Daniela Seels hellhörige, präzis gesetzte Texte loten die
Bedingungen unseres Sprechens dort aus, wo es beginnt ¿ in den
Körpern, ihren Verordnungen und Verortungen im Raum. Wie mobile
sensorische Einheiten beobachten sie die Kontaktstellen zwischen
außen und innen, Dressur und Natur, Mensch und Tier, Sprache und
Haut und moderieren zugleich den Austausch, der dort verhandelt
wird. Von Zeile zu Zeile, Laut zu Laut spüren sie dem Verlangen
nach, der »chirurgie« von Gesten durch Anverwandlung auf die Spur
zu kommen: »ich habe mir ihren körper dann einfach / umgebunden wie
eine schürze.« Doch in dem Versuch zu begreifen, was es heißt,
»biene zu sein spinne fledermaus« oder soziales Wesen, gelangen die
Texte immer wieder an die Grenzen ihres Sprechens ¿ und erzeugen
gerade da eine seltene, dringlich-erregende Präsenz, der man sich
schwer entziehen kann. Man will man ohne ihre blitzschnelle
Gegenwärtigkeit, ihr reges Zweifeln nicht mehr weiterlesen. Seit
über zehn Jahren gehören Daniela Seels Gedichte zu den Geheimtipps
der jüngeren Lyrik, die sie als Verlegerin mit bekannt gemacht hat.
Jetzt ist neben der Verlegerin endlich auch die Dichterin zu
entdecken. » ¿ ein Buch, dessen Texte Sensibilität im Wortsinn
vorführen, Sinnlichkeit bis in die feinsten Nuancen erkunden.
Daniela Seels Lyrik verfährt kompromisslos auf höchstem
ästhetischem Niveau, vermeidet jede falsche Feierlichkeit und
spielt das komplizierte poetische Spiel mit der Sprache viel lieber
mit ernster Leichtigkeit und aller Lust zum Experiment.« Jury zum
Friedrich-Hölderlin-Förderpreis
Die Verlegerin von kookbooks hat einen ersten Gedichtband geschrieben und veröffentlicht ihn im eigenen Verlag. Da könnte man leicht misstrauisch werden, aber Jochen Hieber schiebt alle Zweifel beiseite: Diese Gedichte, die hier auf nur sechzig Seiten in vier Zyklen angelegt sind, nennt er "große Kunst". Besonders beeindruckt hat ihn ein Klagelied auf ein totgeborenes Kind, dem auch die Titelzeile des Bandes entnommen ist: Völlig unsentimental, streng geordnet und darum um so herzzerreißebnder. Auch die unheimlichen Gedichte über ein irrlichterndes, nicht zu fassendes Leben in einem Haus, das kein Geborgenheit gibt, und die wilden Wort-Stampedes eines späteren Zyklus schildert Hieber eindrücklich als faszinierende Sprachkunstwerke.
Daniela Seel, geboren 1974 in Frankfurt/Main, lebt in Berlin. 2003 gründete sie, mit dem Buchkünstler und Illustrator Andreas Töpfer als festem freien Art Director, kookbooks ¿ Labor für Poesie als Lebensform. Ihre Gedichte erschienen in Zeitschriften, Zeitungen, Anthologien, im Internet und im Radio, darunter Zwischen den Zeilen, Edit, Neue Rundschau, Sprache im technischen Zeitalter, lauter niemand, DLF Lesezeit, FAZ, poetenladen.de, Lyrik von Jetzt (DuMont 2003) und Jahrbuch der Lyrik (S. Fischer 2009). Sie erhielt unter anderem den Kurt-Wolff-Förderpreis 2006, den Horst-Bienek-Förderpreis 2007 und den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis 2011. »ich kann diese stelle nicht wiederfinden« ist ihr erster Gedichtband.