Selbstkritik der Moderne (eBook) - Thomas Biebricher
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Thomas Biebricher 

Selbstkritik der Moderne (eBook)

Foucault und Habermas im Vergleich

eBook
 
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Selbstkritik der Moderne (eBook)

Es erscheint beinahe unmöglich, sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit Fragen der Kritik zu beschäftigen, ohne auf die Werke von Jürgen Habermas und / oder Michel Foucault Bezug zu nehmen. Mit diesem Buch liegt nun eine vergleichende Analyse der Kritikansätze von Habermas und Foucault vor. Die Stärken und Schwächen sowie Möglichkeiten und Grenzen der jeweiligen Konzeptionen werden herausgearbeitet und einander gegenübergestellt.

Auf dieser Grundlage lassen sich nicht nur Differenzen und Unvereinbarkeiten, sondern auch Korrespondenzen und Übereinstimmungen identifizieren. Thomas Biebricher formuliert Vorschläge zu einer produktiven Vermittlung der Konzeptionen Habermas' und Foucaults, um bislang unge- nutzte Potenziale der Kritik jenseits der unfruchtbaren Dichotomie zwischen Moderne und Postmoderne auszuschöpfen.


Produktinformation

  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783593375991
  • ISBN-10: 3593375990
  • Best.Nr.: 25804102

Leseprobe zu "Selbstkritik der Moderne (eBook)" von Thomas Biebricher

I. Wissenschaft (S. 25-26)

1. Erkenntnis und Interesse – Habermas’ Versuch einer erkenntnistheoretischen Fundierung kritischer Wissenschaft

1.1 Kritik als emanzipatorisches Interesse

Die frühe Wissenschaftskritik Habermas’ schließt in gewisser Weise an Programme der Frankfurter Schule aus den dreißiger Jahren an. So wie Horkheimer 1937 in Traditionelle und Kritische Theorie versucht hatte, mittels einer Kritik traditioneller Theorie Status und Gestalt Kritischer Theorie zu klären, so versucht Habermas dies nun in Erkenntnis und Interesse durch die Kritik des Szientismus für eine kritische Wissenschaft. Die Grundthese des Werkes besagt, »daß radikale Erkenntniskritik nur als Gesellschaftstheorie möglich ist« (EuI: 9). Habermas will aus Ersterer Letztere herleiten, um sie so als einzig legitime Erbin (nach-)kantianischer Erkenntnistheorie bzw. Philosophie zu etablieren. Er leitet die Untersuchung mit einem Rekurs auf eine theoriegeschichtliche Denkbewegung von Kant bis Marx ein.

Kants Transzendentalphilosophie will die Vernunft über ihre eigenen Grenzen aufklären. Als einzige Voraussetzung lässt sie den methodischen Zweifel zu, mit dem sie den Erkenntnissen des erkennenden Subjekts gegenübertritt und zunächst eine Klärung der Bedingungen möglicher Erkenntnis verlangt. Dieser scheinbar voraussetzungslose Kritizismus verstrickt sich in ein Dilemma, auf das Hegel im Anschluss an Kant aufmerksam macht: »Man soll das Erkenntnisvermögen erkennen, ehe man erkennt. [...] Die Untersuchung des Erkenntnisvermögens ist selbst erkennend, kann nicht zu dem kommen, zu was es kommen will, weil es selbst dies ist.« Doch diese Einsicht führt laut Habermas bei Hegel nicht zu einer Radikalisierung der Kritik, die auch die von Kant uneingestandenen normativen Vorstellungen von Wissenschaft und dem Subjekt miteinbezieht, sondern zu einem Zweifel am Kritizismus selbst. Hegel vertritt die Ansicht, dass Kants a priori das Resultat eines Bildungsprozesses ist, den es phänomenologisch zu reflektieren gilt. »Die Stufen der Reflexion, über die sich das zunächst nur vorgeschossene kritische Bewußtsein zu sich selbst emporarbeiten muß, lassen sich durch eine systematische Wiederholung der gattungsgeschichtlich konstitutiven Erfahrungen rekonstruieren.« (EuI: 29) Hegel lässt diese Reflexion jedoch im »absoluten Wissen« kulminieren, das den Kritizismus letztendlich suspendiert.

Marx greift die Hegel’sche Kritik auf, transformiert sie aber von einer Entwicklung, in der das Denken zu sich selbst kommt, in eine materialistische Erkenntnistheorie. Marx zufolge ist das Subjekt, das die Welt konstituiert, kein transzendentales Ego, sondern die menschliche Gattung, die sich selbst durch Arbeit reproduziert. Arbeit sei eine »von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit«. Arbeit, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, ist einerseits für Marx eine kantianische transzendentale Bedingung, andererseits unterliegt sie empirischen Entwicklungen der Produktivkräfte. Wie der Geist bei Hegel über die verschiedenen Stufen der Reflexion zu sich selbst kommt, so erschafft sich die Menschengattung durch Arbeit und Reflexion über die Stadien der Produktivkräfte hinweg selbst. In der Beschränkung der Reflexionsleistung auf Arbeit liegt nun laut Habermas Marx’ Defizit, das ihn letztendlich auch dem Positivismus zutreibt, so dass auch er, wie Kant und die Positivisten, zwischen Naturwissenschaft und Kritik nicht mehr trennen kann und erstere als Erkenntnis an sich verabsolutiert.

Hier nun setzt Habermas an, indem er Marx’ Hegelkritik erweitert: Die Gattung reproduziert sich nicht nur durch Arbeit, sondern auch durch Interaktion – ein Element, das Habermas beibehalten wird – und diese beiden grundlegenden, invarianten Handlungstypen erzeugen ihnen entsprechende erkenntnisleitende Interessen, über die es die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften aufzuklären gilt.

Inhaltsangabe

1;Inhalt;6 2;Vorwort;10 3;Danksagung;14 4;Einleitung;16 5;I. Wissenschaft;38 5.1;1. Erkenntnis und Interesse – Habermas’ Versuch einer erkenntnistheoretischen Fundierung kritischer Wissenschaft;38 5.1.1;1.1 Kritik als emanzipatorisches Interesse;38 5.1.2;1.2 Ambivalenzen und hybride Formen – Probleme der kritischen Wissenschaft;41 5.2;2. Foucault – Von naturalistischer Vernunftkritik zur archäologischen Diskursanalyse;46 5.2.1;2.1 Das Andere der Vernunft – Wahnsinn und Gesellschaft;46 5.2.2;2.2 Archäologie – Die Kritik der Humanwissenschaften;50 5.2.2.1;2.2.1 Vom Krypto-Strukturalismus zur archäologischen Diskursanalyse;50 5.2.2.2;2.2.2 Die Archäologie in der Diskussion;55 5.3;3. Wissenschaftskritik bei Habermas und Foucault: Gemeinsamkeiten, Differenzen, Kontroversen;65 6;II. Gesellschaft;84 6.1;1. Kritik im Namen kommunikativer Rationalität – Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns;84 6.1.1;1.1 Ziele und Anforderungen der Theorie des kommunikativen Handelns;84 6.1.2;1.2 Das Konzept der kommunikativen Rationalität;86 6.1.3;1.3 Verdinglichung als systeminduzierte Lebensweltpathologien;89 6.1.4;1.4 Die kritische Stärke der Theorie des kommunikativen Handelns;91 6.1.5;1.5 Probleme der Vernunftphilosophie;96 6.1.5.1;1.5.1 Überwindung der Bewusstseinsphilosophie?;96 6.1.5.2;1.5.2 Die Entwirrung von Macht und Geltung ;100 6.1.6;1.6 Probleme der Gesellschaftstheorie: Kolonialisierung und die Dichotomie von Lebenswelt und System;106 6.2;2. Genealogie – Foucaults Analytik der Macht;111 6.2.1;2.1 Macht, Wissen und das Subjekt;112 6.2.2;2.2 Spezifischer versus universeller Intellektueller;117 6.2.3;2.3 Die kritische Stärke der Analytik der Macht;118 6.3;3. Vergleich und Kritik: Die Genealogie in der Diskussion;122 6.3.1;3.1 Habermas und Foucault – Berührungspunkte und Antipoden;122 6.3.2;3.2 Die Genealogie in der Kritik Habermas’;137 6.3.2.1;3.2.1 Mangelnde Differenzierung oder Rhetorik: Der Vorwurf der Einseitigkeit;137 6.3.2.2;3.2.2 Die Gesellschaft als holistisches Machtregime;148 6.3.3;3.3 Rückwirkungen auf das Verhältnis beider Ansätze;162 7;III. Moral / Ethik;166 7.1;1. Habermas’ Diskursethik – Kritik als Moralphilosophie;166 7.1.1;1.1 Das Konzept diskursethischer Normbegründung;167 7.1.1.1;1.1.1 Formalismus;170 7.1.1.2;1.1.2 Deontologische Differenzierung;172 7.1.1.3;1.1.3 Universalismus;173 7.1.2;1.2 Die Diskursethik in der Diskussion;178 7.1.2.1;1.2.1 Formallogische Begründungsprobleme;179 7.1.2.2;1.2.2 Letztbegründung versus empirische Rekonstruktion;186 7.1.2.3;1.2.3 Universalismus oder verkappter Eurozentrismus;191 7.1.2.4;1.2.4 Universale Inklusion versus Exklusion;196 7.1.2.5;1.2.5 Das Gute und das Gerechte;204 7.2;2. Die Wende zur Ethik – Foucaults Spätwerk;220 7.2.1;2.1 Die Ästhetik der Existenz;220 7.2.2;2.2 Aufklärung und Kritik;224 7.2.3;2.3 Probleme der Ethik: Ästhetik der Existenz als elitärer Privatismus?;226 7.3;3. Diskursethik und Ästhetik der Existenz: Vergleich und Vermittlungsmöglichkeiten;229 7.3.1;3.1 Ethik und Moral – Auf dem Weg zu einer ethisch-moralischen Arbeitsteilung;229 7.3.2;3.2 Konsens und Strategie – Habermas’sche Bedenken;246 7.3.3;3.3 Diskurse als Machtkonstellationen – Foucault’sche Bedenken;256 7.3.4;3.4 Habermas und Foucault: Ethik des Dialoges und Ästhetik der Existenz;267 8;IV. Staat, Politik, Demokratie;272 8.1;1. Habermas’ deliberative Politik – Kritik als normative Demokratietheorie1;272 8.1.1;1.1 Diskursive Demokratie;273 8.1.2;1.2 Das Konzept der Öffentlichkeit;275 8.1.3;1.3 Kontinuitäten und Revisionen;278 8.1.3.1;1.3.1 Demokratietheorie und Theorie des kommunikativen Handelns;279 8.1.3.2;1.3.2 Demokratietheorie und Diskursethik;284 8.1.4;1.4 Die Diskurstheorie des demokratischen Rechtsstaates – Unpraktikabel und entradikalisiert?;292 8.1.4.1;1.4.1 Anwendungsprobleme des Diskursprinzips auf die Politik;293 8.1.4.2;1.4.2 Die Ambivalenz der Demokratietheorie;300 8.2;2. Kritik als Analyse der Regierungsrationalitäten – Foucaults Gouvernementalité;304 8.2.1;2.1 Diszipliniertes Individuum und regulierte Bevölkerung – Zur Verteidigung der Gesellschaft;306 8.2.2;2.2 Die historische Analyse der Regierungsrationalitäten – Von der Staatsraison zum Liberalismus;318 8.2.3;2.3 Das kritische Potential der Gouvernementalité – kritische Stärken und ihre Ambivalenzen;329 8.2.4;2.4 Sicherheit versus Disziplin: Verschiebungen der Machtanalytik?;338 8.3;3. Gouvernementalité und deliberative Politik – Staats- und Demokratietheorie im Vergleich;346 8.3.1;3.1 Das Recht;347 8.3.2;3.2 Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft;357 8.3.3;3.3 Die Frage des strategischen Handelns;364 8.3.4;3.4 Normative Demokratietheorie und strategische Staatsanalytik – Kooperationspotentiale;368 9;Schluss / Ausblick;376 10;Siglenverzeichnis;386 11;Literatur;396

Kapitel zu Selbstkritik der Moderne (eBook)

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 KapitelSeitenPreis
Inhalt und Vorwort von Axel Honneth (Kapitel 0)-EUR 0,00
Einleitung (Kapitel 1)22 S.EUR 3,74
I. Wissenschaft: 1. Erkenntnis und Interesse – Habermas’ Versuch einer erkenntnistheoretischen Fundierung kritischer Wissenschaft (Kapitel 2)9 S.EUR 1,53
I. Wissenschaft: 2. Foucault – Von naturalistischer Vernunftkritik zur archäologischen Diskursanalyse (Kapitel 3)20 S.EUR 3,40
S.EUR 0,00
II. Gesellschaft: 1. Kritik im Namen kommunikativer Rationalität – Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns (Kapitel 5)28 S.EUR 4,76
II. Gesellschaft: 2. Genealogie – Foucaults Analytik der Macht (Kapitel 6)12 S.EUR 2,04
II. Gesellschaft: 3. Vergleich und Kritik: Die Genealogie in der Diskussion (Kapitel 7)44 S.EUR 7,48
III. Moral / Ethik: 1. Habermas’ Diskursethik – Kritik als Moralphilosophie (Kapitel 8)54 S.EUR 9,18
S.EUR 0,00
III. Moral / Ethik: 3. Diskursethik und Ästhetik der Existenz: Vergleich und Vermittlungsmöglichkeiten (Kapitel 10)43 S.EUR 7,31
S.EUR 0,00
IV. Staat, Politik, Demokratie: 2. Kritik als Analyse der Regierungsrationalitäten – Foucaults Gouvernementalité (Kapitel 12)43 S.EUR 7,31
IV. Staat, Politik, Demokratie: 3. Gouvernementalité und deliberative Politik – Staats- und Demokratietheorie im Vergleich (Kapitel 13)30 S.EUR 5,10
Schluss / Ausblick, Siglenverzeichnis und Literatur (Kapitel 14)41 S.EUR 6,97