Über den Begriff der Geschichte - Benjamin, Walter

Walter Benjamin 

Über den Begriff der Geschichte

Herausgeber: Gödde, Christoph; Lonitz, Henri, Hrsg. v. Gerard Raulet
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Über den Begriff der Geschichte

Die Aufzeichnungen Walter Benjamins Über den Begriff der Geschichte, an denen er bis zum Frühjahr 1940 schrieb, sind zugleich nüchterne Bilanz eines leidenschaftlichen Intellektuellen und steile Konstruktion eines kühlen Theoretikers. Der Intellektuelle legt Rechenschaft darüber ab, wie es um das altehrwürdige Unternehmen, die Welt in eine menschenwürdigere zu transformieren, bestellt ist zumal in einer Zeit, in der die Kräfte, denen man dies bislang zugetraut hatte, zerfallen und die Hoffnungen zerstört sind. Der Theoretiker nimmt dies zum Anlaß, die verheerenden Folgen der bisherigen Geschichtsphilosophie aufzudecken und eine Alternative zu entwerfen, die die Kritik am linearen Fortschritt nicht mehr allein dem Irrationalismus überläßt. Diese Kritik hat bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt, ebensowenig wie die daraus abgeleitete Erkenntnis, daß die Katastrophe nicht der Ausnahmezustand ist, sondern die Regel.
In der neuen Edition werden alle Fassungen der "geschichtsphilosophischen Thesen" integral abgedruckt darunter eine nicht abgeschlossene, von Benjamin selbst verfaßte französische Version. Zusammen mit sämtlichen Vorstufen und weiteren Texten bieten sie eine umfassende Dokumentation des Entstehungsprozesses. Darüber hinaus werden die französische Fassung und das sogenannte Hannah-Arendt-Manuskript vollständig als vierfarbige Faksimiles gegeben. Die Edition zeigt, mit welcher Intensität Benjamin bis zum Schluß an seinem philosophischen "Vermächtnis" gearbeitet hat. Und sie eröffnet eine neue Deutungsperspektive: Über den Begriff der Geschichte, so wird hier erstmals sichtbar, ist kein abgeschlossenes Werk, sondern ein klassisches work in progress.


Produktinformation

  • Werke und Nachlaß. Kritische Gesamtausgabe
  • Bd.19
  • Verlag: Suhrkamp
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 380 S. m. farb. Faks.
  • Seitenzahl: 380
  • Best.Nr. des Verlages: 58549
  • Deutsch
  • Abmessung: 226mm x 151mm x 32mm
  • Gewicht: 566g
  • ISBN-13: 9783518585498
  • ISBN-10: 3518585495
  • Best.Nr.: 27938295
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 05.08.2010

Der Engel der Philologie muss so aussehen

Wie ein heiliger Text der Philosophie sich in ein Konvolut von Fragmenten auflöst: Walter Benjamins letzte Aufzeichnungen "Über den Begriff der Geschichte" in einer kritischen Ausgabe.

Es war einmal, doch das ist lange her, da glaubte man noch daran, dass es in der Philosophie so etwas wie einen heiligen Text geben könne. Walter Benjamins letzte Aufzeichnungen "Über den Begriff der Geschichte", die "Geschichtsphilosophische Thesen" genannt wurden, sind ein solcher Text. Benjamins hatte seine Thesen ausdrücklich nicht zum Druck bestimmt, nachdem sie dann jedoch 1943 aus dem Nachlass veröffentlicht waren, begannen sie eine Karriere, die ihren Höhepunkt in der Epoche der großen marxistischen Theoriebildungen der sechziger und siebziger Jahre erreichte. Die "Thesen", das war zugleich rätselhafte Orakelrede über Theologie und Engel wie auch Versprechen für die geschichtssprengende Kraft des "historischen Materialismus", das waren lauter letzte Worte, mit denen die alte Geschichtsphilosophie an ihr Ende kam und ihr zugleich ein Neubeginn versprochen wurde.

Und heute? Was ist geblieben von jenen kurzen …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Und wieder ist ein Mythos verpufft. Zumindest für Wolfgang Matz. Von Walter Benjamins einst geradezu "heiligem Text" bleibt für den Rezensenten nach dieser Edition wenig übrig, allenfalls ein "diffuser Komplex von Papieren". Dass Matz dies überhaupt nicht bedauert, erklärt er so: Zum einen sei die Edition so philologisch genau, dass sie jede Fassung, die sich in Frankreich oder Deutschland auftreiben ließ, gleichwertig nebeneinander stellt, es den einen Text also gar nicht mehr gibt. Zum anderen sieht Matz mit dem Historischen Materialismus Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen das Fundament entrissen. Was übrig bleibe, sei eine sehr wacklige Konstruktion aus, wie Matz selbst ein wenig ungläubig schreibt, bescheidenen Einsichten und interessanten Überlegungen. Mehr nicht.

© Perlentaucher Medien GmbH
Walter Benjamin, geb. 1892 in Berlin, studierte in Freiburg i. Breisgau Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte. Nach Beginn des ersten Weltkrieges setzt er sein Studium in München und dann in Bern fort. 1933 emigriert er nach Paris. Nach der Besetzung Frankreichs und kurzzeitiger Internierung entschließt er sich in die USA zu internieren. An der spanischen Grenze wartet er aber vergeblich auf ein Visum. Da seine Auslieferung an die Geheime Staatspolizei droht, nimmt sich Walter Benjamin im spanischen Küstenort Port Bou mit einer Überdosis Morphium das Leben.

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