Novalis' Gedichte sind tiefe und lichte Zeugnisse einer
Geisteserotik. Denn an nichts litt dieser Dichter mehr als an der
Vorstellung, "getrennt" zu sein, der Vereinigung
entfremdet. Getrennt von der kindlichen, früh verstorbenen
Geliebten Sophie von Kühn. Vereinigt mit dem Geist der
Verstorbenen. Entfremdet durch kritische Einsicht in die
"wahren Verhältnisse". Seine "Hymnen an die
Nacht" sind Gesänge an die Nachtbraut. Seine "inneren
Sayten" hatte Novalis in die Nacht gestellt wie die Äolsharfe
in den Wind. Und was erklang? Wehmut und Hoffnung auf eine
Brautnacht mit der Nachtbraut, die das Ich der "Hymnen"
in der Gestalt eines "unerschöpflichen Traumes"
vollzieht.
Die blaue Blume aus Novalis Roman Heinrich von Ofterdingen ist zum Inbegriff romantischer Sehnsucht und Träumerei geworden. Novalis selbst verkörpert für viele das romantisch-sensible Junggenie schlechthin. Darüber hinaus aber war Novalis als Bergbauingenieur und Philosoph vor allem ein hoch professioneller Forscher, Theoretiker und Intellektueller, dem die Trennung von Geistes- und Naturwissenschaften noch völlig fremd war und der sich mit Gesteinskunde oder Kants Kritik der reinen Vernunft genauso gut auskannte wie mit den Nachtseiten des Lebens.
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