Es geht uns gut - Geiger, Arno

Arno Geiger 

Es geht uns gut

Roman. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2005

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Produktbeschreibung zu Es geht uns gut

Philipp Erlach hat das Haus seiner Großmutter in der Wiener Vorstadt geerbt, und die Familiengeschichte, von der er definitiv nichts wissen will, sitzt ihm nun im Nacken. Arno Geiger erzählt sie, als sei sie gegenwärtig: Von Alma und Richard, die 1938 gerade Ingrid bekommen und nichts mit den Nazis zu tun haben wollen. Vom fünfzehnjährigen Peter, der 1945 mit den letzten Hitlerjungen durch die zerbombten Straßen läuft. Von Ingrid, die mit dem Studenten Peter eine eigene Familie gründen will, und von Philipp, dem Sohn der beiden. Arno Geiger gelingt es, ein trauriges und komisches Jahrhundert lebendig zu machen.



Produktinformation


  • Verlag: HANSER
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 389 S.
  • Seitenzahl: 389
  • Best.Nr. des Verlages: 505, 505/20650
  • Deutsch
  • Abmessung: 197mm x 128mm x 46mm
  • Gewicht: 546g
  • ISBN-13: 9783446206502
  • ISBN-10: 3446206507
  • Best.Nr.: 14147273

Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Mit seinem Familienroman, der anhand von drei Generationen österreichische Geschichte rekapituliert, macht der Autor Arno Geiger eine "rundum gute Figur", lobt Anton Thuswaldner. Der Autor will Geschichte nicht mittels Daten und historischer Ereignisse, sondern am Alltag der Familienmitglieder nachzeichnen und die individuellen Irrungen und Wirrungen als "repräsentativ für eine Generation" darstellen, stellt der Rezensent klar. Und so stehen der in der Nachkriegszeit als Minister mit den Russen verhandelnde Großvater, seine Tochter, die Ärztin Ingrid, und der "Versager" Philipp als prägnante Beispiele für den Wandel der Zeit, aus deren Perspektive in 21 Kapiteln erzählt wird, so Thuswaldner weiter. Philipp wird schließlich die gesamte Familiengeschichte in Form von verrottenden Briefen und Dokumenten vom Dachboden entsorgen lassen, während Geiger die Geschichte nicht so respektlos behandelt, sondern sie "nüchtern wie ein Dokumentarist" in Augenschein nimmt, meint Thuswaldner, der mit diesem Roman den Autor in die "vorderste Reihe der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur" rücken sieht.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 17.09.2005

Garderobenzuschüsse besänftigen die Ehefrau
Ein Roman zwischen Vergessen und Erinnerung: Arno Geiger erzählt die Geschichte eines familiären Totalverweigerers

Philipp Erlach hat bisher keinen großen Wert auf die Beschäftigung mit der Familiengeschichte gelegt. Durch gewisse "unglückliche Umstände" war er "von den genealogischen Informationstransfers, wie sie zwischen Verwandten üblich oder wenigstens nicht unüblich sind, von früh auf abgeschnitten" worden, und der Gedanke, "daß die Toten uns überdauern", war ihm bis zu dem Tag, an dem seine Großmutter ihm eine Villa bei Wien hinterlassen hatte, vollkommen fremd gewesen.

Beim ersten Gang auf den Dachboden fühlt er sich in seiner zögerlichen Haltung gegenüber der eigenen Vergangenheit dann auch vollauf bestätigt. Die Kartons, Kisten und Koffer, die sich hier angesammelt haben, sind mit einer dicken Schicht von Taubendreck überzogen, und beim Gedanken an die damit einhergehenden "Parasiten" überfällt Philipp eine geradezu panische Angst davor, sich mit dem Virus der Erinnerung zu infizieren: "Er zog den Kopf sofort wieder zurück, die Tür krachend hinterher, sich mehrmals …

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"Arno Geigers großartiger, meisterlicher Zeitroman ist ein erstaunlicher Wurf... Seine Fähigkeit, die verschiedenen Familienmitglieder zum Sprechen zu bringen, ist beeindruckend." Ulrich Rüdenauer, Tagesspiegel, 09.10.05 "Ein Roman, der ebenso genau wie leicht vom Gewicht des Lebens spricht." Aus der Begründung der Jury zur Verleihung des Deutschen Buchpreises 2005

Arno Geigers großes Talent, all die private Unordnung der Gescheiterten zu verweben ins reale Österreich, und das mit stimmiger Sprache, lässt einen eindrücklichen Familienroman entstehen, der auch Unwissenden Einblick ins politische Österreich vermittelt. Muss man gelesen haben. Regional - Zeitung für den Bezirk Brugg

"Ein großartiger Familienroman ... Herausragend! :Es geht uns gut9 gehört zum Bemerkenswertesten, was zurzeit in der Literatur deutscher Sprache zu lesen ist." Volker Hage im :Spiegel9 "Es ist eben die Literatur, die gleichzeitig von Vergessen und Erinnern erzählen kann und der es mit den Mitteln der Fiktion manchmal gelingt, ein wenig von der verloren geglaubten Zeit als Möglichkeit zurück zu gewinnen." Kolja Mensing in der :Frankfurter Allgemeinen Zeitung9 "Mit verblüffender Feinfühligkeit macht Arno Geiger seine Gestalten lebendig und glaubhaft. Die Personen sind fest verankert in den Zeitläufen, sie sind durch das kontinuierliche Erzählen im Präsens von einer fabelhaften Leichtigkeit und Nähe ... Ein großer Roman!" Franz Haas in der :Neuen Zürcher Zeitung9
Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, Vorarlberg, wuchs in Wolfurt/Österreich auf. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien. Seit 1993 ist er freier Schriftsteller. 1986 - 2002 war Arno Geiger im Sommer auch als Videotechniker bei den Bregenzer Festspielen tätig. 1996 und 2004 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. 2008 wurde Arno Geiger mit dem "Johann-Peter-Hebel-Preis" geehrt und 2011 mit dem "Friedrich Hölderlin-Preis" für sein bisheriges literarisches Werk sowie mit dem "Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2011" ausgezeichnet.

Leseprobe zu "Es geht uns gut" von Arno Geiger

Weiter dringt Richard in seiner Lektüre nicht vor, weil ein offener Steyr-Wagen in die Auffahrt biegt. Der Wagen rollt aus und kommt kiesknirschend vor Ottos Tretauto zum Stehen. Crobath, ein Studienkollege, den Richard seit Jahren nicht gesehen hat, steigt aus dem Wagen. Er trägt Uniform, dazu eine dieser adrett gescheitelten Frisuren. Und Richard? Mit Haaren, die von der Kapitänsmütze und dem Schlaf hinten kreuzquer verlegen sind, im Hemd und in ausgetretenen Segeltuchschuhen. Auf Crobath zustrebend, vom warmen Grasgeruch in den Kiesstaub, nimmt Richard sich vor, Alma zu bitten, ihm neue Schuhe von derselben Art zu besorgen, am besten gleich zwei Paar.

- Man hat mir gesagt, daß ich Sie zu Hause antreffe.

Crobath redet ein wenig durch die Nase, auf die gut wienerische Art, was Richard dran denken läßt, daß Crobath, als sie gemeinsam bei den akademischen Naturfreunden waren, sich als Eislauflehrer am Heumarkt verdingte, um seine magere Menage aufzubessern. Damals hinkte Crobath in allem nach, ein Mensch mit einem nichtssagenden Gesicht, den Richard immer ein wenig verachtete. Doch wenn Richard ihn sich jetzt ansieht, muß er zugeben, daß sein Gegenüber in seiner Kantigkeit vitaler und um Jahre jünger wirkt als er selbst.

Haben sie einander damals gedutzt?

- Ich hoffe, ich störe nicht, sagt Crobath.

- Ich bitte Sie. Was kann ich für Sie tun?

Er legt Crobath wie prüfend die Hand auf die gepolsterte Uniformschulter. Nach weiteren Höflichkeitsfloskeln für Alma, wendet Crobath sich wieder an Richard mit der Bitte um ein Gespräch unter vier Augen.

- Ist es etwas Wichtiges? fragt Alma, die Arme gekreuzt, eigenwillig noch darin.

- Es ist keine große Sache, sagt Crobath. Aber es klingt wie das Gegenteil.

- Bitte sorg dafür, daß wir nicht gestört werden. Frieda soll Kaffee bringen.

Gleichzeitig rätselt Richard, welchem Anlaß der Besuch zu verdanken ist, ob es mit dem vortägigen Treffen in Ratzersdorf zu tun hat. Er mustert Crobath, was der bloß wollen kann. Das beste wird sein, sich mit Reden zurückzuhalten, wo es geht. Einen ruhigen Eindruck will er erwecken. Bloß keine Unsicherheit zeigen. Doch tritt er voraus in die Pergola, wo verandaseitig der Sommertisch steht, sogar mit Blumen darauf, zu steif, er bewegt sich zu steif, mit zurückgeschmissenen Schultern, als müsse er Haltung demonstrieren. Die Männer setzen sich. Richard rechnet damit, daß Crobath zur Einstimmung an entlegener Stelle beginnen und ein paar Geschichten aus der Studienzeit hervorkramen wird, um sich dann dem eigentlichen Gegenstand zu nähern. Doch nach kurzen Bemerkungen über Otto, den sie aus der Pergola vertrieben haben (wie ähnlich der Bub Richard sehe, das halte die Familie zusammen), und über ein Thema von allgemeinem Interesse (wie grundlegend und vorteilhaft sich die Lage in den vergangenen Wochen verändert habe), steuert Crobath auf den Punkt zu: Die anhängige Klage gegen die Wach- und Schließgesellschaft sei eine lächerliche Sache, wenn man die äußeren Umstände bedenke. Denn, wie Crobath fortfährt:

- Es müssen alle mit ins Rad greifen.

Vor Antritt seiner Dienstreise hat Richard über einen ihm bekannten Rechtsanwalt bei der Wach- und Schließgesellschaft eine Schadensersatzzahlung anmahnen lassen. Für den Fall weiterer Säumigkeit wurde mit Klage gedroht, diese ist aber keineswegs, wie Crobaths Äußerung vermuten ließe, bereits eingereicht.

- Wieso lächerlich? fragt Richard: Die Wach- und Schließgesellschaft hat bisher nur mit Manövern von sich hören lassen, Ausflüchte versucht oder auf Anfragen erst gar nicht reagiert. Laut Vertrag ist ein Schaden, wenn sich keine Einigung erzielen läßt, binnen sechs Monaten gerichtlich einzufordern. Dieser Schritt ist angebahnt. Ich sehe darin einen normalen Vorgang in Anbetracht der Signale, daß die Wach- und Schließgesellschaft alle Möglichkeiten ausschöpfen will, sich vor der Zahlung zu drücken.

Crobath hält Richard einen fünfminütigen Vortrag über erhebliche Veränderungen, vor denen man stehe, anhaltende Hochstimmung in der Stadt und darüber, daß Richards Verhalten ein ungünstiges Licht auf seine politische Einstellung werfe.

Als Crobath in einem Resümee Anzeichen erkennen läßt, wieder von vorne beginnen zu wollen, indem er verkündet, daß von jedermann Opfer verlangt würden, wendet Richard vorsichtig ein:

- Ich hätte nicht angenommen, daß es sich hier um eine politische Angelegenheit handelt.

- Dann denken Sie die falschen Gedanken, entgegnet Crobath in einer Gelassenheit, die bewirkt, daß Richard sich auf eine Erwiderung nicht einlassen mag.

Richard horcht auf dünne Sandalenschritte, die sich hinter ihm über den Rasen nähern. Es ist Frieda, die Kaffee und eine Schale mit Brombeeren bringt. Beim Verrücken der Blumenvase beugt Frieda sich über Richards Schulter. Richard meint den nachgiebigen Druck einer ihrer Brüste zu spüren, er nimmt an, daß Absicht dahintersteckt, vielleicht um an die vergangene Nacht zu erinnern. Den Körper schräg zur Seite geneigt, verteilt Frieda Tassen und Schalen mit etwas sanft Schleppendem in ihren Bewegungen, das Richard ebenfalls auf sich bezieht. Er riecht den vertraut parfümierten Körper, der einen stärkeren Geruch ausströmt als die Brombeeren am Tisch. Auch Crobath heftet seine Augen auf das Mädchen, und Richard fällt ein, daß ein Teil der verschossenen Wäsche, die indirekt Gegenstand des Gesprächs ist, von Frieda getragen wird. Alma hat die passenden Stücke mit nach Hause gebracht aus der Überlegung heraus, daß man diese Stücke im Falle einer juristischen Auseinandersetzung weiterhin als Beweismittel vorlegen könnte.

Während Frieda Kaffee einschenkt, ruft Richard sich die einzelnen Vorgänge ins Gedächtnis zurück: Daß am 12. und 13. März deutsche Truppen in Österreich einmarschierten, Samstag und Sonntag, und daß am Wäschegeschäft von Almas Eltern, dem Alma als Geschäftsführerin vorsteht, die dichtbestückte Auslage von dem reichlichen Sonnenlicht an jenen Tagen verdorben wurde. Ein Mitarbeiter der Wach- und Schließgesellschaft hatte es vorgezogen, an der Westeinfahrt Fahnen zu schwingen und seine neue Staatsangehörigkeit zu feiern, anstatt seiner Arbeit in der gebotenen Weise nachzukommen.

Er sagt:

- Es läßt sich nicht wegreden, daß der Wachmann nicht auf seinem Posten war.

Und Crobath:

- Kann man es ihm vorwerfen, daß er die Bedeutung der historischen Stunde erkannt hat, wie man es im übrigen nicht anders von jedem erwartet?

Richard blickt einen Moment lang hinter der gemächlich sich entfernenden Frieda her, dann schräg zurück auf Crobath. Er ist der Meinung, dessen verdrechselter Logik nicht folgen zu müssen.

- Daraus läßt sich hoffentlich nicht das Recht ableiten, seine Pflichten zu vernachlässigen. Und wenn doch: Dann soll die Wach- und Schließgesellschaft dem Mann seinen Sinn fürs Historische vergelten und den Schaden ausgleichen, dem Anstand zuliebe.

Den Vertrag mit der Wach- und Schließgesellschaft hat Alma im vergangenen Jahr erst nach viel Zögern und langem Hin und Her verlängert. Wiederholt waren Nachlässigkeiten vorgekommen, und dann wurde der Schaden nicht gutgemacht. Den höheren Preis für die Dienste seiner Firma im Verhältnis zu anderen Offerten begründete der zuständige Inspektor damit, daß man im Schadensfall einer Firma gegenüberstehe, die voll hafte und auch praktisch haftbar gehalten werden könne. Besagter Inspektor, ein Herr Boldog, wußte über die Unstimmigkeiten der Vergangenheit Bescheid, er versprach feierlich, daß sich Ähnliches nicht wiederholen werde und daß man sich gegebenenfalls an ihn wenden solle. Man hat sich darauf verlassen.

Die Pflichtvergessenheit des Wächters wurde mitgeteilt, ebenso die Tatsache, daß an den betreffenden Tagen sommerlicher Sonnenschein herrschte, was aufgrund der Zeitungsberichte und Wochenschauen nicht einmal die Wach- und Schließgesellschaft zu bestreiten wagt. Allerdings wurde bereits in der ersten Reaktion behauptet, daß es dem Sonnenlicht Mitte März an der nötigen Kraft fehle, um die angezeigten Schäden anzurichten. Als ob den Herren nicht bekannt ist, daß bei manchen Waren bereits eine Viertelstunde Sonnenlicht genügt, um die Farben zu verderben. Dabei spielt es auch keine Rolle, wie stark die Ware gebleicht ist, im Kassabuch bleibt der Verlust derselbe. All diese Argumente wurden mehrfach vorgebracht, die strittigen Fragen jedoch durch einen Sachverständigen der Wach- und Schließgesellschaft, also der interessierten Partei, zuungunsten Almas beurteilt. Unabhängiges Gutachten wurde keines eingeholt, weil zu teuer, wie man weismachen wollte, und so ist während bald eines halben Jahres nur Zeit vergangen.

Aber wenigstens weiß Richard, daß die Erklärungen, die er anzubieten hat, vor Crobaths politischen Argumenten nichts gelten, ob er auch hundertmal recht hat: Die reine Unvernunft, auf die es nicht ankommt.

Richards Adamsapfel bewegt sich leer. Er sagt:

- Wohin soll man mit dem entstandenen Schaden?

- Darf ich? fragt Crobath nickend. Er zieht mit langem Arm den Messingaschenbecher zu sich hinüber und zündet sich eine Zigarette an.

- Denken Sie an die eigenen Vorteile, an die wegfallende Konkurrenz bei sprunghaft steigender Nachfrage durch das deutliche Mehr an Männern in der Stadt und durch das Geld, das in Umlauf gebracht wird. Sie würden staunen, wenn Sie wüßten, wie vieles möglich geworden ist, von dem man sich noch vor wenigen Wochen nichts hätte träumen lassen. Wie schnell an der Zukunft gearbeitet wird.

- Von der Zukunft wird ja jetzt nur noch voller Begeisterung geredet.

- Zu Recht, wie ich Ihnen sagen kann.

Die beiden Männer fixieren einander. Nach zwei langen Sekunden drückt Richard das Kinn in den Kragen, beklommen horcht er Crobaths Worten hinterher, und dann, er weiß auch nicht warum, muß er daran denken, daß er mit der Gründung einer Familie die Zeit einleiten wollte, in der es kaum mehr Veränderungen geben würde. Eine schnelle Rückschau: Die Bestandsaufnahme fällt nüchtern aus. Unruhe und Umstürze schon sein ganzes unberechenbares Leben lang, alle fünf Jahre eine neue Staats- und Regierungsform, neues Geld, neue Straßennamen, neue Grußformeln. Fortwährendes Chaos. Ruhigere Perioden hat es nach seiner Kindheit eher nie als selten gegeben, und er könnte nicht bestimmen, bis wohin er die Zeit, wenn er dürfte, zurückdrehen würde, so verworren ist alles.

Er hört Crobath sagen:

- Vergessen Sie die Wäsche.

Vergessen Sie die Wäsche, ganz schmerzlos, wie manchmal Wasser vergißt zu gefrieren. Ob auch die Zeit vergessen kann zu vergehen?

Einen Moment lang sieht Richard das Gerüst der Welt wie bei einem mageren Menschen die Knochen. Er spürt, wie sinnlos, wie unmöglich alles ist und daß er irgendwann sterben wird. Ein Gedanke wie ein Spreißel im Kopf.

Am meisten deprimiert ihn, daß er nicht als Österreicher sterben wird.

- Wenn ich Sie richtig verstehe, soll ich angesichts der Zukunft, an der Sie und Ihre Parteikollegen arbeiten, meine eigenen Interessen in die zweite Reihe rücken.

- Sie könnten sich auch dazu entschließen, Ihre Ansichten zu korrigieren. Sie sind ein talentierter Mann. Mit Hinblick auf Ihre Begabung hätten Sie guten Grund dazu.

- Gute Gründe sind momentan leicht zu finden für nahezu alles, sagt Richard.

Crobath räuspert sich, rückt den Stuhl näher zum Tisch heran und bedient sich an den Brombeeren.

- Man wird so schnell kein Haus finden, das mit allen vier Seiten nach Süden liegt.

Das Gras wächst, die Fensterläden bleichen aus, die Dachziegel an der Wetterseite setzen Schorf an.

- Doch sollte Ihre Gattin das Bedürfnis verspüren, mit ihrem Geschäft zumindest in ein Ecklokal umzusiedeln, ließe sich das ohne großen Aufwand bewerkstelligen. Selbst der äußere Anschein bei Arisierungen kümmert niemanden mehr.

Richard sucht in der verlangten Schnelligkeit nach einer Entgegnung, die ihn zu nichts verpflichtet und dennoch ein bißchen interessiert klingt. Er sagt:

- Das würde bedeuten, ein Schaufenster mehr -.

Er kratzt etwas Hartes von der Tischplatte, führt es mechanisch zum Mund. Zu spät besinnt er sich darauf, daß es Fliegendreck sein könnte. Er beißt auf die Zähne, greift ruckhaft nach der Kaffeetasse und spült mit einem kräftigen Schluck. Er kann sich nicht helfen, seine Sorgen wachsen ihm allmählich über den Kopf.

Von drinnen die gemessenen Töne aus Almas Querflöte, die sich einzeln und in dichten Gruppen in dem gelbgrünen Licht ausbreiten. Dazu das Klicken der Schaukelketten und das Knarzen des Birnbaums unter der Last Ottos, der sich durch die Luft schwingt.

Während Crobath wieder von der Zukunft zu reden beginnt und mit hochgeworfenem Kinn davon schwärmt, daß Kraftakte geleistet werden, lehnt Richard sich zurück, als biete sich ihm so der bessere Überblick, um alles noch mal zu überdenken. Er überdenkt seine guten Gründe, er versucht sich darin, Crobaths Argumente mit seinem Dilemma abzugleichen und auf diesem Weg zu einer Lösung zu gelangen: Daß wenig Aussicht bestehe, die tückische Regelmäßigkeit der Umstürze werde auch in Zukunft anhalten und Crobaths Parteigenossen nur einige Wochen bleiben, und daß es insofern angebracht wäre, sich mit den neuen Herren gut zu stellen, das wäre nur natürlich. Er, Dr. Richard Sterk, ist keiner, der sein Zeitalter überragt, er hätte ein bißchen Ruhe verdient, findet er.

Crobath, als halte er mit Richards Gedanken Schritt (wie bei einem Aufmarsch, Schritt für Schritt), appelliert ebenfalls an Richards Einsicht, Richard werde sich andernfalls in etwas hineintheatern.

- Sie täten gut daran, es nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

- Das tue ich keinesfalls.

- Sie wären gut beraten.

Aber weil er ja nie das richtige Gespür hat, weiß Richard trotzdem nicht. Er würde was drum geben, sich mit Alma besprechen zu können. Wenn man es richtig anfassen würde. Wenn man wüßte, in welche Richtung das alles gehen, was geschehen wird. Es ist nicht ganz einfach, die Wirklichkeit einschätzen und sich festlegen zu müssen, obwohl die Umstände, die man sich wünscht, im Angebot nicht geführt werden.

Crobath warnt:

- Sonst kommt eines Tages die Reue, und nicht vielleicht, sondern bestimmt.

- Gut, ich will es mir zu Herzen nehmen, räumt Richard ein im normalsten Tonfall, zu dem er noch fähig ist.

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Kundenbewertungen zu "Es geht uns gut" von "Arno Geiger"

Durchschnittliche Kundenbewertung 4 von 5 Sterne bei 5 Bewertungen ***** sehr gut
(aus 5 Bewertungen)
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Bewertung von Knusperlady aus 4184 Wegberg am 18.04.2011 ***** ausgezeichnet
Arno Geiger ist es in hervorragender Weise gelungen, mit kraftvoller Sprache diese Familiengeschichte mit sämtlichen Höhen und Tiefen zu erzählen. Der Roman beginnt mit der Beschreibung, wie der Erbe des Familienhauses sich notgedrungen, um es auszuräumen, in dieses Haus begibt und gleich mit viel Schmutz, Spinnweben, und Taubendreck zu kämpfen hat, alles das, womit er nie ewas zu tun haben wollte und es totzdem bewältigen muß. Ihm wird klar, dass es kein Entrinnen gibt und ihm nichts sowohl bei der Aufräumaktion als auch mit der damit unmittelbar verbundenen Aufarbeitung seiner Familiengeschichte erspart bleibt, wie Taubendreck eben so ist, ätzend und nicht leicht wegzuwischen!
Es ist Arno Geiger wirklich gelungen, dieses Thema bestens literarisch zu verarbeiten.
Sehr empfehlenswert!!!

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Dem Autor für die Bewertung danken
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Bewertung von Horst am 31.05.2007 ***** sehr gut
Schöne Idee: Während der Enkel dabei ist, die Vergangenheit in Form der Hinterlassenschaft der Großeltern wegzuschmeißen und so verzweifelt versucht, sich der Geschichte seiner Familie zu entledigen, wird gerade diese Familiengeschichte erzählt. Am Ende steht ein antriebsloser, bindungsloser und nun auch wurzelloser Held. Was bleibt ihm also anderes übrig, als sich direkt vom Dach des Hauses aus aus dem Staub zu machen ;)
Hat Spaß gemacht zu lesen, ein schöner Ritt in Etappen durch das letzte (österreichische) Jahrhundert.

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Broschiertes Buch

2 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
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Bewertung von CLCR am 30.05.2006 ***** ausgezeichnet
Ein Autor, der Inhalt und Sprachform begeisternd in Einklang bringt. Seit Frisch habe ich nicht mehr so einen Sprachperfektionisten gelesen.

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
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Bewertung von unbekanntem Benutzer am 27.05.2006 ***** schlecht
Langweilig und einschläfernd!
Wenn jemand was über Tauben im Dachboden
aber nur Tauben im Dachboden lesen will ...bitte.
Vermutlich hab ich´s nicht verstanden,
ich kann die gute Bewertung nicht verstehen.

2 von 8 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
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Bewertung von Christian aus Berlin am 19.09.2005 ***** ausgezeichnet
Arno Geigers großartiger "Familien"Roman ohne Familiengedöns
Am Anfang des Romans stemmt Philipp, der uns die Geschichte seiner Familie und auch seine eigene zu erzählen scheint, mit aller Kraft eine Luke auf den Dachboden des Familienstammsitzes auf. Dort oben schlägt ihm Staub und Gestank von zentimeterdicker Taubenscheisse, Taubenkadavern und verrotteten Balken entgegen, so dass er die Luke sofort wieder zufallen lässt. Dieses Bild zieht sich durch den gesamten Roman, denn es gibt bei allen Familienmitgliedern die da über 60 Jahre portraitiert werden die Tendenz, die Dinge nicht wirklich anschauen zu wollen, die Klappe sofort wieder zuzumachen, wenn´s Ernst wird.
Anhand von jeweils einem Tag in den Jahren 1938, 45, 55, 62, 70, 78, 82 und 89 werden die Leben der vier Generationen geschildert. Diese grandiose Konstruktion gelingt es, den klischeehaften Aufbau und die langweiligen Figuren der meisten Familienromane zu vermeiden. Geiger erzählt in einer Weise, die der Tatsache gerecht wird, dass es in den meisten Familien darauf ankommt, was NICHT gesagt oder getan wird. Die Entscheidenden Dinge sind die verpassten Gelegenheiten und nichtumgesetzen Träume von einem anderen Leben. Und davon gibt es in jeder Familie mehr als genug. Auch die Figuren in "Uns geht es gut" verharren in dieser geheimnisvollen Gemeinschaft Familie und vertagen ihre Träume und Fluchtgedanken immer wieder.
Die österreichische Geschichte dient dabei als Hintergrund, aber schimmert nur hinein die Schicksale, ob die Nazizeit, der Krieg oder die progressiveren 70er Jahre.
Philipp organisiert sich Schwarzarbeiter, die für ihn den Dachboden reinigen und dabei auch gleich allerlei Artefakte der Vergangenheit, die für ihn keine Bedeutung haben, in Müllcontainer werfen oder verscherbeln. Das Entsorgen löst in Phillipp ein Gefühl der Schuld und Erleichterung zugleich aus, das jeder kennt, der einmal den Keller im Elternhaus ausräumen musste, wo sich der Wohlstandsmüll der Jahrzehnte türmt. Alles Dinge, die einmal Bedeutung hatten und nun nicht mehr zu entziffern sind für die Nachkommen, und deshalb auf dem Müll der Geschichte landen. Von denen man sich aber wünscht, sie könnten einem die Geschichte der Eltern und Grosseltern erzählen, auf dass man auch sich selbst ein wenig besser versteht.
Nur durch die Daten am Anfang jedes Kapitels ist überhaupt zuzuordnen, wann der Tag spielt. Das eigentliche Geschehen in den Kapiteln ist meist zeitlos, denn dort agieren einfach Menschen miteinander, dort funktionieren Familien nicht oder kaum - all das unabhängig von Jahreszahlen. Geiger schiebt in Uwe Johnson Manier aktuelle Zeitungsmeldungen zwischen die Kapitel. Sie fassen das "außerfamiliäre" Geschehen 1938 oder 1955 zusammen, ordnen das vermeintlich Grosse, dem Kleinen der Familie unter. Inklusive der Wettervorhersage. Vergangenheit wird verständlich, als die Geschichte von Menschen, deren Leben sich vor allem aus Nebensächlichkeite

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