Leseprobe zu "Mein Rückenbuch" von Dietrich H. W. Grönemeyer
Liebe Leserin, lieber Leser,
Vielleicht sind Sie erstaunt, dass dem Erfolg meines Plädoyers für eine den Menschen liebende Medizin in "Mensch bleiben" ein scheinbar so banales Projekt wie ein Buch über Rückenschmerzen folgt. Doch das Eine - die Auseinandersetzung mit einer der häufigsten Erkrankungen unserer Zivilisationsgesellschaft - ist ohne das Andere - die Verbindung von High Tech und Herz -nicht zu denken. Deshalb glaube ich, dass es an der Zeit ist, meine persönliche Utopie einer ganzheitlichen, liebevollen Medizin an einem konkreten medizinischen Problem festzumachen, das seit Jahrtausenden bekannt ist, aber bisher nicht gelöst wurde.
Volksleiden Rückenschmerz
Rückenschmerzen gehören zu jenen akuten oder chronischen Beschwerden, unter denen wohl jeder Mensch im Laufe seines Lebens mindestens ein Mal zu leiden hat. Vier von fünf Menschen sind zumindest zeitweise davon betroffen, bei jedem Zweiten kehren sie regelmäßig zurück. Jeder Dritte im Wartezimmer eines Orthopäden sitzt dort wegen dieser Beschwerden, jeder Zwölfte beim Hausarzt klagt über ein wehes Kreuz oder über Bandscheibenprobleme. Nahezu 20 Prozent aller Krankschreibungen sind auf Verschleißerscheinungen der Wirbelsäule zurückzuführen: Damit führt der Rücken die "Hitliste" aller krankheitsbedingten Arbeitsausfälle an.
Wo die Medizin an ihre Grenzen kommt
Die ärztliche Behandlung bei uns könnte also wesentlich effektiver sein. Nach sechs Monaten Therapie hat nur jeder dritte Patient weniger Schmerzen, und auch das nur um rund ein Drittel weniger. Dabei ändert sich die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage nicht signifikant. Nach Analysen der Krankenkassen ist für jede dritte Krankschreibung und für jeden zweiten vorzeitig gestellten Rentenantrag eine kaputte Wirbelsäule der Grund. 25 Milliarden Euro jährlich kosten die Behandlungen allein das deutsche Gesundheitssystem, hinzu kommen weitere 30 Milliarden Schaden durch rückenbedingte Arbeitsunfähigkeit. Nach wie vor gibt es keine effektiven Strategien, um chronische Schmerzen zu lindern oder neue Anfälle zu verhindern. In der Primärversorgung werden die meisten Patienten mit einer Vielzahl von Therapien behandelt, für deren Effektivität es keinen Nachweis gibt und die daher fraglich sind. Wichtiges Forschungswissen aus den unterschiedlichsten Disziplinen erreicht viele Ärzte und auch Krankenkassen nicht oder erst nach Jahrzehnten.
Eine Herausforderung für die Medizin
Um diese dramatische Situation längerfristig zu ändern, müssen wir an einem fest gemauerten Dogma der Medizin rütteln - dem der angeblich unvereinbaren Welten der Schulmedizin und der Naturheilverfahren:
Die eine, die sich immer stärker auf die Naturwissenschaften stützende Lehre vom Funktionieren des Körpers, verweist auf Daten und Fakten: Doppelblindstudien, Labordiagnostik und Messwerte, die für sich in Anspruch nehmen, ein objektives Bild von Ihrem Organismus zu zeichnen.
Die andere, fast philosophisch anmutende Sicht auf den Organismus zerfällt in Hunderte von Schulen, auch wenn diese alle von sich behaupten, "ganzheitlich" zu sein. Sie gibt vor, sanft und behutsam zu sein und lehnt Technik in Diagnostik und Therapie meist als hart und unmenschlich ab.
Dieser harte Dogmatismus beider Seiten ist, davon möchte ich Sie überzeugen, falsch.
High Tech und Natur
Moderne Technologien haben einen wichtigen Stellenwert, wenn es um Ihre Gesundheit geht. Und sie lassen sich wunderbar mit sanften Behandlungsmethoden verbinden. Wir müssen uns nur der Vor- und Nachteile der jeweiligen Verfahren klar sein und offen darüber sprechen. Mich haben die Denkbarrieren zwischen den verschiedenen Lagern immer gestört - vor allem der Dogmatismus der einzelnen Schulen und auch Fachdisziplinen. Schon als Medizinstudent hatte ich das Gefühl, dass das, was ich dort theoretisch lernte, meilenweit von der Realität entfernt war. Als Erstes bekamen wir den Querschnitt einer Rachenmandel zu sehen. Das schon schien mir völlig verkehrt: mit einem Detail das Studium des Körpers zu beginnen. Mich hat immer schon der ganze Mensch interessiert.
Alternative Schmerztherapien
Als junger Arzt arbeitete ich dann in Kiel auf einer onkologischen Station und war entsetzt, welche Schmerzen viele der Krebspatienten aushalten mussten. Das brachte mich dazu, mich intensiver mit der Weiterleitung von Nervenimpulsen, mit moderner Schmerztherapie, mit Lokalanästhesie, aber auch mit Neuraltherapie und Akupunktur zu beschäftigen. Da ich an der Universität auch Sinologie studiert hatte, beschäftigte ich mich schon parallel zum Medizinstudium mit der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Und gerade weil die Meridiane und Akupunkturpunkte, über die sich nach chinesischer Vorstellung das geheimnisvolle Qi beeinflussen lässt, unsichtbar sind, bin ich schließlich Radiologe geworden: einer, der in den Körper sehen und alles anschaulich machen will.
Radiologen sind nach landläufiger Meinung so ungefähr das genaue Gegenteil eines sanften Mediziners. Sie arbeiten mit viel Technik, belastenden Kontrastmitteln und gesundheitsschädlichen radioaktiven Strahlen. Aber das ist ein verzerrtes Bild. Mein Fachgebiet, die Radiologie, ist gerade dabei, eine ganz neue Rolle in der Medizin einzunehmen - sie wird zu einer Pilotdisziplin für viele andere Fachbereiche, wenn es darum gehen soll, Frühschäden zu erkennen und Patienten schonender, schneller und mit viel weniger Nebenwirkungen als früher zu therapieren. Denn es sind die modernen bildgebenden Verfahren, die es erlauben, präzisere Diagnosen als früher zu stellen und mit den Mitteln der Mikrotherapie nicht nur zielgenauer denn je zu arbeiten, sondern vor allem auch denjenigen Patienten zu helfen, die bisher als untherapierbar galten. Denn die Mikrotherapie bzw. minimalinvasive Therapie ist nicht nur sinnvoll bei Menschen mit besonderen Risiken, die sich zum Beispiel nicht einer offenen Operation unterziehen wollen oder können, sie heilt oder lindert auch Symptome, die längst chronisch sind.
Neue Strategien: die Mikrotherapie
Bisher mussten sich die Ärzte in der Wirbelsäulentherapie viel zu sehr auf ihre Anatomielehrbücher verlassen. Jetzt können sie wirklich in den Menschen hineinsehen und laufen nicht mehr Gefahr, bei ihrer Arbeit wichtige Strukturen zu verletzen oder schlicht den falschen Nerv zu treffen, wenn es darum geht, Schmerzen zu lindern oder zu beheben. Auch Abnutzungserscheinungen werden über die Mikrotherapie zugänglich. So können wir zum Beispiel gebrochene Wirbelkörper durch eine Hohlnadel mit Zement stabilisieren.
Die Mikrotherapie hat aber auch eine ganz andere Seite, die des Patienten. Denn erst mithilfe der High-Tech-Methoden werden die Betroffenen in einen Zustand versetzt, der es ihnen ermöglicht, wieder selbst Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen - die wichtigste Voraussetzung für jeden Prozess der Heilung.