Leseprobe zu "Wir retten die Welt zu Tode" von William R. Easterly
Über eine der beiden Tragödien, unter der die Armen der Welt zu leiden haben, kann sich der britische Finanzminister Gordon Brown beredt auslassen. So sprach er etwa im Januar 2005 sehr bewegend über die Tragödie, dass Milliarden von Menschen in extremer Armut leben und Millionen von Kindern an leicht zu verhütenden Krankheiten sterben müssen. Er forderte eine Verdoppelung der Entwicklungshilfe, einen Marshall-Plan für die Armen in der Welt, eine International Financing Facility (IFF), über die zig Milliarden Dollar an zukünftigen Hilfszahlungen vorgezogen werden sollen, um die Armen heute zu retten. Er machte Hoffnung, indem er aufzeigte, wie leicht es ist, Gutes zu tun. Die Medikamente, mit denen die Hälfte aller Malariaopfer gerettet werden könnten, kosten nur 12 Cent pro Dosis. Ein Moskitonetz, das ein Kind vor einer Malariainfektion schützen kann, kostet nur 4 Dollar. Es würde nur 3 Dollar pro junge Mutter kosten, für die nächsten zehn Jahre den Tod von fünf Millionen Kindern zu verhindern. Ein Hilfsprogramm, das Familien finanziell unterstützt, die ihre Kinder zur Schule schicken, Kinder wie Amaretch, würde ebenfalls nicht viel kosten.3
Über die andere Tragödie der Armen in der Welt schwieg sich Gordon Brown aus. Diese besteht darin, dass der Westen in den vergangenen fünf Jahrzehnten 2,3 Billionen Dollar für Entwicklungshilfe ausgegeben und es trotzdem nicht geschafft hat, den Kindern die 12 Cent teuren Medikamente zukommen zu lassen, die in der Lage wären, die Hälfte aller malariabedingten Todesfälle zu verhindern. Der Westen hat es mit so viel Geld nicht geschafft, arme Familien mit 4 Dollar teuren Moskitonetzen zu versorgen, jeder jungen Mutter 3 Dollar zu geben, um fünf Millionen Kinder vor dem Tod zu retten. Der Westen hat 2,3 Billionen Dollar ausgegeben, und trotzdem schleppt Amaretch noch Feuerholz und geht nicht zur Schule. Es ist wirklich eine Tragödie, dass dies alles - trotz des tief empfundenen Mitgefühls für die Bedürftigen - nicht erreicht werden konnte.
Am 16. Juli 2005 schaffte es die amerikanische und die britische Wirtschaft, an einem einzigen Tag neun Millionen Exemplare des sechsten Harry-Potter-Bandes an begierig wartende Fans auszuliefern. Für Harry Potter gab es keinen Marshall-Plan und es gab auch keine International Financing Facility für Bücher über minderjährige Zauberer.4 Es bricht einem das Herz, dass die globale Gesellschaft zwar eine so überaus effiziente Methode gefunden hat, wohlhabenden Erwachsenen und Kindern Unterhaltungslektüre zukommen zu lassen, aber nicht in der Lage ist, ein 12-Cent-Medikament zu sterbenden mittellosen Kindern zu befördern.
Um genau diese zweite Tragödie geht es im vorliegenden Buch. Der ersten Tragödie nehmen sich Visionäre, Prominente, Präsidenten, Finanzminister, Bürokratien und sogar Armeen an, deren Anteilnahme und harte Arbeit ohne Zweifel Anerkennung verdienen. Um die zweite Tragödie kümmern sich dagegen weit weniger Menschen. Und wenn ich darauf hinweise, komme ich mir angesichts des verbreiteten guten Willens und des Mitgefühls vieler Menschen, die den Armen wirklich helfen wollen, wie ein Pfennigfuchser vor. Vor allem, wenn ich vor wohlmeinenden Zuhörern spreche, die von der Wirksamkeit groß angelegter westlicher Planung in der Entwicklungshilfe überzeugt sind; nur allzu gern würde ich selbst daran glauben.
Doch mit vielen Gleichgesinnten werde ich mich auch weiterhin dafür einsetzen, die Hilfe für die Armen nicht etwa abzuschaffen, sondern vielmehr sicherzustellen, dass sie auch ankommt. Die reichen Länder müssen sich der zweiten Tragödie annehmen, wenn sie die erste aus der Welt schaffen möchten. Ansonsten wird die momentane Euphorie im Kampf gegen die Armut in der Welt das gleiche Schicksal erleiden wie alle früheren Anstrengungen. Idealismus und hohe Erwartungen werden bald enttäuschenden Ergebnissen und zynischen Gegenreaktionen weichen.
Die zweite Tragödie beruht auf der Fehleinschätzung, dass mit traditionellen westlichen Hilfsmaßnahmen die Armut in der Welt beseitigt werden könne. Vielleicht fragen Sie sich, ob denn ich nun endlich den richtigen umfassenden Plan zur Reform der Entwicklungshilfe, für mehr Wohlstand für die Armen, Nahrung für die Hungernden und Rettung für die Todgeweihten gefunden habe? Was wäre das für eine großartige Leistung, wenn ich einen solchen Plan entwickelt hätte, wo so viele - weit klügere - Köpfe schon seit fünfzig Jahren so viele verschiedene Pläne ausprobiert haben und damit gescheitert sind. Doch ich muss Sie enttäuschen, denn all das Brimborium um den richtigen Plan ist an sich schon ein Symptom des irregeleiteten Ansatzes zur Entwicklungshilfe, den so viele in der Vergangenheit verfolgt haben und noch heute verfolgen. Der richtige Plan ist, auf einen Plan zu verzichten.
Wo der Planer versagt, hat der Sucher Erfolg
Die Verfechter des traditionellen Ansatzes wollen wir als Planer bezeichnen, die Befürworter eines alternativen Ansatzes als Sucher. Warum arme Kinder sterben müssen, weil sie ihre 12-Cent-Medikamente nicht bekommen, gesunde wohlhabende Kinder ihren Harry Potter dagegen prompt, ist mit einem Satz zu beantworten: Das 12-Cent-Medikament wird von Planern bereitgestellt, das Harry-Potter-Buch von Suchern. Das soll nicht heißen, dass alles dem freien Markt überlassen werden kann, der Harry Potter produziert und vertreibt. Den Ärmsten der Welt fehlt schließlich das Geld, um Sucher, die privatwirtschaftlich tätig sind, zur Befriedigung ihres dringenden Grundbedarfs zu motivieren. Dennoch liegt der Schlüssel zu einem konstruktiven Ansatz zur Entwicklungshilfe in der Mentalität der Sucher.
In der Armutsbekämpfung verkünden Planer ihre guten Absichten, motivieren aber niemanden dazu, diese auch umzusetzen. Sucher dagegen erarbeiten funktionierende Systeme und werden dafür belohnt. Planer schaffen große Erwartungen, übernehmen aber nicht die Verantwortung für deren Erfüllung. Sucher tragen bereitwillig die Verantwortung für ihr Handeln. Planer bestimmen das Angebot, Sucher eruieren die Nachfrage. Planer arbeiten mit globalen Blaupausen, Sucher passen sich an lokale Verhältnisse an. Planer haben an der Spitze zu wenig Wissen von der Basis, Sucher stellen fest, wie die Wirklichkeit ganz unten aussieht. Planer erfahren nie, ob das Benötigte auch beim Adressaten ankam. Sucher stellen fest, ob der Kunde zufrieden ist. Wird Gordon Brown zur Rechenschaft gezogen werden, wenn die neue Hilfswelle den Malaria-Kindern wieder nicht die 12-Cent-Medikamente beschert?
Ein Planer glaubt, die Antworten zu kennen. Er hält Armut für ein technisches Problem, dem mit seinen Methoden zu begegnen ist. Ein Sucher gibt zu, dass er zunächst keine Antwort kennt. Für ihn ist Armut ein komplexes Geflecht aus politischen, gesellschaftlichen, historischen, institutionellen und technischen Faktoren. Ein Sucher hofft, durch Versuch und Irrtum Lösungen für ganz konkrete Probleme zu finden. Ein Planer glaubt, dass Außenstehende wissen, wie Lösungen durchzusetzen sind. Ein Sucher weiß, dass nur Insider über die nötigen Kenntnisse verfügen, um Lösungen zu finden, und dass die meisten Lösungen selbst entwickelt werden müssen.