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"Ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen - Illies' Geschichten sind einfach großartig." Ferdinand von Schirach Die Geschichte eines ungeheuren Jahres, das ein ganzes Jahrhundert prägte: Florian Illies entfaltet virtuos ein historisches Panorama. 1913: Es ist das eine Jahr, in dem unsere Gegenwar begann. In Literatur, Kunst und Musik werden die Extreme ausgereizt, als gäbe es kein Morgen. Zwischen Paris und Moskau, zwischen London, Berlin und Venedig begegnen wir zahllosen Künstlern, deren Schaffen unsere Welt auf Dauer prägte. Man kokst, trinkt, ätzt, hasst, schreibt, malt, zieht sic…mehr

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Produktbeschreibung

"Ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen - Illies' Geschichten sind einfach großartig." Ferdinand von Schirach

Die Geschichte eines ungeheuren Jahres, das ein ganzes Jahrhundert prägte: Florian Illies entfaltet virtuos ein historisches Panorama. 1913: Es ist das eine Jahr, in dem unsere Gegenwart begann. In Literatur, Kunst und Musik werden die Extreme ausgereizt, als gäbe es kein Morgen. Zwischen Paris und Moskau, zwischen London, Berlin und Venedig begegnen wir zahllosen Künstlern, deren Schaffen unsere Welt auf Dauer prägte. Man kokst, trinkt, ätzt, hasst, schreibt, malt, zieht sich gegenseitig an und stößt sich ab, liebt und verflucht sich.
Es ist ein Jahr, in dem alles möglich scheint. Und doch wohnt dem gleißenden Anfang das Ahnen des Verfalles inne. Literatur, Kunst und Musik wussten schon 1913, dass die Menschheit ihre Unschuld verloren hatte. Der Erste Weltkrieg führte die Schrecken alles vorher schon Erkannten und Gedachten nur noch aus. Florian Illies lässt dieses eine Jahr, einen Moment höchster Blüte und zugleich ein Hochamt des Unterganges, in einem grandiosen Panorama lebendig werden. Malewitsch malt ein Quadrat, Proust begibt sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit, Benn liebt Lasker-Schüler, Rilke trinkt mit Freud, Strawinsky feiert das Frühlingsopfer, Kirchner gibt der modernen Metropole ein Gesicht, Kafka, Joyce und Musil trinken am selben Tag in Triest einen Cappuccino und in München verkauft ein österreichischer Postkartenmaler namens Adolf Hitler seine biederen Stadtansichten. Ein Buch so farbig, so schillernd, so vielgestaltig wie der Sommer des Jahrhunderts.

"Die Konstruktion des Buches ist fabelhaft, Florian Illies' anekdotischen Gaben sind es nicht minder, die Charakterisierung von Personen und Situationen ist beeindruckend. Auch was ich zu kennen meinte, habe ich hier ganz neu gelesen." Henning Ritter
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • 17. Aufl.
  • Seitenzahl: 320
  • 2012
  • Ausstattung/Bilder: 320 S. m. Abb. 216 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 222mm x 152mm x 33mm
  • Gewicht: 544g
  • ISBN-13: 9783100368010
  • ISBN-10: 3100368010
  • Best.Nr.: 35683655

Autorenporträt

Florian Illies, geboren 1971 in Schlitz bei Fulda. Bis Dezember 2002 Leitung des Feuilletons der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" und davor die Berliner Seiten der "FAZ". Derzeit freier Autor in Berlin. 1999 Auszeichnung mit dem "Ernst-Robert-Curtius Förderpreis für Essayistik" und 2014 mit dem "Ludwig-Börne-Preis".

Rezensionen

Besprechung von 01.12.2012
Hinterher ist vergessen, dass man vorher nichts wusste

Florian Illies hat eine Sammlung von all dem veranstaltet, was 1913 so gesagt und gedacht wurde. "Das war doch das Jahr vor 1914!", wird man sagen, aber die Geschichte fuhr natürlich nicht nach einem Fahrplan auf den Ersten Weltkrieg zu.

Von Thomas Weber

Nehmen wir einmal an, dass ein wilhelminisches Dornröschen am heutigen Tage wachgeküsst wird, nachdem es sich am Silvestertag 1913 mit seiner Spindel in den Finger stach. Ihm fällt alsbald Florian Illies' Buch mitsamt dazugehöriger Pressemappe in die Hände. Es freut sich bei der Lektüre des collagenartigen Panoramas des Jahres 1913, mit welch leichten Füßen ein Nachgeborener seine Zeit eingefangen hat. Wenn Illies erzählt, wie Hitler und Stalin in Wiener Parks den Hut füreinander gezückt haben könnten, während Trotzki nur Häuserblöcke entfernt im Café Schach spielte, Tito als Testfahrer mit seinem Mercedes durch die Hauptstadt des Habsburgerreiches waghalsig raste, Erzherzog Franz Ferdinand mit seiner Modelleisenbahn auf dem Fußboden und Gustav Klimt bei seinen Models lag, während preußische Junker nackt um Potsdamer Seen liefen, meint man, die Gerüche und Geräusche des Jahres 1913 riechen und hören zu können.

Doch bei der Lektüre der Pressemappe wird unser wilheminisches Dornröschen stutzig. Es liest, dass Illies damit schließe, Arthur Schnitzler habe am Tage ihres Spindelmissgeschicks Ricarda Huchs "Der große Krieg i Deutschland" gelesen, und dies sei als Vorahnung der bevorstehenden Apokalypse zu werten. Etwas habe in der Luft gelegen. Den Menschen sei 1913 mulmig gewesen. Das Buch sei ein ganz wunderbares Porträt einer zusammenbrechenden Welt am Abgrund, einen weiteren Erkenntniswert habe es freilich nicht. Unser wilhelminisches Dornröschen versteht nun, weder von welcher Apokalypse hier die Rede sein soll, noch was Ricarda Huchs Geschichte des Dreißigjährigen Krieges damit zu tun haben soll.

Natürlich ist unser wilhelminisches Dornröschen sich des Kulturpessimismus mancher seiner Zeitgenossen bewusst, der mit dem Fortschrittsglauben seiner Zeit zuweilen konkurrierte und manchmal damit einherging. Todessehnsucht, Untergang und Verderben lauerten hinter beinahe jeder Ecke: Emil Nolde begegnet im Pazifik "einer Kultur im Augenblick ihres Untergangs". Wiener Künstler geben sich der Lust an Selbstvernichtung hin, Sigmund Freud ist so deprimiert wie nie zuvor, C. G. Jung kommen im Traum apokalyptische Visionen, Franz Kafka hat Gewaltphantasien, und der Augsburger Pennäler Bertolt Brecht sinniert über den Heldentod. Ludwig Meidner malt brennende Städte und Landschaften, aufgebrochen durch Bomben und Krieg. Oswald Spengler sieht sowieso überall den Untergang des Abendlands, und Thomas Mann offenbart in dem Jahr, in dem "Tod in Venedig" erscheint, dass sein "ganzes Interesse immer dem Verfallen" gegolten habe.

Unserem Dornröschen ist aber immer noch nicht klar, am Rande welches Abgrunds es denn nun gelebt haben soll. Auch nachdem es sich etwas in der Welt des November 2012 orientiert hat, wird es nicht schlauer. Es ist etwas verwundert, dass so wenig jüdisches Leben sichtbar ist und dass Deutschland im Gegensatz zu den meisten west- und nordeuropäischen Staaten keine Monarchie mehr ist. Davon abgesehen, ist die Welt aber ziemlich genau so, wie sie der Vorstellungswelt ihrer Zeit entspricht: Die technischen Neuerungen sind in etwa so, wie es "Der Tunnel" ein Bestseller von 1913, vorhergesagt hatten. Im deutschen Parlament gibt es nur noch sozialdemokratische Parteien; die rechtliche Gleichheit der Geschlechter ist weitgehend hergestellt; Deutschland ist der mächtigste Staat des Kontinents, ohne ihn zu dominieren, während die eigentliche weltpolitische Macht nun bei außereuropäischen Großmächten liegt.

Erst als unser wilhelminisches Dornröschen durch die Geschichtsabteilung einer Buchhandlung stöbert, geht ihm auf, dass es den Horror des kurzen zwanzigsten Jahrhunderts mit seinen Kriegen und dem schrecklichen Weltkrieg dreier Ideologien verschlafen hat. Natürlich war es nicht so, als ob künftige Kriege jenseits der Vorstellungskraft der Menschen 1913 gelegen hätten. Beispielsweise erinnert uns Florian Illies daran, dass Rudolf Steiner an seine Mutter schrieb: "Und der Krieg droht fortwährend zu kommen." Aber die Kriegserwartungen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts nahmen selten die Form apokalyptischer, Zeitenwende bringender Kriege an.

Vor allem aber waren es am wenigsten diejenigen Personengruppen, die nach Kriegsausbruch 1914 am bereitwilligsten mit Waffengewalt ihre Staaten verteidigen würden (wie zum Beispiel Studenten an Elitekaderschmieden), die 1913 überhaupt eine Kriegserwartung hatten. So bogen sich die britischen Mitstudenten des späteren Historikers Lewis Namier vor Lachen, als er ihnen gegenüber nach seiner Rückkehr nach Oxford von einer Reise in seine osteuropäische Heimat erklärte: "Ein europäischer Krieg steht uns demnächst bevor." Auch die Finanz-, Staatsanleihen- und Aktienmärkte, an denen wir Unruhe bei einer öffentlich wahrgenommenen und ernst zu nehmenden Kriegsgefahr am ehesten erwarten würden, verhielten sich 1913 weitgehend ruhig.

Gerade in Deutschland schien eine Kriegsgefahr im Jahr 1913 aus zwei Gründen gebannt: Zum einen war im Vorjahr das Flottenwettrüsten mit Großbritannien ad acta gelegt worden. Zum anderen erschien 1913 die Broschüre "Weltpolitik und kein Krieg", die die politische Richtung des deutschen Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg auf den Punkt brachte. Bethmann Hollweg und seine Vertrauten bastelten eifrig daran, dass auch die nächste Generation von Führungskräften gleichsam kosmopolitisch und national denken würden, indem sie zum Beispiel ihre Söhne zum Studium nach Oxford schickten. Noch zwei Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs erwarteten die Studenten des Heidelberg College, welches am Neckar künftigen britischen Verwaltungsbeamten und Offizieren den letzten Schliff gab, dass sie alsbald ihre deutschen Zeitgenossen nicht etwa im Schützengraben, sondern bei der nächsten Ruderregatta bekämpfen müssten, wo sie hofften, sich gegen " ,our friend, the enemy' " durchzusetzen.

Die kosmopolitischen Nationalisten, die wir in Berlin und London, in Oxford und Heidelberg und anderswo fanden, frönten einem Gartenpartymilitarismus, der nicht gegen einen konkreten Gegner gerichtet war, und sie akzeptierten Kriege, solange sie begrenzt waren, als Mittel der Politik. Sie standen in einer Tradition von Entscheidungsträgern, die in dem Jahrhundert seit dem Wiener Kongress versucht hatten, militärische Macht immer nur begrenzt einzusetzen: und so der Welt die längste relative Friedensperiode seit Menschengedenken eingebracht hatten. Natürlich hatte es in der Dekade vor 1913 politische Krisen auf der internationalen Bühne noch und nöcher gegeben. Aber das Erstaunliche an diesen Krisen war nicht, dass es sie gab, sondern dass fast alle friedlich beigelegt wurden.

Der Erfolg von Ricarda Huchs "Der große Krieg in Deutschland" war daher kein Vorzeichen der nahenden Apokalypse. Im Gegenteil war er ein Ausdruck des unbedingten Verlangens, totalen Krieg zu verhindern. Begrenzte Kriege wurden daher von vielen akzeptiert, nicht weil sie einen entgrenzten und totalen Krieg nach Muster des Ersten Weltkrieges wollten, sondern weil sie ihn fürchteten.

Für viele Deutsche ging die Aversion gegen Krieg sogar weiter. General Friedrich von Bernhardi hatte 1912 sein Buch "Deutschland und der nächste Krieg" herausgebracht, nicht etwa weil seine sozialdarwinistischen Ideen über die reinigende Kraft des Krieges so populär gewesen wären, sondern weil Bernhardi wusste, dass er die Mehrheit der Deutschen erst von diesen Ideen überzeugen müsste. So ereiferte er sich darüber, dass die deutsche Öffentlichkeit viel zu pazifistisch sei. Sein Buch änderte wenig daran, denn die wenigsten Deutschen wollten es kaufen.

Bei Florian Illies tauchen die politischen Mentalitäten von Entscheidungsträgern oder von der Mehrheitsbevölkerung nur am Rande auf, aber sie werden bei ihm nie eindimensional vom Fluchtpunkt des Kriegsausbruchs 1914 aus dargestellt. Natürlich ist sein Buch voll an Hinweisen, dass sich die Menschen 1913 in einer Zeit des Umbruchs sahen. Illies lässt aber offen, wohin sich die Zeit entwickelt. Er lässt keinen Zweifel daran, dass auch im Dezember 1913 die Welt nicht beinahe unweigerlich auf den Abgrund zusteuert: "Alles ist offen: die Zukunft und die Lippen der schönen Frauen."

Der Autorin der angeblichen Vorahnung der Epoche der Weltkriege, Ricarda Huch, war jedenfalls nicht mulmig gewesen, als sie "Der große Krieg in Deutschland" schrieb. Sie wurde 1914 vom Krieg völlig überrascht. "Als der Weltkrieg ausbrach", erklärte Huch, "war das für mich ein ganz willkürliches Geschehen, einem Gewitter im Winter ähnlich." Im Gegensatz zu Kafka, Jung oder Freud, aber ähnlich der meisten ihrer Zeitgenossen, war Huch zu normalen zwischenmenschlichen Beziehungen fähig und war auch nicht in den Fängen von starken Depressionen und Albträumen. Dies macht Huchs Leben sicherlich weniger dramatisch und lesenswert, dafür aber letztlich aussagekräftiger für das Zeitgefühl des Jahres 1913. Im Umkehrschluss heißt dies, dass wir die Untergangsphantasien von so manchem Künstler nicht vorschnell als Vorahnung, sondern eher als Metaphern des tatsächlichen späteren Untergangs sehen sollten.

Letztlich helfen uns aber Wettermetaphern - die ein passives menschliches Verhalten voraussetzen - so wenig, wie es die Träume C. G. Jungs tun, um zu verstehen, wieso der Kriegsausbuch 1914 aus der Sicht des Vorjahres eine mögliche, aber eher unwahrscheinliche Zukunft war. Da hilft schon eher der Untergang der "Titanic" des Jahrs 1912 als Metapher. Denn hier traten menschliches Verhalten und unvorhersehbares Chaos aufeinander und brachten hervor, was äußerst unwahrscheinlich gewesen war, aber dennoch durch das Aufeinandertreffen von Handlungen und Entscheidungen vieler Menschen und durch Zufall möglich wurde. Der Kriegsausbruch 1914 war eine mögliche, aber unwahrscheinliche Zukunft, da die internationalen Beziehungen seit geraumer Zeit schwankungsanfälliger und volatiler geworden waren. Wenn überhaupt, entspricht das Europa des Jahres 2012 viel eher als das Europa der Jahre zwischen 1914 und 1989 den Zukunftserwartungen des Jahres 1913.

Florian Illies: "1913". Der Sommer des Jahrhunderts.

S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2012. 320 S., geb., 19,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Ganz beeindruckt, aber auch ein wenig überwältigt ist Rezensent Hans von Trotha von der geballten Materialmenge, die Florian Illies in seinem Buch über das Vorkriegsjahr 1913 gesammelt, in Anekdoten arrangiert und mit ironischen Kommentaren versehen hat. Man darf dieses Werk nicht als historische Analyse nehmen, sondern muss es bei aller objektiven Faktendichte als höchst subjektive und feuilletonistische Zusammenstellung lesen, die nicht zuletzt auch auf die funkelnde Pointe zugeschnitten ist, meint der Rezensent. Mitunter hagelt es gar zu viele Pointen, um von Trotha zu Sinnen kommen zu lassen. Und er hat hier und da den Eindruck, dass auf "kurzfristige Gefälligkeit" hingearbeitet worden ist. Aber dennoch lässt er sich recht gern vom Glanz des "Arrangements" blenden, wie deutlich wird.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 25.10.2012
Viele Geschicke
neben dem meinen
Florian Illies besichtigt in seinem Buch „1913“
eine Kultur am Vorabend der Katastrophe
VON GUSTAV SEIBT
Im Januar 1913 wurde der Stoff für Ecstasy patentiert, machte Prada in Mailand die erste Boutique auf und eröffnete in Essen die Mutter von Karl und Theo Albrecht den Prototyp des AldiSupermarkts. Mit solchen Daten, die Florian Illies über die ersten Seiten seiner Chronik des letzten Friedensjahres vor dem Ersten Weltkrieg streut, enthüllt er den geheimen Mechanismus der unentwegten Hundert-, Hunderfünfzig- oder Zweihundertjahrfeierei, die unser historisches Gedächtnis im Griff hält. Die kalendarische Wiederkehr, die pure Astronomie also, schenkt einem Publikum, das an pathetische Begriffe von Geschichte nicht mehr glaubt, einen magischen Zutritt in die Vergangenheit: Die Vergangenheit wird im Durchlauf der Gestirne kurz wieder zur Gegenwart, die Zeiten stürzen ineinander.
  Vom kommenden Jahr an werden also die napoleonischen Gedenktage, die uns seit 2006 begleiteten – bei Jena und Auerstedt wird Preußen besiegt, Moskau verbrennt 2012, pardon 1812, und bei Leipzig schlägt man eine Völkerschlacht gegen Napoleon –, von den viel brennenderen Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg abgelöst werden. Mal sehen, ob 2014 überhaupt noch viel Raum für den Wiener Kongress auf Büchertischen und in den Wochenendbeilagen sein wird, oder ob nicht sogar schon 2013 das Büchner- und das Wagnerjahr von der heranrollende Katastrophe verschlungen wird, bei der „in Europa die Lichter ausgehen“.
  Illies hat sich in diesem Gedränge jedenfalls schon einmal gut aufgestellt. Sein Buch endet mit folgender Notiz: „Es ist der 31. Dezember 1913. Arthur Schnitzler notiert in sein Tagebuch ein paar Worte. ,Vormittags die Wahnsinnsnovelle zu Ende dictiert.‘ Nachmittags liest er: Ricarda Huchs ,Der große Krieg in Deutschland‘. Ansonsten: ,Sehr nervös tagsüber.‘ Dann Abendgesellschaft. ‚Es wurde Roulette gespielt.‘ Um Mitternacht stoßen sie an auf das Jahr 1914.“
  Es ist selten, dass man den Witz eines Buches in so kurzen Zitaten so erschöpfend zur Anschauung bringen kann. Illies lässt die hundert Jahre zwischen 1913 und seinen heutigen Lesern – das Buch erscheint in diesen Tagen, wird aber auf vielen Weihnachtstischen liegen, mit allen guten Wünschen fürs Neue Jahr 2013 – verschwinden, und fast im selben Moment reißt er den Graben jener Katastrophen auf, die uns von diesem fernen Jahr trennen: „Der große Krieg in Deutschland“, ein Buch über den Dreißigjährigen Krieg, wird zum Vaticinium, zur Vorahnung der Epoche der Weltkriege. Was der Tagebuch führende Schnitzler nicht weiß, wissen wir, die Leser von 2012: Diese gerade noch friedliche, an Nervosität leidende, unendlich produktive, sich abends beim Roulette erholende Gesellschaft trieb auf einen Niagara zu, um Jacob Burckhardts Formulierung über die französische Aristokratie vor 1789 zu übernehmen. „Jedenfalls 1913 ist ziemlich harmlos verlaufen“, notierte Käthe Kollwitz am Ende, „nicht tot und schläfrig, ziemlich viel inneres Leben.“
  Robert Musil aber macht sich schon Notizen für ein Riesenwerk, das einmal „Der Mann ohne Eigenschaften“ heißen soll, und schreibt: „Ulrich sagte das Schicksal vorher und hatte keine Ahnung.“ Eigentlich dürfte der heutige Leser im Durchschnitt auch nicht viel mehr Ahnung haben, aber er hat gegenüber den Menschen und Genies, die Illies auf 300 flirrenden Seiten zu Wort kommen lässt, den einen entscheidenden Platzvorteil: Er weiß, was am 1. August 1914 begann.
  Genies, das sind ganz überwiegend die Zeugen von Illies. Mit enormem Fleiß und großem Geschick hat er die in Briefen und Tagebüchern am reichsten dokumentierte Phase der Kulturgeschichte für ein einziges Jahr durchforstet und nach Monaten arrangiert, von Januar bis Dezember und gewissermaßen aus dem dpa-Kalender, der in den heutigen Feuilletons die Planungen für Gedenkartikel steuert, ein schönes Lesebuch gemacht. Geschichtsschreibung aus dem Geist der Tageszeitung also, und das passt zur ausgewählten Epoche, die, weil brief- und tagebuchversessen, natürlich auch zeitungsbesessen war.
  Und alle, alle treten sie auf, durch Editionen nun mit ihren größten Geheimnissen für uns entblößt: Franz Kafka wirbt auf krankhaft unentschiedene Weise um Felice Bauer, Georg Trakl quält sich mit Inzestphantasien, Karl Kraus verliebt sich in Sidonie von Nadhérny, an der eigentlich auch Rilke interessiert ist, Hitler zieht nach München um, hat aber davor noch Frühjahrstage in Wien verlebt, wo zur selben Zeit auch Stalin durch den Park von Schönbrunn spazierte. Spengler brütet, von Selbstmordgedanken getrieben, am „Untergang des Abendlands“, Thomas Mann leidet ein halbes Jahr unter einem Verriss von Alfred Kerr, der Zweifel an seiner Männlichkeit äußert, ist aber längst dabei, eine Novelle zu entwerfen, die bitte nicht „Der Zauberlehrling“, sondern „Der Zauberberg“ heißen soll.
  Am frappierendsten die Ereignisse der bildenden Kunst: Dass „Brücke“ und „Blauer Reiter“ ihre Bilder malen und Kriege ausfechten, dass Oskar Kokoschka seine krankhafte Leidenschaft zu Alma Mahler auf eine ehebettgroße Leinwand malt – geschenkt! Es gibt sogar Kunstkritiker, die Picasso schon wieder abschreiben – zu schwach! Dabei finden in New York und Berlin die kanonischen Ausstellungen der Moderne statt, die auch unser Bild von ihr noch bestimmen. Aber dass mit dem „Schwarzen Quadrat“ von Malewitsch und mit dem ersten Ready Made von Duchamp die bildende Kunst eigentlich schon an ihren elegant-logischen Endpunkten angekommen ist, lässt die Zeit seither ja fast fade erscheinen. Kein Wunder, dass Ludwig Wittgenstein genau gleichzeitig am „Tractatus“ arbeitet, auch einem der Bücher, die alle Bücher beenden könnten.
  Vieles musste Illies tatsächlich einfach nur arrangieren, um eine bis heute gültige Epochen-Diagnose herauszudestillieren: Im selben Jahr, das im „Schwarzen Quadrat“ die Ikone des unendliche leeren Bildsinns hervorbrachte, wurde nach der 1911 gestohlenen Mona Lisa des Leonardo gefahndet, und am Ende wurde sie auch wiedergefunden und in einem beispiellosen Triumphzug nach Paris zurückbefördert: Der Hype und Kunstwahnsinn heutiger Zeit ist darin zusammengefasst, und spüren wir auch nur ein Gran mehr Erregung dabei? Nein. Gottfried Benns Lider werden schwer beim unentwegten Aufschneiden und Zunähen von Leichen, seine „Morgue“-Gedichte sind also auch nur TagebuchNotizen. Arnold Schönberg fordert nach Tumulten in einem Konzert rechtliche Schritte gegen Musikstörer: Die Avantgarde will ihren Anspruch auf Provokation juristisch verbrieft und polizeilich geschützt haben. Wen wundert’s, aber lachen muss man trotzdem. Proust, Joyce, Musil, sie winken nur am Horizont, aber als ferne Riesen sind auch sie dabei.
  Gibt es Leitmotive in den faits divers der Hochkultur, gar Thesen? Jedenfalls ein paar Beobachtungen: Allherrschend eine Stimmung von Überspannung, genannt Neurasthenie, die Burn-out-Nähe der hochproduktiven, zugleich mit ihren Trieben kämpfenden Genies. Die Triebe, das allseitige Herumexperimentieren mit Spielarten von Partnerschaft und Sex, die Lust am erotischen Diskursiven in Psychoanalyse und Lebensreform ist das zweite Motiv. Und die vielen Väter-Söhne-Dramen, die allgemeine schwüle Luft von pupertärem Aufbegehren, das dritte. All das ist gut bekannt und erforscht, es gibt dicke Bücher dazu, und vielfach haben die Zeitgenossen selbst das schon zusammenschauend erkannt. Eine Erzählung, besser: ein Mosaik wie dieses braucht kaum solche Muster. Dass gerade 1913 der kommende Weltkrieg für unmöglich erklärt wurde, mit absolut plausiblen Gründen, nämlich der globalen Wirtschaftsvernetzung, die einen Krieg für die Hochfinanz uninteressant mache, war ja auch seit jeher bekannt. Der Erkenntnissieg des heutigen Lesers bleibt also klein, weil viel zu leicht.
  So ist das Buch vor allem ein gewaltiger Teaser, der Lust darauf macht, sich mit den Hervorbringungen dieser schöpferischsten Phase der noch jungen Moderne zu beschäftigen. Dass es dafür ein großes Publikum gibt, beweist jetzt schon der Erfolg der aktuellen Ausstellungsreprisen zur Moderne 1912-2012 in Düsseldorf und Köln. Dass auch Max Weber oder Sigmund Freud durch Illies wieder mehr Leser finden, mag man hoffen. Was aber beweist all dieser in seiner puren Gleichzeitigkeit brillant funkelnde Reichtum? Erst einmal nur Verse von Hofmannsthal, eines Autors, der in diesem Buch ein wenig stiefmütterlich behandelt wird: „Viele Geschicke weben neben dem meinen,/ Durcheinander spielt sie alle das Dasein.“
  Vielleicht will uns Florian Illies, der empfindsame Diagnostiker des Zeitgeistes, mit seiner Installation nur eine einfache Wahrheit vor Augen führen: Solche Herrlichkeiten, solcher Reichtum können über Nacht zugrunde gehen, kein Friede, kein Wohlstand ist sicher vor dem Weltkrieg. „1913“ wäre dann das opulenteste Buch zur Krise.
Vieles muss der Autor nur
arrangieren, um zu einer gültigen
Diagnose der Epoche zu kommen
Das Buch ist wie ein gewaltiger
Teaser, der Lust macht auf diese
so schöpferische Phase
Urlaub vom Ich: Georg Trakl flieht an den Lido – eine Missvergnügensreise.
ABB.: UNIVERSITÄT INNSBRUCK, FORSCHUNGSINSTITUT BRENNER-ARCHIV
  
    
  
  
  
Florian Illies: 1913.
Der Sommer des Jahrhunderts. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012. 320 Seiten, 19,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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"Ganz zauberhaft und zu Recht seit vielen Monaten auf den Bestsellerlisten"
Andreas Müller, Darmstädter Echo, 26.7.2014

"Florian Illies hat ein Jahrhundertbuch geschrieben."
Alexander Kluge, Welt am Sonntag

"Ein Juwel von einem Buch"
Observer

"Florian Illies erzählt die Geburt der Moderne als eine komische und gelegentlich herzzerreißende Seifenoper. Ein großes Vergnügen."
Washington Post
»Ganz zauberhaft und zu Recht seit vielen Monaten auf den Bestsellerlisten«

Andreas Müller, Darmstädter Echo, 26.7.2014

»Florian Illies hat ein Jahrhundertbuch geschrieben.«

Alexander Kluge, Welt am Sonntag

»Ein Juwel von einem Buch«

Observer

»Florian Illies erzählt die Geburt der Moderne als eine komische und gelegentlich herzzerreißende Seifenoper. Ein großes Vergnügen.«

Washington Post