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Goethes letzte große Liebe Der 73-jährige Goethe - seit längerem Witwer und so berühmt, dass sein Diener heimlich Haare von ihm verkauft - begehrt die 19-jährige Ulrike von Levetzow. Doch Goethe sagt sich: «Meine Liebe weiß nicht, dass ich über siebzig bin.» Martin Walser erzählt die Geschichte einer aussichtslosen, ja unmöglichen Liebe: aufwühlend, zart und leidenschaftlich zugleich. «Ein Herzensbuch.» (Neue Zürcher Zeitung)

Produktbeschreibung
Goethes letzte große Liebe
Der 73-jährige Goethe - seit längerem Witwer und so berühmt, dass sein Diener heimlich Haare von ihm verkauft - begehrt die 19-jährige Ulrike von Levetzow. Doch Goethe sagt sich: «Meine Liebe weiß nicht, dass ich über siebzig bin.»
Martin Walser erzählt die Geschichte einer aussichtslosen, ja unmöglichen Liebe: aufwühlend, zart und leidenschaftlich zugleich.
«Ein Herzensbuch.» (Neue Zürcher Zeitung)

Autorenporträt
Martin Walser, 1927 in Wasserburg am Bodensee geboren, war einer der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur. Für sein literarisches Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 1981 den Georg-Büchner-Preis, 1998 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2015 den Internationalen Friedrich-Nietzsche-Preis. Außerdem wurde er mit dem Orden 'Pour le Mérite' ausgezeichnet und zum 'Officier de l'Ordre des Arts et des Lettres' ernannt. Martin Walser starb am 26. Juli 2023 in Überlingen. 
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Tief bewegt zeigt sich Joachim Kaiser über den Roman eines berühmten alten Mannes über einen anderen berühmten alten Mann. Martin Walsers Goethe-Roman steckt für ihn übervoll mit "Erstaunlichem". Und ist gar nicht peinlich, wie Kaiser versichert, sondern anmutig in der Schilderung von Goethes später "Liebes-Passion" zu Ulrike von Levetzow. Walsers Sprachgewalt findet Kaiser hier auf ihrem Höhepunkt, die Darstellung inspirierter noch als in Thomas Manns "Lotte". So "authentisch geglückt" Goethes Passion durch "lebendigstes Zeitkolorit" und "Dichter-Gescheitheit" dem Rezensenten auch erscheint, so eindeutig ist es für ihn eine Schöpfung "Walser'scher Spiritualität, Bilder- und Übertreibungsfülle". Gut so, meint Kaiser, der dem Autor "sprachliche Anachronismen" und eine, wie er zu denken gibt, nicht unproplematische Drift hin zum "grimmigen Goethe-Essay" im Schlussteil durchgehen lässt. Lieber als ödes Historisieren ist Kaiser das allemal, zumal der Stil des Meisters eh "unerfindbar, unnachahmlich" sei.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.02.2008

Augenkraft, die nichts verbergen kann

Lieben, ohne geliebt zu werden, das dürfte es nicht geben: "Ein liebender Mann", Martin Walsers neuer Roman über die letzte Leidenschaft Johann Wolfgang von Goethes, als Vorabdruck in der F.A.Z.

Der Umstand, dass Männer gern die erste Liebe einer Frau und Frauen die letzte große Liebe eines Mannes sein wollen, hat schon zu vielen Tragödien geführt, im Leben wie in der Literatur. Cervantes, Italo Svevo und Nabokov haben uns Lieben mit Altersgefälle vorgeführt, gerade hat Philip Roth in "Exit Ghost" eindringlich gezeigt, wie eine junge Frau mit dem Anbranden verzweifelter Hoffnung umzugehen versteht, und auch Martin Walser hat die berauschende Wirkung unbekümmert junger Weiblichkeit auf ältere Herren schon einige Male untersucht. Dass sich erfolgreiche Männer mit jungen Frauen belohnen, ist allenthalben zu beobachten: ein ewiges Phänomen der Natur, ein großes Thema der Gegenwart.

Goethe war dank lebhafter Praxis mit Marianne von Willemer, Sylvie von Ziegesar, Bettina Brentano und nicht zuletzt seiner Frau Christiane Experte, was den Umgang mit junger Muse angeht, und begegnete dem Problem im "Mann von fünfzig Jahren" tragikomisch-offensiv. Doch erst jetzt, zweihundert Jahre später, erfährt er am eigenen Leib, was er damals angerichtet hat: "Du hast noch nie, nie, nie gelitten. Bis jetzt waren es immer die anderen, die gelitten haben." Ausgerechnet Martin Walser schenkt seinem "Literaturheiligen" Goethe einen Roman als Wiedergutmachung: "Ein Roman, den ihm keiner und keine streitig machen konnte. Ein Roman, der Ulrike und ihn legitimierte. Nicht nur in Weimar. In der Welt. Der Titel stand sofort auf dem Blatt: Ein liebender Mann".

"Ein liebender Mann", den wir von heute an im Feuilleton abdrucken, ist trotz seines Helden kein Goethe-, sondern ein Walser-Roman geworden, der zarteste, unerbittlichste und versöhnlichste, den er geschrieben hat. Zugleich ist es der Triumphzug einer Wahlverwandtschaft, denn so, wie Goethe sich in seiner "Marienbader Elegie" schonungslos Rechenschaft ablegt über seine Liebe zu Ulrike von Levetzow, befragt sich hier auch Walser, getreu seinem früheren Bekenntnis, jedes seiner Bücher sei für ihn "eine Art Schaufel, mit der ich mich selbst umgrabe".

Sommer des Jahres 1823. Goethe, den besorgte Weimarer Zeitgenossen noch im Februar des Jahres dem Tod nahe gesehen hatten, ist nach Marienbad gereist, wo er, wie schon in den Jahren zuvor, auch auf Amalie von Levetzow und ihre Töchter trifft. Doch diesmal steht ihm der Sinn weniger nach der ansehnlichen und geistreichen Gesellschaft des ganzen Quartetts als ausschließlich und umfassend nach jener der Ältesten, Ulrike. Bestürzt, berückt, erfährt er die Wirkung der einzigen Waffe, die erlaubt ist: Amors Pfeil.

Walser erzählt diese Liebesgeschichte als ein Blickfeuer, das mit dem ersten Satz Glut erzeugt: "Als er sie sah, hatte sie ihn schon gesehen." Und fährt fort, uns den darauf folgenden Flirt als den eines Paares auf Augenhöhe zu schildern. Ulrikes "steter Blick" bleibt in seinem und verwandelt ihn, den Mineraliensucher, in einen Augenforscher. Da wird geschaut, dass einem die Augen übergehen: "Jetzt Ulrikes Augenkraft. Diese nichts verbergen könnenden Augen . . . Für ihn waren es erzählerische Augen." Überhaupt ist diese Ulrike ein fabelschönes Wesen: hübsch, aber nicht gekünstelt; geistreich mit einem Stick ins Kecke, aber nicht vorlaut; kokett, aber nicht eitel. Mit ihren neunzehn Jahren hat sie nichts Kindliches mehr an sich, sondern erscheint nicht nur Walsers Goethe, sondern auch dem Leser als selbstbewusste, im Urteil erstaunlich unabhängige junge Frau, die sich nicht an die eheerfahrene schöne Mutter hält, als der große Dichter ihr seine Zuneigung immer unverhohlener zeigt. Im Gegenteil: Das nur für die tuschelnden Außenstehenden so ungleiche Paar genießt es, sich miteinander zu zeigen. Jeder für den anderen eine Trophäe, sie bei ihm untergehakt, promenieren sie stundenlang.

Doch so glänzend Walser dieses Porträt einer bemerkenswerten jungen Frau auch gelungen ist - Goethe ist es, den er sich anverwandelt. Im Schatten junger Mädchenblüte wird der einstige Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters zu einem heroisch Liebenden: Goethe in love. Gerade er, der schon so oft so gut im Liebesentzug war, fällt nun ausgerechnet im Alter von dreiundsiebzig Jahren in dieses Gefühl hinein wie in einen Honigtopf. Und suhlt sich noch im Schmerz.

Das ist, vergegenwärtigt man sich die "Marienbader Elegie", die wir heute auf unserer letzten Feuilletonseite abdrucken, keinesfalls Walsersche Übertreibung. Den ersten Entwurf des Gedichts schrieb Goethe in der Kutsche nieder, die ihn von den böhmischen Bädern, den Orten seiner Niederlage, zurück nach Weimar brachte, mit Bleistift - und wer dieses Dokument, einen der Schätze des Freien Deutsche Hochstifts in Frankfurt, betrachtet, mag erahnen, was für schwere Stunden diese Verse hervorgebracht haben.

Walser hat diesen für seine Verhältnisse eher schmalen Roman ungewohnt streng komponiert. Im ersten Teil bangt man mit dem himmelhoch jauchzenden Goethe, im zweiten leidet man mit dem zu Tode betrübten. Grandios, wie Walser den Dichter entgegen aller Wahrscheinlichkeit Mut fassen lässt, als sein Arzt eine dreißig Jahre Jüngere heiratet; wie er von Sorglosigkeit erfasst wird auf einem Kostümball, da Ulrike als Lotte und Goethe als Werther auftreten. Ohne Absprache ist es zu dieser Rollenverteilung gekommen, und Goethe tanzt im Glück: "Und noch nie, seit sie sich kannten, waren sie gleich alt gewesen. Jetzt waren sie's." Doch die erhebende Zuversicht, dass seine Gefühle erwidert werden könnten, ist nicht von Dauer. "Lieben, ohne geliebt zu werden, das dürfte es nicht geben. Diesen gemeinsten Schicksalspfusch hatte er noch nicht erfahren gehabt, dafür wurde Ulrike von Levetzow geboren und gebildet."

Als "Tagebuch innerer Zustände" hat Goethe seine Elegie einmal bezeichnet, und das entspricht auch Walsers "Liebendem Mann". Dass er aus den Quellen schöpft und allenthalben Bezüge zwischen Werk und Autor unterbringt, wie etwa Goethes entsetzliches Leiden an einer prominenten Zahnlücke, die er selbst zuvor dem Major im "Mann von fünfzig Jahren" hatte angedeihen lassen, kann bei einem Schriftsteller dieses Kalibers nicht erstaunen. Erstaunen auch nicht, dass er keine Hemmungen hat, Goethe als Folie einer Abrechnung mit sich selbst zu benutzen. Denn Walser wäre nicht Walser, mutig weit über die Grenzen des Üblichen und Schicklichen hinaus, wäre "Ein liebender Mann" auch nur der angedeutete Versuch, eine "Lotte in Weimar" für unsere Zeit zu schaffen. So wenig wie Daniel Kehlmann mit "Die Vermessung der Welt" einen historischen Roman geschrieben hat, hat es Walser mit "Ein liebender Mann" getan. Wie er Goethe auftreten, reden, nachdenken, sich betrachten lässt, erinnert eher an Kehlmann als an Thomas Mann. Es ist jedoch purer, reiner, beglückender Walser-Sound: "Daran, dass man alt wird, stirbt man nicht. Schreib's auf. Schlimm ist, nicht mehr lieben zu dürfen. Lieben darfst du noch, du musst dich nur daran gewöhnen, nicht mehr, nie mehr geliebt zu werden."

Anders als "Lotte in Weimar" atmet "Ein liebender Mann" nichts Lustspielhaftes. Hier ist nicht die Dichtung groß und die Wirklichkeit klein, sondern hier ist alles groß, weil real. Walser geht es nicht darum, Goethe aufzuwärmen, sondern um einen Modellfall von Liebe. Jene der bittersten Art: unerwiderte. Und um einen Modellfall von Leben: Alter. Wie Goethe einmal Ulrikes Blicke im Rücken spürt, als sich ihre Wege trennen und er hin- und hergerissen ist zwischen der Angst, dass sie ihm nachschauen und seinen Gang und seine Haltung alt finden könnte, und der Furcht, dass sie ihm womöglich gar nicht nachsehen könne, ist von einer Wucht, wie sie Walser kein junger deutscher Schriftsteller nachmacht, und auch kein älterer.

Ulrike von Levetzow war Goethes letzte Liebe. Dass er ihre erste oder ihre einzige war, ja dass er überhaupt eine Liebe für sie war, hat sie bis zu ihrem Tod 1899 stets abgestritten. Dass sie dennoch unverheiratet blieb, könnte, Walser zufolge, auch mit ihrer Skepsis gegenüber dem Ehestand zusammenhängen. Die Goethe teilt: "Die Ehe ist nur da notwendig, wo einer der beiden es weniger ernst meint als der andere." Trotzdem lässt er sich zu einem Antrag in aller Förmlichkeit hinreißen - der abschlägig beschieden wird.

Am Boden der Hoffnung aber ist Poesie. Was Wilhelm von Humboldt, den Goethe zum allerersten Leser der "Elegie" erkor, seiner Frau schrieb, gilt auch für Walsers Roman: "Es erreicht nicht nur das Schönste, was er je gemacht hat, sondern übertrifft es vielleicht, weil es die Frische der Phantasie, wie er sie nur je hatte, mit der künstlerischen Vollendung verbindet, die doch nur langer Erfahrung eigen ist." Vom kommenden Montag an werden wir dem leidenschaftlich rührenden Buch von Walser einen Reading Room im Internet widmen, der den Roman durch Artikel, Kommentare und Diskussionen zwischen Literaturwissenschaftlern wie Thomas Anz, Friedemann Bedürftig, Wolfgang Frühwald, Helmuth Kiesel und Bernhard Schäfer und seinen Lesern substantiell ergänzt.

FELICITAS VON LOVENBERG

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 29.02.2008

Die Leiden des alten Werthers
Er handelt Tag und Nacht mit der Aussichtslosigkeit: Martin Walsers neuer Roman über Goethes letzte Liebe
Martin Walsers Erzähler-Sympathie hat immer den Verlierern gehört, den Abhängigen und Scheiternden. Kein Wunder, dass er – als er sich nun doch nicht mehr um Goethe herumdrücken mochte, dem er einst fast so distanziert gegenüber stand wie dem anderen Olympier Thomas Mann – Goethes gewaltige, peinlich-groteske letzte Liebesgeschichte und größte Liebes-Niederlage zum Thema machte. Also das Lodern des 73-Jährigen für die 19-jährige Ulrike von Levetzow. Diese Passion führte natürlich zur Katastrophe. Auch zum finstersten Fazit, das der Alte je dichtete: „Der ich noch erst den Göttern Liebling war; / . . . Sie drängten mich zum gabeseligen Munde / Sie trennen mich und richten mich zu Grunde”.
Was bei Martin Walser sogleich entzückt, ist die Anmut seiner Schilderung. Man lässt sich bezaubert ein auf Liebes-Passion, Dichter-Gescheitheit, lebendigstes Zeitkolorit. Da übertrifft Walser, sprachmächtig, nicht nur sich selbst, sondern auch so manche berühmte Goethe-Schilderung der deutschen Literatur. Verglichen mit Walsers inspirierter Darstellung wirkt sogar Thomas Manns (freilich grandios endender) „Lotte in Weimar”-Roman in den Anfangskapiteln ein wenig manieriert, umständlich ironisch; imponiert Wolfgang Hildesheimers Goethe-Vergegenwärtigung in der fiktiven „Marbot”-Biographie nur als eine meisterhafte Imitation olympierhaften Spätstils; erscheint der brillante Goethe-Einakter von Peter Hacks „Charlotte Hoyer” (das war Goethes resolute Köchin) bloß fabelhaft kenntnisreich und witzig.
Im dritten, abschließenden Teil drängt sich gleichsam ein grimmiger Walserscher Goethe-Essay in den während der ersten beiden Teile so authentisch geglückten Verlauf. Diese Einschränkung darf aber nicht in der Weise missverstanden werden, Walser hätte seine Subjektivität, seine Kunst- und Lebens-Erfahrungen zunächst unterdrückt, verdrängt zugunsten eines objektiven, stimmigen Goethe-Porträts.
Selbstverständlich ist der neue Roman „Ein liebender Mann” (Rowohlt, Reinbek 2008, 288 Seiten, 19,90 Euro) von Anfang an eine unverkennbare Schöpfung Walserscher Spiritualität, Walserscher Bilder- und Übertreibungsfülle. Nur: Solange Martin Walser mit leidenschaftlichem Einfühlungsvermögen seinen Goethe als schwärmerisch entflammten, „liebenden Mann” vorführt, als werbendes Genie – solange überzeugt und bewegt die Darstellung. Es könnte immerhin so gewesen sein, denkt man auch bei gewissen massiven Unwahrscheinlichkeiten – etwa, wenn Walsers Goethe sich die Schubert-Vertonung von „Nur wer die Sehnsucht kennt” nachsingen hört, die Graf Klebelsberg soeben bei einer Tanzveranstaltung samt dem Schubertschen „Erlkönig” vorgetragen hat. (Wie hätte sich Schubert über Goethes Anerkennung gefreut.)
Da Walser gewiss keine brave historisierende Stil-Übung anbietet, nimmt man auch gelegentliche sprachliche Anachronismen vergnügt hin. Schließlich sagt in Thomas Manns „Joseph”-Tetralogie der junge Pharao während des entscheidenden Gottesgespräches zu seiner königlichen Mutter: „Hörst du, Mamachen?”, was altägyptischer Ausdrucksweise auch nicht reinlich entspricht. Das stört genauso wenig, wie wenn Goethe bei Walser über seine „aufs Positive versessene Lebensroutine” sinniert. Denn: In welcher Weise Goethe einst gesprochen oder vor sich hin gedacht hat, das wissen wir nicht, ahnen wir höchstens. Da glauben wir Walsers flammendem Text nur zu gern. Doch wie Goethe schrieb, dafür existieren Millionen Zeugnisse und Beispiele. Goethes schriftstellerisch-dichterischer Rhythmus, Stil und Ton leuchten und leben. Unerfindbar, unnachahmlich.
Deshalb wirken die Goethe-Briefe an Ulrike, die Walser für den dritten Teil seines Romans imaginierte, seltsam Goethe-fern. „Ein Maler, Ulrike, der nicht malt, ein Schweizer in Weimar, also ein Verzweifelter” – das klingt heftig nach Walser und wenig nach Goethe. Goethes charmanter Trost im Brief an Ulrike vom 16. Oktober 1823: „Für den Einfall Ihrer Nase, kein Lineal sein zu wollen, sollten Sie ihr dankbar sein”, mutet genauso „typisch” Walser-haft an, wie die abgründig witzige Briefreflexion: „Zum Glück ist die Aussichtslosigkeit keine unansprechbare Göttin. Ich handle Tag und Nacht mit ihr. Sie ist listig, ich bin auch nicht einfallslos. Ich denke nicht in jedem Augenblick an alles, was ich denken könnte. Diesen Gefallen darf man der Aussichtslosigkeit nicht tun”.
Goethe schrieb eben anders als Walser. Umso bewunderungswürdiger, faszinierender vermochte Walser, der 80-Jährige, die Sprachgebärde des alten Goethe zu vergegenwärtigen. Und zwar nicht in der unliebenswürdigen Weise, dass er die riesige weisheitsvolle Überlegenheit des Dichters über den Witz von drei lustigen, jungen, aristokratischen Mädchen zwischen 16 und 19 Jahren vorgeführt hätte. Sondern viel humaner, bezaubernder. Goethe akzeptiert nämlich lächelnd und verliebt, was die jungen Damen ihm munter zu sagen haben. So spricht er die drei Levetzow-Töchter gleich als liebenswürdigstes „Trio” an. Darauf korrigiert ihn die sechzehnjährige Amalie ziemlich kess tadelnd: „Wir sind überhaupt kein Trio, wir sind Einzelne, wenn’s recht ist; Herr Geheimrat”.
„Und ob mir das recht ist, sagte Goethe und sah wieder zu Ulrike hin”. Er wandelt also die freche Korrektur der Jüngsten um in eine hochwillkommene Einladung zu personaler Liebe. Es folgen mannigfache beglückende Einfälle solchen Überschwangs der Verliebtheit. „Er spürte, in allem, was nicht mit ihr zu tun hatte, eine böse Sinnlosigkeit und Langeweile. Es tat immer weh, sich von ihr abzulenken. Aber dass, bis er sie wieder sah, höchstens Stunden vergehen mussten, machte alle Entbehrungen leicht”.
Natürlich denkt Goethe auch über sein Alter nach. „ Er hat sich gehalten. Sieht gut aus. Steht in hundert Zeitungen, dass er gut aussieht. Allerdings, wie die sich begeistert wundern über sein gutes Aussehen, das ist auch krass beleidigend. Noch lauter als die Hymne auf sein Immer-noch-Aussehen wird da immer: Dafür, dass du so ein alter Schleicher bist, siehst du noch ganz gut aus. In deinem Alter gibt es, wenn es ums Aussehen geht, nur noch die Beleidigung.” So Goethe/Walser. Amouröse Euphorie hebt den Alten über alles hinaus: „Meine Liebe weiß nicht, dass ich über siebzig bin. Ich weiß es auch nicht.” Aber ein scheußlicher, demütigender Sturz erinnert ihn während einer Ball-Festlichkeit schrecklich an die fatale 73.
Ulrike lacht laut über die Witze eines jungen, eleganten Schnösels. Es passt ihm nicht, er fragt sich: „Wollte er denn vorschreiben, worüber sie noch lachen durfte? Ja, sagte es automatisch in ihm. Das suchte er zurückzunehmen. Und kam sich heuchlerisch vor”.
Einmal, wenn die mutig-frische Ulrike befürchtet, dem weltberühmten ÜberVater doch allzu unbefangen widersprochen zu haben, fragt sie beklommen: „Grollen Sie jetzt, Exzellenz?” „Ulrike, sagte er, im Augenblick wäre ich imstand, mein Leben für verpfuscht zu halten, weil ich Sie nicht hatte.” Walsers Goethe macht sämtliche Jungmädchen-Spiele, Satzabkürzungsrituale der drei Schwestern vergnügt mit. Die Damen sind keck genug, ihn um einen Reim auf den Ortsnamen Elnbogen zu ersuchen. Er sogleich: „Bleibt mir immerfort gewogen”.
Nichts ist schöner als das Anfangsstadium des Verliebtseins. Unvermeidlich gerät die unmögliche Beziehung dann rasch auf jene finster-tragische Bahn, wie die Goethe-Biographik sie beschreibt. Walser hält sich penibel ans Vorgegebene. Man spürt beklommen die Wut der Lieben in Weimar, nimmt erleichtert Zelters Hilfe zur Kenntnis, der seinen niedergeschmetterten Freund ins Leben zurückbringt. Nach der plötzlichen Abreise, welche die junge Levetzow-Mutter mit den Töchtern unternimmt, um peinliche Weiterungen zu vermeiden, ahnen wir erschüttert Goethes unaufhaltsamen Zusammenbruch.
Zu alledem fällt Walser Erstaunliches ein. Sogar über das Winken zum Abschied: „Aber Goethe konnte sich, wenn er winkte, nie des Gefühls erwehren, Winken minimalisiere den Abschied. Aber vielleicht ist das der Sinn des Winkens.”
So ist Walser ein wunderschöner, liebes- und erfahrungsgesättigter, im Schlussteil nicht unproblematischer Roman gelungen. Ein Text voller Spiegelungen und Beziehungen, voller Einsichten auch über das Dichten selbst. „Hingegeben einem Gefühl, das noch keine Wörter kannte, ihn aber beim Wörterfinden unmissverständlich leitete”. Nicht nur Walsers Buch heißt „Ein liebender Mann”, sein Goethe notiert gleichfalls unter diesem Titel Bekenntnishaftes. Das Entstehen der „Marienbader Elegie” – sie erscheint gegen Ende vollständig – wird zart antizipiert. Wer diese berühmte Altersdichtung manchmal doch ein wenig überformuliert gefunden haben mag, beschwert von allzuviel Sehnsuchts-Scholastik und strenger Verzweiflungs-Architektur, der liest die Elegie nun neu . . .
Martin Walsers Roman schließt herzbewegend mit einer Letzten Nachricht. Die Kammerzofe der erst 1900 hochbetagt gestorbenen Ulrike von Levetzow berichtet, die alte Dame habe wenige Stunden vor ihrem Tod Briefe auf einer silbernen Platte verbrennen lassen, damit nach ihrem Ableben dieses für sie unschätzbare Andenken in ihren Sarg gelegt werden könne. JOACHIM KAISER
Dies ist keine brave Stil-Übung, es ist leidenschaftliche Einfühlung
„Meine Liebe weiß nicht, dass ich über siebzig bin.”
„Ein liebender Mann” heißt Martin Walsers neuer Roman über Goethe und Ulrike von Levetzow. Foto: Regina Schmeken
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