Der Liebeszauber des Monsieur Ladoucette - Stuart, Julia

Julia Stuart 

Der Liebeszauber des Monsieur Ladoucette

Roman. Deutsche Erstausgabe

Aus d. Engl. v. Claudia Franz
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Der Liebeszauber des Monsieur Ladoucette

Der Friseur Guillaume Ladoucette aus dem 33-Seelen-Dorf Amour-sur-Belle bekommt Konkurrenz aus Paris. Seine Kunden laufen ihm davon oder bekommen altersbedingt eine Glatze, und er muss sich einen anderen Beruf suchen. Obwohl er sich in Liebesdingen ziemlich ungeschickt anstellt, beschließt er, eine Heiratsvermittlung aufzumachen. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten ist diese von Erfolg gekrönt. Doch gelingt es ihm auch, das Herz seiner Jugendliebe Émilie zu gewinnen, die nach langen Jahren in ihr Heimatdorf zurückgekehrt ist?
09 Guillaume Ladoucette wischte sich seine zierlichen Finger am Hosenbein ab, bevor er sie in das Glas steckte. Als er sie um das kalte, glitschige Fett legte, spürte er das Gelenk darunter, und ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Er nahm das marinierte Hühnerbein heraus und gab es in das Cassoulet, das seine Mutter vor einunddreißig Jahren zubereitet hatte und das seither nicht mehr vom Herd heruntergekommen war. Das geisterhaft bleiche Geflügelteil schwamm eine Weile zwischen dem Treibgut von grünen Bohnen und Wurststücken umher, dann drückte er es sacht mit einem Holzlöffel nach unten.
Er war nun, da sich der Geist seiner Mutter verirrt hatte, der Hüter des Cassoulet. So rührte der Friseur langsam und respektvoll darin herum und beobachtete, wie zwischen Oregano- und Thymiandünsten ein Gänseknochen auftauchte. Das Fleisch hatte sich längst abgelöst, denn seine Mutter hatte die Keule dem Gericht schon vor neunzehn Jahren hinzugefügt, zur Feier des Tages, als ihr Sohn in der Sta


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 377 S.
  • Seitenzahl: 384
  • Goldmann Taschenbücher Bd.46685
  • Deutsch
  • Abmessung: 186mm x 119mm x 28mm
  • Gewicht: 320g
  • ISBN-13: 9783442466856
  • ISBN-10: 3442466857
  • Best.Nr.: 23332122
"Eine charmante Komödie, voller Wärme und liebevoller Details." The Glasgow Herald

"Die perfekte Urlaubslektüre - nicht nur für Frankreichliebhaber!" Waitrose Food Illustrated

"Intelligent und humorvoll." The Bookseller

"Die Liebe ist wie ein guter Eintopf. Sie braucht viel Zeit und Zuwendung. Manche Zutaten sind köstlich, andere schmecken vielleicht etwas ranzig. Man kann auch von merkwürdigen Dingen überrascht werden, wie z.B. einem kleinen Hemdknopf, aber man muss immer das Gericht als Ganzes betrachten." Liebestipp von Monsieur Ladoucette

"Intelligent und humorvoll."
Julia Stuart lebt in London und schreibt für den 'Independent' und 'Independent on Sunday'. 'Der Liebeszauber des Monsieur Ladoucette' ist ihr erster Roman.

Leseprobe zu "Der Liebeszauber des Monsieur Ladoucette"

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Leseprobe zu "Der Liebeszauber des Monsieur Ladoucette"

1

Guillaume Ladoucette wischte sich seine zierlichen Finger am Hosenbein ab, bevor er sie in das Glas steckte. Als er sie um das kalte, glitschige Fett legte, spürte er das Gelenk darunter, und ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Er nahm das marinierte Hühnerbein heraus und gab es in das Cassoulet, das seine Mutter vor einunddreißig Jahren zubereitet hatte und das seither nicht mehr vom Herd heruntergekommen war. Das geisterhaft bleiche Geflügelteil schwamm eine Weile zwischen dem Treibgut von grünen Bohnen und Wurststücken umher, dann drückte er es sacht mit einem Holzlöffel nach unten.

Er war nun, da sich der Geist seiner Mutter verirrt hatte, der Hüter des Cassoulet. So rührte der Friseur langsam und respektvoll darin herum und beobachtete, wie zwischen Oregano- und Thymiandünsten ein Gänseknochen auftauchte. Das Fleisch hatte sich längst abgelöst, denn seine Mutter hatte die Keule dem Gericht schon vor neunzehn Jahren hinzugefügt, zur Feier des Tages, als ihr Sohn in der Stadt einen Friseurladen eröffnet hatte. Anfangs hatte es der mütterliche Stolz verboten, den Knochen zu entfernen. Als dann Jahre später ihr Mann starb und die Trauer sie um den Verstand brachte, redete Madame Ladoucette sich ein, dass der Geschäftserfolg ihres Sohnes - der einzige Trost in diesen traurigen Zeiten - die Existenz des Allmächtigen bewies. Aus dieser Überzeugung heraus entwickelte sie die irritierende Angewohnheit, bei Tisch plötzlich aufzuspringen und zu irgendeinem nichts ahnenden Essensgast zu eilen, dem man den grauen Knochen versehentlich serviert hatte. Mit spitzen Fingern und den Worten "nicht so schnell" pickte sie den Knochen rasch vom Teller, bevor sich der Gast mit dem, was eine Reliquie für sie geworden war, davonmachen konnte.

Zwischen den Bohnen erschienen eine Zwiebel vom März 1999, ein paar Karotten von letzter Woche, eine Knoblauchzehe, die Guillaume Ladoucette nicht zuordnen konnte, und ein kleiner grüner Knopf, dessen Besitzer bislang keine Ansprüche angemeldet hatte. Mit der Sorgfalt eines Archäologen kratzte der Friseur mit dem Löffel über den Boden und die Seitenwände des Topfes und löste ein wenig von der schwarzen Kruste ab. Zusammen mit einem mittlerweile versteinerten Stück Toulouser Wurst machte sie, davon war der Friseur überzeugt, das Geheimnis des unübertrefflichen Geschmacks dieses Gerichts aus. Manche gaben der antiken Wurst allerdings die Schuld daran, dass der Apotheker Patrice Baudin, der nie auch nur Anzeichen von Wahnsinn gezeigt hatte, zum Vegetarier geworden war. Von diesem Skandal hatte sich das Dorf nie ganz erholt.

Das Cassoulet fortzukochen war mehr als nur die Pflicht des einzigen Sohns, es war eine Frage der Familienehre. Der Cassoulet-Krieg war eine langwierige und grausame Angelegenheit, und ein Waffenstillstand war immer noch nicht in Sicht. Alle Glücklichen, die den geschichtsträchtigen Beginn des Spektakels persönlich miterleben durften, waren sich einig, dass der erste Kanonenschuss von Madame Ladoucette abgefeuert worden war. Damals hatte sie Madame Moreau auf dem Markt erblickt und gesehen, dass sie Tomaten kaufte. Beiläufig hatte sie die Frau gefragt, was sie denn damit vorhabe. Auf Madame Moreaus Antwort hin war Madame Ladoucette entsetzt zwei Schritte zurückgesprungen, was bei dem Markthändler, auf dessen Füßen sie gelandet war, keinen guten Eindruck hinterlassen hatte.

"Aber Tomaten haben in einem Cassoulet nichts zu suchen!", schrie Madame Ladoucette.

"Doch, natürlich. Ich nehme immer Tomaten", antwortete Madame Moreau.

"Jetzt werden Sie mir gleich erklären, dass Sie auch Lammfleisch hineingeben."

"Machen Sie sich nicht lächerlich. Ich bin doch nicht verrückt!", gab Madame Moreau scharf zurück.

"Lächerlich? Madame, ich bin es doch nicht, die Tomaten ins Cassoulet tut. Das sind doch Sie. Was sagt nur Ihr Mann dazu?"

"Er würde es nicht anders wollen", lautete die knappe Auskunft.

Wenige Augenblicke später durften mehrere Umstehende miterleben, wie Madame Ladoucette auf Madame Moreaus Ehemann zuschritt. Der saß auf einer Bank vor dem Brunnen, dem man gichtheilende Wirkung nachsagt, und beobachtete, wie sich eine Ameise mit einem Blatt von der fünffachen Größe ihres Körpers abmühte. Monsieur Moreau sah auf und erblickte ein Paar Storchenbeine, deren Besitzerin einen Korb in der Hand hielt. Und der war, das sagte ihm seine Nase sofort, randvoll mit frischem Fisch gefüllt.

"Monsieur Moreau", hob sie an. "Entschuldigen Sie bitte die Störung, aber es handelt sich um eine Frage von größter Bedeutung, und ein echter Franzose wie Sie kennt zweifellos die richtige Antwort. Sollte ein Cassoulet Tomaten enthalten?"

Monsieur Moreau war von diesem plötzlichen Auftritt und der direkten Frage so überrascht, dass ihm nichts als die Wahrheit einfiel. "Über die richtige Art und Weise, ein Cassoulet zuzubereiten, haben sich die Leute immer schon gestritten. Ich persönlich bevorzuge es ohne Tomaten, wie meine Mutter es gemacht hat. Aber erzählen Sie das um Himmels willen nicht meiner Frau."

Henri Rousseau zufolge, der zufällig neben Madame Moreau stand, als sie ihre Tomaten bezahlte, kam Madame Ladoucette direkt zu ihr zurückgelaufen, übermittelte das gesamte Gespräch und schloss mit der Ermahnung, es sei ihre Bürgerpflicht, ein Cassoulet korrekt zuzubereiten. Was Madame Moreau genau erwidert hatte, war Henri Rousseau entfallen. Seine Frau fand das unverzeihlich und bestand seither darauf, dass er, obwohl er nicht das geringste Anzeichen von Schwerhörigkeit erkennen ließ, ein Hörgerät trage. An dem, was sonst geschah, konnten keinerlei Zweifel bestehen. Madame Ladoucette griff in ihren Korb, holte etwas heraus, das deutlich als Aal zu erkennen war, schlug ihn Madame Moreau um die Ohren, stopfte dann seinen Kopf in ihren Ausschnitt und stolzierte davon. Sie hatte schon die halbe Rue du Château zurückgelegt, als, sehr zur Begeisterung der Dorfbewohner, die sich an einem Dienstagmorgen keine bessere Unterhaltung wünschen konnten, Madame Moreau die Hand in ihre braune Papiertüte steckte und Madame Ladoucette eine Tomate hinterherschmiss. Die landete mit einer solchen Wucht, dass ihr Opfer vorübergehend strauchelte.

Die beiden Frauen redeten nie wieder miteinander, aber der wechselseitige Beschuss hielt an. Madame Moreau achtete darauf, dass immer eine große Schüssel mit überreifen Tomaten an ihrem Küchenfenster stand. Wann immer ihre Feindin vorbeikam, wurde die Munition aus dem Schutz der weißen Spitzengardine heraus zum Einsatz gebracht. Madame Ladoucette konterte, indem sie jedes Mal, wenn sie ihre Gegnerin auf der Straße erblickte, einen imaginären Aal schwang. Madame Moreaus Arm war irgendwann nicht mehr auf der Höhe seiner Kräfte, und Madame Ladoucettes Aalnummer, die nie wieder so gut war wie beim ersten Mal, wurde durch ein schlecht sitzendes Gebiss zunehmend erschwert. Dennoch blieben die beiden Frauen bis ins hohe Alter bei den Beleidigungen, die sie fast wie einen Gruß austauschten.

Während das Hühnerbein warm wurde, beschloss der Friseur, in seinem Küchengarten einen Salat zu holen. Als er die Hintertür erreichte, klebten unter seiner Fußsohle ein spitzes schwarzes Steinchen, eine rötliche Feder, zwei getrocknete Linsen und ein Schildchen mit der Aufschrift "Pomme du Limousin". Er stützte seinen rechten Fuß an seinem linken Knie ab und entfernte den Stein, die Linsen und das Schildchen. Dann zupfte er mit einem unterdrückten Fluch die Feder ab und trug sie sofort zum Abfalleimer.

Er schob seine behaarten Zehen in die braunen Sandalen, die neben einem Sack Walnüsse aus dem Garten standen. Dann öffnete Guillaume Ladoucette die Tür gerade weit genug, dass er seinen Kopf hinausstrecken konnte. Er schaute an der Gartenmauer hoch, die warm in der Abendsonne lag, und begutachtete den Rasen. Den würde er in zwei Tagen, wenn der Mond abnehmen und im Zeichen der Fische stehen würde, mähen können. Schließlich bückte er sich und warf einen Blick unter die Hortensie mit ihren filigranen rosa Blüten. Zufrieden, dass die Luft rein war, wagte er sich hinaus und schloss schnell die Tür hinter sich ab. In freudiger Erwartung des Abendessens eilte er an dem kleinen Brunnen mit dem Steindach vorbei, dann an den alten Kaninchenställen, in denen er jetzt seine Blumentöpfe aufbewahrte. Nichts war zu hören als das Klatschen von billigem Supermarktleder gegen raue Fersen und der Lockruf des Kuckucks in seiner unendlichen Einfallslosigkeit.

Breitbeinig stand der Friseur über seinen Eichblattsalaten und pflückte sich von den dunkelroten Blättern eine schöne Portion ab. Er holte ein paar Tomaten und gratulierte sich dazu, dass sie ein so intensives Aroma entwickelt hatten. Dann schaute er noch nach den Kartoffelpflänzchen und hoffte, dass sie dieses Jahr nicht wieder vom Kartoffelkäfer befallen werden würden.

Leise schloss er die Hintertür zur Küche auf und schielte hinein. Nachdem er zu den Schränken hochgeschaut hatte, sah er unter dem Küchentisch nach. Zu seiner Erleichterung war er immer noch allein. Gründlich wusch er den Salat und die Tomaten, um nicht das Opfer ekelhafter Würmer zu werden. Er richtete alles in einer Schüssel an und stellte sie zusammen mit einem kleinen blauen Krug Dressing auf ein Tablett. Daneben legte er eine weiße Serviette mit seinen rot eingestickten Initialen. Dann stellte er noch ein Glas eines enttäuschenden Bergerac dazu. Er hatte sich geschworen, ihn nie wieder zu kaufen, ihn aber dennoch auszutrinken. Neben das Glas kam eine Packung Cabecou, obwohl seine selbst auferlegte Wochenration von seinem geliebten Ziegenkäse längst aufgebraucht war. Nachdem er ein letztes Mal umgerührt hatte, schöpfte er Cassoulet in eine Suppenschüssel und achtete darauf, auch das Hühnerbein zu erwischen. Dann schaute er in die Schüssel. Er dachte daran, was für einen traurigen Anblick sein Bauch abends im Badezimmer geboten hatte. Jetzt im Mai konnte er das nicht mehr als Winterspeck abtun. Also schaufelte er drei Kellen in den Topf zurück. Als er schon die Tür öffnen wollte, fiel sein Blick noch einmal auf den schwimmenden Haufen Bohnen, auf den er soeben freiwillig verzichtet hatte. Er stürzte zum Topf und schöpfte alles wieder in seine Schüssel. Bevor ihn Schuldgefühle packen konnten, schritt er schnell zur Hintertür hinaus und trat sie hinter sich zu.

Guillaume Ladoucette ließ sich an dem verzogenen Holztisch unter dem Walnussbaum nieder, wo er oft auf seinem flechtenverkrusteten Stuhl saß, zu Mittag aß, die Füße im Gras kühlte und seinen prächtigen Küchengarten bewunderte. Er hob die Gabel und wählte für seinen ersten Bissen ein fettes Stück Wurst. Als er es aber aufspießen wollte, hielt er plötzlich inne und schaute minutenlang ins Leere. Langsam legte er die Gabel nieder. Er lehnte sich zurück, und eine große, heiße Träne glitt an seinen Krähenfüßen hinab, rollte über eine kleine Narbe, dann über die Bartstoppeln und blieb schließlich zitternd an seinem Kinn hängen.

Was ihn aufregte, hatte nichts damit zu tun, dass sein Schurrbart beim Kochen die Form verloren hatte oder dass seine Welt für immer und ewig nach Entenfett riechen würde. Es hatte auch nichts damit zu tun, dass in einiger Entfernung Lisette Roberts Unterwäsche auf einer Leine hing - ein Anblick, der angeblich schon siebzehn Junggesellen das Herz gebrochen hatte. Auch das Paar winziger schwarzer Augen, die ihn nun vom Nachbardach aus beobachteten, hatte nichts damit zu tun. Grund war vielmehr die Frisur von Gilbert Dubuisson, der am Nachmittag pünktlich nach acht Wochen im Friseurladen erschienen war und sich mit den Worten "Wie immer, bitte" auf dem Stuhl niedergelassen hatte. Denn als der Postbote seine Kappe abgenommen hatte, war Guillaume Ladoucette zu seinem allergrößten Entsetzen aufgefallen, dass der Mann fast kahl war.

2

Kunden ohne Haare waren ein Problem, das Guillaume Ladoucette nicht bedacht hatte, als er mit fünfzehn die Schule verlassen hatte und zur Friseurmeisterschule des Périgord gegangen war. Eigentlich hatte sein Vater ganz andere Pläne gehabt für sein einziges Kind, das so lange auf sich warten ließ, dass seine Frau irgendwann nach Brantôme aufbrach und, wie es ein altes Fruchtbarkeitsritual verlangte, am Türknauf der Kirche rieb. Während nun Monsieur Ladoucettes Freude über den Erfolg dieses Ausflugs keine Grenzen kannte, war seine Frau plötzlich für allen möglichen Aberglauben anfällig und damit für den Rest seines Lebens ein Quell übelster Ärgernisse. Er arbeitete in dem stillgelegten Steinbruch, wo nun Pilze gezüchtet wurden, beugte sich Nachmittag für Nachmittag über Berge von Pferdemist, belastete Rücken und Nase gleichermaßen und malte sich aus, wie das Kind, das seine Frau erwartete, groß wurde und bequem hinter einem Bankschalter Platz nahm. Als das Kind dann aber geboren wurde, konnte über seinen zukünftigen Beruf keinerlei Zweifel mehr bestehen. Die nervös flatternden Finger waren das Großartigste, was Monsieur Ladoucette je gesehen hatte. Wann immer Madame Ladoucette das Neugeborene herumzeigte und seine Windeln öffnete, damit jeder seine quittengleichen Pobacken sah, konnte ihr Ehemann von nichts anderem reden als von seinen Fingern. Noch bevor es sitzen konnte, schleppte sich das Kind zum Nähkorb, holte eine Schere heraus und schnitt seine Decke zu etwas zurecht, das klarerweise das Profil seiner Mutter darstellte. Sobald es krabbeln konnte, musste Madame Ladoucette alle Scheren im Haus verstecken, denn als sie einmal im Garten zu tun hatte, waren nach ihrer Rückkehr alle Wohnzimmergardinen in die Form eines Walnussbaums gebracht.

Diese Besessenheit setzte sich in der Schule fort. Als die Schüler einen Aufsatz von tausend Wörtern über die Französische Revolution schreiben sollten, reichte der Junge ein Papiermodell der Bastille ein, komplett mit Miniaturguillotine. Er entdeckte, wie viel Spaß es machte, Haare zu schneiden, und auch, wie sehr es das Leben verändern konnte. Seine Schulfreundin Emilie Fraisse etwa bot ihm die soeben gefundenen Sommertrüffel an, damit er ihr die butterfarbenen Locken abschnitt, dieses stete Ärgernis beim Erklettern von Bäumen. Guillaume Ladoucette, der das auch ohne die modrig muffige Gabe getan hätte, bestand darauf, seine beste Schere zu benutzen, die er unter einem großen Stein im Garten versteckt hielt. Er bereute es nicht, der Bitte nachgekommen zu sein, obwohl er für den Rest der Ferien in seinem Zimmer bleiben musste. Irgendwann hatte nämlich Madame Fraisse in der Tür gestanden und eine Erklärung dafür verlangt, warum ihre einzige Tochter plötzlich wie ein junger Hahn aussah.

Guillaume Ladoucette hatte sich nie wirklich zum Lernen aufraffen können, aber in seinem Jahrgang an der Friseurmeisterschule des Perigord war er der Fleißigste. Mit größter Konzentration beobachtete er, wie sein Lehrer die grundlegende Technik für eine Herrenfrisur vorführte: die Kürzung des Nacken-Schläfen-Bereichs. Er starrte hin und hörte nichts mehr außer der Stimme seines Lehrers, wenn dieser mit der rechten Hand eine Strähne abteilte und sie mit einer Schere, die wie durch ein Wunder den Kamm in seiner Rechten ersetzt hatte, abschnitt. Die Bewegung hatte etwas von einem Zaubertrick. Fasziniert stellte Guillaume Ladoucette fest, dass die Schläfen des Friseurmodells exakt symmetrisch waren, dass die Nackenlinie so gerade war, wie sein Schullehrer es immer für die Seiten eines beschriebenen Blatts gewünscht hatte, und dass ein Hauch Pomade, die mit der Behändigkeit eines Taschenspielers aufgetragen wurde, dem Kunstwerk den letzten Schliff verlieh.

Aber seine Begeisterung dafür, Haare zu schneiden, Bärte zu trimmen, Schnurrbärte zu wachsen und Nassrasuren durchzuführen, wurde noch übertroffen, wenn der Lehrer zu Beginn der Stunde ein Streichholz entflammte, eine dünne Wachskerze anzündete und sich damit dem Modell näherte - das nur ein ganz klein wenig ängstlich aussah. Der Lehrer nahm eine Strähne zwischen Mittelfinger und Zeigefinger, hielt die Flamme kurz an die Haarspitzen und strich dann darüber, um die qualmende orangefarbene Glut zu ersticken. Das machte er mit dem gesamten Kopf und nannte es die ultimative Methode im Kampf gegen gespaltenes Männerhaar. Der Raum füllte sich derweil mit dem Geruch von Versengtem. Guillaume Ladoucette fand diese Vorführung erstaunlicher als alles, was er je im Zirkus gesehen hatte.

Die zweite Auflage der Überarbeiteten Anleitung zur Frisierkunst der Friseurmeisterschule des Perigord studierte er mit einer solchen Intensität, dass seine Mutter schon befürchtete, er würde erblinden. Vor der Abschlussprüfung war er so nervös, dass er vier Tage lang nichts essen konnte und seine Mutter darauf bestehen musste, ihn auf den Schoß zu nehmen und wie eine Gans zu stopfen. Als er den Prüfungsraum betrat, hatte er schon dreizehnmal geprüft, ob sein Stift noch in seiner Tasche steckte, aus lauter Angst, er könne sich in Luft auflösen. Er selbst hatte die Farbe einer Auster angenommen. Sobald er die erste Frage las - Worauf hat ein Friseur in seinem Verhalten Acht zu geben? -, kehrte der Appetit sofort zurück. Triumphierend schrieb er: Ein Friseur muss eine vornehme und ehrenhafte Gesinnung mit Vertrauenswürdigkeit und Reinlichkeit verbinden. Es ist von äußerster Bedeutung, schlechten Atem und unangenehme Körpergerüche zu vermeiden. Das tägliche Bad ist unumgänglich. Um das Vertrauen seiner Kunden nicht zu verspielen, muss der Friseur es in jedem Falle vermeiden, Streit aufkommen zu lassen, die Beherrschung zu verlieren, sich zu echauffieren, auf Gott und die Welt zu schimpfen oder Klatsch zu verbreiten.Als der Junge die zweite Frage las - Wie sollten Haarteile im Gesicht angebracht werden? -, war ihm schon schlecht vor Hunger, und er antwortete wörtlich: Im Falle eines Schnurrbarts wird Mastixkleber auf die Oberlippe aufgetragen, dann muss man warten, bis er anzutrocknen beginnt. Schließlich wird der Schnurrbart an die richtige Stelle gelegt und mit einem geeigneten Tuch sanft angedrückt. Wenn der Schnurrbart in einer ungünstigen Position kleben bleibt, sollte man den Kunden vorwarnen und den Schnurrbart möglichst schnell und entschlossen wieder abziehen. Er wird dann in einer anderen Position angeklebt und anschließend je nach Wunsch getrimmt. Für einen Vollbart gilt dasselbe, aber der Mastixkleber wird auch auf das Kinn aufgetragen.

Kundenbewertungen zu "Der Liebeszauber des Monsieur Ladoucette"

2 Kundenbewertungen (Durchschnitt 2.5 von 5 Sterne bei 2 Bewertungen **** gut)
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Bewertung von Eliza aus Belgien am 10.07.2012 ***** schlecht
Ich fand das Buch die reinste Katastrophe! Ein heilloses Durcheinander mit ständigen, unnötigen Wiederholungen das ganze Buch hindurch. Es ist nicht sehr dick und ich habe es bis zum Ende gelesen, aber nur mit sehr, sehr viel Durchhaltevermögen. Es ist mir vorgekommen als ob ich einen Comic lese. Und meine Art von Humor war es ABSOLUT NICHT!

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Bewertung von Carmen aus Rastatt am 16.08.2010 ***** sehr gut
Die Geschichte spielt in einem kleinen, 33 Seelendorf in Frankreich (könnte jedoch auch jederzeit in Deutschand etc. stattfinden). Die Bewohner sind alle etwas skurril und eigenwillig. Der „Hauptdarsteller“ ist Guillaume Ladoucette, der eigentlich Friseur ist und nachdem die Geschäfte nicht mehr so gut gehen, Heiratsvermittler wird. Es möchte am Anfang keiner der Bewohner zugeben, aber (fast) jeder sehnt sich nach Liebe und mit der Zeit wird sein neuer Geschäftszweig von allen gut angenommen. Die Frage ist nur, wer hilft Guillaume, seine große Liebe zu finden…?!? Das Buch ist herrlich! Man amüsiert sich köstlich und die Details und Charaktereigenschaften sind so exakt, liebvoll und durch die laufenden Wiederholungen auch sehr einprägend von Julia Stuart beschrieben. Beim lesen läuft die Ortschaft und die schrulligen Personen wie ein Film vor dem inneren Auge ab. Sehr zu empfehlen!

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