Eduard und Charlotte leben in zweiter Ehe zusammen auf ihrem
Landgut und erfüllen sich damit ihre Jugendliebe. Die Zweisamkeit
wird gestört, als Eduard seinen alten Freund Otto, einen in Not
geratenen Hauptmann, als Berater und Gartenvermesser auf sein Gut
einlädt und Charlotte ihrerseits ihre auf dem Internat unglückliche
Pflegetochter Ottilie als häusliche Gehilfin zu sich nimmt. Die
Harmonie zwischen Eduard und Charlotte ist durch das Eindringen der
Freunde gestört: Charlotte fühlt sich zu dem praktisch denkenden
Hauptmann hingezogen, der sensible Eduard empfindet eine innige
Neigung zur empfindsamen Ottilie. Während Charlotte und der
Hauptmann ihren gegenseitigen Neigungen entschlossen
entgegenzutreten versuchen, lassen Eduard und Ottilie die langsam
entstehende Liebe zu. Aus dieser 'Wahlverwandtschaft', die
sich mit der unabwendbaren Kraft eines Naturvorgangs entwickelt,
gibt es kein Zurück, aber auch keinen anderen glücklichen Ausgang.
"Zwei große Leidenschaften sieht man in diesem Buch wirken,
vielleicht die zwei größten, die es gibt: die Leidenschaft zur
menschenwürdigen Einrichtung der Welt und die Leidenschaft der
Liebe. Ob die beiden miteinander versöhnt werden können, fragt der
Roman." Peter von Matt Mit dem Titel seines Romans zitierte
Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) ein Naturgesetz:
"Wahlverwandtschaft" bezeichnet die Eigenschaft
chemischer Elemente, eine bestehende Verbindung spontan zu lösen
und sich mit einem anderen Element zu vereinigen. Das Kräftespiel
von menschlicher Anziehung und Abstoßung, die Frage nach Freiheit
und Notwendigkeit sittlichen Handelns bilden entsprechend das
Zentrum dieses streng gebauten Werks, das mit seiner Verknüpfung
von Gefühlswirren und Gesellschaftskritik bereits auf die großen
Eheromane des späteren 19. Jahrhunderts verweist.Eduard und
Charlotte waren sich in jungen Jahren innig zugetan, wurden durch
standesgemäße Heiraten getrennt und entschließen sich nun, nach dem
Tod beider Partner, zur Ehe. Sie ziehen sich auf Eduards Landgut
zurück, um dort ganz füreinander leben und gemeinsam den Park neu
ordnen zu können. Auf Wunsch des Gatten wohnt der mit ihm
befreundete Hauptmann Otto bei ihnen, Charlotte holt ihre
Pflegetochter Ottilie zu sich. Das junge, sensible Mädchen und der
labile Eduard sind sofort voneinander angezogen - ebenso wie die
lebenspraktischen Menschen Charlotte und Otto. Doch während
letztere sich zur Entsagung entschließen, verfallen Ottilie und
Eduard einander mehr und mehr.
Johann Wolfgang von Goethe, geboren am 28.8.1749 in Frankfurt a. M., gestorben am 22.3.1832 in Weimar. Jurastudium in Leipzig und Strassburg. Lebenslanges Wirken in Weimar. Reisen zum Rhein, nach der Schweiz, Italien und Böhmen. Frühe Erfolge mit den Sturm und Drang-Stücken 'Götz' und 'Werther', Gedichte (herrliche Liebeslyrik), Epen, Dramen ('Faust', 'Tasso', 'Iphigenie' u. v. a.), Autobiographien. Zeichner und Universal-Gelehrter: Botanik, Morphologie, Mineralogie, Optik. Theaterleiter und Staatsmann. Freundschaft und Korrespondenz mit den größten Dichtern, Denkern und Forschern seiner Zeit (Schiller, Humboldt, Schelling ...). Goethe prägte den Begriff Weltliteratur, und er ist der erste und bis zum heutigen Tag herausragendste Deutsche, der zu ihren Vertretern gehört.
Peter von Matt, geboren 1937 in Luzern, ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Zürich. Er hat große Studien und zahlreiche Aufsätze zur Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts verfaßt.
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