Geständnisse eines Küchenchefs, 5 Audio-CDs - Bourdain, Anthony

Geständnisse eines Küchenchefs, 5 Audio-CDs

Was Sie über Restaurants nie wissen wollten. 370 Min.

Anthony Bourdain 

Gelesen v. Volker Niederfahrenhorst
 
4 Kundenbewertungen
  ausgezeichnet
Vergriffen, keine Neuauflage
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Geständnisse eines Küchenchefs, 5 Audio-CDs

Montags keine Meeresfrüchte! Das ist noch eine der harmloseren Gefahren, auf die Bourdain in seinen gnadenlosen, abgründig witzigen Memoiren verweist. Als Küchenchef diverser Etablissements - von der Strandkneipe bis zum Edelschuppen - hat er alles durchlebt, was diese wahrhaft heiße Szene zu bieten hat. Ein unvergesslicher Blick hinter die Küchentür, eine abenteuerliche, amüsante Reise in die dunklen Gefilde der kulinarischen Welt.


Produktinformation

  • ISBN-10: 3865382258
  • Best.Nr.: 20789610
  • Laufzeit: 370 Min.
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 27.12.2001

Küche

"Geständnisse eines Küchenchefs - Was Sie über Restaurants nie wissen wollten" von Anthony Bourdain. Karl Blessing Verlag, München 2001. 352 Seiten. Gebunden, 23 Euro. ISBN 3-89667-166-9.

Die Autobiographie des New Yorker Kochs Anthony Bourdain wird Menschen nicht gefallen, die Serviettenringe mit Namen benutzen, sich von ihren Kindern siezen lassen und glauben, Chefköche seien sphinxhafte Wesen mit aristokratischen Manieren, die ein Dutzend verschiedene Zubereitungsarten von Confit de Canard, aber nicht das richtige Leben kennen. Die Enten-Rezepte kennt Bourdain auch und außerdem ein Dutzend Synonyme für Kopulieren. Er benutzt sie oft, denn in seinem Buch geht es um Sex in der Küche und im Kühlraum, um Saufen, Kiffen und Koksen, um bösartige Kellner, versaute Saucenmeister und tyrannische Restaurantbesitzer, um Horden halbkrimineller Spinner, die unter dem Kommando psychopathischer Zuchtmeister in heißen, engen, lauten Küchen Essen zubereiten. Es ist die dralle Lebensgeschichte eines Kettenrauchers und Ex-Junkies aus gutem Haus, der nichts ausgelassen hat und heute Chef in einem Luxusrestaurant ist, gewiß kein dekorierter Stern am …

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"Bourdains Buch ist eine Liebeserklärung an die Irren der Kochtöpfe, eine romantische Reise in die Finsternis der Kühlschränke."

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"In dieser Autobiografie des New Yorker Starkochs geht es nach Auskunft eines mit "str." zeichnenden Rezensenten um "Sex in der Küche und im Kühlraum", "bösartige Kellner, versaute Saucenmeister und tyrannische Restaurantbesitzer". Es handele sich um "die dralle Lebensgeschichte eines Kettenrauchers und Ex-Junkies" aus gutem Hause, eines "bösen Buben am Herd", eines "outlaws unter der Dunstabzugshaube". Manchmal geht dem Rezensenten dessen Eitelkeit zwar "mächtig auf die Nerven", aber alles in allem findet er diesen "Rüpel mit Schürze" doch sehr sympathisch, der "entwaffnend offen" und oft brüllend komisch" über sich und andere Chefköche schreibe. Auch erzähle Bourdain im Grunde nichts, was seine Leser von künftigen Restaurantbesuchen abhalten könne. Im Gegenteil, wann immer es ums Essen gehe und ums Kochen , werde dieser "Zyniker aus der Küche" plötzlich ganz sanft und man spüre: der Mann liebt sein Metier.

© Perlentaucher Medien GmbH"
Der französischstämmige Amerikaner Anthony Bourdain, geboren 1956 in New York, gelang mit seinem autobiografisch durchwirkten Buch Geständnisse eines Küchenchefs ein Welterfolg, seitdem legte er u.a. "Ein Küchenchef reist um die Welt" und "So koche ich" sowie mehrere Kriminalromane vor. Mit drei Jahren konnte er lesen, mit sechs hörte er Miles Davis, mit zwölf rauchte er seinen ersten Joint. Seit seinem 17. Lebensjahr arbeitet Bourdain in der Küche. Er studierte am College von Vassar und absolvierte seine Fachausbildung am Culinary Institute of America (CIA). Rund zehn Jahre lang führte er die Brasserie Les Halles in New York. Seine Fernsehserien A Cook s Tour und "Eine Frage des Geschmacks" fanden in vielen Ländern großen Anklang.
Essen ist gut
.........

Meine erste Ahnung, dass Essen etwas anderes sein kann als eine Substanz, die man sich bei Hunger reinstopft - wie Tanken an einer Tankstelle -, kam nach der vierten Klasse Grundschule. Es passierte auf einer Ferienreise der Familie nach Europa, auf der Queen Mary, im Speisesaal zweiter Klasse. Irgendwo gibt es ein Foto: Meine Mutter mit ihrer Jackie-O-Sonnenbrille, mein jüngerer Bruder und ich in unseren krampfhaft niedlichen Kreuzfahrt-Outfits, alle ganz aufgeregt über unsere erste Fahrt nach Übersee, unsere erste Reise in die Heimat der Ahnen meines Vaters, Frankreich.

Es war die Suppe.

Sie war kalt.

Für einen neugierigen Viertklässler, dessen gesamte Suppenerfahrung sich bis dato auf Campbell's Tomatencreme und Nudelsuppe mit Huhn beschränkte, war das eine ungeheure Entdeckung. Ich hatte schon in Restaurants gegessen, klar, aber das war das erste Essen, das ich wirklich registrierte. Es war das erste Essen, das ich genoss und, noch wichtiger, dessen Genuss mir im Gedächtnis blieb. Ich fragte unseren geduldigen englischen Kellner, was das denn für eine köstliche, kühle, leckere Flüssigkeit wäre.

"Vichyssoise" war die Antwort, ein Wort, das bis zum heutigen Tag einen magischen Klang hat - obwohl das inzwischen ein müder alter Gaul von Menügericht ist, das ich ein paar tausend Mal zubereitet habe. Ich kann mich an jede Einzelheit dieses Erlebnisses erinnern: wie der Kellner sie aus einer silbernen Terrine in meinen Teller schöpfte, an das Knirschen des Schnittlauchs, den er als Garnitur darüber löffelte, den üppigen, cremigen Geschmack von Lauch und Kartoffeln, den lustvollen Schock, die Überraschung, dass sie kalt war.

Sehr viel mehr ist mir von dieser Überquerung des Atlantiks nicht im Gedächtnis geblieben. Ich sah Boeing Boeing mit Jerry Lewis und Tony Curtis im Kino der Queen und einen Bardot-Streifen. Der alte Dampfer wackelte und stöhnte und vibrierte den ganzen Weg fürchterlich - Muschelbefall am Kiel lautete die offizielle Erklärung -, und von New York bis Cherbourg hatten wir das Gefühl, auf einem riesigen Rasenmäher zu reiten. Mein Bruder und ich langweilten uns schon bald und verbrachten den Großteil unserer Zeit in der "Teen Lounge", hörten "The House of the Rising Sun" aus der Jukebox oder beobachteten, wie das Wasser wie eine kontrollierte Tsunami im Salzwasserpool auf dem Unterdeck herumschwappte.

Aber diese kalte Suppe ließ mich nicht los. Ihr Echo blieb, machte mir meine Zunge bewusst, und irgendwie bereitete sie mich auf zukünftige Ereignisse vor.

Mein zweites Schlüsselerlebnis auf meiner langen Kletterpartie zum Chefkoch passierte ebenfalls während dieser ersten Frankreichreise. Nach unserer Landung blieben meine Mutter, mein Bruder und ich bei Verwandten in der kleinen Küstenstadt Cherbourg in einem tristen, kalten Urlaubsgebiet in der Normandie. Der Himmel war fast immer bewölkt, das Wasser unwirtlich kalt. Alle Kinder aus der Nachbarschaft dachten, ich würde Steve McQueen und John Wayne persönlich kennen. Da ich Amerikaner war, glaubten sie, wir wären alle Kumpel, würden zusammen auf der Prärie rumhängen, Pferde reiten und Missetäter niederknallen - also genoss ich umgehend eine gewisse Berühmtheit. Die Strände taugten zwar nicht zum Schwimmen, waren aber übersät von alten Nazi-Blockhäusern und Kanonenunterständen, von denen viele noch sichtbare Einschüsse und Spuren von Flammenwerfern aufwiesen. Und unter den Dünen gab es Tunnels - alles sehr coole Forschungsgebiete für ein Kind. Meine kleinen französischen Freunde durften, zu meiner Überraschung, sonntags eine Zigarette rauchen, bekamen bei Tisch gewässerten vin ordinaire, und, das Allerbeste, sie besaßen Velo-Solex-Motorräder. Das war die richtige Methode, Kinder zu erziehen, dachte ich mir, traurig, weil meine Mutter diese Meinung nicht teilte.

Während meiner ersten Wochen in Frankreich erforschte ich also unterirdische Gänge, suchte nach toten Nazis, spielte Minigolf, rauchte heimlich, las einen Haufen Tintin- und Asterix-Comichefte, tuckerte auf den Motorrädern meiner Freunde herum und absorbierte durch Beobachtung kleine Lektionen fürs Leben. So brachte beispielsweise ein Freund der Familie, Monsieur Dupont, zu manchen Mahlzeiten seine Mätresse mit, zu anderen dagegen seine Frau, und seine zahlreiche Kinderbrut ließ dieser Wechsel ziemlich kalt.

Das Essen beeindruckte mich im Großen und Ganzen nicht.

Die Butter schmeckte für meinen unentwickelten Gaumen "käsig". Die Milch, ein Standard-, nein, ein Pflichtritual im amerikanischen Kinderleben der 60er Jahre, war hier nicht trinkbar. Mittagessen bestand eigentlich immer aus sandwich jambon oder croque-monsieur. Jahrhunderte französischer Kochkunst mussten erst noch Eindruck bei mir machen. Was mir am französischen Essen auffiel, war, was sie nicht hatten.

Nach einigen Wochen dieses Programms nahmen wir den Nachtzug nach Paris, wo wir unseren Vater vorfanden und einen schnittigen neuen Rover Sedan Mark III, unseren Reisewagen. In Paris wohnten wir im Hôtel Lutétia, damals ein großer, leicht schäbiger alter Kasten am Boulevard Haussmann. Die Menüauswahl für meinen Bruder und mich wurde etwas erweitert auf steak frites und steak haché. Wir machten alles, was Touristen so machen: Kletterten auf den Eiffelturm, picknickten im Bois de Boulogne, marschierten im Louvre an den großen Werken vorbei, schoben Spielzeugsegelboote im Brunnen des Jardin de Luxembourg herum - alles kein wirklicher Spaß für einen Neunjährigen mit einem sich bereits entwickelnden Hang zum Kriminellen. Mein Hauptinteresse zu dieser Zeit war die Erweiterung meiner Sammlung englischer Übersetzungen von Tintin-Abenteuern. Hergés flott gezeichnete Geschichten über Drogenschmuggel, antike Tempel und fremde, ferne Orte und Kulturen waren für mich echte Exotica. Ich zwang meine armen Eltern, mir bei W. H. Smith, der englischen Buchhandlung, für hunderte von Dollars diese Geschichten zu kaufen, nur damit ich aufhörte, über die Entbehrungen Frankreichs zu jammern. Mit meinen kleinen Minishorts ein ständiger Affront, wurde ich zügig zu einem verdrießlichen, launischen, schwierigen Balg. Ich stritt mich ständig mit meinem Bruder, mäkelte an allem und jedem herum, machte mich kurzum zum Klotz am Bein der glorreichen Expedition meiner Mutter.

Meine Eltern gaben ihr Bestes. Sie schleppten uns überallhin mit, von Restaurant zu Restaurant, und wanden sich zweifellos jedes Mal vor Scham, wenn wir auf steak haché (mit Ketchup natürlich) und einer Cola bestanden. Schweigend ertrugen sie mein ständiges Genörgel über käsige Butter, meine anscheinend nicht enden wollende Freude an der Reklame für einen populären Softdrink der damaligen Zeit: Pschitt. "Ich will Shit! Ich will Shit!" Sie schafften es, meine Augenverdreherei und mein Herumgehampel zu ignorieren, wenn sie Französisch sprachen, und sie versuchten mich anzuregen, etwas zu finden, irgendetwas, das mir Freude machen würde.

Und dann kam die Zeit, in der sie schließlich die Kinder nicht mehr mitnahmen.

Ich kann mich gut daran erinnern, weil es so ein Schlag ins Gesicht war. Es war ein Weckruf dafür, dass Essen wichtig sein konnte, eine Herausforderung für meine angeborene Kampfeslust. Mir wurde etwas verweigert, und schon öffnete sich eine Tür.

Der Name der Stadt war Vienne. Wir waren weit gefahren, um hierher zu kommen. Meinem Bruder und mir waren gerade wieder die Tintins ausgegangen, und wir waren stinkend mies drauf. Die französische Landschaft mit ihren anmutigen baumgesäumten Straßen, Hecken, bestellten Feldern und Bilderbuchdörfern bot wenig Kurzweil. Meine Eltern hatten inzwischen Wochen gnadenloser Quengelei und viele Mahlzeiten in gespannter und stetig unangenehmer werdender Atmosphäre erduldet. Sie hatten pflichtschuldigst unsere steak haché, crudités variées, sandwich jambon und Ähnliches bis zum Erbrechen bestellt. Sie hatten unser Genöle ertragen, von wegen die Betten wären zu hart, die Kissen zu weich, die Nackenrollen, die Toiletten und die Installationen zu seltsam. Sie hatten uns sogar ein bisschen gewässerten Wein erlaubt, weil man das in Frankreich offenbar machte - aber auch, damit wir die Klappe hielten. Sie hatten meinen Bruder und mich, die beiden hässlichsten Amerikaner, überallhin mitgenommen.

In Vienne war das anders.

Sie stellten den blitzenden neuen Rover auf dem Parkplatz eines Restaurants ab, das recht viel versprechend La Pyramide hieß, reichten uns einen offensichtlich gebunkerten Stapel Tintins... und ließen uns dann im Auto!

Es war ein harter Schlag. Kleiner Bruder und ich wurden über drei Stunden im Auto gelassen, eine Ewigkeit für zwei arme Kinder, die ohnehin schon halb irre vor Langeweile waren. Ich hatte reichlich Zeit, mich zu fragen: Was kann es denn so Tolles hinter diesen Mauern geben? Sie aßen dort. Das wusste ich. Und es war ganz sicher eine Riesensache. Selbst mit meinen hirnlosen neun Jahren konnte ich die nervöse Vorfreude, die Aufregung, ja fast so etwas wie Ehrfurcht erkennen, mit der meine geplagten Eltern sich dieser Stunde genähert hatten. Und ich hatte den Vichyssoise-Vorfall noch ganz frisch im Gedächtnis. Essen konnte, wie es schien, wichtig sein. Es konnte ein Ereignis sein. Es barg Geheimnisse.

Heute weiß ich natürlich, dass La Pyramide auch schon im Jahr 1966 das Zentrum des kulinarischen Universums war. Bocuse, Troisgros, alle hatten sie dort ihre Zeit absolviert, hatten ihre Knochen der legendär Furcht erregenden Knute des Eigentümers Ferdinand Point ausgeliefert. Point war der Großmeister der Kochkunst der damaligen Zeit, und La Pyramide war das Mekka für Essens-Junkies. Für meine ernsthaft frankophilen Eltern war das eine Pilgerfahrt. Und irgendwie drang das auf dem Rücksitz des glühend heißen, geparkten Wagens bis in meinen winzigen, leeren Schädel durch, sogar damals schon.

Die Dinge änderten sich. Ich änderte mich.

Zuallererst war ich stinksauer. Die Bosheit, immer schon eine große, treibende Kraft in meinem Leben, veranlasste mich, mit einem Mal abenteuerlustig zu werden, wenn es um Essen ging. Ich beschloss in diesem Augenblick, meine Essens-Junkie-Eltern zu übertrumpfen. Gleichzeitig könnte ich meinen noch nicht eingeweihten Bruder das Ekeln lehren. Ich würde es ihnen zeigen, wer hier der Gourmet ist!

Hirn? Stinkende, verlaufende Käse, die rochen wie Leichenfüße? Pferdefleisch? Bries? Her damit!! Was immer den größten Schockwert hatte, wurde zum Gericht meiner Wahl. Den Rest dieses Sommers und in allen Sommern, die folgten, aß ich alles. Ich löffelte klebrigen Vacherin, lernte die käsige, üppige normannische Butter lieben, besonders wenn man sie auf Baguette schmierte und in heiße, bittere Schokolade tauchte. Ich trank heimlich Rotwein, wann immer es mir möglich war, versuchte fritures - winzige ganze Fische, gebraten und mit persillade serviert - und fand es wunderbar, Köpfe zu verspeisen, Augen, Knochen, alles. Ich aß Rochen in beurre noisette, saucisson à l'ail, rognons de veau (Nieren) und boudin noir (Blutwurst), die mir Blut übers Kinn spritzte.

Und ich aß meine erste Auster.

Also das war wirklich ein bedeutendes Ereignis. Ich erinnere mich daran genauso gut wie an den Verlust meiner Unschuld - und in vieler Hinsicht mit mehr Freude.

Den August dieses ersten Sommers verbrachten wir in La Teste sur Mer, einem winzigen Austerndorf am Bassin d'Arcachon in der Gironde. Wir wohnten bei meiner Tante Jeanne und meinem Onkel Gustav in dem mit roten Ziegeln gedeckten, weiß verputzten Haus, in dem mein Vater als Junge die Sommerferien verbracht hatte. Tante Jeanne war eine schäbig angezogene, bebrillte, etwas streng riechende alte Frau, Onkel Gustav ein Opa im Overall mit Baskenmütze, der handgerollte Zigaretten rauchte, bis sie auf seiner Zungenspitze verschwanden. In La Teste hatte sich nur wenig verändert in all diesen Jahren. Die Nachbarn waren immer noch alle Austernfischer. Ihre Familien züchteten immer noch Hasen und bauten hinter dem Haus Tomaten an. Die Häuser hatten zwei Küchen, eine drinnen und eine "Fischküche" draußen. Es gab eine Handpumpe für Trinkwasser aus dem Brunnen und ein Plumpsklo ganz hinten im Garten. Überall waren Eidechsen und Schnecken. Die größten Touristenattraktionen waren die nahe gelegene Düne von Pyla (Europas größte Sanddüne!) und die Urlaubsstadt Arcachon, ebenfalls nicht weit entfernt, wo die Franzosen alle vereint zu Les Grandes Vacances einfielen. Fernsehen war ein großes Ereignis. Um sieben Uhr, wenn die beiden nationalen Stationen auf Sendung gingen, trat mein Onkel Gustav mit ernster Miene und einem an die Hüfte geketteten Schlüssel aus seinem Zimmer und sperrte feierlich die Schranktüren auf, die den Bildschirm verdeckten.

Hier waren mein Bruder und ich glücklicher. Hier konnten wir mehr unternehmen. Die Strände waren warm, das Klima ähnelte dem, das wir von zu Hause kannten, und dazu kam die zusätzliche Attraktion von allgegenwärtigen Nazi-Blockhäusern. Es gab Eidechsen, die es zu jagen und auszulöschen galt mit leicht zu beschaffenden pétards, Knallfröschen, die man legal (!) im Laden kaufen konnte. Da gab es einen Wald, der zu Fuß erreichbar war und in dem ein echter Einsiedler lebte. Mein Bruder und ich verbrachten viele Stunden dort und spionierten ihm aus dem Unterholz nach. Mittlerweile konnte ich französische Comics lesen und genießen, und natürlich aß ich - ich aß richtig. Trübbraune soupe de poisson, Tomatensalat, moules marinières, poulet basquaise (wir waren nur ein paar Kilometer vom Baskenland entfernt). Wir machten Tagesausflüge nach Cap Ferret, einem wilden, menschenleeren und atemberaubend schönen Atlantikstrand mit großen, wogenden Wellen, und wir hatten Baguettes, saucissons und Käse, Wein und Evian mit dabei (zu Hause kannte man damals Wasser in Flaschen überhaupt noch nicht). Etwas weiter westlich lag der Lac Cazeaux, ein Süßwassersee, wo mein Bruder und ich pédalo-Boote mieten und im Tiefen herumstrampeln konnten. Wir aßen gaufres, köstliche heiße Waffeln mit Schlagsahne und Puderzucker. Die zwei heißesten Songs dieses Sommers in der Jukebox von Cazeaux waren "Whiter Shade of Pale" von Procul Harum und "These Boots Were Made for Walking" von Nancy Sinatra. Immer und immer wieder spielten die Franzosen diese beiden Songs, untermalt vom Knallen, wenn französische Luftwaffenjets auf ihrem Weg zu einem nahe gelegenen Truppenübungsplatz über den See rasten und dabei die Schallmauer durchbrachen. Bei so viel Rock and Roll, gutem Essen und frei verfügbarem Sprengstoff war ich einigermaßen glücklich.

Und so kam es, dass ich begeistert war, als Monsieur Saint-Jour, der Austernfischer, meine Familie auf sein penas (Austernboot) einlud.

Um sechs Uhr morgens gingen wir mit unseren Picknickkörben und unseren vernünftigen Schuhen an Bord von Monsieur Saint-Jours kleinem Holzschiff. Er war ein recht herber alter Kerl, der, wie mein Onkel, einen uralten Jeansoverall, Espadrilles und Baskenmütze trug. Er hatte ein ledriges, gebräuntes, vom Wind gegerbtes Gesicht, hohle Wangen und die winzigen, geplatzten Äderchen auf Nase und Backen, die hier anscheinend jeder hatte - von zu vielen Gläsern des hiesigen Bordeaux. Er hatte seine Gäste nicht wirklich umfassend auf das vorbereitet, was zu diesen täglichen Arbeiten gehörte. Wir tuckerten hinaus zu einer Boje, die seinen Unterwasser-Austern-parc markierte, und wir saßen... und saßen... und saßen in der brüllenden Augustsonne und warteten auf Ebbe. Es ging darum, das Boot über die Palisadenzaunwände treiben zu lassen und dann sitzen zu bleiben, bis sich das Boot mit dem Wasserpegel senken und schließlich auf dem Grund des bassin landen würde. An diesem Punkt dann würde Monsieur Saint-Jour, und wohl auch seine Gäste, die Austern zusammenrechen, ein paar gute Exemplare zum Verkauf im Hafen einsammeln und eventuelle Parasiten entfernen, die seine Ernte gefährden könnten.

Es waren, wie ich mich erinnere, noch etwa sechzig Zentimeter Wasserstand, ehe sich der Kiel des Bootes auf Grund legen würde und wir im parc herumgehen könnten. Wir hatten bereits den Brie und die Baguettes niedergemacht und das Evian ausgetrunken, aber ich hatte immer noch Hunger und sagte das typischerweise auch.

Als Monsieur Saint-Jour das hörte, fragte er - und es klang wie eine Herausforderung - in seinem breiten Girondais-Akzent, ob einer von uns vielleicht eine Auster probieren wolle.

Meine Eltern zögerten. Ich glaube nicht, dass ihnen klar war, dass sie tatsächlich eines dieser rohen schleimigen Dinger, über die wir gerade trieben, essen sollten. Mein kleiner Bruder machte einen entsetzten Satz rückwärts.Doch ich, im stolzesten Augenblick meines jungen Lebens, erhob mich, grinste voller Trotz und bot mich freiwillig an, als Erster zu probieren.


Kundenbewertungen zu "Geständnisse eines Küchenchefs, 5 Audio-CDs"

4 Kundenbewertungen (Durchschnitt 5 von 5 Sterne bei 4 Bewertungen   ausgezeichnet)
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Bewertung von Eule aus Ribnitz Damgarten am 20.07.2010   ausgezeichnet
Einfach ein Klassiker für Gastronomen!
Muss man gehört oder lesen haben,man gewinnt tolle Eindrücke wie das ware Leben in der Küche ist und kann auch viel dazu lernen!!

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Bewertung von klaus Bäck aus Hamburg am 13.07.2007   ausgezeichnet
Heiter bis bissig, ein Buch, welches nicht von eingefleischten Restaurantbesuchern gelesen werden sollte. Denn es ist sooo, und noch schlimmer! Man möchte immer wissen, wie es weitergeht, welcher Exzess folgt. Ich habe Tränen gelacht (was in der Hamburger U-Bahn nicht so gut kommt!). Köche sind Schweine (bin ja auch einer!!). Aber wir gehen trotzdem noch in eine Restaurant essen, nur nicht, wenn wir sehen, dass der Küchenchef und der Besitzer am Stammtisch sitzen und Karten spielen (schmunzel)!! Und als Hörbuch ein Gedicht ...

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Bewertung von klaus Bäck aus Hamburg am 13.07.2007   ausgezeichnet
Wer will da noch essen gehen ...

Der warscheinlich arroganteste Koch der Welt. Ja, so geht es in den Küchen zu ... Einfach lesen und weiterhin in Restaurants essen gehen ...

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Broschiertes Buch

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Bewertung von Klaus Bäck aus Hamburg am 24.03.2002   ausgezeichnet
Heiter bis bissig, ein Buch, welches nicht von eingefleischten Restaurantbesuchern gelesen werden sollte. Denn es ist sooo, und noch schlimmer!
Man möchte immer wissen, wie es weitergeht, welcher Exzess folgt. Ich habe Tränen gelacht (was in der Hamburger U-Bahn nicht so gut kommt!).
Köche sind Schweine (bin ja auch einer!!).
Aber wir gehen trotzdem noch in eine Restaurant essen, nur nicht, wenn wir sehen, dass der Küchenchef und der Besitzer am Stammtisch sitzen und Karten spielen (schmunzel)!!

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundenes Buch

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