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In seiner faszinierenden kleinen Kulturgeschichte lotet Roy Porter aus, was gemeint ist, wenn wir Wahnsinn sagen. Er erzählt in einem großen Bogen, den er aus der Antike bis in die Gegenwart spannt, von den sich radikal verändernden Auffassungen von Wahnsinn, vom Umgang mit den Kranken und de hilflosen, zum Teil erschreckenden Bemühungen, sie zu heilen…mehr

Produktbeschreibung

In seiner faszinierenden kleinen Kulturgeschichte lotet Roy Porter aus, was gemeint ist, wenn wir Wahnsinn sagen. Er erzählt in einem großen Bogen, den er aus der Antike bis in die Gegenwart spannt, von den sich radikal verändernden Auffassungen von Wahnsinn, vom Umgang mit den Kranken und den hilflosen, zum Teil erschreckenden Bemühungen, sie zu heilen.
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Bd.17137
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • Seitenzahl: 238
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 238 S. m. 27 Abb.
  • Deutsch
  • Abmessung: 19 cm
  • Gewicht: 181g
  • ISBN-13: 9783596171378
  • ISBN-10: 3596171377
  • Best.Nr.: 21476511

Autorenporträt

Roy Porter (1946-2002) zählt zu den renommiertesten Medizinhistorikern der Welt. Er war zuletzt Professor für Sozialgeschichte der Medizin am Wellcome Institute for the History of Medicine in London und hat zahlreiche Bücher zu medizin- und sozialgeschichtlichen Themen verfasst und herausgegeben. Seine Forschungsschwerpunkte waren die Medizin des 18. Jahrhunderts, die Geschichte der Psychiatrie und die Geschichte der Quacksalberei.
Dietrich von Engelhardt charakterisiert ihn in seinem Geleitwort zum vorliegenden Buch so: "Porter, produktiv und vital im Gespräch, im Vortrag wie im literarischen Schaffen, ist ein profunder und geistreicher Kenner der historischen Entwicklung der Medizin und gehört zu jenen Medizinhistorikern der Gegenwart, die stets die immanenten Dimensionen der Medizin mit den sozialkulturellen Hintergründen in Verbindung bringen."

Rezensionen

Besprechung von 13.07.2005
Gar nichts anderes als toll
Irre von Anfang an: Roy Porters unterhaltsame und etwas unbekümmerte Geschichte des Wahnsinns
Das Verhalten der Kollegen. Neulich die Frau im Supermarkt. Vom Straßenverkehr ganz zu schweigen. Mehren sich nicht die Anzeichen, dass die gesamte Umgebung dem Wahnsinn verfallen ist? Keimt nicht auch von Zeit zu Zeit das Gefühl, selbst langsam aber sicher von ihm beschlichen zu werden? Und in jenen wenigen Stunden, in denen man bereit ist, den Untiefen seines Ichs auf den Grund zu gehen - grübelt man da nicht, wo der eigene Wahnsinn seinen Ursprung findet? In der Umwelt oder doch im Inneren? Kurz, man fühlt sich auf vielfältige Weise Titel und Thema des letzten Werkes des englischen Medizinhistorikers Roy Porter verbunden: dem Wahnsinn.
Porter, 2002 früh verstorben, galt dank seiner mehr als 80 Bücher mit enormer Bandbreite von der Wissenschaft bis zum Populären als publizistisches Wunderkind seiner Branche. Der Spezialist für Psychiatriegeschichte war sicher einer der wenigen, die wagen konnten, in einem schmalen Band eine Geschichte des Wahnsinns zu verfassen. „Vieles wird ausgeblendet bleiben”, schreibt er in der Einleitung, er wolle sich auf einige Kernfragen beschränken: Wer wurde als wahnsinnig bezeichnet? Was wurde als Ursache des Zustandes verstanden? Und was wurde getan, um ihn heilen oder unter Kontrolle zu halten? Ausdrücklich will Porter nicht versuchen, „echten Wahnsinn” zu definieren oder die Natur von Geisteskrankheiten z ergründen. Pate dafür steht der Ausspruch des Polonius in Shakespeares Hamlet: „Worin besteht die Tollheit, als dass man gar nichts anderes ist als toll?”. Ein kühnes Unterfangen für ein Buch, das den Titel „Wahnsinn” trägt.
Besessenheit und Körpersäfte
In sieben Kapiteln spannt Porter den Bogen von den vorantiken, schriftlosen Kulturen bis heute. Anfangs galten Geisteskrankheiten, schreibt er, meist als Besessenheit, eine Auffassung, die sich in christlicher Tradition hielt und bei der Hexenverfolgung eine große Rolle spielte. In der griechischen Antike setzte eine rationalere Sichtweise ein, die Medizin dieser Zeit erklärte die geistigen Störungen wie die körperlichen mit Mangel oder Überschuss eines der vier Säfte: Blut, gelbe Galle, schwarze Galle oder Schleim.
Ausführlich beleuchtet Porter das Verhältnis von Geisteskrankheit und Kunst, die sprichwörtliche Nähe von Genie und Wahnsinn. Man erfährt von Platons göttlichem Furor des Poeten, von der Schreibwut (cacoethes scribendi), aber auch vom Entstehen der Irrenhäuser in England, speziell dem berühmten Bethlem Royal Hospital (Bedlam). Dorthin eingewiesen, soll der Dramatiker Nathaniel Lee gesagt haben: „Sie nannten mich verrückt, und ich nannte sie verrückt, und verdammt noch mal, sie haben mich überstimmt.” Porter sieht dieses Problem - ist Verrücktsein nur eine Definitionsfrage? - bis heute nicht gelöst. In den folgenden Kapiteln über den Aufstieg der Psychiatrie und der Psychoanalyse verlässt er, leider nur kursorisch, den Schwerpunkt seiner Betrachtungen, die britische Insel, um sich unter anderem Frankreich und Deutschland zuzuwenden, etwa Jean-Marie Charcot, Emil Kraeplin, dem Demenzforscher Alois Alzheimer und natürlich Sigmund Freud.
Je weiter sich Porter allerdings unserer Zeit nähert, umso mehr offenbart sich die Problematik seines Ansatzes, den Wahnsinn undifferenziert zu betrachten. Dieser zentrale Kunstgriff beschert dem Buch seine Kürze und seinen Abwechslungsreichtum; er fällt aber immer schwerer, je differenzierter die Psychiatrie, ihre Erkenntnisse und Methoden werden. Am fragwürdigsten wird die Betrachtung der Gegenwart - etwa wenn Porter aus der Umfangszunahme des Handbuchs der psychischen Störungen schließt, dass bei immer mehr Menschen solche Störungen auftreten. Und die Psychopharmakologie kann bei aller berechtigten Kritik an übermäßiger Medikamentenverordnung nicht einfach auf die „medikamentöse Ruhigstellung von Patienten” reduziert werden, ohne das Spektrum der Leiden, das Spektrum der Mittel und ihre teilweise beeindruckende Wirkung bei schwer kranken Patienten zu vernachlässigen.
Generell ist der Leser bereits nach wenigen Seiten von dem unbekümmerten Umgang mit den Begriffen „Geisteskrankheit”, „Geistesgestörtheit” und allen voran „Wahnsinn” überrascht. Letzteren nutzt das Buch als Überbegriff für alle geistigen Störungen, weshalb man bei der Feststellung stutzt, die hippokratische Säftelehre lege „die Anwesenheit eines dem Wahnsinn gleichwertigen, jedoch entgegengesetzten pathologischen Zustands” nahe: „die Melancholie”. Diese wird später als Depression erklärt und in das System des „Wahnsinns” integriert.
Diese Zone im Hirn
Dies ist ein Widerspruch, der bei aller populären Darstellung einem Wissenschaftler von Porters Format kaum unterlaufen dürfte und sich prompt als Übersetzungsfehler entpuppt: Porter schreibt an dieser Stelle von mania, also der Manie als Gegensatz zur Depression und nicht von „madness” wie sonst für „Wahnsinn”. Leider bleibt das nicht der einzige Schnitzer in der sprachlich sonst ansprechenden Übersetzung: Die zapfenförmige an der Hirnunterseite hängende Zirbeldrüse (Epiphyse) ist keine „Zone im Zentralhirn”. Im Original heißt es sprachlich treffender „structure seated in mid-brain” - inhaltlich leider auch falsch; sie gehört zum Zwischenhirn, nicht zum Mittelhirn („mid-brain”).
Man mag derartige Kritik als pingelig ansehen, an anderer Stelle geht jedoch der Sinn verloren: Das englische „asylum” für Anstalt lässt sich nicht mit „Asyl” übersetzen. Will man den heute überholten, in einem historischen Werk dennoch berechtigten, Begriff „Irrenanstalt” vermeiden, käme „psychiatrische Anstalt” oder „Klinik” in Frage. „Irrenasyl” dagegen ist hierzulande völlig unüblich, „Asyl” allein anders besetzt. Der Satz „Die psychotropen Medikamente schienen die Lösung des Asylproblems zu sein” ist geeignet, Menschenrechtsorganisationen auf den Plan zu rufen. All dies lässt einen Fachherausgeber der Übersetzung vermissen.
Porter ist ein Meister der Erzählung, das Buch ist spannend und unterhaltsam mit einer Fülle von Informationen und Begebenheiten. Am Ende des Buches fragt man sich aber, ob man wirklich mehr weiß als vorher. Wer Interessantes und Anekdotisches erfahren will über die Geschichte der Geisteskrankheiten, sei zu Porters Buch geraten, wer jedoch Einsichten sucht, sollte zu einem Fachbuch greifen oder zur Literatur. Rainald Goetz hat in seinem Roman „Irre” gezeigt, wie der Alltag in einem psychiatrischen Krankenhaus Ende des 20. Jahrhunderts aussah, und ahnen lassen, wie es in den Patienten schon immer ausgesehen hat. Denn geändert hat sich nur der Umgang mit ihnen. Das wiederum zeigt Porter vielgestaltig.
RAINER ERLINGER
ROY PORTER: Wahnsinn. Eine kleine Kulturgeschichte. Aus dem Englischen von Christian Detoux. Dörlemann, Zürich 2005, 240 Seiten, 18,90 Euro.
Francisco Goyas Kreidezeichnung „Loco” („Der Irre”) ist derzeit in der Ausstellung „Goya bis Picasso. Meisterwerke der Sammlung Jan Krugier und Marie-Anne Krugier-Poniatowski” zu sehen, die bis zum 28. August in der Wiener Albertina läuft und deren Katalog wir unsere Abbildung entnehmen.
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Besprechung von 20.06.2005
Auf blanken Nerven aus der Ordnung fliegen
Psychiatrie als Horrorkabinett: Roy Porters Geschichte des Wahnsinns ist eine Wahnsinnsgeschichte

Wahnsinnig machen uns immer die anderen. "Sie nannten mich verrückt, und ich nannte sie verrückt, und verdammt noch mal, sie haben mich überstimmt", bemerkte der zeitweilig in einer Irrenanstalt untergebrachte englische Dramatiker Nathaniel Lee (1653 bis 1692) und beschrieb damit das, was wir heute die soziale Konstruktion des Wahnsinns nennen würden. Andere Auffassungen besagen, daß psychische Störungen eine organische Basis haben. Der 2002 verstorbene, durch seine Medizingeschichte vom Blickwinkel der Patienten und medizinischen Außenseiter berühmt gewordene englische Historiker Roy Porter, der Ende der achtziger Jahre als fundierter Theoretiker des Wahnsinns hervorgetreten ist, läßt beide Standpunkte zu Wort kommen. Er hält es nicht für sinnvoll, dem wahren Wesen von Geisteskrankheit nachzuspüren. Statt dessen untersucht er, wie die Gesellschaft mit Menschen umgeht, die als "geisteskrank" gelten.

Porter zeigt, wie die Babylonier und Mesopotamier glauben konnten, daß ein Dämon oder ein böser Blick für die "Besessenheit" verantwortlich ist. Exorzismus und Reinigungsriten dienten der Behandlung. Mit dem griechischen Arzt Hippokrates finden wir eine rationale Therapie, zum Beispiel bei der Epilepsie, der "heiligen Krankheit". Das Christentum hielt daran fest, daß Geistesgestörtheit ein Werk des Satan und unreiner Geister sei. Das religiöse Gegenmittel bestand aus dem Lesen von Messen, Exorzismen und Wallfahrten. Die "Verweltlichung des Wahnsinns", wie Porter es nennt, setzte nicht erst in der Frühen Neuzeit ein, als Mediziner gegen den Hexenwahn Stellung bezogen. Die antike Vier-Säfte-Lehre bot eine Erklärung für psychische Auffälligkeiten. Man führte die Melancholie auf zuviel schwarze Galle zurück. Mit Descartes gewann ein anderes Modell an Einfluß: die mechanistische Physiologie, die nur materialistische Ursachen kennt. Ende des achtzehnten Jahrhundert waren es die Nerven, die angeblich das materielle Substrat für psychische Störungen bildeten.

Diese somatischen Theorien über den Wahnsinn blieben nicht ohne Widerspruch von seiten einiger Ärzte, die die Bedeutung des Psychologischen hervorhoben, wie beispielsweise der englische Irrenarzt Francis Willis (1718 bis 1807), der den geisteskranken König Georg III. behandelte, wenngleich mit wenig Erfolg. Im neunzehnten Jahrhundert erlebte der somatische Erklärungsansatz durch die Arbeiten von Wilhelm Griesinger und anderen einen gewaltigen Aufschwung, glaubte man durch die Hirnforschung dem Rätsel "Wahnsinn" auf die Spur zu kommen. Einen Gegenpol bildete die von Sigmund Freud um 1900 entwickelte Psychoanalyse, die die Ursachen geistiger Störungen im Unbewußten suchte.

Porter schreibt nicht nur eine Ideengeschichte. Als Sozialhistoriker interessiert ihn der Umgang der Gesellschaft mit Menschen, die als "geisteskrank" bezeichnet wurden. Ein besonders lesenswertes Kapitel sind die Selbstäußerungen von "wahnsinnigen" Patienten. Ein eindrucksvolles Zeugnis stammt aus dem Bericht zweier englischer Unterhausabgeordneter aus dem Jahre 1957. Darin wird beklagt, daß einer Kranken in der Anstalt Schreibverbot erteilt wurde, was die Patientin wie folgt kommentierte: "Ich dachte, dies sei eine neue Methode zur Erforschung der Geisteskrankheit; doch ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es der herzlose Glaube war, die Wahnsinnigen können nicht leiden und daß jedes Problem, das die Kranken erwähnen, ,eingebildet' sein muß."

Ein schwieriges Kapitel jeder Psychiatriegeschichte sind die Therapien, die bei geisteskranken Menschen oder solchen, die man dafür hielt, angewandt wurden. Ein Horrorkabinett öffnet die Türen: egschließen, anketten, zur Schau stellen, in Zwangsjacken stecken sowie Schocktherapien. Im zwanzigsten Jahrhundert kamen hirnchirurgische Eingriffe und die Elektrokrampftherapie hinzu, die oft mehr Schaden anrichteten als Nutzen brachten. Die Anti-Psychiatrie-Bewegung und die Entwicklung von Psychopharmaka sorgten vorübergehend für einen therapeutischen Optimismus, dem inzwischen die Ernüchterung gefolgt ist. Gegen den Wahnsinn scheint kein Kraut gewachsen.

ROBERT JÜTTE

Roy Porter: "Wahnsinn". Eine kleine Kulturgeschichte. Aus dem Englischen von Christian Detoux. Dörlemann Verlag, Zürich 2005. 240 S., Abb., geb., 18,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Angetan zeigt sich Rezensent Robert Jütte von Roy Porters Kulturgeschichte des Wahnsinns. Er folgt Porters Darstellung der Ansichten und Theorien über den Wahnsinn durch die Jahrhunderte, von den Mesopotamiern und Babyloniern über Hippokrates, das Christentum, zu Descartes und Freud. Wie Jütte berichtet, lässt Porter sowohl Standpunkte zu Wort kommen, nach denen Wahnsinn als eine soziale Konstruktion erscheint, also auch solche, die den Wahnsinn auf ein organische Basis zurückführen. Jütte hebt hervor, dass es Porter aber nicht nur um eine Ideengeschichte des Wahnsinns geht. Als Sozialhistoriker interessiere er sich auch für den gesellschaftlichen Umgang mit Menschen, die als "geistesgestört" gelten. "Besonders lesenswert" findet Jütte dabei das Kapitel mit Selbstäußerungen von "wahnsinnigen" Patienten.

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