Mind, Modernity, Madness (eBook, ePUB) - Greenfeld, Liah

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A leading interpreter of modernity argues that our culture of limitless self-fulfillment is making millions mentally ill. Training her analytic eye on manic depression and schizophrenia, Liah Greenfeld, in the culminating volume of her trilogy on nationalism, traces these dysfunctions to society’s overburdening demands for self-realization.…mehr

Produktbeschreibung
A leading interpreter of modernity argues that our culture of limitless self-fulfillment is making millions mentally ill. Training her analytic eye on manic depression and schizophrenia, Liah Greenfeld, in the culminating volume of her trilogy on nationalism, traces these dysfunctions to society’s overburdening demands for self-realization.
  • Produktdetails
  • Verlag: Harvard University Press
  • Seitenzahl: 688
  • 2013
  • Englisch
  • ISBN-13: 9780674074408
  • ISBN-10: 0674074408
  • Best.Nr.: 38228514
Rezensionen
Besprechung von 14.05.2014
Macht Freiheit jede zweite Seele krank?

Das immer anregende, oft aufregende und mitunter wunderliche Werk der Soziologin Liah Greenfeld erzählt von den Gewinnen und Kosten, die es mit sich bringt, modern zu sein.

Von Ralf Bönt

Die Soziologin, Politologin und Anthropologin Liah Greenfeld wuchs in der Sowjetunion auf, als der Soziologie etwas Verbotenes angehaftet habe, wie die Autorin sagt. Ihre Großeltern waren bolschewikische Revolutionäre, die auch im Strafarbeitslager ihren marxistischen Glauben nicht aufgaben. Ein Großvater starb unter der Folter des NKWD. Ihre Eltern, die eigentlich Physiker und Historiker sein wollten, stattdessen aber als Ärzte arbeiteten, verehrten die westliche Kultur, insbesondere jene in Frankreich und England. So sei es ihr leichtgefallen, sich in Welten zu Hause zu fühlen, in denen sie nie physisch gelebt hatte.

Ihr Studium absolvierte sie in Israel, wo sie nach eigenen Aussagen auf europäische Lehrer traf, deren Soziologie durch historische Erfahrung und dabei nicht minder philosophisch und psychologisch geprägt war. Später ging sie, die heute an der Boston University lehrt, in die Vereinigten Staaten. Dort war sie baff, auf welche Offenheit und welche Vielfalt an Möglichkeiten sie traf. Dann aber war sie schockiert über die Verbreitung der Depression. Unter Teenagern sah man sie geradezu als normal an. Offenbar hatte Greenfeld nicht das Land der Glücklichen betreten. Dem Zusammenspiel psychischer Erkrankungen und der Kultur, in der sie vorkommen, widmet sie deshalb ihr jüngstes Buch "Mind, Modernity and Madness" (Harvard University Press, 2013). Es ist der letzte Teil ihres in einer Trilogie erschienenen Lebenswerkes.

Deren erster Band beschäftigte sich vor zwanzig Jahren mit der Idee der Nation, die im frühen sechzehnten Jahrhundert in England entstand. Sie löste die von Gott gegebene Regentschaft eines einzelnen durch zwei Prinzipien ab: Die fundamentale Gleichheit ihrer Mitglieder und die Souveränität des Volkes. Indem eine weltliche Gemeinschaft die Quelle allen Gesetzes ist, begrenzt sie den Einfluss transzendentaler Kräfte auf das menschliche Leben weitestgehend. Seine Wichtigkeit wächst dementsprechend, der Mensch wird mehr und mehr selbst zum Baumeister seines Lebens. Dabei machte Greenfeld klar, dass man an die Nation nicht anders glaubte, als man zuvor in protestantischer oder anderer religiöser Ethik aufging. Auch die Verführbarkeit, etwa zum Krieg, unterschied sich nicht wesentlich. Als treibende und meist unterschätzte Kraft nennt Greenfeld dabei gern die Eitelkeit, den Wunsch nach Status.

Vor zehn Jahren erschien dann Greenfelds zweiter Band "The Spirit of Capitalism". Er stellte die Frage, wie es in politischen Nationen zur Fixierung auf das ökonomische Wachstum kam. Während ihre Vorgänger von Marx bis Simon Kuznets Wachstum als natürlich, unausweichlich und selbsterklärend verstanden, stellte Greenfeld die Notwendigkeit materieller Prosperität in Frage. Dabei kam sie auf durchaus langem Wege zum Schluss, dass die Gleichheit der Mitglieder der Nation den Geist des Kapitalismus ausmacht: Der Konkurrenzkampf in der Gemeinschaft der Gleichen sei dabei ein historisches Zufallsprodukt in dem Maße, in dem auch der Nationalismus zufällig entstand. Greenfeld unterscheidet Nationalismen, in denen Wachstum verschieden stark prononciert wird, untersucht die Abhängigkeit vom internationalen Konkurrenzkampf sowie Faktoren, die Wachstum beschränken oder überflüssig machen. Demokratie, eine freie Gesellschaft brauche eine kapitalistische Wirtschaft allerdings, so ihre Überzeugung. Umgekehrt könne sich Kapitalismus aber in Herrschaftsformen entwickeln, die alles andere als demokratisch sind.

Im dritten und letzten Band "Mind, Modernity and Madness: The Impact of Culture on Human Experience" verfolgt Greenfeld zwei Ziele. Vor allem unternimmt sie den Versuch zu zeigen, dass Kultur die dominante soziale Wirklichkeit des Menschen ist. In diesem Sinne möchte sie beweisen, dass die drei häufigsten psychischen Erkrankungen - Schizophrenie, bipolare Störung und Depression - Produkte unserer Kultur sind. In nichtwestlichen Gesellschaften sowie im vormodernen England des fünfzehnten Jahrhunderts kommt nur ein Wahnsinniger auf tausend Einwohner. Diese Fälle können auf Unterernährung, genetische Defekte, Infektionen und Probleme im Wochenbett zurückgeführt werden. Im sechzehnten Jahrhundert aber stieg die Rate in England an, im siebzehnten wurde dies sogar von Ausländern bemerkt. Greenfeld geht davon aus, dass heute die Hälfte der Bevölkerung der westlichen Hemisphäre betroffen ist, wenngleich nur ein kleiner Teil klinisch auffällig wird: Soziale Dysfunktion und Unzufriedenheit seien endemisch.

Die Seele (engl.: mind) ist nach Greenfeld die Kultur im Gehirn. Die Ausstattung des Menschen mit Sprechfähigkeit und die darauf beruhende Fähigkeit zu symbolischer Sprache sei aber nicht in erster Linie zur Kommunikation wichtig, sondern vor allem zum indirekten Lernen: die gesamte Imagination beruhe auf Sprache. Mit der Sprache entstehe eine Seele, die nun in ihrer Zeichenwelt lebt.

Die eigenen Gefühle nimmt die Seele als natürlich hin, tatsächlich sind sie aber Kultur. Als Beispiel führt Greenfeld hier eine selbsterlebte Situation an, in der sie in Israel unvermittelt ein russisches Wort liest, das ihrem guten Ton widerspricht. Überrascht vom kyrillischen Zeichen formt sie den Klang im Kopf, und es dauert sehr lange, bis sie versteht, dass dieses ungehörige Wort gerade tatsächlich in ihrem Kopf gedacht wurde, weil es von dem gelesenen Zeichen eben gemeint war. Erst dann begreift sie, dass es sich um die bekannte Geschmacklosigkeit handelt. Sie war darauf trainiert, es zu ignorieren.

Nach einem Wort Reinhard Jirgls ist, was der Mensch als ureigenstes Gefühl nimmt, meist bloß "der Gassenhauer seiner Kohorte", und man folgt Greenfeld insofern fast immer sehr gern. Das Zögern beginnt, wenn sie dem Menschen eine Seele vorenthält, solange er noch keine ernstzunehmende (!) Sprache hat - bis zum Alter von etwa drei Jahren. Sie beeilt sich hinzuzufügen, dass human zu werden keinem Wesen vorenthalten werden dürfe. Die Probleme, kehlkopflose und doch kommunizierende und lernende Lebewesen in dieser Lehre unterzubringen, sind unübersehbar. Kein Tier habe ein Werk wie "Krieg und Frieden" hervorgebracht, so ihr Einwand gegen Kritik.

Aber warum sollte ein Roman Gradmesser der Humanität oder Beseelung sein? Zeichensysteme entstehen doch auch ohne Kehlkopf sofort zwischen einem Fohlen und seiner Mutter genauso wie zwischen ihm und seinem Veterinär. Manche sagen gar, dass der größere Teil unserer Kommunikation nichtverbal sei.

Einzig die Existenz der Seele ist Greenfeld empirisch gesichert: Im Sinne von Descartes' "Ich denke, also bin ich" seien wir nur dieses Ichs sicher, alles andere Wissen sei nur umständehalber (circumstantial) entstanden und nicht etwa empirisch gewiss. Gravitation habe niemand je angefasst. Diese, wenn man so will, überschäumende Rigidität, eine Greenfeld eigene Lust am Gedanken macht die Lektüre aber nicht weniger gewinnbringend, im Gegenteil.

Allerdings gehört Naturwissenschaft nicht zu ihren vielen Stärken. Es mangelt dem Buch auch an Ökonomie, was schade ist. Denn Greenfelds Zweifel am Glück, einmal etwas werden zu müssen, wenn man groß ist, ihre Ansicht, dass dieser Zwang viele Menschen überfordere und degradiere, dass er nicht immer zur Selbstverwirklichung, sondern sehr oft zum Selbstverlust führe, ist nicht minder wichtig als ihr Zweifel an der Notwendigkeit des Wirtschaftswachstums.

Sie ist nicht etwa der Meinung, dass jene drei psychiatrisch diagnostizierten Hauptleiden virtuelle Krankheiten seien, eingebildete Moden wie einst etwa die Hexenkraft. Das sei ein weitverbreiteter Irrglaube. Die Franzosen hätten gar die Verbreitung von Wahnsinn in England während dessen Aufstieg zur Hegemonialmacht beobachtet und dann regelrecht importiert, zum Beispiel indem das berühmte Bicêtre-Gefängnis in ein Irrenhaus umgewandelt worden sei. Aber der als "english malady" bekannte Wahnsinn hatte sich auf dem Festland noch nicht gar ausgebreitet. Vielmehr habe es sich um eine Verwechslung gehandelt, die sich im Französischen sprachlich auch abbildete: Die nach dem englischen "folly" neuerdings mit "folie" bezeichneten, abweichenden Verhaltensweisen wurden nun überbewertet und machten es unmöglich, die neue Krankheit als solche zu erkennen.

Foucaults "Wahnsinn und Gesellschaft" scheitere komplett an diesem Missverständnis: Er unterscheide Extravaganz nicht von Irrsinn. Greenfeld arbeitet dagegen in der Tradition von Emile Durkheim, dessen Buch über den Selbstmord (Le suicide, 1897) der Gesellschaft Priorität gegenüber der Psychologie einräumte.

Wie immer ist die Stärke dieses Blicks zugleich seine Schwäche, und man kann leicht viele andere Szenarien erwägen, um den Grund der Verbreitung von Depressionen zu finden. Zum Beispiel experimentierte eine Berliner Forschergruppe um den Psychiater Mazda Adli jüngst mit extrem hochdosiertem Thyroxin bei depressiven Patienten. Im Gespräch weist der Forscher und Arzt darauf hin, dass Depression weltweit gleichverteilt auftrete, die Symptome jedoch in verschiedenen Ländern verschieden seien. In Südeuropa komme es zum Beispiel häufiger auch zu körperlichen Symptomen.

Thyroxin greift in ein kompliziertes Hormonsystem ein, das unter anderem auch Stress verwaltet. Die eklatante Verbreitung der Schilddrüsenstörungen darf dabei als unerklärt betrachtet werden. Auch hier sieht sich die Forschung vielen möglichen Ursachen gegenüber, die selten in ihrem Zusammenspiel betrachtet werden. Obwohl die Weltgesundheitsorganisation in ihrem Bericht über endokrinologisch wirksame Chemikalien davon berichtet, verneint die Ärzteschaft beispielsweise mehrheitlich einen Einfluss moderner Umweltfaktoren wie etwa den von Schwermetallen auf den Stoffwechsel. Depression geht oft mit einer Unterfunktion einher und Millionen von Patienten wird womöglich eine Behandlung an der Ursache vorenthalten.

Ralf Bönt ist Physiker und Schriftsteller. Zuletzt erschienen von ihm der Roman "Die Entdeckung des Lichts" (2011) sowie der Essay "Das entehrte Geschlecht. Ein notwendiges Manifest für den Mann" (2013).

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