Die seidene Madonna - Godard, Jocelyne

Jocelyne Godard 

Die seidene Madonna

Roman. Deutsche Erstausgabe

Übersetzung: Anja Lazarowicz
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Die seidene Madonna

Leidenschaftlich und freiheitsliebend - das Portrait einer starken Frau, die ihrer Zeit voraus war

Alix' Traum von der eigenen Weberei wird endlich wahr, doch dann schlägt das Schicksal zu: Ihr Mann Jacquou fällt der Pest zum Opfer, und die Weber von Tours lassen sie verhaften - denn Frauen ist es untersagt, einen eigenen Betrieb zu führen. Der einzige Ausweg: Mit den Madonnenbildern von römischen Malern muss sich die junge Witwe ihren Meisterbrief verdienen. Und während ihre Konkurrenten vor nichts zurückschrecken, steht nur ein mysteriöser Mönch der schönen Seidenstickerin zur Seite ...



Produktinformation

  • Verlag: Blanvalet
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 508 S.
  • Seitenzahl: 512
  • Blanvalet Taschenbuch Nr.37429
  • Deutsch
  • Abmessung: 183mm x 126mm x 42mm
  • Gewicht: 440g
  • ISBN-13: 9783442374298
  • ISBN-10: 3442374294
  • Best.Nr.: 27947565
Jocelyne Godard ist eine der erfolgreichsten französischen Autorinnen historischer Romane. Ihre „Thebanerinnen-Saga“ verkaufte sich mehr als 600.000 mal. Aus ihrer farbenprächtigen mehrteiligen Saga über eine Teppichweberei im Frankreich der Renaissance sind bereits mehrere Romane sehr erfolgreich auch in Deutschland erschienen.

Leseprobe zu "Die seidene Madonna" von Jocelyne Godard

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Leseprobe zu "Die seidene Madonna" von Jocelyne Godard

Seit Jacquous Abreise verging die Zeit für Alix wie im Flug. Vor lauter Arbeit wusste sie kaum noch, wo ihr der Kopf stand. Maitre Jacques Cassex und seine Frau waren nämlich dabei, sich unter den Teppichwebern von Tours einen Namen zu machen, während Pierre de Coetivy dieser Stadt anscheinend für immer den Rücken gekehrt hatte.

In den Werkstätten mussten sie ihr Arbeitstempo steigern, um die Jagd auf das Einhorn zum verabredeten Termin fertigzustellen. Außerdem hatte der Vogt von Chartres, als er anlässlich des großen Jahrmarkts in Tours ihr einen Besuch abstattete, mehrere Wandteppiche bestellt, die der Künstler Van Orley malen sollte, der sich gerade in Tours aufhielt.

Der Maler und Jacquou waren an einem Wintermorgen im Gefolge des Königs aufgebrochen, zuversichtlich und in Freundschaft, die während der langen Reise immer enger wurde. Seither hatte Alix die Leitung der Werkstätten mit dem Mut und der Tatkraft übernommen, die man von ihr kannte.

Nachdem die Jagd auf das Einhorn an Seigneur de La Tournelle ausgeliefert worden war, konnte sie jetzt mit dem Auftrag für den Vogt von Chartres beginnen.

Ein kalter, trockener Winter kündigte sich an. Sobald Alix frühmorgens die Werkstätten öffnete, wurden Kerzen und Fackeln um die Webstühle herum angezündet. Manchmal mussten die Weber allergrößtes Geschick beweisen, damit die Schatten, die ständig um die Lichtquellen flackerten, sie nicht bei der Arbeit störten.

Arnold und seine Frau waren beide Meister und konnten auch unter schwierigsten Bedingungen arbeiten, aber Mathias und Florine hatten noch viel zu lernen. Weder Hitze noch Kälte, weder Dunkelheit noch Müdigkeit durften sie entmutigen, wenn sie eines Tages zu den großen Webern gehören wollten, wie es der Plan von Mathias vorsah.

Langsam wurde es hell, und ein kalter weißer Sonnenstrahl strich über das große Glasfenster. In den Werkstätten wurde wie üblich auf Hochtouren gearbeitet.

Weil es so bitterkalt war, hatte Arnaude ihren kleinen Sohn Guillemin bei einer Nachbarin gelassen, die ausnahmsweise bis zum Abend auf ihn aufpassen wollte. Das kam allerdings nur selten vor, obwohl sie es sich jetzt ab und zu leisten konnten, weil Arnold nicht mehr allein verdiente.

Die Glocken von Saint-Pierre schlugen zehn Uhr, bald gefolgt von den zehn Schlägen der Kathedrale, und Florine, deren Bauch allmählich immer runder wurde, knurrte laut der Magen. So ging das nun jeden Mittag. Dann machte sie eine kurze Pause und wickelte ihre bescheidene Mahlzeit aus einem rotkarierten Geschirrtuch. Mit großem Appetit biss sie in ein Stück Brot mit geräuchertem Speck und verspeiste einige Weizenküchlein zusammen mit einem Apfel oder etwas Quittengelee.

So gesättigt, legte sie die Hände auf ihren Bauch, lächelte bei dem Gedanken an das Kind, das sie in ein paar Monaten zur Welt bringen würde, und machte sich wieder an ihre Arbeit.

Florine war ganz ruhig, heiter und entspannt, und Alix hätte nur zu gern selbst auch ein wenig von diesem Glück genossen, das ihr die Mutterfreuden bereiteten. Doch das Schicksal hatte es anders mit ihr gemeint. Also seufzte sie nur, betrachtete noch einen Moment Florines ruhige Miene und vertiefte sich dann wieder ganz in ihre Arbeit. Schließlich brauchte die Werkstatt jetzt auch viel mehr ihre fleißigen Hände als das Geschrei eines Neugeborenen.

Auf den Metallrahmen, an dem Alix arbeitete, war die Zeichnung von Van Orley gespannt, eine typisch weltliche Szene: In der Mitte sah man ein Tier, halb Drache, halb Löwe, und darum herum eine üppige Vegetation aus Lianen und exotischen Pflanzen mit wilden Vögeln mit geschwungenen Federn und krummen Schnäbeln und kleinen halbnackten Gestalten, die sich ausgelassen haschten und Verstecken spielten.

Viele Kartonmaler jener Zeit ließen sich für ihre profanen Themen, wenn sie sich nicht an den herrschaftlichen Szenerien orientierten, von den Gemälden von Hieronymus Bosch inspirieren. Der flämische Maler war vor allem mit seinem Garten der Lüste berühmt geworden. Dieses Bild zeigte das Leben aus manichäischer Sicht und stand so im Gegensatz zu den Grundsätzen der berühmten Apokalypse, weshalb Bosch auch eher die weltlich Gesinnten als die Frommen ansprach.

Als Alix sah, dass das große Fenster von einer dicken Eisschicht überzogen war, fröstelte sie. Die ersten Januartage waren wohl wirklich die Vorboten einer langen Kälteperiode.

"Es hat gefroren", sagte sie zu den anderen. "Wir müssen das Eis im Hof aufhacken, damit keine Kunden oder Besucher stürzen und sich verletzen."

Mathias stand auf.

"Das kann ich machen", sagte er, "aber ich fürchte, in einer halben Stunde müssen wir von vorn anfangen, weil der Nieselregen sofort wieder auf dem Boden friert."

Er wickelte sich in einen warmen Pelz, holte aus dem Schuppen neben der Werkstatt eine Schaufel und kratzte das Pflaster im Hof geräuschvoll frei. Überall in der Nachbarschaft war zu hören, wie die Leute mit Schaufeln die Eingänge vor ihren Läden und Häusern vom Eis befreiten.

Alix konzentrierte sich wieder ganz auf ihre Arbeit und vergaß das Eis, den Schnee und das schlechte Wetter. Sie bewegte ihr Schiffchen, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Beim Bedienen des Blatts merkte sie, dass ein Schiffchen beschädigt war.

"Gauthier", wandte sie sich an den alten Meister, der zusammen mit Arnold an dem zweiten großen Webstuhl arbeitete, "ich glaube, du musst mir helfen. Ich kann mir jetzt keine Panne leisten. Die Kämme funktionieren, aber der Schaft klemmt."

Als Gauthier zu ihr kam, um nachzusehen, machte sie ihm Platz und trat hinter das Gewebe, das auf der Rückseite genauso sauber und exakt gearbeitet sein musste wie vorn. Zufrieden stellte sie fest, dass ihr Stich perfekt war, eng und dicht, und dass das Bild schön glänzte und in allen Farben schillerte wie auf der Vorderseite. Auf dem ersten Bild - die Bestellung umfasste insgesamt drei Bilder - stellte das Fabelwesen seine ganze Kraft zur Schau: Die Schuppen auf seinem Rücken waren aufgestellt, die Zähne in seinem gewaltigen Gebiss schienen den Betrachter zu bedrohen, und seine dichte, buschige Mähne reckte sich stolz in die Höhe. "Hast du die Silberfäden sortiert, Florine?", fragte sie die junge Frau. "Ich überlege gerade, ob wir ein paar davon für die Schuppen des Ungeheuers verwenden sollen. Dann würden sie noch schöner glänzen."

"Wir haben kaum noch Silberfäden!"

"Gibt es nicht noch ein paar Rollen im Lager?"

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