Wenn möglich, bitte wenden - Schumacher, Lutz
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Lutz Schumacher 

Wenn möglich, bitte wenden

Abenteuer eines Autofahrers

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Wenn möglich, bitte wenden

"In 'Wenn möglich, bitte wenden' beschreibt Lutz Schumacher humorvoll die Absurditäten des Autofahrens." -- Auto Motor Sport

"Nein, Schumacher lässt nichts aus, auch nicht die Chaos-Fahrt mit der Fast-Freundin nach Paris. Zum Weglachen, obgleich doch nur das schlichte Klagelied von Otto Normalfahrer gesungen wird. Dem Autor ein herzliches 'Sänk ju!'" -- Hellweger Anzeiger

Das letzte große Abenteuer: Autofahren!

Mehr als 55 Millionen Pkw-s sind in Deutschland zugelassen. Vorsichtigen Schätzungen zufolge tummeln sich etwa neunzig Prozent davon am Freitagnachmittag auf der A2. Das zumindest glaubt der leidgeprüfte Harald Grützner, ein Handelsreisender, der jobbedingt seit Jahren tagtäglich mit dem Auto unterwegs ist. In seinem ganz persönlichen Verkehrsbericht lässt er den Leser teilhaben an dem allgegenwärtigen Wahnsinn, mit dem er es auf deutschen Straßen zu tun bekommt: Ob ihm die Wonnen gemeinschaftlichen Erlebens im Stau zuteil werden oder er auf verrotteten Autobahngaststätten Erholung sucht, ob er von seinem Navigationssystem terrorisiert wird oder gar sein vollelektronisches Auto eigensinnig die Herrschaft übernimmt - stets muss er sich komplexen Herausforderungen stellen, die er sich redlich müht, mit der gebotenen Souveränität zu meistern. Zumeist gelingt ihm das auch. Was aber tun, wenn nach einem Totalschaden gar nichts mehr geht und sein Geschick in den Händen der Autobahnpolizei liegt? Und noch schlimmer: er sich anschließend heillos verheddert in den unabsehbaren Wirren des Neuwagenkaufs?

Humorvoll und ironisch rückt Lutz Schumacher den Absurditäten des mobilen Lebens zu Leibe!


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 187 S.
  • Seitenzahl: 187
  • Deutsch
  • Abmessung: 200mm x 125mm
  • Gewicht: 300g
  • ISBN-13: 9783442312092
  • ISBN-10: 3442312094
  • Best.Nr.: 26246535
Lutz Schumacher ist Journalist, Autor und Geschäftsführer der Tageszeitungsgruppe "Nordkurier" in Mecklenburg Vorpommern. Zuvor war er u. a. tätig bei den "Ruhr Nachrichten", dem "Deutschen Depeschendienst", in der "ProSieben Media AG" und beim "Deutschlandfunk".

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Leseprobe zu "Wenn möglich, bitte wenden" von Lutz Schumacher

Bestimmt erinnern auch Sie sich noch an die Tankstellen der 70er und 80er Jahre. Eine wacklige Preistafel, zwei Zapfsäulen und ein winziges Kassenhäuschen, in dem es nach Schweiß, Altöl und abgestandenem Zigarettenrauch roch, das waren die Markenzeichen dieser leider längst vergangenen Autoepoche. An den Zapfsäulen schob ein "Tankwart" Dienst, und hinter der Kasse hockte ein missmutiger Kerl mit vernarbtem Gesicht, aus dem furchterregende Bartstoppeln sprossen. Sein ölbeschmierter Blaumann spannte über einem gewaltigen Bierbauch. Meist hockten noch ein, zwei finstere Gesellen dabei, die entweder rauchten, Fußball auf einem winzigen, ständig flackernden Schwarzweißgerät guckten oder aber über Zündkerzen fachsimpelten. Sie selbst, mit dem abgezählten Geld "für die eins" in der Hand, waren der einzige Fremdkörper in dem Ensemble.

Aber es gab Benzin. Vielleicht gab es manchmal auch abgelaufene Kaugummis (die gelben von Wrigleys), die verstaubt auf einem rostigen Ständer am Kassentisch hingen. Das war dann ein großes Konsumerlebnis, das für manche langweilige Stunde auf der Autobahn entschädigte. Niemand hätte sich damals aus einem Supermarkt die gelben Wrigleys geholt, ebenso wenig wie heutzutage jemand freiwillig Tomatensaft kaufen und vor allem trinken würde, es sei denn, er beträte ein Flugzeug. Dann will er Tomatensaft.

"Mit Salz und Pfeffer?" "Ja, bitte."

Es ist schon klar: Die gelben Wrigleys waren der Tomatensaft der 80er-Jahre-Tankstellen. Doch die guten, alten Zeiten sind unwiederbringlich vorbei. Die heutige Tankstelle ist eine Mischung aus Konsum- und Wellness-Tempel. Sie ist Bäckerei, Bistro, Lottoannahmestelle, Schreibwarenladen, Feinkost- und Gemüsehandel, Bankfiliale und vieles mehr. An einsamen Bundesstraßen hat sie längst die Rolle der Heimstätte vieler hoffnungslos verlorener Autofahrerexistenzen eingenommen, die - würden sie ehrlich auf die Frage nach ihrem wirklichen Lebensmittelpunkt antworten - ihr Reihenendhaus in Eschborn verschweigen und stattdessen "Aral bei Heidenau" oder "die Shell an der Vierundneunzig" sagen müssten. Die Entwicklung der Tankstelle von der rostigen Notversorgungsstätte zum multifunktionalen Einkaufszentrum ist natürlich grundsätzlich zu begrüßen, würde man nicht gelegentlich tanken müssen ...

Mit Schrecken denkt Harald Grützner an jenen Mittwochmorgen zurück, an dem er um kurz vor zehn aus einem Dreisterne-Hotel in einem Dortmunder Vorort stürzte, wo er zwar selig, aber leider viel zu lange geschlummert hatte. Seine Geschäftspartner von Routex sollte er um zwölf zum Mittagessen im 120 Kilometer entfernten Osnabrück treffen. Mit brummendem Schädel, leerem Magen und einer Saulaune warf Harald sich in seinen Wagen und startete nervös den Motor. Die enge Terminlage und das ausgefallene Frühstück verdankte er einer ungünstigen Verquickung am Vorabend, die sich aus dem zuvor geplatzten Geschäft, drei anschließend im Discounter erworbenen Flaschen "Tempranillo Reserva Grande", der "langen Nacht des Bud-Spencer-Films" auf 3sat und einem eindeutig falsch gestellten Handy-Wecker zusammensetzte. Harald fluchte, doch für Selbstmitleid blieb nun wirklich keine Zeit.

"Binng", tönte es aus dem Armaturenbrett. "Oh nein, nicht das", stöhnte Harald verzweifelt. "Ihr Treibstoffvorrat befindet sich auf kritischem Niveau", flötete die Computerstimme. "Bitte bevorraten Sie sich umgehend." Verzweifelt starrte Harald auf die Tankanzeige. Jetzt schoss ihm durch den Kopf, dass er gestern generös beschlossen hatte, nach dem pünktlichen Aufstehen ein paar Meter zu laufen, dann den Wagen zu betanken, zu duschen und danach ausgiebig zu frühstücken, um schließlich gegen neun das Hotel zu verlassen und mit ausreichendem Zeitvorrat über die hoffnungslos verstaute Al nach Osnabrück zu fahren. "Binng."

"JA, verdammt!", schrie Harald und scannte nervös die beiden Fahrbahnseiten. "Binng. Ihr Treibstoffvorrat befindet sich auf kritischem ..." Harald prügelte auf den Lautstärkeregler am Multifunktionsterminal ein. Sein Schädel brummte lauter. Doch als er wieder aufblickte, sah er die rettende Leuchtreklame einer Marken-Tankstelle hinter der nächsten Ampelkreuzung aufblitzen. Mit Triumphgeheul lenkte er den Wagen in die Einfahrt und wollte gerade den ersten Tankplatz ansteuern, als sein Blick auf die Zapfsäulenbeschriftungen fiel. "Benzin, Super, Superplus" stand an der ersten. "Benzin, Super, Superplus, Autogas" an der zweiten. "Super, Superplus, Super Ultraplus" an der dritten Säule.

Haralds Auto benötigte Diesel.

"Das kann nicht wahr sein", flüsterte Harald. Der vierte Tankplatz war von einem schäbigen Opel Corsa belegt. Harald konnte die Schrift nicht sehen und stieg aus. "Benzin, Super, Superplus, Dieselplus", prangte an der Säule. "Aha." Die übrigen beiden Plätze waren offenbar mangels Frequenz oder wegen Beschädigung gänzlich gesperrt. Selbstredend stand an diesen beiden Säulen "Diesel".

Harald beobachtete nun nervös die circa 42-jährige Fahrerin des Corsa, die sich im Kassenbereich befand und offenbar Probleme mit der Zeitschriftenauswahl hatte. Harald begann im Trippelschritt um seinen Wagen zu laufen, im Sekundenabstand schaute er auf seine Armbanduhr, die jetzt zehn Uhr zwölf anzeigte. Schließlich entschied sich die Dame für die "Brigitte", zahlte und näherte sich zögerlich ihrem Wagen. Vor der Fahrertür blieb sie stehen, kramte missmutig in ihrer Handtasche, fasste sich in die Manteltasche, kramte erneut, diesmal etwas fahriger, in der olivbraunen Umhängetasche herum. Harald starrte die Frau an. Sie schaute trotzig zurück, durchwühlte erneut die Tasche und lief schließlich zurück in das Tankstellengebäude.

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Bestimmt erinnern auch Sie sich noch an die Tankstellen der 70er und 80er Jahre. Eine wacklige Preistafel, zwei Zapfsäulen und ein winziges Kassenhäuschen, in dem es nach Schweiß, Altöl und abgestandenem Zigarettenrauch roch, das waren die Markenzeichen dieser leider längst vergangenen Autoepoche. An den Zapfsäulen schob ein "Tankwart" Dienst, und hinter der Kasse hockte ein missmutiger Kerl mit vernarbtem Gesicht, aus dem furchterregende Bartstoppeln sprossen. Sein ölbeschmierter Blaumann spannte über einem gewaltigen Bierbauch. Meist hockten noch ein, zwei finstere Gesellen dabei, die entweder rauchten, Fußball auf einem winzigen, ständig flackernden Schwarzweißgerät guckten oder aber über Zündkerzen fachsimpelten. Sie selbst, mit dem abgezählten Geld "für die eins" in der Hand, waren der einzige Fremdkörper in dem Ensemble.

Aber es gab Benzin. Vielleicht gab es manchmal auch abgelaufene Kaugummis (die gelben von Wrigleys), die verstaubt auf einem rostigen Ständer am Kassentisch hingen. Das war dann ein großes Konsumerlebnis, das für manche langweilige Stunde auf der Autobahn entschädigte. Niemand hätte sich damals aus einem Supermarkt die gelben Wrigleys geholt, ebenso wenig wie heutzutage jemand freiwillig Tomatensaft kaufen und vor allem trinken würde, es sei denn, er beträte ein Flugzeug. Dann will er Tomatensaft.

"Mit Salz und Pfeffer?" "Ja, bitte."

Es ist schon klar: Die gelben Wrigleys waren der Tomatensaft der 80er-Jahre-Tankstellen. Doch die guten, alten Zeiten sind unwiederbringlich vorbei. Die heutige Tankstelle ist eine Mischung aus Konsum- und Wellness-Tempel. Sie ist Bäckerei, Bistro, Lottoannahmestelle, Schreibwarenladen, Feinkost- und Gemüsehandel, Bankfiliale und vieles mehr. An einsamen Bundesstraßen hat sie längst die Rolle der Heimstätte vieler hoffnungslos verlorener Autofahrerexistenzen eingenommen, die - würden sie ehrlich auf die Frage nach ihrem wirklichen Lebensmittelpunkt antworten - ihr Reihenendhaus in Eschborn verschweigen und stattdessen "Aral bei Heidenau" oder "die Shell an der Vierundneunzig" sagen müssten. Die Entwicklung der Tankstelle von der rostigen Notversorgungsstätte zum multifunktionalen Einkaufszentrum ist natürlich grundsätzlich zu begrüßen, würde man nicht gelegentlich tanken müssen ...

Mit Schrecken denkt Harald Grützner an jenen Mittwochmorgen zurück, an dem er um kurz vor zehn aus einem Dreisterne-Hotel in einem Dortmunder Vorort stürzte, wo er zwar selig, aber leider viel zu lange geschlummert hatte. Seine Geschäftspartner von Routex sollte er um zwölf zum Mittagessen im 120 Kilometer entfernten Osnabrück treffen. Mit brummendem Schädel, leerem Magen und einer Saulaune warf Harald sich in seinen Wagen und startete nervös den Motor. Die enge Terminlage und das ausgefallene Frühstück verdankte er einer ungünstigen Verquickung am Vorabend, die sich aus dem zuvor geplatzten Geschäft, drei anschließend im Discounter erworbenen Flaschen "Tempranillo Reserva Grande", der "langen Nacht des Bud-Spencer-Films" auf 3sat und einem eindeutig falsch gestellten Handy-Wecker zusammensetzte. Harald fluchte, doch für Selbstmitleid blieb nun wirklich keine Zeit.

"Binng", tönte es aus dem Armaturenbrett. "Oh nein, nicht das", stöhnte Harald verzweifelt. "Ihr Treibstoffvorrat befindet sich auf kritischem Niveau", flötete die Computerstimme. "Bitte bevorraten Sie sich umgehend." Verzweifelt starrte Harald auf die Tankanzeige. Jetzt schoss ihm durch den Kopf, dass er gestern generös beschlossen hatte, nach dem pünktlichen Aufstehen ein paar Meter zu laufen, dann den Wagen zu betanken, zu duschen und danach ausgiebig zu frühstücken, um schließlich gegen neun das Hotel zu verlassen und mit ausreichendem Zeitvorrat über die hoffnungslos verstaute Al nach Osnabrück zu fahren. "Binng."

"JA, verdammt!", schrie Harald und scannte nervös die beiden Fahrbahnseiten. "Binng. Ihr Treibstoffvorrat befindet sich auf kritischem ..." Harald prügelte auf den Lautstärkeregler am Multifunktionsterminal ein. Sein Schädel brummte lauter. Doch als er wieder aufblickte, sah er die rettende Leuchtreklame einer Marken-Tankstelle hinter der nächsten Ampelkreuzung aufblitzen. Mit Triumphgeheul lenkte er den Wagen in die Einfahrt und wollte gerade den ersten Tankplatz ansteuern, als sein Blick auf die Zapfsäulenbeschriftungen fiel. "Benzin, Super, Superplus" stand an der ersten. "Benzin, Super, Superplus, Autogas" an der zweiten. "Super, Superplus, Super Ultraplus" an der dritten Säule.

Haralds Auto benötigte Diesel.

"Das kann nicht wahr sein", flüsterte Harald. Der vierte Tankplatz war von einem schäbigen Opel Corsa belegt. Harald konnte die Schrift nicht sehen und stieg aus. "Benzin, Super, Superplus, Dieselplus", prangte an der Säule. "Aha." Die übrigen beiden Plätze waren offenbar mangels Frequenz oder wegen Beschädigung gänzlich gesperrt. Selbstredend stand an diesen beiden Säulen "Diesel".

Harald beobachtete nun nervös die circa 42-jährige Fahrerin des Corsa, die sich im Kassenbereich befand und offenbar Probleme mit der Zeitschriftenauswahl hatte. Harald begann im Trippelschritt um seinen Wagen zu laufen, im Sekundenabstand schaute er auf seine Armbanduhr, die jetzt zehn Uhr zwölf anzeigte. Schließlich entschied sich die Dame für die "Brigitte", zahlte und näherte sich zögerlich ihrem Wagen. Vor der Fahrertür blieb sie stehen, kramte missmutig in ihrer Handtasche, fasste sich in die Manteltasche, kramte erneut, diesmal etwas fahriger, in der olivbraunen Umhängetasche herum. Harald starrte die Frau an. Sie schaute trotzig zurück, durchwühlte erneut die Tasche und lief schließlich zurück in das Tankstellengebäude.

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