen fest an sich gedrückt und scheint zu spüren, dass es das Beste ist, sich möglichst unsichtbar zu machen.
"Und schöne Möbel." Er streicht über ein antikes Schränkchen, sieht kurz hinein und klopft an ein Kristallweinglas. Mit kleinen Schritten geht Lisa rückwärts Richtung Küche und macht Anouk unauffällig ein Zeichen. Aber bevor das Kind vom Sofa rutschen kann, steht der Mann auch schon davor.
Er geht um den Couchtisch herum, den Blick auf das große farbenfrohe Gemälde über dem Sofa gerichtet. Das Bild hat Menno im Jahr ihres Kennenlernens gemalt, und es bedeutet Lisa unsagbar viel.
"Kunst", sagt der Mann in einem Tonfall, als hätte er eine fliegende Untertasse erspäht.
Soll sie etwas dazu sagen oder lieber schweigen? Weil sie Angst hat, ihr könnte die Stimme versagen, entscheidet sie sich für Letzteres.
Der Mann richtet den Blick auf Anouk. Plötzlich beugt er sich vor und streckt die Hand nach ihr aus. Lisa macht unwillkürlich ein paar Schritte vorwärts, und im gleichen Moment schreit Anouk und beginnt, wild zu strampeln.
Der Mann wird sichtlich wütend. "Hör sofort auf! Ruhe! Aufhören!"
Anouk weint nun leise und läuft auf ihre Mutter zu. Lisa versucht, sie zu beruhigen, obwohl sie selbst weiche Knie hat. Wenn es eine Möglichkeit zur Flucht gibt, dann jetzt!
Ohne den Mann aus den Augen zu lassen, befreit sie sich ganz vorsichtig aus der Umklammerung ihrer Tochter.
Dann rennt sie los. Mit Anouk an der Hand hastet sie durch die Küche ins Freie, in den Garten. Als sie gerade denkt, es könnte gelingen, wird sie grob an den Haaren gepackt. "Lauf, Anouk! Schnell, zu Frau Rosenfeld!", schreit sie.
Verunsichert bleibt Anouk stehen. Frau Rosenfeld wohnt ein ganzes Stück weg, normalerweise darf sie sich nicht so weit vom Haus entfernen. Ihr Gesicht ist ein einziges großes Fragezeichen. Sie ist völlig verwirrt, will ihre Mutter auf keinen Fall allein lassen.
"Bleib stehen!", schreit der Mann.
"Mama!" Anouks Stimme klingt weinerlich.
"Renn, Anouk! So schnell du kannst!", ruft Lisa, bevor sie in die Küche gezerrt wird.
Anouks Schritte knirschen auf dem Kiesweg.
Im ersten Moment ist Lisa erleichtert, doch dann sieht sie eine Faust auf ihr Gesicht zukommen. Ein Schmerz wie eine Explosion, sie verliert das Gleichgewicht, sackt zusammen. Der Küchenfußboden ist hart, aber dann hüllt sie eine gnädige Finsternis ein.
Als Lisa wieder zu sich kommt, liegt sie auf dem Sofa, im Fernsehen laufen gerade die Nachrichten. Leises Jammern dringt an ihr ohr. "Mama, Mama, wach auf! Deine Nase blutet, Mama!" Mit dem Schlafanzugärmel wischt Anouk ihrer Mutter das Blut ab.
Keine Stelle ihres Gesichts scheint unverletzt zu sein, trotzdem ist Lisa sofort hellwach. "Wo ist er?", flüstert sie.
Anouk zeigt zur Küche. "Er hat alle Türen und Fenster zugeschlossen", sagt sie mit zittriger Stimme. "und die Messer aus der Küche weggenommen."
"Die an der Wand?"
"Auch die normalen, zum Essen."
Leise stöhnend schließt Lisa die Augen. Sieht ganz so aus, als würde der Kerl länger bleiben wollen. Sie müssen dringend hier weg, aber wie soll das gehen, wenn er ihnen alle Fluchtmöglichkeiten genommen hat?
Lisa richtet sich ein wenig auf und sieht ihre Tochter an. "Und oben? War er auch oben?"
"Überall. Er ist die ganze Zeit herumgerannt."
Offenbar hat er ihre Bewusstlosigkeit sinnvoll genutzt. Kein gutes Zeichen. Wo ist das schnurlose Telefon? Die Aufladestation ist leer.
"Hol mein Handy. Es liegt auf der Kommode."
Anouks Kopfschütteln macht auch diese Hoffnung zunichte.
"Das hat er eingesteckt. Und das normale Telefon auch."
Resigniert sinkt Lisa zurück. Sie überlegt fieberhaft: Sie muss die Tatsache nutzen, dass sie, von ihm unbemerkt, wieder zu sich gekommen ist und somit einen neuen Fluchtversuch unternehmen kann.
Die Garage! Wenn sie es schaffen, in die Garage zu kommen, sind sie gerettet. Dort steht ihr Auto, und der Zündschlüssel steckt. In die Garage kommt man durch die Waschküche, und diese Tür lässt sich nicht abschließen. Den Schlüssel hat sie vor längerer Zeit verloren und sie hat sich nie die Mühe gemacht, das Schloss austauschen zu lassen. Wenn der Mann die Küche verlässt, können sie in die Garage schleichen.
"Anouk", flüstert sie.
Sofort ist das Gesicht ihrer Tochter so nah, dass ihre Nasen sich berühren. "Ja?", flüstert das Kind.
"Ich tu so, als ob ich bewusstlos bin, dann lässt er uns in Ruhe. Du darfst ihm nicht verraten, dass ich wach bin, ja?"
"Okay", flüstert Anouk.
"und wenn er aus der Küche geht, sagst du mir das ganz leise."
"Ja."
Lisa macht die Augen zu.
"Mama?"
"Pssst."
Mucksmäuschenstill sitzt Anouk auf dem Sofa, und Lisa ist gerührt. Ihre liebe, tapfere, große, kleine Tochter! Was für ein Unmensch muss man sein, einem solchen Kind Angst zu machen? Was auch passiert, sie wird um jeden Preis verhindern, dass er Anouk etwas antut, und wenn sie ihm die Augen auskratzen muss.
Schritte auf dem Parkett. Er ist wieder im Wohnzimmer. Ein paar Sekunden ist nichts zu hören, wahrscheinlich beobachtet er sie. Lisa späht durch die Wimpern und erkennt seine Umrisse, mehr aber auch nicht. Keinen Gesichtsausdruck. Was er wohl vorhat? Anouk lehnt sich an ihren Bauch, sie spürt die vertraute Wärme, die ihren Beschützerinstinkt aktiviert und ihr gleichzeitig klarmacht, wie verletzlich sie ist. Die Schritte gehen weiter zur Essecke und dann in den Flur. Sie merkt, dass Anouk sich zu ihr umdreht.
"Mama, jetzt ist er weg."
Im Flur geht die Toilettentür, und kurz darauf plätschert es in die Kloschüssel. Vorsichtig richtet Lisa sich auf und stellt die Füße auf den Boden.
"Schnell", sagt sie mit gedämpfter Stimme.
Von schnell kann jedoch keine Rede sein. Kaum steht Lisa aufrecht, kommt es ihr vor, als schwankten die Wände um sie herum. Ihre Hand sucht Anouks Schulter, und das Kind sieht sie besorgt an.
"Es geht schon. Komm, schnell zum Auto!"
Auf Zehenspitzen gehen sie durch die Küche und hören, wie der Mann die Toilettenspülung zieht.
Lisa nimmt ihre Tochter fest an die Hand und zieht sie durch die Waschküche.
In der Garage ist es dunkel, aber Lisa wagt es nicht, Licht zu machen. Mit einer knappen Geste fordert sie Anouk auf, sich hinten ins Auto zu setzen. Sie selbst tastet nach dem Griff des Garagentors. Quietschend und knarrend setzt es sich in Bewegung und gleitet nach einem kräftigen Schubs ganz auf, jedoch alles andere als leise. Sonnenlicht und frische Luft fluten in die Garage. Lisa dreht sich um, sieht ein Paar Stiefel und als sie den Blick hebt, eine zerschlissene Jeans und eine Hand mit einem großen Messer.
Bis zum Auto sind es nur wenige Schritte.
Lisa rennt darauf zu, reißt die Tür auf, lässt sich auf den Fahrersitz fallen - und sieht sofort, dass der Zündschlüssel nicht mehr steckt. Fluchend steigt sie wieder aus. Die Gegenwart des Mannes nimmt ihr die Luft zum Atmen.
"Mama!"
"Raus! Steig aus!", schreit Lisa und rennt zur Werkbank am hinteren Ende der Garage. Sie rechnet jeden Moment damit, dass der Mann sie packt, hört aber nur, wie sich das Garagentor knarrend schließt, und wieder ist es finster. In blinder Hast suchen ihre Hände das Holzregal ab. Sie findet den Werkzeugkasten, kramt darin und bekommt einen schweren Hammer zu fassen. Die ideale Waffe! Schnell dreht sie sich um, aber in der Dunkelheit sieht sie weder den Mann noch ihre Tochter.
"Anouk!"
Im gleichen Moment gehen die Neonröhren an. Erst flackern sie, dann leuchten sie die Garage gnadenlos aus. Der Mann steht links neben ihrem Auto, in dem Anouk rasch auf die andere Seite rutscht und hektisch an der Kindersicherung herumfummelt.
Jetzt kommt es auf jede Sekunde an. Reflexartig reißt Lisa die Autotür auf, in der anderen Hand hält sie den Hammer und hebt ihn drohend.
"Wenn du uns zu nah kommst, schlag ich dich tot, ich schwör's bei Gott!", ruft sie mit sich überschlagender Stimme.
Der Mann geht um die Motorhaube herum und drängt Lisa und Anouk, die inzwischen ausgestiegen ist, nach hinten, in den dunkleren Bereich der Garage, wo es keinerlei Fluchtmöglichkeit gibt.
Lisa schiebt ihre Tochter hinter sich und holt mit dem Hammer aus, als ihr Widersacher näher kommt.
"Lass das Ding fallen, elendes Miststück!" Mit gezücktem Messer kommt er auf sie zu.
Der Hammer saust nach unten. Ein wütender Aufschrei verrät, dass Lisa getroffen hat, doch als sie erneut zum Angriff übergeht, spürt sie einen stechenden Schmerz in der Hand. Der Blusenärmel fühlt sich warm und feucht an - mit Entsetzen wird ihr klar, dass es Blut ist. Im nächsten Moment packt eine große Hand ihren Arm und dreht ihn auf den Rücken, sodass sie den Hammer fallen lassen muss.
Bevor Lisa sich versieht, liegt sie auf dem kalten Betonboden, und der Mann drückt ihr das Messer an die Kehle. Hinter sich hört sie Anouk rufen und bleibt dennoch merkwürdig ruhig. Sie begreift, dass sie diesem Gegner nicht gewachsen ist. Mit einem kranken Kind und einer verletzten Hand ist sie doppelt gehan- dicapt, und wenn sie sich weiterhin zur Wehr setzt, riskiert sie nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihres Kindes.
Sie zwingt sich, dem Mann ins Gesicht zu sehen.
"Bitte nicht", sagt sie gepresst. "Ich mache alles, was du willst, aber bring uns nicht um."
Er ist direkt über ihr, keucht vor Anstrengung und starrt sie zornig an. Die Messerklinge drückt sich schmerzhaft in ihre Haut.
"Bitte nicht", flüstert Lisa. "Es tut mir leid."
"Klappe! Steh auf!" Er zieht sie hoch und zerrt sie aus der Garage. Anouk stolpert hinterher wie ein ängstliches Rehkitz, das in der Nähe seiner Mutter bleiben will.
Stöhnend vor Schmerzen, lässt Lisa sich ins Wohnzimmer schleifen, wo der Mann sie aufs Sofa stößt.
Blut tropft auf den Parkettboden.
Anouk schmiegt sich an ihre Muter, und Lisa legt den Arm um das Kind. Wie auf Verabredung halten sie beide den Blick gesenkt, starren auf das Blut am Boden. Der Mann baut sich vor ihnen auf, die Hände in die Hüften gestemmt. So bleibt er eine Weile stehen und sieht sie an, bis Anouk leise zu weinen beginnt. Er setzt sich auf die Tischkante, das blutige Messer noch in der Hand.
"So", sagt er gelassen. "Wir sollten dringend ein paar Dinge klären."Im gleichen Moment wird im Fernsehen eine Fahndungsmeldung durchgegeben.