Seichtgebiete - Jürgs, Michael

Michael Jürgs 

Seichtgebiete

Warum wir hemmungslos verblöden

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Seichtgebiete

"Seine Analysen sind erbarmungslos. Sein Buch ist, gerade durch seinen aggressiv-unversöhnlichen Ton, so unterhaltsam wie lesenswert." -- dpa / stern.de

'Michael Jürgs Streitschrift gegen Verblödung und Trivialisierung unserer Kultur artikuliert das Unbehangen vieler.' -- ARD - " titel, thesen, temperamente"

"Sprachlich messerscharf und voller Sarkasmus beschreibt er Seicht-Sendeformate und ihre Protagonisten." -- Kölner Express

"Ein kluger politischer Kopf." -- Frankfurter Rundschau

Alle wissen es, keiner schreit auf: Ob falsche Betroffenheit in Talkshows, prollige Vorbilder wie Mario Barth oder Dieter Bohlen, von Supernannys statt von ihren Eltern erzogene Kinder oder die selbst vom Feuilleton zu Ikonen der Subkultur stilisierten Bestsellerautoren à la Roche, Bushido und Co. - überall breiten sich Seichtgebiete und Verblödung aus. Jürgs prangert nicht deutsch bierernst, sondern indem er sie lächerlich macht, jene an, die zynisch schamlos mit der Verdummung Geld machen. Er schont auch nicht sich und seine Branche, und erst recht nicht die Oberlehrer der Nation, die nur angeekelt ihre Nasen rümpfen. Mit seiner provokanten Streitschrift warnt Jürgs vor den Folgen einer verödenden demokratischen Kultur.


Produktinformation

  • Abmessung: 205mm x 125mm
  • Gewicht: 332g
  • ISBN-13: 9783570100097
  • ISBN-10: 357010009X
  • Best.Nr.: 26234628
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 03.09.2009

Wer nur zuschaut, will nicht schimpfen

Von Blödmachern und gläubigen Digitalisten: Susanne Gaschke, Michael Jürgs und Alexander Kissler erblicken ein verdummendes Volk und machen als Schuldige die Massenmedien aus.

Generation Doof: Wie blöd sind wir eigentlich?", "Die verblödete Republik", "Verblöden unsere Kinder?": Die Blüte der Blödheitsbücher ist nicht zu übersehen. Die Diagnose, dass es mit unserer Zivilisation den Bach runtergeht, scheint glaubwürdig und marktgängig, mancher Autor dürfte sich dank ihr dumm und dämlich verdient haben. Als ursächlich für die Verblödung gelten Schule, Unis, Politik. Sowie, an erster Stelle, die Medien. Nun sind wieder drei neue Verblödungsbücher erschienen, die trotz erkennbarer Unterschiede in Herangehensweise und Niveau manches gemeinsam haben. Ihre Autoren bezichtigen jeweils ein Medium der Blödmacherei, allerdings nicht jenes, für das sie selbst beruflich arbeiten.

Zwei von ihnen, Michael Jürgs und Alexander Kissler, wählen das Fernsehen, das man als Verdummungsinstrument im Internetzeitalter längst auf dem absteigenden Ast wähnte. Beide bemühen prominente Helfer: Kissler, der …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Etwas unausgegoren scheint Rezensent Jörg Thomann diese Kritik des Fernsehens von Michael Jürgs. Er moniert dessen Unentschiedenheit, wie mit dem Blöden und den Blödmachern im Fernsehen umzugehen sei, und meint diesbezüglich, ein guter Lektor hätte von Jürgs gefordert, das "Selbstgespräch erst zu Ende zu führen, bevor das Ganze in Druck geht". So hält er dem Autor etwa vor, sich sogar uneinig zu sein, ob der "Siegeszug des Blöd-Fernsehens" mit "Big Brother" (2000) oder mit "Tutti Frutti" (1990) begann. Andererseits bescheinigt er ihm, in seiner Kritik differenzierter zu sein als Alexander Kissler in seinem Buch "Dummgeglotzt". Nur bei Mario Barth, der als Gefahr für die Demokratie verdammt wird, sieht er Jürgs jegliches Maß verlieren.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Seine Analysen sind erbarmungslos. Sein Buch ist, gerade durch seinen aggressiv-unversöhnlichen Ton, so unterhaltsam wie lesenswert." dpa / stern.de

Hinterher ist man immer dümmer

Wären Sie mal schön dageblieben: Michael Jürgs und Alexander Kissler steigen hinab in die Niederungen der Fernsehwelt und kommen fassungslos zurück

Parkt einer seinen Wagen vor der Bäckerei in der zweiten Reihe, so einen richtig fiesen Geländewagen, der am Tag den jährlichen Spritbedarf einer ganzen nicaraguanischen Frauenkooperative verbrennt, lässt beim Brötchenholen den Motor laufen und hindert alle am Durchkommen. Regt sich unser Held und Autor, unbillig an der dringenden Weltverbesserung gehemmt, rechtschaffen auf. Ja und was entgegnet dieser Ökobarbar: "Die paar Minuten werden Sie wohl warten können, Sie Nervsack!"

Schon klar, dass es zu Ende geht mit der Zivilisation, aber als Leser muss man an dieser Stelle auch leise kichern, weil der übermotorisierte Backwarenfreund da schon etwas trifft: Dieser Autor nervt und ist genervt, bisweilen scheint er gar nichts anderes mehr zu kennen als dieses anstrengende Subjekt-Objekt-Verhältnis zur Welt: Nervst du mich, so nerv' ich dich.

So, wie man einen Karton, der sich wegen eines allzu effizienten Verschlusses unnötig lange nicht öffnen lässt und durch sein Beharren, Kleben und Sich-Dehnen einem die ganze Begrenztheit subjektiver Welterfassung klarmacht - Sartre konnte ja ganze Kapitel über so was schreiben -, so, wie man einen solchen Karton auch noch kurz tritt, bevor man ein besseres Werkzeug holt, so gibt Michael Jürgs denen, über die er sich ärgert, lustige Namen. Marco Schreyl: "Auch genannt ,Karteikarten-Marco'", schreibt Jürgs, weil Schreyl ja immer abliest. Berliner Taxifahrer nennt er "die Drotschkisten". Aber auch so etwas ist ihm kein Ventil, es ist, als würde das legendäre HB-Männchen, das doch noch nichts vom Privatfernsehen, von Mobiltelefonen und Nacktheit wusste, statt in die Höhe in das Textverarbeitungsprogramm fahren.

Michael Jürgs nimmt Anstoß, und am heftigsten kriegt es das naheliegendste Objekt im Zimmer ab, der Fernseher - und mit ihm die dort gezeigten Personen. Was ja auch wieder nett ist von ihm, denn das tut ja keinem weh, Oliver Pocher, Heidi Klum und der ewige, ewige Dieter Bohlen werden sich kaum beschweren, eher hätten sie Grund, sich geschmeichelt zu fühlen, denn Jürgs widmet ihnen sehr viele sehr sorgfältig formulierte Seiten. Aber warum eigentlich?

Es ist wie bei der Lektüre von Walter Kempowskis "Bloomsday", als sich der Schriftsteller darauf einließ, den 16. Juni 1997 vor dem Fernsehgerät zu verbringen und zu protokollieren, was er sich angesehen hatte. In dem Buch konnte man nachvollziehen, dass Kempowski von einer kleinen Porzellanpuppe, die auf einem Kaufkanal angepriesen wurde, völlig fasziniert war: Mehrmals und für lange Passagen zappte er zu dem Objekt, einem Muster an Biederkeit und Kunsthandwerk, zurück. Eigentlich war sein Abscheu vor dem Fernsehen ein Abscheu vor der eigenen Wehrlosigkeit gegenüber den Reizen des Mediums.

Ebenso kann Jürgs nicht von Mario Barth lassen. Seitenlang geht es um die Mariobarthhaftigkeit des Mario Barth, sogar ein Auftritt in Berlin wird besucht und beschrieben beziehungsweise das Verhalten der Fans, die sich Mario-T-Shirts über die Bäuche spannen und dann: laut lachen, grölen, saufen, rülpsen und rotzen. Wer Barth nicht so gut kennt, der hätte das ja vielleicht ohnehin angenommen, so groß ist der Erkenntnisgewinn beim Lesen also nicht, aber die Faszination des Autors für die Seichtheit seines Gegenstands findet kein Ende. Irgendwie gerät dann auch noch Helmut Schmidt in dieses Kapitel, dass es doch noch deutsche Helden gebe oder so, und Jürgs stellt fest: "Helmut Schmidt und Mario Barth trennen Welten." Das allerdings würde wohl auch Barth so sehen, kaum anzunehmen, dass er Bock hätte, Geiseln befreien zu lassen, uns China zu erklären oder ein neues Bretton Woods zu fordern.

Das Barth-Publikum, die "Big Brother"-Seher und -Macher, ja selbst die Problemkinder aus den Problemfamilien, die eint nach Sicht dieses Buches eines, die Hemmungslosigkeit. Jürgs bekämpft nicht die Verblödung an sich, er kritisiert die "hemmungslose Verblödung". Er beschreibt seitenlang, wie die Leute in Pornographie nur so schwelgen, wie sie ihre erotischen Gedanken und Wünsche in die Kamera sprechen, wie sie mit Hingabe ihre kläglichen Tanz- und Sangeskünste vorführen, hört unbehindertes Gerülpse und Gegröle, notiert, dass schon Kinder schlimme Worte kennen, von Kant keinen Schimmer haben und sich dabei offenbar auch noch sauwohl fühlen. "Wenn der neue Papa auf die Mutti will, sagt die nur, dreh dich zur Wand, Kind, sonst setzt es was!", mutmaßt Jürgs über das Sexualleben unseres Prekariats, wo - Donnerwetter! - selbst die heilige Pädagogik dem Lustgewinn nachgestellt ist.

Diese Fassungslosigkeit des Autors ist sublimierte Faszination. Leider gleiten ihm die Begriffe aus der Hand: Nicht jeder, der die Schule wenig besucht hat, ist blöd, nicht jeder Akademiker ist klug. Auch eine Nackttänzerin kann Abitur gemacht haben. Bestimmte Fernsehserien - die "Simpsons", die "Sopranos", "The Wire" oder "KDD" - haben uns mehr zu sagen als manche Klassiker in Schweinsleder. Und wer den Verlauf der Wirtschaftskrise studiert, kann den Eindruck gewinnen, dass die wahrhaft soziopathisch verblendeten Problembürger nicht die Hartz-IV-Empfänger sind.

Ist der Dampf mal abgelassen, wird Jürgs wieder so nett, wie man ihn kennt. Er fordert, dass Helmut Schmidt für immer lebt, dass im Radio und im Fernsehen bessere Sachen laufen und sich alle mehr anstrengen, die Bildungseinrichtungen zu verbessern - ein Programm, dem sich alle im Bundestag vertretenen Parteien, Kirchen, Gewerkschaften plus Attac, Dieter Bohlen und selbstverständlich auch diese Zeitung anschließen können. Es muss ihm viel an uns liegen, dass er sich so aufregt über die Verhältnisse. Es gibt Vorbilder: Sokrates war ja mindestens so ein Nervsack, nun endet es aber hoffentlich nicht mit Gift, sondern - es gibt eben doch Fortschritt im Zusammenleben der Menschen auf Erden - mit einem Glas Bordeaux und einem Logenplatz auf den Bestsellerlisten.

Mit der Hassliebe des Kritikers zu seinem Gegenstand treibt der Autor eines anderen fernsehkritischen Buches es noch doller. Alexander Kissler hat die Tradition des Kinoerzählers wiederbelebt, bloß dass er nicht Landbewohnern die Filmklassiker aus der Stadt nahebringt, sondern dem Leser Fernsehsendungen beschreibt: Dann sagte der, dann wieder die - man fühlt sich in den Schulbus versetzt, wo einer, der lange wach bleiben durfte, den anderen die Otto-Show nachmacht. Leider wird der Text nicht von der Begeisterung über seinen Gegenstand getragen, sondern bleibt im Gegenteil durchweg abschätzig. Damit greift er freilich exakt den Tenor auf, mit dem seit über einem Jahrzehnt über "Big Brother", "Dschungelcamp" und so weiter berichtet wird. Der Gestus des Hinabsteigens in die Niederungen des Fernsehens ist auch der, den die Boulevardzeitungen annehmen, wenn sie reißerisch versprechen, dass es nun im Fernsehen schlimmer werde denn je. Für den Leser ist das immer eine narzisstische Zufuhr: So doof sind die, so klug sind wir.

Dabei ist es im vorliegenden Fall einfacher, erkenntnisstiftender und auch schlicht schöner, eine Folge des RTL-Restauranttesters zu sehen, als deren leicht karikierte Nacherzählung im Buch zu lesen. Fernsehsendungen müssen auf den Punkt kommen, leben, wenn sie gut gemacht sind, von der Geschwindigkeit, dieses Buch aber dreht sich oft im Kreis. Richtig daneben ist seine Kritik an der Berichterstattung über die Amtseinführung von Präsident Obama im deutschen Fernsehen. Kissler bemängelt, die Moderatoren hätten mit ihrer guten Laune ihre Pflicht zur Neutralität verletzt. Und er macht sich darüber lustig, dass die aus einer äthiopischen Familie stammende deutsche Schauspielerin Dennenesch Zoudé, er nennt sie - diese ausländischen Namen - Zondé, sagt, dass sie Gänsehaut bekommen habe und ihr die Tränen in die Augen gestiegen seien, es sei schon unglaublich gewesen: "Freunde aus dem näheren Umfeld Zondés mögen bestätigen können, dass Gänsehaut, die läuft, und Tränen, die man hat, zu den unglaublichen Lebenstatsachen gehören." Doll gegeben! Und als die Schauspielerin davon erzählt, sie habe gestandene Männer weinen sehen, in der Mall von Washington, da höhnt der über allem schwebende, vom Wissen um die Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung unbelastete Kritiker: "Der Messias scheint hernieder gestiegen zu sein in Washington D. C." Vielleicht sollte Kisslers Fernseher justiert werden, aber es könnte doch etwas mit der Hautfarbe zu tun haben und erlittenem Rassismus - auch von Frau Zoudé, auch in Deutschland -, wenn man vor Freude weint, wenn ein Schwarzer amerikanischer Präsident wird. Scheint wohl doch so zu sein, dass zu viel Fernsehen die Fähigkeit zur Empathie mindert. Andererseits, wozu die Mühe: denn das ist ja das Gute am Fernsehen. Man kann darüber schreiben, was man will, es wird sich schon nicht wehren.

NILS MINKMAR

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Michael Jürgs, geboren 1945, war Chefredakteur von "Stern" und "Tempo". Er hat sich als Autor zahlreicher Biografien einen Namen gemacht. Seine Bücher waren alle Bestseller. Er ist Co-Autor vieler Fernsehdokumentationen, die nach seinen Büchern gedreht wurden.

Leseprobe zu "Seichtgebiete" von Michael Jürgs

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Leseprobe zu "Seichtgebiete" von Michael Jürgs

KAPITEL I

Unternehmen Seichtgebiete Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens. Bei Gott kein überraschender erster Satz für ein Buch, in dem es um Blöde und um Blödmacher gehen wird und warum es ihnen - seid hiermit verschlungen, Millionen - Arm in Arm, gelungen ist, die Gesellschaft grundlegend zu verändern, indem sie diese tieferlegten so wie einen Opel Manta. Autos dieser Marke, Spoiler und Blondine im Preis ab Werk inbegriffen, waren für armselige Unterschichtler das, was ein Porsche für neureiche Oberschichtler verkörperte: Statussymbol und Penisersatz in einem.

So vereinfacht lassen sich heute weder diese noch jene einordnen. Allgemeine Verblödung und sie fördernde Blödmacher und die wiederum tragende Blöde müssen vielmehr auf einer Expedition erkundet werden. Spurensuche in den Seichtgebieten also. Nur wenn das gelingt, werden die wahren Ursachen sichtbar, hörbar, spürbar. Und bevor die nicht erforscht sind, fehlen die Voraussetzungen für die Bekämpfung der Wirkungen. Dann bleiben Gegenmaßnahmen wirkungslos. Die Suche dürfte vor Ort nicht immer lustig sein, und für zart Besaitete ist zudem die Gefahr groß, sich anzustecken. Im Tiefland lauern Viren auf sie. Die machen mitunter blöde. Wer sich fürchtet, sollte deshalb hier schon die Reise abbrechen und das Buch verschenken.

Doch neugierig?

Auf eigene Gefahr also.

Los.

Freiwillige Teilnehmer an den Exkursionen in die Dschungelcamps des Fernsehens, des Internets, des Radios, der Zeitschriften, der Bücher, der Schulen, der Politik, der Gesellschaft, der Familien müssen sich zuvor jedoch impfen lassen. Nicht nur wegen der stets möglichen Ansteckung durch Dumpfsinn-Viren. Wer sich selbst errötend dabei ertappt, gelegentlich hemmungslos unter seinem Niveau zu lachen, gehört zwar noch nicht automatisch gleich zu den Blöden. Für den ist's nur mal momentan dumm gelaufen, und falls es niemand miterlebt hat, bleibt der Ausrutscher sogar ohne Folgen. Vorsorglich muss deshalb geimpft werden, um immun zu sein gegen selbst gezüchtete Erreger in Kulturen wie Arroganz, Einbildung und Besserwisserei. Von oben herab zu lästern über die Blödheit derer da unten ist erstens nicht komisch, zweitens nicht schwer und drittens nicht besonders originell.

Sind wir doch mitunter alle mal blöde.

Auch Oberlehrer der Nation, von denen die Deutschen, erst recht seit der Einheit, mehr haben als andere Nationen, könnten das Buch jetzt zur Seite legen und sich wieder auf die eigenen wohlfeilen Klagen über die Blödheit ihrer Mitbürger stürzen. Die Hölle, das wissen sie, sind ja immer die anderen.

Wer sind die anderen?

Dass es Sender gibt, die bei den Blöden erste Wahl sind und Heimvorteil genießen - weil die Dummies nicht allzu viel wissen, aber eines dann schon: Bei RTL und Sat.i und ProSieben und VOX würden sie täglich die ihrem IQ entsprechenden Showformate finden, bei ARD und ZDF nicht immer -, ist auch eines jener Vorurteile, die vor Antritt der Forschungsreisen abgelegt werden müssen. Zwar hat an einem März-Samstag des Jahres 2009 die Übertragung der wöchentlichen Mottoshow zu Deutschland sucht den Superstar, moderiert von Marco Schreyl, auch "Karteikarten-Marco" genannt, 5,61 Millionen Zuschauer zu RTL gelockt, doch der zeitgleich in der ARD laufende Musikantenstadl, moderiert von Andy Borg, auch "Schunkel-König" genannt, kam locker auf 5,68 Millionen Fans.

Da es sich aufgrund des Lebensalters der Zuschauer um unterschiedliche Zielgruppen handeln muss, sind mögliche Überschneidungen durch Doppelseher ausgeschlossen. Was wiederum den Schluss zulässt, dass insgesamt 11,29 Millionen Deutsche die beiden ihren Bedürfnissen am meisten zusagenden Angebote unter allen TV-Programmen am betreffenden Samstagabend ausgewählt haben. Eines ausgestrahlt von einem privaten, das andere von einem öffentlich-rechtlichen Sender. Beide wären in diesem Fall zu definieren als klassische Bedürfnisanstalten des Volkes.

Womit zwei der bekannten Vorurteile begraben werden könnten. Das Vorurteil, kommerzielle TV-Anbieter seien hauptverantwortlich für die Ausbreitung der Seichtgebiete und die dort gelagerten Container voller Leergut, sowie das Vorurteil, die Alten seien nicht so leicht für blöd zu verkaufen wie die Jungen. Es gibt offenbar keine typische Generation Doof minus x und keine auffällige Generation Doof plus y, sondern ein generationenübergreifendes gesamtdeutsches Bedürfnis nach der Seichtigkeit des Seins. Die Unart älterer Mitbürger, einer ihnen fremd vorkommenden Gruppe von eindeutig Jüngeren das Etikett "Generation" aufzukleben, um dann als Experten für Jugendprobleme in Talkshows eingeladen zu werden, ist gleichfalls symptomatisch für die allgemeine Verunsicherung und gemeingefährliche Verflachung. Dass junge Blöde auffälliger doof sind als alte, liegt nur daran, dass sie sich lautstark äußern - Boah, Ey, Super, Geil -, während die Alten allenfalls laut mitsingen.

Bei aufkeimender Verzweiflung während der Forschungsreisen auf der Suche nach den Wurzeln des Übels hilft allerdings kein noch so starkes Serum. Gegen Depressionen schützt entweder Zynismus oder aber Gelassenheit. Was nicht mehr zu ändern ist, muss offenbar als Bodensatz der Gesellschaft akzeptiert werden. Zudem ist ja niemand verpflichtet, sich auf Niveau null aufzuhalten. Es lassen sich deshalb die meisten Begegnungen mit Blöden dadurch vermeiden, dass man die Stätten ihrerVergnügen meidet; es lassen sich traumatische Erfahrungen verhindern, indem man bestimmte Fernsehprogramme nicht einschaltet, bestimmte Bücher, bestimmte Zeitschriften und Zeitungen ignoriert, bestimmte Veranstaltungen und Partys meidet.

Hilfreicher ist es, um wenigstens die Schieflage der Nation zu justieren, die Blöden nicht als gottgegeben zu akzeptieren oder schweigend zu verachten, sondern sie lächerlich zu machen. Was nur dann funktioniert, wenn Blödmacher und Blöde ernst genommen werden in ihrer vielfaltig sich zeigenden Einfalt. Sinnvoller ist es, in heiterer Gelassenheit jeden Erfolg der Dummheit zwar ehrlich als verlorene Schlacht zu registrieren, aber unverdrossen an einen noch möglichen Gesamtsieg zu glauben.

Früher hieß das Weisheit.

Eine gewisse Schar von Blöden gab es immer schon, und die gab es auch in jedem Land. Doch die Blöden der anderen Nationen berühren uns nicht, solange wir ihnen nicht am Strand über den Weg laufen müssen oder sie mit ihren Handtüchern unsere Liegestühle am Pool besetzen. Die eigenen Blöden sind uns gut genug. Es ist einfacher als früher, sie aus der Nähe zu beschreiben, weil ihre Dummheit nicht mehr im Verborgenen blüht. Um ihre Wünsche zu wecken und ihre Instinkte zu befriedigen, sind Fernsehanstalten gegründet, Zeitschriften entwickelt, Bücher gedruckt, Helden erfunden worden. Die Prinzipien der Marktwirtschaft haben sich bei der Eroberung auch dieser Klientel bewährt. Wo es eine Nachfrage gibt, die in diesem Fall einem dringenden Bedürfnis entsprach, wäre es schlicht blöde, keine entsprechenden Angebote zu entwickeln.

Das geschah in vier Phasen einer wohlüberlegten Strategie: Zielgruppe erkannt. Zielgruppe analysiert. Zielgruppe eingekreist. Zielgruppe gefangen. Strategen in Sendern und Verlagen, die erfolgreichen Gärtner der Seichtgebiete, haben sich deshalb im Gegensatz zu Bad Bankern ihre Boni verdient. Weil sie clever genug waren, früh die Möglichkeiten zu erkennen, die sich Investoren boten, denen so etwas wie Schamgefühl, Moral, Anstand fremd war. Blöde sind fruchtbar und wachsen nach. Der TV-Markt, bei dem hohe Renditen garantiert sind, weil er sich auf niedrigem Niveau selbst stets neu erfindet, ist deshalb ein Wachstumsmarkt.

Das befreit die Marktbeschicker aber nicht von ihrer Verantwortung. Mit Hinweis auf die geistigen Bedürfnisse der Unterschicht, zu der - was Verstand und Geschmack und Stil betrifft - auch viele gehören, die sich aufgrund von Einkommen, Einfluss und Einbildung zur Oberschicht zählen, entschuldigen sie sich zwar. Weil es aber einen solchen Rabauken-, Rummel- und Rammelplatz nun mal gebe, wäre es schön blöd, ihn nicht mit eigenen Produkten zu beschicken und dort nicht selbst gezüchtete Sumpfblüten anzubieten, bevor andere die ihren auf die Plätze, fertig, los schicken.

Dennoch wird ihnen keine Vergebung zuteil. Denn sie wissen, was sie tun. Das können sie täglich an den Quoten ihrer TV-Formate ablesen oder an den verkauften Auflagen von Produkten bemessen, denen selbst die karge Bezeichnung "Druckerzeugnisse" noch schmeichelt. Früher galt die stillschweigende Übereinkunft, dass über Sex und Geld öffentlich nicht geredet wird. Basta. Heute ist die offenhosige, die Beine breitmachende Bereitschaft, Privates öffentlich zu machen, dieVoraussetzung dafür, um überhaupt bei gewissen Talkshows eingeladen zu werden. Mitschuldig am Zustand einer Gesellschaft diesseits aller Tabus sind gleichgültige Eltern und frustrierte Lehrer und moralfreie Manager und geschwätzige Politiker - aber auch wir Journalisten, die sich übers dummeVolk und seine Helden lustig hermachten und dadurch ungewollt viele unbedarfte Deppen zu Stars hochgeschrieben haben.

Allen vereinfachenden Schlagzeilen zum Trotz gibt es also keine Generation von Doofen, ebenso wenig, wie es einst eine Generation der besonders klugen 68er gab. Es sind immer nur wenige, die das Denken oder Nicht-Denken und den Stil oder die Unsitten von vielen prägen. Ende der Sechzigerjahre im vergangenen Jahrhundert begannen die überfälligen Denkprozesse mit den Demonstrationen von Studenten gegen den tausendjährigen Muff an deutschen Universitäten, gegen braunes Gesindel im Amt. Daraus wuchsen dann Proteste von vielen Tausenden auf den Straßen mit den bekannten Folgen.

In Frankreich, wo Revolution allerdings zur Tradition gehört und im kollektiven Bewusstsein der Nation im Gegensatz zur deutschen positiv verankert ist, brannten im Mai 1968 die Barrikaden. In England blieb es britisch ruhig, weil die Klassengesellschaft ungerührt die Parolen der Klassenkämpfer über sich ergehen ließ, sowohl die Ober- als auch die Unterklasse. In den Vereinigten Staaten vereinten sich in leidenschaftlichem Protest gegen den Vietnamkrieg Jung und Alt, weil die einen nicht sterben und die anderen nicht ihre Söhne verlieren wollten. Von diesen gewalttätigen Auseinandersetzungen wurde weltweit berichtet. Die gesende- ten Bilder beflügelten Anti-Kriegs-Demonstranten im fernen Europa.

Da es um kritisches Bewusstsein ging, blieben die Protestierenden in Deutschland auch innerhalb ihrer Generation eine lautstarke radikale Minderheit. Die Mehrheit der Jungen war zufrieden mit einem kleinen Glück, so wie es ihnen ihre Eltern vorgelebt hatten, aber sie waren letztlich gemeinsam mit denen irgendwann doch dazu bereit, mehr Demokratie zu wagen. Angesichts erreichter Wohlstandsziele schien gegen ein wenig undeutsche Leidenschaft prinzipiell nichts einzuwenden zu sein. Sie wählten 1969 WiHy Brandt zum Bundeskanzler.

Im anderen Teil Deutschlands gab es auch 68er, deren mutiger Protest gegen die steinernen Verhältnisse sich jedoch an einem speziellen Datum festmachen ließ, dem 21. August 1968, jenem Tag, an dem die Truppen des Warschauer Paktes den Prager Frühling erstickten. Bevor aus dem Protest von wenigen Mutigen im Osten eine dieVerkrustungen der Gesellschaft zerbrechende Bewegung werden konnte wie die im Westen, brachen ihnen die Machthaber das Rückgrat und sperrten sie ein.

Nur Rockmusik übertönte alle Mauern, wurde zur Internationale von Jugendlichen über alle nationalen Grenzen hinweg und zur Mutter aller Jugendbewegungen. Rock 'n' Roll als vielfältige Hymne einer Generation verstanden weltweit alle.

Auch die Einfaltspinsel.

Nach 1969 gingen im Westen die Gleichaltrigen, die nur kraft und dank ihres Alters zu einer Generation gehörten, wieder getrennte Wege. Die einen begannen den langen Marsch durch die Institutionen, die anderen richteten sich in ihren Verhältnissen ein. Wie groß das Potenzial an Blöden schon damals war, fiel nicht weiter auf, weil sie nicht als geschlossene Gruppe auftraten und sich nicht als kommende Kraft der Zukunft verstanden.

Es gibt heute zwar mehr Verblödete denn je, aber auch das ist einfach zu erklären. Mittlerweise ist eine ganze Generation von Deutschen - hier stimmt endlich mal der Begriff "Generation"! - aufgewachsen mit Tutti-Frutti-TV. Das konnte nicht ohne Folgen für denVerstand bleiben. Im Westen waren es seit Gründung des Privatfernsehens 25 Jahre, im Osten, wo RTL und Sat.1 bis zum Untergang der DDR nicht empfangen werden konnten, nur 20. Inzwischen ist zusammengewachsen, was zusammengehört, wie an den Quoten bestimmter Sendungen deutlich wurde. Doch ebenso viele tapfere Widerständler haben, im Westen wie im Osten, alle Attacken der Blödmacher abgewehrt und sich jenseits der Seichtgebiete in bewässerten Oasen behauptet. Auch unter den Nicht-Blöden ist zusammengewachsen, was zusammengehört. Die neue deutsche Grenze, an der nur verbal geschossen wird, verläuft zwischen Wissenden und Unwissenden.

Letztere müssten mit allen Mitteln aus den Fesseln der Blödmacher befreit werden. Denn auch sie werden für die Zukunft der Nation gebraucht.

Aber wie soll das gelingen?

Weil heute weder Weise noch Götter helfen, weil ver- bretterte Köpfe mit Argumenten nicht zu löchern sind, weil auch das Recht auf Dummheit zu den unveräußerlichen Menschenrechten zählt, ist im Kampf gegen die Blöden außer selbstverständlicher Tapferkeit eine Strategie bestehend aus List, Tücke, Witz, Fantasie nötig.

Auf Altkluge, die ungebrochen an sich und die Überlegenheit ihrer göttlichen Gedanken glauben, muss dabei verzichtet werden. Die Alten sind zwar immer noch klug und weise, doch nicht mehr so beweglich wie einst. Deshalb schweben sie über den Niederungen des AHtags. Wenn auf Erden alle gültigen Normen zum Teufel gehen, wenn die letzten Tabus sterben, wenn singende, grölende, tanzende Prolos die Mattscheiben bevölkern, wenn Lehrer von ihren Schülern gemobbt, Eltern von ihren Kindern beschimpft, wenn sprachlose Bücher die Hirne verkleben, wenn brutale Killerspiele echte KiHer produzieren, wenn eine Gesellschaft Shakespeare mit einem Hersteller von besonderen Angelruten statt mit jenem Besonderen assoziiert, bedarf es sprachgewaltiger, laufstarker Guerillataktik statt mahnender Worte. Gegen die Besatzungsmacht der Kopflosen ist eine verbale Intifada nötig.

Darf man das?

Darf man.

Wie so oft im Leben gibt es zwei mögliche Wege zum Ziel. Alternative drei, den Blöden das Tiefland zu überlassen und sich in den nah wie fern vorhandenen Hochburgen der Kultur - Kunst, Literatur, Theater, Musik - an den Freuden schöner Götterfunken zu ergötzen, ist keine Option. Ein solcher Rückzug wäre Feigheit vor dem Feinde.

Auf, auf zum Kampf also.

Alternative eins: Einmarsch mit offenem Visier ins Feindesland, im Tornister profunde Bildung verstaut, die passende Munition gegen alles, was im Fernsehen stinkt oder was nach sprachlosen Büchern riecht oder was im Internet die Luft verpestet. In den eigenen Schützengräben lauern zur Unterstützung Gleichgesinnte, ebenfalls mit Sprache bewaffnet. Wackere Kämpfer fürs Wahre, Gute, Schöne aber, so grimmig entschlossen sie auch sein mögen, wecken jedoch selten Leidenschaft, erreichen Blöde nicht, reden bedeutend, aber unverständlich, sind ausgerüstet mit schusssicheren Überzeugungen, die in ihrer Jugend 1968 revolutionär waren, aber mittlerweile Patina angesetzt haben. Ihre Schüsse gehen sozusagen nach hinten los.

Das sehen sie natürlich anders. Ihre Erzählungen, wie mutig und leidenschaftlich sie mal die Welt verändert haben oder zumindest verändern wollten, wenn ihnen nicht leider im letzten Moment was dazwischengekommen wäre, will jedoch niemand mehr hören. So wenig, wie sie es einst hören wollten, wenn ihre Väter die ewig gleichen Geschichten erzählten, wonach früher alles besser war - die Kirche im Dorf, die Ordnung im Staat, der Respekt vor dem Alter.

Die hartleibigen Besserwisser unter inzwischen Zweifelnden sind aber immer noch und nichtsdestotrotz überzeugt davon, wenn auch nicht mehr recht überzeugend, besser als andere zu wissen, was Schüler lernen müssen - siehe da: Ordnung einhalten; warum sich Erwachsene so benehmen sollten, dass sie in ihrem Tun einVorbild sind - siehe da: Beispiele geben; wie Eltern ihre Kinder erziehen sollten - siehe da: Disziplin durchsetzen. Die Anhänger von Alternative eins glauben vor allem - außer an die genannten Tugenden, die Böswillige sekundäre nennen würden - unerschütterlich daran, dass sich mit den klassischen Methoden Humanismus, Bildung,Vernunft der Sumpf trockenlegen ließe. Ihre auf intellektuelle Einsicht in das Notwendige bauende Taktik versteht jedoch keiner von denen, die sie erreichen wollen, weil die nun mal keine Intellektuellen sind. Und sie erzielt keine nennenswerten Quoten bei noch unentschlossenen Schlachtenbummlern, die zögern, wem sie sich anschließen sollen, um am Ende bei den Siegern zu landen, den Kämpfern oder den Bekämpften.

Niemand mag Oberlehrer.

Niemand schätzt Besserwisser.

Deutsche Blöde schon mal gar nicht.

Hiermit wird die "Operation Klugscheißer" beerdigt.

Alternative zwei ist erfolgversprechender: Der Einmarsch ins Feindesland wird angepasst an die zu erobernde Umgebung. Visier heruntergeklappt, um sich als Blödkopf getarnt dem tümelnden Volk nähern zu können. Die Massen werden nicht in offener Feldschlacht gestellt, sondern unauffällig und klammheimlich unterwandert. Das macht zudem grundsätzlich mehr Spaß als die im deutschen Wesen verankerte Neigung, andere mit ernster Miene zu belehren.

Sobald die Blöden ihre diversen Dschungelcamps verlassen, um schwimmend neue Ufer zu erobern, werden sie unauffällig unter Wasser begleitet. Das schaffen nur die Besten unter den Klugen. Jede Art von Ekel muss zuvor abtrainiert werden, man braucht einen langen Atem, und die Guerilleros müssen lernen, ihre Intelligenz so zu verbergen, dass ihnen niemand von den Blöden auf die Schliche kommt. Ihr verborgenes Wissen macht sie zwar stark. Doch die Stärke dürfen sie um Himmels willen nicht ausspielen, denn Taktik zwei verlangt, ihr Mehrwissen nur unauffällig trickreich einzusetzen.

Wie denn nun?

Wer Blödmacher besiegen will, muss sie lächerlich machen. Werden sie ausgelacht statt ausgezählt, veräppelt statt verehrt, verlieren sie ihre Anziehungskraft bei den Blöden. Das Volk lässt dann seine bloßgestellten, entblößten Helden fallen, statt ihnen zu verfallen.

So erging es bekanntlich einst jenem Kaiser aus dem Märchen von Hans Christian Andersen. Ein eitler Tropf. Er hielt sich mehr in seiner Garderobe auf als bei seinen Staatsgeschäften und er ging nicht ins Theater und er las kein Buch und er hörte keine Musik. Doch weil er nun mal der Herrscher war, konnte er sich seine eitle Blödheit, ohne Folgen befürchten zu müssen, erlauben.

Wie eitel und wie blöde er tatsächlich war, erkannten zwei kluge Betrüger, die ihm einredeten, ihr neues Format, anschmiegsame Haute Couture, das sie ihm auf den Leib schneidern könnten, sei nicht nur unglaublich schön und würde ihn noch schöner machen, als er eh schon war, sondern hätte auch die sensationelle Eigenschaft, für alle unsichtbar zu sein, die "unverzeihlich dumm" seien. Blöde, wie er war, glaubte ihnen der Kaiser. Die Behauptungen der Betrüger, die heute als Unique Selling Point (USP) bezeichnet würden, sprachen sich im Lande herum, wurden nicht hinterfragt. Der Kaiser gab bei Anproben nie zu, dass er im Spiegel nichts sah, um nicht als unverzeihlich dumm zu gelten, bewunderte stattdessen Muster und Farben, obwohl die beiden Schneider noch keinen einzigen Faden gesponnen, aber bereits viel Geld für die teure Seide kassiert hatten.

Endlich war es so weit, dass sich der Kaiser in den neuen Kleidern zeigen konnte. Er wollte es, denn zur Dummheit gehört die Eitelkeit. Das wollte er öffentlich zelebrieren und ging, von seinem Hofstaat begleitet, durch die Stadt. Des Kaisers Untertanen, die ebenfalls nicht für blöde gehalten werden wollten, stießen bewundernde Rufe aus und lobten seine neue Kleider. Heute würden ihre Hochrufe als Quotenhoch gewertet werden. Keiner aber wollte zugeben, nichts zu sehen. Bis auf einmal ein kleines Kind rief, der Kaiser habe doch gar nichts an. Der sei ja nackt. Da merkten alle Erwachsenen, für wie dumm sie sich hatten verkaufen lassen, und erst dann lachten sie ihren dummen Kaiser aus.

Was für dessen Ego und dessen Ansehen natürlich tödlich war.

Was wäre also, würde nach der Art dieses wunderbaren Märchens verfahren werden beim Kampf gegen die allgemeine Verblödung? Zum Beispiel die Welt der Blödmacher auf den Kopf stellen, um zu sehen, wer hinten runterfällt, statt wie bisher als bewunderter Popanz auf den Seichtgebieten zu agieren? Zum Beispiel im nächsten Kapitel mit der Realität spielen, statt sie tief grübelnd ändern zu wollen?

Zum Beispiel schauen, ob die beimVolk beliebten Kaiserinnen und Kaiser auch dann noch so beliebt wären, wenn man sie nackt, wie sie im Geiste sind, gegeneinander antreten ließe in einem einzigen furiosen Showdown?

Schauen wir doch einfach mal.

KAPITEL II "Ich bin ein Depp, lasst mich hier rein!"

G egen die herrschenden Spießer und Spaßmacher, Blödmacher und Banausen in die entscheidende Schlacht zu ziehen - ach, wäre das schön! Ach, wäre das unterhaltsam! Ach, wäre das spannend! Motiviert durch beispiellos freche Ideen, bewaffnet mit grenzenloser Fantasie, ausgebildet von abtrünnig gewordenen Blödmachern ließen sich die Blöden besiegen.

Die verdeckt operierenden Spezialkommandos von "Enduring Wisdom" müssten sich der Mittel des Gegners bedienen, ohne Bedenken ihre Taktik kopieren und dürften - insbesondere aus moralischen Gründen - keinen der schmutzigen Tricks scheuen, mit denen die von der anderen Straßenseite arbeiten. Bis zu einer Entscheidung, die jedoch erst am Ende des Buches fallen wird, müssen die feindlichen Heere mit verbalen Gemeinheiten attackiert und, sooft es nur machbar ist, mit überraschenden Ein- und Ausfällen konfrontiert werden.

Am einfachsten wäre es, ihnen eines ihrer populären Formate zu klauen und listig mit anderen Inhalten zu füllen.

Geht das?

Und ob das geht.

So zum Beispiel:
Deutsche ab sechs Jahren werden nach diesem notwendigerweise in strikter Geheimhaltung entwickelten Plan X aufgerufen, während eines live übertragenen Fernsehevents aus der Schar der ihnen bekannten Blödmacherinnen und Blödmacher eine Königin oder einen König zu wählen. Mittels Teledialog (TED) soll das gesamte Volk telefonisch einen Superstar unter aH denen küren, die ansonsten in ihren als Show getarnten Seichtgebietsvergnügen selbst nach einem Superstar suchen lassen. In Deutschland lebende Ausländer dürfen, falls sie ein Handy bedienen können - aber das können die meisten, bevor sie zu lesen gelernt haben -, bei der Wahl mitmachen. Deutschkenntnisse sind nicht erforderlich. Die werden bei gebürtigen Deutschen ja auch nie hinterfragt. Jede abgegebene Stimme zählt. Damit dabei möglichst viele aus der Zielgruppe derer mitspielen, die sich dumm und dämlich lachen, wenn sie mal wieder nicht merken, dass sie für dumm verkauft werden, müsste als Sponsor ihr Zentralorgan gewonnen werden, die "Bild"-Zeitung.

Schon wären zwei Essentials aus dem skizzierten Strategiepapier verwirklicht - ohne moralische Bedenken ein Erfolgsformat kopieren und ohne Scham den stärksten Verbündeten wählen. Geistiger Diebstahl als Vorwurf kann mit der Bitte gekontert werden, in dem Zusammenhang doch gefälligst mal das Wort "geistig" zu definieren.

Das Spiel wäre ein Spiel ohne Grenzen, weil der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind. Die unterscheidet sich von der Realität unter anderem dadurch, dass mit ihr Seit' an Seit' auf der Welt alles möglich ist. Es soll zwischen Himmel und Erde bekanntlich mehr geben, als Schulweisheit sich träumen lässt. In diesem Zwischenreich siedeln die Erfinder des Unvorstellbaren ihre ultimative Show an, verankern sie aber aus taktischen Gründen Richtung Erde in den unterirdischen Wünschen des Publikums und lassen sich trotzdem nach oben gleichzeitig alle Möglichkeiten offen.

Kundenbewertungen zu "Seichtgebiete" von "Michael Jürgs"

5 Kundenbewertungen (Durchschnitt 1.4 von 5 Sterne bei 5 Bewertungen **** schlecht)
***** ausgezeichnet
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***** gut
***** weniger gut
 
(2)
***** schlecht
 
(3)
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Bewertung von Mattes aus Mönchengladbach am 01.12.2012 ***** schlecht
Zum Glück brauche ich mich nicht darüber zu ärgern, dafür auch noch Geld ausgegeben zu haben, denn das Buch lag in einem Regal der Stadtbibliothek, war aber nicht registriert und gehörte offenbar nicht zum Bestand. Die Ausleihe war also umsonst, was nach der Lektüre für mich in noch einem weiteren Sinne zutreffen sollte.
Was Herr Jürgs da auf 250 Seiten ausführt ist nicht zielführend im Sinne seiner möglichen guten Absicht, die ich ihm einmal unterstellen möchte.
Mir wird als Leser eine ständig wiederholte Wortwahl zugemutet, die den Verdacht nahelegt, der Autor wolle sich um jeden Preis auf das Niveau der von ihm kritisierten Personen begeben.
Dann gefällt er sich wieder in elitärem Lamento mit Verbalinjurien aus dem von ihm beklagten Personenkreis garniert, womit er sich unsympathischer macht als all seine geschmähten Zielpersonen es sein können. Ein Unterhaltungswert ist auch nicht zu erkennen und nach einer Quintessenz habe ich vergebens gesucht.
Das allgemeine Bildungs- und Geschmacks-Niveau zu beklagen, ist sicherlich gerechtfertigt, aber ein solches Vorhaben darf sich dann nicht dergestalt selbst ad absurdum führen.

Ärgerlich ist nur, dass ich immer weiter gelesen habe, weil ich mir noch einen tieferen Sinn zu finden erhoffte. Das war Zeitverschwendung!

Mattes

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Bewertung von Dr.Eisenbart aus Bingen am 27.09.2009 ***** weniger gut
Ja, ja die Seichtgebiete! Auch ich zähle mich ja zu den Nichtblöden im Lande (blöd sind ja immer nur die Anderen!) und natürlich wollte auch ich wissen, wie es zu der grassierenden Verblödung kommt. Leider bin ich offensichtlich auch den Blödmachern auf den Leim gegangen.
Herr Jürgs hat der herrschenden Erkenntnis, wie und was dazu führt, dass wir, kollektiv gesehnen, über immer weniger Hirn und Kultur verfügen, nicht wirklich was Neues hinzugefügt. Dafür weiß ich jetzt, dass er Mario Barth, Dieter Bohlen, Frau Klum, Herrn Struve und noch einige andere mehr nicht leiden kann.
Das hilft mir allerdings nicht so richtig weiter. Ich hättte aber skeptisch sein sollen, denn ein Buch über Verblödung von einem Exchefredakteur des Stern, beim Verlag Bertelsmann (RTL Gesellschafter) kann ja eigentlich nur den Sinn haben, mir das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Fazit: Wer das Buch unbedingt lesen muss, soll erst mal versuchen es zu leihen. Kaufen lohnt sich definitiv nicht!

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Bewertung von Michael Holthaus aus Jena am 24.09.2009 ***** schlecht
Billig! Seichtgebiet! Schlichte Geldverdienerei mit dem Buch, quasi mit einem actus contrarius, das genauso ist, wie der kritisierte Gegenstand. Pfui, Herr Jürgs, Sie sollten sich schämen. Sie sind weder jung, noch brauchen Sie das Geld!

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Bewertung von Puschel aus Nähe Hannover am 22.09.2009 ***** weniger gut
Ein rhetorisches Meisterwerk, doch inhaltlich ein "Seichtgebiet" und eine Tragödie!
Es ist langweilig und sehr eintönig geschrieben, da Michael Jürgs immer und immer wieder die gleichen Themen mit den ewig gleichen negativen Argumenten wiederholt!
Ich hatte mir sehr viel mehr von diesem Buch versprochen und bin leider sehr enttäuscht worden...

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Bewertung von Joachim aus Esslingen am 18.08.2009 ***** schlecht
Michael Jürgs schreibt über "Seichtgebiete" und bleibt dabei selbst im Seichten stecken.

Schon, als er das erste Mal Mario Barth erwähnt, weiß man, dass der Autor ihn nicht mag - aber es gibt laut (unvollständigem!) Inhaltsverzeichnis weitere 14 Stellen im Buch, in denen der Autor wieder und wieder über Mario Barth herzieht - ohne seinem ersten Urteil dabei irgendeinen neuen Aspekt hinzuzufügen.
Auch Dieter Bohlen oder Heidi Klum werden wieder und wieder mit den ewig selben Argumenten kritisiert.

Ich mag weder Mario Barth noch Dieter Bohlen noch Heidi Klum - aber ich brauche keine 250 Seiten, um das mitzuteilen.

Fazit: Eine Schimpftirade gegen das Seichte, die sich ausschließlich an die Seichten wendet und keinen wirklich überraschenden neuen Gedanken zum Thema enthält.

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