Leseprobe zu "Selbstkritik der Moderne (eBook)" von Thomas Biebricher
I. Wissenschaft (S. 25-26)
1. Erkenntnis und Interesse Habermas Versuch einer erkenntnistheoretischen Fundierung kritischer Wissenschaft
1.1 Kritik als emanzipatorisches Interesse
Die frühe Wissenschaftskritik Habermas schließt in gewisser Weise an Programme der Frankfurter Schule aus den dreißiger Jahren an. So wie Horkheimer 1937 in Traditionelle und Kritische Theorie versucht hatte, mittels einer Kritik traditioneller Theorie Status und Gestalt Kritischer Theorie zu klären, so versucht Habermas dies nun in Erkenntnis und Interesse durch die Kritik des Szientismus für eine kritische Wissenschaft. Die Grundthese des Werkes besagt, »daß radikale Erkenntniskritik nur als Gesellschaftstheorie möglich ist« (EuI: 9). Habermas will aus Ersterer Letztere herleiten, um sie so als einzig legitime Erbin (nach-)kantianischer Erkenntnistheorie bzw. Philosophie zu etablieren. Er leitet die Untersuchung mit einem Rekurs auf eine theoriegeschichtliche Denkbewegung von Kant bis Marx ein.
Kants Transzendentalphilosophie will die Vernunft über ihre eigenen Grenzen aufklären. Als einzige Voraussetzung lässt sie den methodischen Zweifel zu, mit dem sie den Erkenntnissen des erkennenden Subjekts gegenübertritt und zunächst eine Klärung der Bedingungen möglicher Erkenntnis verlangt. Dieser scheinbar voraussetzungslose Kritizismus verstrickt sich in ein Dilemma, auf das Hegel im Anschluss an Kant aufmerksam macht: »Man soll das Erkenntnisvermögen erkennen, ehe man erkennt. [...] Die Untersuchung des Erkenntnisvermögens ist selbst erkennend, kann nicht zu dem kommen, zu was es kommen will, weil es selbst dies ist.« Doch diese Einsicht führt laut Habermas bei Hegel nicht zu einer Radikalisierung der Kritik, die auch die von Kant uneingestandenen normativen Vorstellungen von Wissenschaft und dem Subjekt miteinbezieht, sondern zu einem Zweifel am Kritizismus selbst. Hegel vertritt die Ansicht, dass Kants a priori das Resultat eines Bildungsprozesses ist, den es phänomenologisch zu reflektieren gilt. »Die Stufen der Reflexion, über die sich das zunächst nur vorgeschossene kritische Bewußtsein zu sich selbst emporarbeiten muß, lassen sich durch eine systematische Wiederholung der gattungsgeschichtlich konstitutiven Erfahrungen rekonstruieren.« (EuI: 29) Hegel lässt diese Reflexion jedoch im »absoluten Wissen« kulminieren, das den Kritizismus letztendlich suspendiert.
Marx greift die Hegelsche Kritik auf, transformiert sie aber von einer Entwicklung, in der das Denken zu sich selbst kommt, in eine materialistische Erkenntnistheorie. Marx zufolge ist das Subjekt, das die Welt konstituiert, kein transzendentales Ego, sondern die menschliche Gattung, die sich selbst durch Arbeit reproduziert. Arbeit sei eine »von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit«. Arbeit, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, ist einerseits für Marx eine kantianische transzendentale Bedingung, andererseits unterliegt sie empirischen Entwicklungen der Produktivkräfte. Wie der Geist bei Hegel über die verschiedenen Stufen der Reflexion zu sich selbst kommt, so erschafft sich die Menschengattung durch Arbeit und Reflexion über die Stadien der Produktivkräfte hinweg selbst. In der Beschränkung der Reflexionsleistung auf Arbeit liegt nun laut Habermas Marx Defizit, das ihn letztendlich auch dem Positivismus zutreibt, so dass auch er, wie Kant und die Positivisten, zwischen Naturwissenschaft und Kritik nicht mehr trennen kann und erstere als Erkenntnis an sich verabsolutiert.
Hier nun setzt Habermas an, indem er Marx Hegelkritik erweitert: Die Gattung reproduziert sich nicht nur durch Arbeit, sondern auch durch Interaktion ein Element, das Habermas beibehalten wird und diese beiden grundlegenden, invarianten Handlungstypen erzeugen ihnen entsprechende erkenntnisleitende Interessen, über die es die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften aufzuklären gilt.