Theos zweite Reise - Clément, Catherine

Catherine Clément 

Theos zweite Reise

Roman über die Rettung der Erde

Aus d. Französ. v. Tobias Scheffel u. Maja Ueberle-Pfaff
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Theos zweite Reise

Neun Jahre nach ihrer großen Weltreise brechen Theo und seine Tante Marthe erneut zu einem gemeinsamen Abenteuer auf. Theo, inzwischen ein junger Mann, engagiert sich aktiv für den Umweltschutz. Die Reise von Indien nach Afrika und Nordamerika führt ihm und Marthe die Gefährdung der Erde deutlich vor Augen: die weltweite Verschmutzung der Wasserressourcen, die verheerenden Auswirkungen der Rodungen des Regenwaldes und die kaum mehr zu bewältigenden Müllberge. Die beiden begegnen Menschen, die diese zerbrechliche Welt schützen wollen und sich tatkräftig dafür einsetzen.


Produktinformation

  • Verlag: Dtv
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 412 S. m. 1 Kte.
  • Seitenzahl: 416
  • dtv Taschenbücher Bd.62348
  • Altersempfehlung: ab 14 Jahren
  • Deutsch
  • Abmessung: 192mm x 120mm x 25mm
  • Gewicht: 292g
  • ISBN-13: 9783423623483
  • ISBN-10: 3423623489
  • Best.Nr.: 23347236
"Clément greift ein Thema auf, das in der Jugendliteratur selten vorkommt."
Süddeutsche Zeitung

»Clément greift ein Thema auf, das in der Jugendliteratur selten vorkommt.« Süddeutsche Zeitung

"Wer wissen will, wie es um unseren wunderbaren Planeten steht, der lese dieses Buch." Jostein Gaarder "Lehrreich und humorvoll, informativ und spannend - die zweite Reise hat alle Qualitäten der ersten!" Hubert Prolongeau, Elle "'Theos zweite Reise' leistet somit dreilei: Eine mitreißend im Wechsel von Theo und Tante Marthe erzählte Geschichte mit äußerst lebhaften wie eindrucksvollen Handlungssträgern, gut recherchierte Fakten über sehr unterschiedliche Umweltproble, (unter andrem Müll, fossile Brennstoffe, Wasser, Jagd auf Wale) und nicht zuletzt das Aushalten (-müssen) diverser Ansichten und Disskussionsstränge, die darin gipfeln, eine 'bessere' Welt mit oder ohne Menschen zu erörtern." Ulrich Krager, Der Tagesspiegel, 22.10.06

"Clément greift ein Thema auf, das in der Jugendliteratur selten vorkommt."
Süddeutsche Zeitung
Catherine Clément, geb. 1939 in Paris, studierte Philosophie und Psychologie an der Sorbonne, lehrte dort und arbeitet als Kulturredakteurin und Produzentin. Als Gattin des französischen Botschafters lebt sie zur Zeit in Dakar, aber auch in Wien und in Prag. Als Autorin wurde sie durch wissenschaftliche Werke bekannt.

Leseprobe zu "Theos zweite Reise" von Catherine Clément

Theo? Hörst du mich?"

Und wenn die Stimme aus dem Jenseits gekommen wäre - ich hätte sie wiedererkannt. Meine verrückte, liebe Tante Marthe. Man könnte meinen, sie hätte getrunken, aber das ist nicht ihre Art; trotzdem klingt ihre Stimme schwach - oder der Anruf kommt wirklich vom Ende der Welt, aus Sydney, Manila oder Wellington... Noch ganz verschlafen werfe ich einen Blick auf den Wecker: drei Uhr morgens.

Panisch richte ich mich auf. Tante Marthe ist zwar exzentrisch, aber nicht so, dass sie mich nur zum Vergnügen aus dem Schlaf reißt. Drei Uhr morgens! Was ist ihr zugestoßen? Von wo aus ruft sie mich diesmal an? Verdammt! Dieses verflixte Telefon, das nie funktioniert!

"Theo, mein Kleiner...Ich bin...Es geht überhaupt...

nicht... komm!"

"Hallo? Marthe? Ich kann dich nicht verstehen! Hallo! Red doch lauter!"

Es knistert im Telefon, es knackt, dann ist Stille.

"Arre you Misterrr Theo?", fragt plötzlich eine Männerstimme am anderen Ende der Leitung. "Yourr aunt is verry ill, verry ill, sirr. You must come. She is in New Delhi Memorrial Hospital, rroom 450."

Inzwischen bin ich hellwach. Tante Marthe ist in Indien und todkrank.

"I want to talk to her!"

"She does not speak any morre, sirr. Do come!"

Wenn Marthe nicht mehr sprechen kann, geht es ihr wirklich sehr schlecht. Ich darf keine Minute verlieren.

Unterhosen, Strümpfe, Jeans - ob sich Marthe eine Typhuserkrankung geholt hat? Nein, das kann man gut behandeln. Hemd, Jacke - vielleicht Denguefieber? Cholera? - meine Uhr, Turnschuhe, Notebook, Pass. Lungenpest? Die taucht in Indien in Abständen von zwanzig Jahren auf. Klingeling, den Rechner einschalten, komm, mach schon, schneller, her mit der Maus, so, jetzt! Internetverbindung. Online-Ticket-Buchung... Nächster Flug ab London, Air-India, 12 Uhr 15. Da habe ich gerade noch Zeit, hier in Paris in den nächsten Eurostar zu springen, um nach London zu kommen.

Ich erledige vier Telefonate und hinterlasse drei Nachrichten. Eine im Krankenhaus, eine bei "Ärzte ohne Grenzen", meiner Organisation, eine weitere bei Fatou, eine bei meiner geliebten Bozicka. Dreimal stoße ich auf Anrufbeantworter - bei Bozicka ist das merkwürdig! Nur meine beste Freundin Fatou ist drangegangen, sie hat mich in meiner Entscheidung bestärkt. Ich nehme meinen Rucksack - er steht immer fertig gepackt bereit - und gönne mir noch zehn Minuten für einen Kaffee. Um fünf Uhr morgens steige ich aufs Fahrrad und radle zur Gare du Nord. Es ist saukalt, normal für Januar.

Seitdem Tante Marthe in der Region Nordeste in Brasilien lebt, habe ich sie nicht oft gesehen. Wie nicht anders zu erwarten war, hat ihr brasilianischer Mann sie immer in seiner Heimatstadt Recife festgehalten; ich kenne sie und habe mir immer einen großen exotischen Schmetterling vorgestellt, der mit gewaltsam auseinander gefalteten Flügeln auf ein Holzbrett gepiekst wurde - zeig, wie schön du bist, Marthe! Als ich klein war, erschien sie bei jedem Besuch bei uns als jemand anderes: gekleidet als Tibeterin, als jakutische Schamanin mit dickem Pelzumhang, als Vodun-Priesterin, mit weißen Halsbändern, blauem Turban - sie kam von den erstaunlichsten Orten der Welt, immer hinreißend und immer ein bisschen pummelig. Pummelig ist sie immer noch, alles Übrige hat sich verändert. Seit ihrer Heirat mit Brutus Carneiro Da Silva trägt sie unechte Chanel-Kostüme und vergoldete Kettchen, ganz bestimmt nur, um ihrem Mann zu gefallen. Plötzlich trug sie malvenfarbenen Lidschatten und Perlen um den Hals, die zu dick waren, um echt zu sein. Sie war nicht mehr ganz die Tante Marthe, die ich liebte, die Tante Marthe mit uneingeschränkter Bewegungsfreiheit - aber wenn sie glücklich damit ist, warum nicht? So dachte ich mir das jedenfalls.

Bis zu dieser ersterbenden Stimme am Telefon.

Neun Jahre ist es jetzt her, dass die Ärzte mich aufgegeben hatten und sie mir das Leben rettete, indem sie mich auf eine wahnwitzige Weltreise entführte. Alle waren überzeugt davon, dass ich bald sterben würde. Marthe hat dagegen revoltiert. Tod hin oder her - wir reisen! Nach fünf Jahren Medizinstudium habe ich erst begriffen, was mir alles erspart geblieben ist: Katheter, Chemotherapie, Transfusionen, überall bis zu den Nasenlöchern an Schläuche angeschlossen! Man muss schon sagen, dass meine Tante sehr weit gegangen ist. An Stelle des Krankenhauses hat sie das Reisen als Therapie wieder eingeführt. Jerusalem, Istanbul, Djakarta, Salvador de Bahia, Afrika, Indien, Amerika - auf unserer verrückten Reise sind die pummelige Tante Marthe und ihr kleiner Theo von Göttern zu Djinns, von heiligen Stätten zu Mönchen und Gelehrten geeilt, um Heilung zu suchen... Die Idee der Reise als Therapie ist so alt wie die Welt und Marthe hatte es richtig erkannt. Ich habe die vermutete Leukämie überwunden und kam zurück wie das blühende Leben.

Kaum hatte ich Mama verlassen, wurde sie schwanger. Ich war fünfzehn, als meine Mutter Zoé zur Welt brachte und das Leben, jener heilige Brunnen, von dem meine Schwester ihren griechischen Namen hat, wieder neu begann. Meine fast an ein Wunder grenzende Heilung, die für das Alter meiner Mutter sehr erstaunliche Schwangerschaft, all dieses Tohuwabohu, in dem sich Götter, Tempel, Kirchen und unsere Ängste und Familiengeheimnisse mischten - all das war wahrlich genug, um mich durcheinander zu bringen. Mir war vieles unklar.

So habe ich nach dem Gymnasium mit dem Medizinstudium begonnen, weil ich noch eine Rechnung offen hatte: Warum hatte man mich für leukämiekrank erklärt? Wie ist so eine Art Fehler möglich?

Durch das Studium sah ich auch nicht klarer. Absolutes Dunkel. Tabletten, Blutentnahmen, Infusionen, Doppler-Sonograph, CT, Kernspin-Tomographie, unsere therapeutischen Maßnahmen haben nichts Menschliches, und ich erinnerte mich meiner damaligen Heiler, die in armen Ländern lebten und ihre Behandlung mit Hilfe von Pflanzen durchführten, allerdings mit einem ganz anderen Wissen. Die, die mich behandelt hatten, verfügten nicht mal über fließendes Wasser, aber sie versuchten zunächst, mich zu verstehen - mich und meine elenden Beschwerden eines verwöhnten Kindes. Die tibetische Ärztin in Darjeeling praktizierte in einer Hütte; die Ritualmeisterin, die mich in Luxor rettete, hatte keinen elektrischen Strom. Und weil ich als Kranker durch arme Länder gereist war, widerte mich unsere Medizin bald an. Heilen wollte ich - aber nicht die Reichen, nicht uns. Ich war all die Fachkenntnisse und Laborergebnisse leid. Schon in den ersten Ferien engagierte ich mich bei humanitären Organisationen.

Das erste Mal in der Sahelzone. Ein kleines Dorf am Ufer des Senegal. Man denkt sich, wenigstens haben sie Wasser! Trotz der Sandstürme und der nahen Wüste hat man den tröstlichen Anblick vor sich, wie die Frauen baden, ihre Wäsche waschen und ihre schönen Arme ins Wasser tauchen. Tropfende Wasserperlen auf schöner schwarzer Haut - zu der Zeit war ich wahnsinnig verliebt in meine Freundin Fatou -, und so habe ich mich von dieser paradiesischen Vision täuschen lassen. Nicht lange. Noch am selben Abend hat mir der Chef des Teams erklärt,

wie man die Anzeichen der Bilharziose erkennt, einer Wurmerkrankrung, die von so genannten Trematoden hervorgerufen wird. Dieses in Süßwasser lebende Ungeziefer, das man sich beim Baden durch den Kontakt mit kontaminierten Weichtieren holt, steigt in die Blase hinauf, befällt die Genitalien, macht sich in den Eingeweiden breit und dringt bis in die Lungen oder die Bindehaut vor. Am Anfang merkt man nichts, man spürt einen juckenden Ausschlag an den Fußsohlen, vielleicht hat man ein bisschen Nesselfieber, dann ist es vorbei. Später wird es jedoch schrecklich. Für die Frauen: Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten, Eileiterschwangerschaften. Die Männer pissen Blut. Zweihundert Millionen Kranke. Tabletten und Medikamente, die meistens verdorben sind. Sollte so etwa die Welt aussehen?

So sah sie aus, und noch schlimmer. An allen Ecken Krieg. Zu Hause hatte ich schon davon gehört. Meine griechischen Großeltern waren nur knapp der brutalen Militärdiktatur entgangen, und mein französischer Großvater hatte sich mit fünfzehn dem Widerstand gegen die Deutschen angeschlossen; das alles schien weit weg, irreal, historisch. Ich hatte nie Krieg gesehen, nie Krieg erlitten. Durch mein Engagement bei humanitären Einsätzen konnte ich aber sicher sein, ihm zu begegnen. Wollte ich das? Mir scheint, ja. Alle Jungen der Welt suchen die Herausforderung, eine fiese Vorstellung, ich weiß, aber so ist es! Sich in Gefahr zu begeben tut gut. Manchmal nur im Kleinen, zum Beispiel habe ich mir mit siebzehn ein Piercing machen lassen, nur so... Oh, das Loch war gar nicht groß! Gerade so, dass man einen Ohrring durchstecken konnte. Mama hat aufgeschrien, aber mein Vater hat begriffen. "Hat's dir nicht gereicht, dass man dich schon für tot gehalten hat, Junge?" Bingo! Da habe ich nachgedacht.

Nach diesem Vorfall habe ich gelernt, mir selbst zu misstrauen. Ja, gar kein Zweifel, sein Bündel schnüren, um am anderen Ende der Welt den Helden zu spielen, ist aufregend. Aber das ist mir egal. Solche Posen kannst du dir beim Reisen leisten! Wenn du dann mal vor Ort bist, denkt keiner mehr daran. Es erlaubt dir gerade mal, die Angst zu besiegen. Keine Zeit, zu viel Blut, Wunden, Durchfall, es herrscht Krieg, es herrscht das Übel.

Im Jahr darauf hatte ich Glück, da war ich in Sierra Leone, in Westafrika, am Rande von Freetown. Wir wurden von Blauhelmen beschützt. Von überall her strömten Menschen herbei - Lebende und manchmal Tote, ganz kleine in den Armen der Eltern. Wie alle hatte ich das schon im Fernsehen gesehen, aber wenn man mittendrin ist, hat man nicht mal mehr die Zeit, auf die großen schwarzen Augen zu achten, die so anklagend bei uns im Fernsehen zu sehen sind. Ich sah die zu dünnen Venen des Kindes, das eine Spritze bekommen sollte, die Gliederstümpfe, die verbunden werden sollten, die fehlenden Füße, die von Anti-Personenminen weggerissen worden waren, diesen winzigen Dingern, die kaum ein paar Cent kosten und absichtlich auf den Wegen verteilt werden, um die Schwächsten zu verstümmeln. Ich sah die tödlichen Auswirkungen der Malaria und deren Erreger, das Plasmodium, meinen persönlichen Feind, der den Babys Fieber verursacht und ihnen den Atem raubt. Und das Leben wird hin und her geschüttelt, rumpelt und ersteht wieder auf, die Frauen hängen die Wäsche zum Trocknen auf, das Reiswasser blubbert, Münder öffnen sich und essen, die Verdauung geht weiter, die Röhren des Lebens hören nie auf in ihrer Tätigkeit. Und wirklich: Ich hatte Freude daran, Menschen zu retten.

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