Erhöre mein Flehen, 4 Audio-CDs - Tamaro, Susanna

Susanna Tamaro 

Erhöre mein Flehen, 4 Audio-CDs

Gekürzte Lesung

Sprecher: Wackernagel, Katharina
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Erhöre mein Flehen, 4 Audio-CDs

Mit ihrem neuesten Roman kehrt Susanna Tamaro zu den Figuren von Geh, wohin dein Herz dich trägt zurück: Marta, Olgas Enkelin, muss den Tod ihrer Großmutter verkraften. Sie beginnt, ihrer eigenen schmerzhaften Vergangenheit nachzuspüren und sich ihrer familiären Wurzeln bewusst zu werden.


Produktinformation

  • ISBN-10: 3866049668
  • Best.Nr.: 23801090
  • Laufzeit: 300 Min.
"Susanna Tamaro ist eine hinreißende Fabuliererin mit frischer Phantasie, Poesie und Witz."

Geh, wohin der Baum stand

Nach dem Welterfolg ihres Romans „Geh, wohin mein Herz dich trägt” hat Susanna Tamaro eine Fortsetzung geschrieben: in „Erhöre mein Flehen” führt die Suche nach den Geheimnissen der Familie direkt in die Forstwissenschaft Von Verena Mayer

Es gibt Geschichten, die schreien nach Fortsetzungen. Das Leben des talentierten Mr. Ripley zum Beispiel. Oder Tom Sawyers Abenteuer. „Geh, wohin dein Herz dich trägt” schrie eher nicht danach. In ihrem herzergreifenden Roman aus dem Jahr 1994 hat Susanna Tamaro bereits alles wegerzählt, was es zu erzählen gibt: Von einer liebevollen Großmutter, die ihrer Enkeltochter Briefe über das Leben schreibt. Von der Enkeltochter, die ohne Mutter aufgewachsen ist. Von der Mutter, die bei einem Autounfall ums Leben kam, nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Vater gar nicht ihr Vater ist. Was soll man dem noch hinzufügen?

Naja, es könnte natürlich sein, dass die liebevolle Großmutter, die ihrer Enkeltochter Briefe über das Leben schreibt, einen ganz traurigen Tod stirbt. Dass die Mutter, die bei einem Autounfall ums Leben kam, nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Vater gar nicht ihr Vater ist, als junge Frau einmal abgetrieben hat. Dass die Enkeltochter, die ohne Mutter aufgewachsen ist, ihren Vater ebenfalls nicht kennt, ihn eines Tages sucht und findet. Dass der sich daraufhin umbringt und seine Tochter in einen Kibbuz zieht.

All dies passiert also in Tamaros neuem Roman „Erhöre mein Flehen”. Die 1957 in Triest geborene Autorin knüpft an die Figuren aus „Geh, wohin mein Herz dich trägt” an, nur, dass es diesmal die Enkelin Marta ist, die in der Ich-Form aus ihrem Leben erzählt. Tamaro, so ist der Verlagsinformation zu entnehmen, sei nach dem Welterfolg von „Geh, wohin dein Herz dich trägt” so oft gefragt worden, was mit der Oma und der Enkelin passiere, dass sie eines Tages deren Geschichte weitergesponnen habe.

Aber man muss „Geh, wohin dein Herz dich trägt” nicht kennen, um seine Fortsetzung zu verstehen. Die Figuren erschließen sich schnell, die Macken der Großmutter, das bewegte Schicksal der Enkelin. Marta lässt zu Beginn ihre Kindheit Revue passieren, die sie im Haus der Oma zubrachte. Die ist in Martas Augen eine verbitterte Hexe, die zwar jede Menge Märchengeschichten auf Lager hat, Auskünfte über Martas Mutter aber beharrlich verweigert.

Als sie stirbt und ihr Nachlass geordnet werden muss, beschließt die Enkelin, Nachforschungen über ihre Familie anzustellen.Martas Suche nach den eigenen Wurzeln ist mit einem eingängigen Symbol illustriert, einem Baum. Bereits auf der ersten Seite wird er, der geliebte alte Nussbaum aus Kindertagen, gefällt, für Marta das Signal, „aufzustehen und dahin zu gehen, wo früher der Baum stand”. Und am Ende, als sie weiß, woher sie kommt und wer die Ihren waren, beschließt sie, Forstwissenschaften zu studieren, „da ich endlich begriffen hatte, was ich für den Rest meiner Tage tun wollte: mich mit Bäumen beschäftigen.”

Das alles ist durchdrungen von einer Lebensklugheit, die sich irgendwo zwischen großen Gefühlen und Kleinem Prinzen bewegt. Bestimmt zwei Drittel der Sätze aus dem Buch könnte man mit Kreuzstich auf ein Deckchen sticken und sich übers Bett hängen. Etwa: „Gehört dieses Leben denn wirklich uns, ist es der einzige lichte Raum, den wir durchqueren dürfen?”

Überhaupt die Fragen. Selten hat man in einem Roman so viele Fragen pro Seite gelesen. Entscheidungsfragen, Ergänzungsfragen, Doppelfragen. Fragen zu Identität, Menschsein, ungeborenem Leben, Tod, Jenseits. Fragen dieser Art: „Gibt es im Himmel einen Ort, der alles aufnimmt – einen Katalog, ein Archiv, ein kosmisches Gedächtnis? Und außer einem Register vielleicht auch eine Waage, jemanden, der die Existenzen wiegt?” Oder: „Welchen Sinn hatten also unsere Leben? War es unser Schicksal, den Schatten nachzujagen, oder verbarg sich hinter all der Leere doch ein Sinn?”

Antworten werden zum Glück keine gegeben, der Roman hat es auch so schon schwer genug. „Erhöre mein Flehen” stößt, wie jede Fortsetzung, die nicht geplant war, schnell an dramaturgische Grenzen. Es gibt einfach nicht mehr viele Verästelungen des Familienstammbaums, die nicht schon in „Geh, wohin dein Herz dich trägt” vorkamen. Auch sind die Sinnsprüche aus dem Vorgängerroman in ihrer Endgültigkeit kaum zu überbieten: „Gerade wenn du glaubst, du befändest dich in einer ausweglosen Situation, wenn du den Gipfel höchster Verzweiflung erreichst, verändert sich mit der Geschwindigkeit eines Windstoßes alles, dreht sich und plötzlich lebst du unvermutet ein neues Leben.”

So muss die Handlung in „Erhöre mein Flehen” durch mehr oder weniger nachvollziehbare Überraschungseffekte in Gang gehalten werden. Alte Tagebücher tauchen auf, in denen mindestens ein Familiengeheimnis pro Eintrag enthüllt wird. Völlig unbekannte oder verschollen geglaubte Verwandte betreten die Bildfläche oder verlassen sie abrupt wieder.

Ärgerlich wird es, wenn schließlich der Holocaust ins Spiel kommt. Auf ihrer Suche nach den unbekannten Wurzeln reist die Ich-Erzählerin nach Israel, wo sie unter anderem einer KZ-Überlebenden begegnet. Diese Figur verwendet Tamaro, um die standardisierten Schreckensbilder zu beschwören: die Rampe in Auschwitz, die Verbrennungsöfen, die Gaskammern. Das Schicksal der Holocaust-Opfer, eingebettet zwischen pseudo-philosophischen Lebensweisheiten über Abtreibung und vernachlässigte Kinder – an diesen Stellen hat man den Eindruck, dass der Roman nicht von „Geh, wohin dein Herz dich trägt” inspiriert ist, sondern vom Satz: „Schreib, was dein Bauch dir sagt”. Und wie das so ist mit dem Bauchgefühl: Einmal hat es recht, beim nächsten Mal ignoriert man es besser.

Susanna Tamaro

Erhöre mein Flehen

Roman. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. C. Bertelsmann Verlag, München 2008. 221 Seiten, 16,95 Euro.

„Gibt es im Himmel ein Archiv, ein kosmisches Gedächtnis?”

SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH

Susanna Tamaro wurde 1957 in Triest geboren; sie ist die Großnichte von Italo Svevo. Längere Zeit war sie Dokumentarfilmerin für das italienische Fernsehen, heute lebt sie als freie Schriftstellerin in Rom und bei Orvieto.

Leseprobe zu "Erhöre mein Flehen, 4 Audio-CDs" von Susanna Tamaro

Präludium

Das erste Zeichen war vielleicht das Fällen des Baumes.

Du hattest mir nichts davon gesagt, diese Dinge gingen Kinder nichts an, und so fraß sich die Säge an einem Wintermorgen in die silbrig schimmernde Rinde, während ich in der Schule völlig teilnahmslos von den Vorzügen des kleinsten gemeinsamen Nenners hörte; während ich auf dem Weg zur Pause den Flur entlangschlurfte, rieselte das Leben des Baums in winzigen Spänen den Ameisen auf den Kopf wie Schnee.

Das Ausmaß der Verwüstung traf mich, als ich von der Schule nach Hause kam. Auf dem Rasen klaffte dort, wo der Nussbaum gestanden hatte, ein schwarzer Schlund, der schon in drei Teile zersägte und von seinen Ästen befreite Stamm lag daneben, und ein Mann mit blaurotem Gesicht gab sich inmitten schmutziger Dieselabgase alle Mühe, die Wurzeln auszureißen, indem er mit den großen Zähnen eines Baggers daran zerrte; die Maschine knurrte und fauchte zwischen den Flüchen des Arbeiters, rollte rückwärts, stockte: Die verdammten Wurzeln wollten die Erde nicht loslassen, sie klammerten sich hartnäckig fest, tiefer als vorhergesehen.

Mein Baum - der Baum, mit dem ich aufgewachsen war und der mich, davon war ich überzeugt, bis ins Alter begleiten sollte, der Baum, unter dem ich meine Kinder aufziehen wollte - war gefällt worden. Sein Sturz hatte sehr vieles mitgerissen: meinen Schlaf, meine Fröhlichkeit, meine scheinbare Unbekümmertheit. Das Krachen seines Aufpralls, eine Explosion; ein Vorher, ein Nachher; ein verändertes Licht, eine Dunkelheit unterschiedlicher Ausprägung. Dunkelheit des Tages, Dunkelheit der Nacht, Dunkelheit mitten im Sommer. Und aus der Dunkelheit entsteht eine Gewissheit: Schmerz ist der Sumpf, durch den ich waten muss.

Nach dem Tod des großen Nussbaums habe ich tagelang geweint. Zuerst hast du versucht, mich zu trösten, wie konnte das Fällen eines Baums eine solche Erschütterung in mir hervorrufen? Auch du liebtest ja die Bäume, nie hättest du so etwas getan, um mich zu ärgern; du hattest es beschlossen, weil der Baum Probleme machte, er stand zu nah am Haus und auch an der Zeder; Bäume brauchen Platz, hast du immer wieder gesagt, und eines Tages, wer weiß, wäre womöglich eine Wurzel aus dem Abfluss der Badewanne gekrochen wie der Fangarm eines Tintenfischs, ich wollte doch nicht, dass etwas so Schreckliches passierte? Du hast versucht, mich zum Lachen oder wenigstens zum Lächeln zu bringen, ohne jeden Erfolg.

Jemandem Vorwürfe zu machen lag mir noch nie. Am Abstand zwischen den Planeten ist niemand schuld außer den Gravitationsgesetzen, der Horizont erscheint uns immer unterschiedlich, das wusstest du so gut wie ich, du hast mir doch immer den Kleinen Prinzen vorgelesen: Jeder Asteroid hat seine eigenen Bewohner. Es erstaunte mich nur ein bisschen, dass du nicht an den Affenbrotbaum dachtest: Der Nussbaum war genau wie der Affenbrotbaum. Die Rose, die du mir hinterher gekauft hast, konnte ihn in keiner Weise ersetzen.

Eine Rose ist ein Blickfang, beeindruckt durch ihren Duft, doch dann wird sie abgeschnitten, landet in der Vase und zuletzt auf dem Müll. Der geliebte Baum dagegen schlägt Wurzeln um unser Herz, die, wenn er stirbt, vertrocknen, abfallen und zur Erinnerung winzige, aber unauslöschliche Narben hinterlassen.

In meiner Kindheit hast du dich abends oft an mein Bett gesetzt und mir Geschichten erzählt; von dem ganzen Reigen aus Prinzessinnen, Zaubersprüchen, Ungeheuern und wunderlichen Begebenheiten blieben mir nur zwei Bilder im Sinn: die gelben Augen der Wölfe und die dumpfen, plumpen Schritte des Golem; die Wölfe lauerten im Wald und an einsamen Wegen, während der Golem überall herumlief, er konnte Türen öffnen und schließen und Treppen hinaufgehen; er fraß keine kleinen Kinder und verwandelte sie auch nicht in Ungeheuer, dennoch schreckte er mich mehr als jedes andere Wesen, eisige Kälte schnürte mir die Luft ab, sobald ich nur an seinen Namen dachte.

Von solchen drohenden Schatten bedrängt, hatte ich mich entschlossen, aufzustehen und dahin zu gehen, wo früher der Baum stand.

Es war eine Nacht im Frühherbst, nicht kalt, aber feucht, und in der Luft hing ein aromatischer Duft, der einen Hauch von Sommer verströmte; vielleicht rochen die Äpfel so gut, die teils noch am Baum hingen, teils schon am Boden faulten, oder vielleicht die kleinen Pflaumen mit gelbem Fruchtfleisch, die gerade reif waren. Es hatte noch keinen Frost gegeben, deshalb waren erst wenige Blätter heruntergefallen, ich ging über eine grüne Wiese, hier und da blühten wilde Alpenveilchen und vereinzelt ein junger Löwenzahn, der dir beim Jäten entgangen war.

Der Nussbaum - der erst da war und dann nicht mehr - war doch mein Spiegel, der erste Spiegel meines Lebens. Im kalten Mondschein auf der verletzten Erde kniend, über den Abgrund gebeugt, eine Nuss in der Hand und das Herz scheinbar leer, begriff ich auf einmal, dass ich in meinem Leben weder Paläste errichten noch Reichtümer anhäufen noch eine Familie gründen würde. Als ein Zedernzapfen krachend neben mir auf den Boden prallte, sah ich deutlich, dass mein Weg der steinige, stets einsame Weg des Fragens sein würde.

Wenn ich in der Erinnerung zu dem Haus zurückkehre, sehe ich es im Licht der Morgendämmerung schweben. Es ist noch Herbst, denn in der lauen Wärme der ersten Sonnenstrahlen beginnt der Boden zu dampfen, und Nebel steigt auf. Ich sehe es immer von oben und von Weitem, wie ein fliegender Vogel; ich nähere mich langsam und betrachte die Fenster - wie viele offen stehen, wie viele geschlossen sind - ich prüfe den Zustand des Gartens, die Wäscheleine, den Rost am Gartentor; ich habe es nicht eilig, herunterzukommen, als wollte ich mich zuvor versichern, dass dies tatsächlich mein Haus ist und dass diese Geschichte meine Geschichte ist.

Zugvögel verhalten sich anscheinend genauso, sie fliegen Tausende von Kilometern, ohne sich je ablenken zu lassen, und wenn sie dann die Gegend erreichen, in der sie im Jahr vorher aus dem Ei geschlüpft sind, fangen sie an zu inspizieren: Ist die weiß blühende Rosskastanie noch da? Und das grüne Auto? Und die sympathische Frau, die immer auf dem Rasen die Krümel von der Tischdecke schüttelte?

Hörprobe zu "Erhöre mein Flehen, 4 Audio-CDs"

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