Leseprobe zu "Erhöre mein Flehen, 4 Audio-CDs" von Susanna Tamaro
Präludium
Das erste Zeichen war vielleicht das Fällen des Baumes.
Du hattest mir nichts davon gesagt, diese Dinge gingen Kinder nichts an, und so fraß sich die Säge an einem Wintermorgen in die silbrig schimmernde Rinde, während ich in der Schule völlig teilnahmslos von den Vorzügen des kleinsten gemeinsamen Nenners hörte; während ich auf dem Weg zur Pause den Flur entlangschlurfte, rieselte das Leben des Baums in winzigen Spänen den Ameisen auf den Kopf wie Schnee.
Das Ausmaß der Verwüstung traf mich, als ich von der Schule nach Hause kam. Auf dem Rasen klaffte dort, wo der Nussbaum gestanden hatte, ein schwarzer Schlund, der schon in drei Teile zersägte und von seinen Ästen befreite Stamm lag daneben, und ein Mann mit blaurotem Gesicht gab sich inmitten schmutziger Dieselabgase alle Mühe, die Wurzeln auszureißen, indem er mit den großen Zähnen eines Baggers daran zerrte; die Maschine knurrte und fauchte zwischen den Flüchen des Arbeiters, rollte rückwärts, stockte: Die verdammten Wurzeln wollten die Erde nicht loslassen, sie klammerten sich hartnäckig fest, tiefer als vorhergesehen.
Mein Baum - der Baum, mit dem ich aufgewachsen war und der mich, davon war ich überzeugt, bis ins Alter begleiten sollte, der Baum, unter dem ich meine Kinder aufziehen wollte - war gefällt worden. Sein Sturz hatte sehr vieles mitgerissen: meinen Schlaf, meine Fröhlichkeit, meine scheinbare Unbekümmertheit. Das Krachen seines Aufpralls, eine Explosion; ein Vorher, ein Nachher; ein verändertes Licht, eine Dunkelheit unterschiedlicher Ausprägung. Dunkelheit des Tages, Dunkelheit der Nacht, Dunkelheit mitten im Sommer. Und aus der Dunkelheit entsteht eine Gewissheit: Schmerz ist der Sumpf, durch den ich waten muss.
Nach dem Tod des großen Nussbaums habe ich tagelang geweint. Zuerst hast du versucht, mich zu trösten, wie konnte das Fällen eines Baums eine solche Erschütterung in mir hervorrufen? Auch du liebtest ja die Bäume, nie hättest du so etwas getan, um mich zu ärgern; du hattest es beschlossen, weil der Baum Probleme machte, er stand zu nah am Haus und auch an der Zeder; Bäume brauchen Platz, hast du immer wieder gesagt, und eines Tages, wer weiß, wäre womöglich eine Wurzel aus dem Abfluss der Badewanne gekrochen wie der Fangarm eines Tintenfischs, ich wollte doch nicht, dass etwas so Schreckliches passierte? Du hast versucht, mich zum Lachen oder wenigstens zum Lächeln zu bringen, ohne jeden Erfolg.
Jemandem Vorwürfe zu machen lag mir noch nie. Am Abstand zwischen den Planeten ist niemand schuld außer den Gravitationsgesetzen, der Horizont erscheint uns immer unterschiedlich, das wusstest du so gut wie ich, du hast mir doch immer den Kleinen Prinzen vorgelesen: Jeder Asteroid hat seine eigenen Bewohner. Es erstaunte mich nur ein bisschen, dass du nicht an den Affenbrotbaum dachtest: Der Nussbaum war genau wie der Affenbrotbaum. Die Rose, die du mir hinterher gekauft hast, konnte ihn in keiner Weise ersetzen.
Eine Rose ist ein Blickfang, beeindruckt durch ihren Duft, doch dann wird sie abgeschnitten, landet in der Vase und zuletzt auf dem Müll. Der geliebte Baum dagegen schlägt Wurzeln um unser Herz, die, wenn er stirbt, vertrocknen, abfallen und zur Erinnerung winzige, aber unauslöschliche Narben hinterlassen.
In meiner Kindheit hast du dich abends oft an mein Bett gesetzt und mir Geschichten erzählt; von dem ganzen Reigen aus Prinzessinnen, Zaubersprüchen, Ungeheuern und wunderlichen Begebenheiten blieben mir nur zwei Bilder im Sinn: die gelben Augen der Wölfe und die dumpfen, plumpen Schritte des Golem; die Wölfe lauerten im Wald und an einsamen Wegen, während der Golem überall herumlief, er konnte Türen öffnen und schließen und Treppen hinaufgehen; er fraß keine kleinen Kinder und verwandelte sie auch nicht in Ungeheuer, dennoch schreckte er mich mehr als jedes andere Wesen, eisige Kälte schnürte mir die Luft ab, sobald ich nur an seinen Namen dachte.
Von solchen drohenden Schatten bedrängt, hatte ich mich entschlossen, aufzustehen und dahin zu gehen, wo früher der Baum stand.
Es war eine Nacht im Frühherbst, nicht kalt, aber feucht, und in der Luft hing ein aromatischer Duft, der einen Hauch von Sommer verströmte; vielleicht rochen die Äpfel so gut, die teils noch am Baum hingen, teils schon am Boden faulten, oder vielleicht die kleinen Pflaumen mit gelbem Fruchtfleisch, die gerade reif waren. Es hatte noch keinen Frost gegeben, deshalb waren erst wenige Blätter heruntergefallen, ich ging über eine grüne Wiese, hier und da blühten wilde Alpenveilchen und vereinzelt ein junger Löwenzahn, der dir beim Jäten entgangen war.
Der Nussbaum - der erst da war und dann nicht mehr - war doch mein Spiegel, der erste Spiegel meines Lebens. Im kalten Mondschein auf der verletzten Erde kniend, über den Abgrund gebeugt, eine Nuss in der Hand und das Herz scheinbar leer, begriff ich auf einmal, dass ich in meinem Leben weder Paläste errichten noch Reichtümer anhäufen noch eine Familie gründen würde. Als ein Zedernzapfen krachend neben mir auf den Boden prallte, sah ich deutlich, dass mein Weg der steinige, stets einsame Weg des Fragens sein würde.
Wenn ich in der Erinnerung zu dem Haus zurückkehre, sehe ich es im Licht der Morgendämmerung schweben. Es ist noch Herbst, denn in der lauen Wärme der ersten Sonnenstrahlen beginnt der Boden zu dampfen, und Nebel steigt auf. Ich sehe es immer von oben und von Weitem, wie ein fliegender Vogel; ich nähere mich langsam und betrachte die Fenster - wie viele offen stehen, wie viele geschlossen sind - ich prüfe den Zustand des Gartens, die Wäscheleine, den Rost am Gartentor; ich habe es nicht eilig, herunterzukommen, als wollte ich mich zuvor versichern, dass dies tatsächlich mein Haus ist und dass diese Geschichte meine Geschichte ist.
Zugvögel verhalten sich anscheinend genauso, sie fliegen Tausende von Kilometern, ohne sich je ablenken zu lassen, und wenn sie dann die Gegend erreichen, in der sie im Jahr vorher aus dem Ei geschlüpft sind, fangen sie an zu inspizieren: Ist die weiß blühende Rosskastanie noch da? Und das grüne Auto? Und die sympathische Frau, die immer auf dem Rasen die Krümel von der Tischdecke schüttelte?