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Bewertung von MaWiOr aus Halle am 16.01.2011 |
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In seinem Essay „Juden auf Wanderschaft“ aus dem Jahre 1927 schildert Joseph Roth (1894-1939) in einzigartiger Weise das Leben der Juden in Europa und Amerika, vom östlichen „Schtetl“ bis zu den Ghettos im Westen. Das ostjüdische Schtetl, wie Roth es sah, war Heimat und Geborgenheit für die Ostjuden, hier waren sie eingebettet in eine archaische Landschaft und althergebrachte Lebensformen. Zu Hunderttausenden verließen sie ihre angestammte Lebenswelt, um ein neues Vaterland zu suchen. Roth hatte selbst den Weg von Ost nach West zurückgelegt. Mit seinem Essay wollte er den Nichtjuden und Juden in Westeuropa und Amerika Verständnis für das Schicksal der Ostjuden beibringen. Sowohl seine Aufenthalte in Frankreich als auch die Reise in die Sowjetunion hatten Roth neue Erfahrungen und Anregungen vermittelt. Roth Essays, der zwischen 1925 und 1927 entstand, besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil beschreibt er liebevoll, of auch ironisch, das jüdische Leben in den kleinen ostgalizischen Städten. Er berichtet von der großen Armut und dem Überlebenskampf ihrer Bewohner, daneben aber auch von ihrem Glauben und ihren eigenen religiösen Gesetzen. Dabei geht der Autor auf deren Gefährdung und drohenden Zerfall ein. Im zweiten Teil von „Juden auf Wanderschaft“ informiert Roth über die Lage der Ostjuden, die in den Westen gezogen waren, die z. B. in die Wiener Leopoldstadt, nach Paris, Berlin oder nach Amerika und Russland ausgewandert waren. Auch bei der Darstellung der Anpassungsstrategien in den „westlichen Ghettos“ fließen seine persönlichen Erfahrungen ein, vor allem was die Spannungen zwischen orthodoxen Ostjuden und assimilierten Juden im Westen betrifft. Der Essay ist die publizistische Reaktion von Roth auf den Antisemitismus und die Abneigung deutscher Juden gegenüber dem Ostjudentum. Mit einer Sprache, die eher poetisch als journalistisch ist, macht Roth mit der ganzen Vielfalt des jüdischen Lebens vor dessen Auslöschung durch die Nationalsozialisten bekannt. Eine aktualisierte und erweiterte Neuauflage kam 1937 nicht mehr zustande, obwohl Roth dazu schon Vor- und Nachwort geschrieben hatte. Nun liegt dieses Meisterwerk des literarischen Journalismus erstmals in einer illustrierten Ausgabe vor. Die eindringlichen Schwarz-Weiß-Fotografien (die Bildauswahl nahm der Verleger Christian Brandstätter persönlich vor) zeigen den ganzen und heute verschwundenen Kosmos des jüdischen Lebens zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der großartige Text und die 153 historischen Abbildungen sind ein einzigartiges Zeitdokument, das es dem heutigen Leser ermöglicht, in die jüdische Kultur vor hundert Jahren ein zu tauchen. Manfred Orlick |
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