Soziologie der Abtreibung - Boltanski, Luc

Luc Boltanski 

Soziologie der Abtreibung

Zur Lage des fötalen Lebens

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Produktbeschreibung zu Soziologie der Abtreibung

Die Abtreibung gehört auch heute noch zu den umstrittensten Fragen unserer Gesellschaft. Weder findet sie eine breite gesellschaftliche Akzeptanz, noch wird offen über sie gesprochen. Abtreibung ist nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu. Eine merkwürdige Grauzone umgibt sie. Das mag durchaus überraschen, da die Abtreibung in den westlichen Ländern unter bestimmten Voraussetzungen legal ist. Das Recht auf Abtreibung gehört zudem zu den Errungenschaften der Frauenbewegung und des Kampfes um die Selbstbestimmung der Frau.
Der französische Soziologe Luc Boltanski versucht, diese paradoxe Situation zu erklären. Dabei greift er zum einen auf ausführliche Interviews mit einhundert Frauen zurück, die von ihren persönlichen Erfahrungen mit der Abtreibung berichten, und rekonstruiert zum anderen eine umfassende Geschichte der gesellschaftlichen Abtreibungspraxis von der Antike bis zur Gegenwart. Die Entscheidung für oder gegen Abtreibung, so skizziert Boltanski seine Hauptthese, erweist sich dabei als unauflösbarer Widerspruch, der der gesellschaftlichen Ordnung insgesamt innewohnt: Einerseits ist jedes einzelne menschliche Wesen einzigartig und unersetzbar, andererseits ist seine Austauschbarkeit Grundvoraussetzung dafür, daß sich die Gesellschaft fortwährend demographisch erneuert. Diese Paradoxie wiederholt sich in der symbolischen Ordnung, die der Schwangerschaft, der Geburt und der Abtreibung ihre gesellschaftlichen Regeln gibt. Boltanskis Buch führte in Frankreich zu einer heftigen und überaus kontroversen Debatte, in der es um nichts weniger ging als um die Grundregeln der gegenwärtigen Gesellschaft.

Produktinformation


  • Verlag: Suhrkamp
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 541 S.
  • Seitenzahl: 541
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 125mm x 35mm
  • Gewicht: 600g
  • ISBN-13: 9783518584750
  • ISBN-10: 3518584758
  • Best.Nr.: 20948559
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 04.09.2007

Schwangerschaft als Krankheit
Wenn Menschsein sich nicht mehr von selbst versteht: Luc Boltanski entwirft eine Soziologie der Abtreibung
Von 1980 bis 1996 sank in Frankreich die Zahl der Abtreibungen um etwa
40 000. Um die 50 Prozent der Frauen, die 1996 abgetrieben haben, waren verheiratet oder lebten mit ihrem Partner zusammen. Das ist der faktische Hintergrund, vor dem Luc Boltanski seine umfängliche Studie über die Abtreibung schreibt. Diese möchte er so betrachten, als handelte es sich um einen beliebigen soziologischen Gegenstand, den man im Sinne Max Webers möglichst ethisch neutral und objektiv analysieren muss. Dieser Forschungsansatz verwundert nicht, wenn man an die vehementen Attacken vor allem klerikaler Abtreibungsgegner, aber auch an die eifrige Verteidigung derselben durch Befürworter denkt. Eine solche Problemlage gebietet geradezu die Anstrengung um ethische Neutralität. Schließlich geht es hier entweder um das absolute Gebot des Lebensschutzes oder um den höchsten Wert individueller Freiheit. Doch wenn sich hier wie an kaum an einer anderen Stelle bestenfalls pragmatische Kompromisse abzeichnen – wie etwa die deutsche …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 20.07.2007

Jemands Anfang in der Schwebe
Luc Boltanski entwirft eine Soziologie der Abtreibung

Die konkrete Erfahrungswirklichkeit der betroffenen Frauen stellt der renommierte französische Soziologe Luc Boltanski ins Zentrum seines eindringlichen Buches über die Abtreibung als Schicksalserlebnis.

Auf die heikle Lage der Sexualität "zwischen dem Zufälligen und dem Etablierten, dem Spiel und dem Ritual, dem Kurzlebigen und dem Dauerhaften, dem Individuellen und dem Kollektiven, zwischen dem, was im alltäglichen Leben am unheiligsten ist, und dem, was am heiligsten ist", gründet der bekannte französische Soziologe Luc Boltanski ein eindringliches Werk, das auf Deutsch ziemlich platt "Soziologie der Abtreibung", auf Französisch hingegen weitaus treffender "La condition foetale" heißt.

Die ambivalente Rolle der Sexualität hat nämlich tiefgreifende Auswirkungen auf die Lage, die conditio des Fötus. Wie Boltanski zeigt, ist die Einfügung der aus einem Geschlechtsverkehr hervorgegangenen Menschenwesen in die Gesellschaft eine zu wichtige Sache, als dass sie allein dem Walten der Natur überlassen würde. Das naturhafte Menschsein bedürfe …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Den deutschen Titel des Buches findet Michael Pawlik "ziemlich platt". Seiner Ansicht nach wird er der Eindringlichkeit von Luc Boltanskis Beschäftigung mit der "ambivalenten Rolle der Sexualität" und dem Status fötalen Lebens nicht gerecht. Pawliks Gewichtung einer bestätigenden Eingliederung des Neugeborenen in die Gesellschaft kann der Rezensent gut nachvollziehen. Ebenso leuchten ihm aber Boltanskis Befunde ein, die aufgrund von Betroffenen-Befragungen den Schluss ziehen, dass Abtreibung und "Autonomierhetorik" eher selten zusammengehen und Moral sich nicht philosophisch verordnen lässt. Das Thema Abtreibung erscheint Pawlik in diesem Band jedenfalls erschöpfend behandelt.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Es geht Boltanski nicht darum, Konfliktforschung zu betreiben. Er will vielmehr Widersprüche aufzeigen, Paradoxien, die Dinge entwirren, die Regeln und Übereinkünfte aufdecken, die sich hinter der Zeugung verbergen, jetzt, da sich das Menschsein nicht mehr von selbst versteht. (...) Wieso, fragt man sich, ist dieses Buch so irritierend? Wieso berührt es uns so tief? Weil es uns mit unseren Widersprüchen konfrontiert." Literaturen
Luc Boltanski wurde 1940 als Kind eines jüdischen Arztes und einer katholischen Mutter in Paris geboren. Zunächst Schüler von Pierre Bourdieu, etablierte er dann eine eigene Soziologie der Kritik. 1984 gründete er die Groupe de Sociologie Politique et Morale an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris. Kürzlich wurden seine Adorno-Vorlesungen aus dem Jahre 2008 veröffentlicht

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  • Verlag: Suhrkamp
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 541 S.
  • Seitenzahl: 541
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 125mm x 35mm
  • Gewicht: 600g
  • ISBN-13: 9783518584750
  • ISBN-10: 3518584758
  • Best.Nr.: 20948559

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Die Abtreibung gehört auch heute noch zu den umstrittensten Fragen unserer Gesellschaft. Weder findet sie eine breite gesellschaftliche Akzeptanz, noch wird offen über sie gesprochen. Abtreibung ist nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu. Eine merkwürdige Grauzone umgibt sie. Das mag durchaus überraschen, da die Abtreibung in den westlichen Ländern unter bestimmten Voraussetzungen legal ist. Das Recht auf Abtreibung gehört zudem zu den Errungenschaften der Frauenbewegung und des Kampfes um die Selbstbestimmung der Frau.
Der französische Soziologe Luc Boltanski versucht, diese paradoxe Situation zu erklären. Dabei greift er zum einen auf ausführliche Interviews mit einhundert Frauen zurück, die von ihren persönlichen Erfahrungen mit der Abtreibung berichten, und rekonstruiert zum anderen eine umfassende Geschichte der gesellschaftlichen Abtreibungspraxis von der Antike bis zur Gegenwart. Die Entscheidung für oder gegen Abtreibung, so skizziert Boltanski seine Hauptthese, erweist sich dabei als unauflösbarer Widerspruch, der der gesellschaftlichen Ordnung insgesamt innewohnt: Einerseits ist jedes einzelne menschliche Wesen einzigartig und unersetzbar, andererseits ist seine Austauschbarkeit Grundvoraussetzung dafür, daß sich die Gesellschaft fortwährend demographisch erneuert. Diese Paradoxie wiederholt sich in der symbolischen Ordnung, die der Schwangerschaft, der Geburt und der Abtreibung ihre gesellschaftlichen Regeln gibt. Boltanskis Buch führte in Frankreich zu einer heftigen und überaus kontroversen Debatte, in der es um nichts weniger ging als um die Grundregeln der gegenwärtigen Gesellschaft.

20.07.2007

Jemands Anfang in der Schwebe
Luc Boltanski entwirft eine Soziologie der Abtreibung

Die konkrete Erfahrungswirklichkeit der betroffenen Frauen stellt der renommierte französische Soziologe Luc Boltanski ins Zentrum seines eindringlichen Buches über die Abtreibung als Schicksalserlebnis.

Auf die heikle Lage der Sexualität "zwischen dem Zufälligen und dem Etablierten, dem Spiel und dem Ritual, dem Kurzlebigen und dem Dauerhaften, dem Individuellen und dem Kollektiven, zwischen dem, was im alltäglichen Leben am unheiligsten ist, und dem, was am heiligsten ist", gründet der bekannte französische Soziologe Luc Boltanski ein eindringliches Werk, das auf Deutsch ziemlich platt "Soziologie der Abtreibung", auf Französisch hingegen weitaus treffender "La condition foetale" heißt.

Die ambivalente Rolle der Sexualität hat nämlich tiefgreifende Auswirkungen auf die Lage, die conditio des Fötus. Wie Boltanski zeigt, ist die Einfügung der aus einem Geschlechtsverkehr hervorgegangenen Menschenwesen in die Gesellschaft eine zu wichtige Sache, als dass sie allein dem Walten der Natur überlassen würde. Das naturhafte Menschsein bedürfe …

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04.09.2007

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Wenn Menschsein sich nicht mehr von selbst versteht: Luc Boltanski entwirft eine Soziologie der Abtreibung
Von 1980 bis 1996 sank in Frankreich die Zahl der Abtreibungen um etwa
40 000. Um die 50 Prozent der Frauen, die 1996 abgetrieben haben, waren verheiratet oder lebten mit ihrem Partner zusammen. Das ist der faktische Hintergrund, vor dem Luc Boltanski seine umfängliche Studie über die Abtreibung schreibt. Diese möchte er so betrachten, als handelte es sich um einen beliebigen soziologischen Gegenstand, den man im Sinne Max Webers möglichst ethisch neutral und objektiv analysieren muss. Dieser Forschungsansatz verwundert nicht, wenn man an die vehementen Attacken vor allem klerikaler Abtreibungsgegner, aber auch an die eifrige Verteidigung derselben durch Befürworter denkt. Eine solche Problemlage gebietet geradezu die Anstrengung um ethische Neutralität. Schließlich geht es hier entweder um das absolute Gebot des Lebensschutzes oder um den höchsten Wert individueller Freiheit. Doch wenn sich hier wie an kaum an einer anderen Stelle bestenfalls pragmatische Kompromisse abzeichnen – wie etwa die deutsche …

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Perlentaucher-Notiz zur FAZ-Rezension

20.07.2007

Den deutschen Titel des Buches findet Michael Pawlik "ziemlich platt". Seiner Ansicht nach wird er der Eindringlichkeit von Luc Boltanskis Beschäftigung mit der "ambivalenten Rolle der Sexualität" und dem Status fötalen Lebens nicht gerecht. Pawliks Gewichtung einer bestätigenden Eingliederung des Neugeborenen in die Gesellschaft kann der Rezensent gut nachvollziehen. Ebenso leuchten ihm aber Boltanskis Befunde ein, die aufgrund von Betroffenen-Befragungen den Schluss ziehen, dass Abtreibung und "Autonomierhetorik" eher selten zusammengehen und Moral sich nicht philosophisch verordnen lässt. Das Thema Abtreibung erscheint Pawlik in diesem Band jedenfalls erschöpfend behandelt.

© Perlentaucher Medien GmbH

Rezension

"Es geht Boltanski nicht darum, Konfliktforschung zu betreiben. Er will vielmehr Widersprüche aufzeigen, Paradoxien, die Dinge entwirren, die Regeln und Übereinkünfte aufdecken, die sich hinter der Zeugung verbergen, jetzt, da sich das Menschsein nicht mehr von selbst versteht. (...) Wieso, fragt man sich, ist dieses Buch so irritierend? Wieso berührt es uns so tief? Weil es uns mit unseren Widersprüchen konfrontiert." Literaturen

Autorenporträt zu "Luc Boltanski"

Luc Boltanski wurde 1940 als Kind eines jüdischen Arztes und einer katholischen Mutter in Paris geboren. Zunächst Schüler von Pierre Bourdieu, etablierte er dann eine eigene Soziologie der Kritik. 1984 gründete er die Groupe de Sociologie Politique et Morale an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris. Kürzlich wurden seine Adorno-Vorlesungen aus dem Jahre 2008 veröffentlicht

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