"Ich habe nichts erfunden, nichts komponiert. Es handelt sich
nicht mehr darum, zu 'dichten'. Das Wichtigste ist das
Beobachtete." So eröffnet Joseph Roth seinen Bericht über die
Odyssee des Franz Tunda, eines österreichischen Offiziers im Ersten
Weltkrieg, der aus der russischen Kriegsgefangenschaft flieht. Auf
seiner abenteuerlichen Reise gerät er in die Wirren des russischen
Bürgerkriegs, in die kommunistische Avantgarde und in die Arme
einer schönen Georgierin. Doch nirgends kommt Tunda an. Baku,
Moskau, Wien, Paris - jeder Ort erweist sich bloß als weitere
Etappe seiner Flucht. Michael Kehlmann verfilmte den Roman 1985 für
das Fernsehen mit Helmuth Lohner und Peter Weck.
Rezensent Oliver Jungen gehört ganz offenbar zu jenen Lesern, denen Wolfgang Borcherts Heimkehrerdrama "Draußen vor Tür" immer schon "zu pathetisch" erschien. Lieber hält er sich an Joseph Roth und dessen rastlosen, entfremdeten Heimkehrer, der sich von Paris bis in die Taiga "von Busen zu Busen" hangelt. Da ist Leben drin, findet Jungen und bewundert Roths postmoderne Perspektivenwechsel, die Melange aus Tagebuch, Satire, Sozialkritik, überhaupt diesen "zeitlosen" Roman, in dem die Frauen eine so zentrale Rolle spielen. Ungekürzt und ohne Manieriertheit gelesen von Martin Wuttke, schwärmt Jungen, entfaltet dieser Text seine ganze Lakonik.
Joseph Roth, geb. 1894 in Galizien als Sohn jüdischer Eltern, studierte Literaturwissenschaften in Wien und Lemberg. Teilnahme am Ersten Weltkrieg. Ab 1918 Journalist in Wien, dann Berlin, 1923-32 Korrespondent der Frankfurter Zeitung. 1933 Emigration nach Frankreich. Starb 1939 im Alter von nur 45 Jahren in Paris.