Leseprobe zu "Männer" von Dietrich Schwanitz
An die Leserinnen und Leser
Warum werden Mann und Frau immer mit Hund und Katze verglichen? Ist es, weil die Frau elegant und reinlich ist wie eine Katze, die auf leisen Sohlen dezent einherschreitet, im Vollgefühl ihrer Anmut und Würde, während der Hund ein lärmender Rabauke ist wie ein Mann, ein Meutenmitglied ohne Feingefühl, ausgestattet mit dem Hang zum Radau, aber Vorgesetzten gegenüber von schwanzwedelnder Unterwürfigkeit?
Sicher. Aber der eigentliche Grund für die Ähnlichkeit liegt tiefer. Worin er besteht, wurde mir bei einem denkwürdigen Anlaß klar.
Es war auf dem ersten Klassentreffen, Jahrzehnte nach dem Abitur. Als sich, nach der ersten Befangenheit, der Abend in die Nacht zog und die Worte hin und her flogen, fiel mir plötzlich auf: Aus Frauen und Männern hatten sich zwei verschiedene Gesprächsgruppen gebildet. Was war geschehen? Die Männer rutschten im Nu in ihre alten Rollen zurück und wurden wieder die Knaben, die sie früher gewesen waren. Sie rissen Witze und lachten über die Heldentaten von einst. Von dem Leben, das sie seitdem geführt hatten, erfuhr man nichts. Wenn man nachfragte, wurde man mit Sprüchen abgespeist. Niemand erzählte, wie es ihm inzwischen ergangen war. Die Sprüche und Witze, die Anekdoten über alte Lehrer und die Reminiszenzen an alte Heldentaten dienten nur dem Zweck, nichts Persönliches erzählen zu müssen.
Wie anders bei den Frauen! Sie alle hatten eine Geschichte, die die Zeit von damals mit dem Heute verband. Es waren keine jungen Mädchen mehr, denn sie hatten in der Zwischenzeit etwas erlebt. Und sie wußten es und konnten es erzählen. Aus ihnen sprach die lebendige Erfahrung, und jede der Frauen wurde zu einer Figur in einem interessanten Lebensroman.
Häufig waren es Geschichten über verlorene Illusionen, die sie erzählten. Und in der Regel betrafen ihre Enttäuschungen ihre Männer. Und während ich zuhörte, wurde mir klar: Diese Männer sind von derselben Sorte wie ihre Klassenkameraden von einst, die da wie spätpubertierende Teenager ihre Sprüche klopfen. Sie sind ihren Frauen fremd geblieben. Sie wirken auf sie wie erfahrungslose Figuren, steril und ohne die Fähigkeit, zu ihnen zu sprechen. Und zugleich ging mir auf: Diese Frauen haben keinen Schimmer, daß alle diese Kerle eine Maske tragen. Daß sie ihre puerilen Scherze machen, um nichts Persönliches berichten zu müssen. Und daß sie auf diese Weise ihre Trauer verbergen - Trauer über die verpaßten Chancen und die eigenen Fehler, Trauer darüber, daß das Leben im Vergleich zu den damaligen Hoffnungen kläglich verlaufen ist, und auch Trauer darüber, daß sie all das hinter der idiotischen Maske der Unreife verbergen müssen, die sie einsam und sprachlos macht. Und mit der Plötzlichkeit einer Eingebung wurde mir klar, daß die Ähnlichkeit mit Hund und Katze auf einem Fluch beruht, der die Beziehung zwischen ihnen verhext.
Dieser Fluch besteht darin, daß die Annäherung der Geschlechter in Männern und Frauen entgegengesetzte Reaktionen auslöst. Die Männer setzen eine Maske auf, werfen sich in die Pose des Siegers und verwandeln sich in Angeber. Damit betonen sie die Abgrenzung gegenüber den Frauen, um den Eindruck ihrer Männlichkeit zu verstärken. Die Frauen aber erwarten von Nähe größere Aufrichtigkeit und wechselseitige Selbstauslieferung. Die Männer dagegen verstärken die Theatralik, um cool zu wirken, und verschließen dabei ihr inneres in dem Moment, in dem die Frauen ihre Gefühle offenbaren.
Der Effekt ist derselbe wie in der Kommunikation zwischen Hund und Katze: Wenn der Hund freundlicher Stimmung ist, wedelt er mit dem Schwanz. Ist er dagegen böse, dann knurrt er. Bei der Katze ist es umgekehrt. Ist sie gereizt, dann zuckt die Schwanzspitze. Fühlt sie sich anschmiegsam und liebebedürftig, beginnt sie zu schnurren. Nähert sich also eine Katze mit vertrauensseligem Schnurren einem Hund, fühlt dieser sich bedroht und beginnt zurückzuknurren. Das mißversteht die Katze als Einladung zu Vertraulichkeiten, die der Hund wiederum als Angriff auf seine Unabhängigkeit mißversteht und mit Bellen und Bissen beantwortet. Da nimmt es nicht wunder, daß die Katze dieses Verhalten als empörend empfindet.
Doch auch der Hund findet das Verhalten der Katze entsetzlich. Er hat die freundlichsten Absichten und wedelt eifrig und frohgemut mit dem Schwanz. Zu seiner Beruhigung beantwortet sie das mit einem zwar zurückhaltenden, aber deutlich sichtbaren Zucken ihrer Schwanzspitze. Als er, auf diese Weise ermutigt und uneingedenk seines betäubenden Mundgeruchs, sich ihr nähert, liest er an der Frequenzerhöhung beim Peitschen des Katzenschwanzes einen Willkommensgruß ab. Gerade will er zu einem schlabbernden Begrüßungskuß ansetzen, da springt sie ihm spuckend und fauchend ins Gesicht.
Dieser Fluch wird von Generation zu Generation weitervererbt. Dem Clan der Hunde und der Dynastie der Katzen ist es bisher ebensowenig gelungen, ihn zu bannen, wie es Männern und Frauen gelingt, sich von der Wirkung dieses Fluchs zu befreien. Statt dessen hat er - auf seiten der Frauen - die Entstehung zweier gegensätzlicher Mythen bewirkt.
Der eine Mythos besagt, daß die Männer weithin überschätzte Wesen sind, eigentlich eher Irrläufer der Evolution, im Grunde Versager und Fehlschläge; und daß der alte Glaube an ihre Überlegenheit ein von ihnen selbst in Umlauf gesetztes Gerücht sei, dessen Ausbreitung sich teils der Zwangsmission, teils der Leichtgläubigkeit der Frauen verdanke.
Der andere Mythos ist der Traum von der Liebe. Da wird der Partner im Paradies zur Quelle des Glücks. Und so sieht die Standardphantasie aus:
Die Welt ist voller fremder Körper. Viele davon sind attraktiv und von entgegengesetztem Geschlecht. Sollte unter ihnen nicht einer sein, der uns aus der Fremdheit erlöst? Ein Körper, der uns aus der Menge entgegentritt und vertraut wird, weil die Person in ihm uns liebt?
Geschähe das, wären wir von dieser Sekunde ab nicht mehr allein. Die Welt hätte uns ihr freundliches Gesicht zugewandt. Ein Fremder wäre durch uns verzaubert, und an Stelle der kalten Welt begegnete uns ein warmer Körper. Wo sonst rituelle Verbote den Fremden fernhalten - im Hoheitsbereich und Sakralraum der eigenen Körpernähe - begegnet uns jetzt ein zweites Ich. Die Schutzzone des eigenen Selbst wird mit Wonne preisgegeben. Die Kraft, die sonst zur Sicherung der eigenen Schamgrenzen aufgewendet wird, zerfließt im Luxus der Hingabe. Wir können die Verteidigungsanlagen der Person schleifen. Uns erwartet nur noch Freundlichkeit und Bejahung. Wir werden gepriesen und gefeiert, und das Dasein verwandelt sich in ein dauerndes Fest.
Zugleich Fehlschlag der Evolution und Partner des Glücks? Dieser Widerspruch bleibt so lange ungeklärt, wie man selber ein Opfer von Mißverständnissen wird und es nicht bemerkt. Wie schnell das geht, kann man am Beispiel einer berühmt gewordenen Untersuchung zum Knutschverhalten englischer Mädchen und amerikanischer Soldaten studieren, die während des Weltkrieges in England stationiert waren. Bei einer Befragung beider Gruppen war herausgekommen, daß die englischen Mädchen die GIs für besonders stürmisch, sich selbst aber für zurückhaltend hielten; daß aber umgekehrt die GIs sie als forsch und sich selbst als schüchtern einstuften.
Als man die Sache untersuchte, fand man heraus, daß das Knutschprogramm für beide Gruppen aus circa zwanzig Phasen bestand. Aber im amerikanischen Programm kam der Zungenkuß schon in Phase fünf, bei den Engländerinnen aber erst in Phase zehn. Dafür kam bei ihnen das Befummeln der Intimzonen schon in Phase elf, während das bei den GIs erst in Phase neunzehn kam. Applizierten also die GIs den Zungenkuß - in ihrer Skala in Phase fünf, also recht früh -, hieß das für die englischen Mädchen, daß sie auf ihrer Skala schon in Phase zehn angekommen waren. Sie erlebten also die GIs als besonders forsch. Das stellte sie vor die Alternative, entweder abzubrechen oder die nächste Phase, elf auf ihrer Skala, also heavy petting, einzuleiten. Das kam aber auf der amerikanischen Skala erst in Stadium neunzehn. Also hatten die GIs den Eindruck, daß die englischen Mädchen schon in Phase sechs den Übergang zum Vollzug einleiteten. Das Ergebnis war, daß die ganze Skala von zwanzig auf sieben Phasen verkürzt wurde und jeder der beiden geschworen hätte, der jeweils andere habe die Sache beschleunigt.
Ich werde in diesem Buch zu zeigen versuchen, daß Männer und Frauen allenthalben in solche Fallen der Kommunikation taumeln; daß Männer anders kommunizieren als Frauen, ja, daß sie im Grunde ganz andere Wesen sind; und daß frau ihre Glückserwartungen nur dann realisieren kann, wenn sie von der grundsätzlichen Fremdheit der Männer ausgeht, um dann ihre Überwindung zu feiern. Nur wenn sie Zugang zum Land Maskulinia findet - jenem einst mächtigen, jetzt aber heruntergekommenen Reich -, kann sie ihre Hoffnungen auf eine realistische Basis stellen und einen Mann kennen und ihn trotzdem lieben.
Von diesem Land Maskulinia handelt dieses Buch. Wir schildern seine volkreiche Metropole Testosteron. Wir beschreiben die reichen Bodenschätze, unter ihnen die wertvollen Y-Chromosomen-Vorkommen, die die Grundlage für die Industrie und den Reichtum des Landes bilden. Wir erzählen die ruhmreiche Geschichte dieses einst machtvollen Reiches und gehen auf die Gründe für den heutigen Niedergang ein. Wir bieten ein schonungsloses Bild von den Hungersnöten in den Provinzen, den langen Warteschlangen vor den Verkaufsstellen und vom Sumpf der Korruption, in dem die Regierung unter Präsident Priapos Phallokratos versunken ist. Und wir zeigen, daß gerade diese Notlage den Patriotismus der Maskulinier dazu aufstachelt, die Politik der Propagandalügen und der Beschönigung des Präsidenten zu unterstützen. Und schließlich versuchen wir, in der Leserin ein Verständnis für dieses abstruse Verhalten zu wecken, indem wir auf die Sitten, die Gebräuche und die Institutionen in Maskulinia eingehen, die, aus ältester Zeit überliefert, uns heute so befremdlich erscheinen: Gemeint sind solche Bräuche wie die Nagelprobe und der Brüllwettbewerb bei der Initiation der Knaben; oder die Kugeljagd, bei der ein Lederball das gejagte Tier vertritt. Oder die Trinkreise, bei der ein Trupp von Bewohnern bei wachsender Trunkenheit und steigender Sangeslust von Tränkstelle zu Tränkstelle zieht. Gemeint ist auch das rigorose Strafrecht bei Verletzung des Schamgefühls: Mit dem Tode oder Pranger muß rechnen, wer in der Öffentlichkeit seine Gefühle entblößt. Oder wer einen Mißerfolg zugibt. Weiterhin werden wir das Schulsystem und die Bildungseinrichtungen darstellen, wo die nach dem Philosophen Alphonso Macho genannte Lehre des Machismo den Kleinen als Staatsideologie eingetrichtert wird. Von der Politik wird die Rede sein, die in Maskulinia nicht nur einen Teil, sondern fast alle Bewohner interessiert, so daß man sagen kann, sie sei neben der Kugeljagd der eigentliche Volkssport des Landes. Und wir werden auch auf den sprichwörtlichen Stolz des Maskuliniers zu sprechen kommen, der ihn zu einem solchen Patrioten - Kritiker sagen: Chauvinisten - macht. Und hier wird der Schlüssel zum Verständnis jenes so merkwürdigen Volkscharakters liegen, von dem so viele kulturelle Erfindungen und so viele Menschheitskatastrophen ihren Ausgang genommen haben. All das wird der Leserin zunächst so fremd und abwegig erscheinen, daß sie Mühe haben wird, es zu glauben. Aber das Buch versteht sich durchaus als praktischer Reiseführer. Es enthält beinah alles, was man über Männer wissen muß - jenes noch immer merkwürdige und rätselhafte Volk, das von Anfang an die Frauen der Welt begleitet, beglückt und gepeinigt hat.
Zum Schluß noch eine Bemerkung zur Architektur dieses Buches: Den Haupttext habe ich in acht Kapiteln angeordnet. Er handelt von den Männern. Aber wie in einem Schlößchen in den acht Repräsentationsräumen jeweils das Bild eines Ahnen hängt, so habe ich in jedes der acht Kapitel das dazu passende Bild aus der Galerie der Männertypen eingefügt. Man kann die Bilder auch unabhängig von den Kapiteln betrachten und wandert dann durch eine Sammlung von Männerporträts.
Und so wie am Ende von jedem Repräsentationsraum eine Tapetentür zu einer der Logen des Schloßtheaters führt, habe ich am Ende jedes Kapitels eine dramatische Szene eingefügt, die Motive des Haupttextes aus der Sicht der Frauen variiert. Wer sie hintereinander liest, wird feststellen, daß sie zusammen eine richtige Komödie bilden: die Komödie der Frauen als Gegenentwurf zum sonoren Text über die Männer.
Dieses Buch ist allen Frauen in Dankbarkeit gewidmet. Sie allein haben mich gelehrt, was emotionale Großzügigkeit ist.
DES WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG
Die Liebe und der Schrecken
Unerschöpflich ist die Sehnsucht der Frauen nach der Utopie der Gesellschaft zu zweit. Das ist verständlich, denn sie scheint leichter zu verwirklichen als die politische Utopie. Nicht eine ganze Gesellschaft und ihr guter Wille sind dazu nötig, sondern nur zwei Liebende. Entsprechend schließt sich das Paar selbst aus der Gesellschaft aus und bildet eine Sonderwelt, in der andere Gesetze gelten als außerhalb. Ist draußen die Wildnis der Fremden mit ihrer Kälte und Unpersönlichkeit, herrscht drinnen die Wärme der Intimität. Sind die Menschen draußen einander weitgehend gleichgültig, bedeuten die beiden Liebenden einander alles.
Zugleich wird das Scheitern der Liebe nicht als Widerlegung des ganzen Projektes erlebt. Es war halt der falsche Partner. Man paßte nicht zusammen. Und so begibt man sich auf die Suche nach einem neuen Partner, mit dem man die Sache noch einmal versucht. Es gibt Frauen, die schon unzählige Male gescheitert sind und doch immer wieder einen neuen Anlauf nehmen. Dabei laufen ihre Liebesgeschichten ab wie politische Revolutionen. Denn beide folgen dem gleichen Muster.
Das Drama der Revolution wird immer ausgelöst von einer Sehnsucht nach Vereinigung. Plötzlich erträgt man es nicht mehr, daß die Gesellschaft geteilt ist. Geteilt in Herrscher und Beherrschte, Reiche und Arme, Aristokraten und Bürger, Kapitalisten und Proletarier. Darauf werden alle Mißstände zurückgeführt: die Unfreiheit, die schlechte Versorgung, die Korruption und der allgemeine Sittenverfall. Es sind die Barrieren zwischen den Menschen, auf die sich die Wut des Volkes richtet. Und so wächst die Unzufriedenheit, und die Spannung steigt, und eines Tages - ein Zufall kann alles auslösen - bricht die Revolution aus. Ja, die Revolution. Sie ist fast so etwas Rauschhaftes wie die Liebe.
Nach dem Fall der Bastille wird sie zum Freudentaumel und verwandelt sich in ein Fest. Fremde umarmen sich; zerstrittene Nachbarn versöhnen und küssen sich. Eine ungeheure Euphorie ergreift das Volk. Im Rausch des Festes wird die Nation eins und unteilbar - une et indivisible - wie es in der Französischen Revolution heißt. Nie haben die Beteiligten etwas Schöneres und Erhabeneres erlebt. Die Welt hat sich plötzlich verwandelt. Es lohnt sich, in ihr zu leben. Alle verbrüdern sich, es gibt keine Unterschiede mehr. Die Menschen sind liebenswert. Die Erde verjüngt sich. Man möchte die Zeit von jedem Tag an neu beginnen lassen. Die Welt wird neu erfunden. Schiller hat in der "Ode an die Freude" den Taumel der Revolution genau getroffen: "Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt. Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt. Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt ..."
Das ist ganz ähnlich wie der erotische Liebesrausch. Auch da ist die Spannung unerträglich geworden. Alles, was die Liebenden trennt, wird als lästig und hassenswert erlebt. Bis sich die beiden wütend gegen die elterlichen Autoritäten auflehnen, alle Konventionen, Verbote und Hindernisse überrennen und sich in die Arme fallen, um in der Ekstase der Liebe miteinander zu verschmelzen. Am Morgen danach sieht die Welt wie neugeboren aus. Ab dann zählt eine neue Zeitrechnung, und die beiden sind wie verwandelt.Was aber passiert mit der Revolution? Wie die Liebenden machen die Revolutionäre sich daran, die neue Ordnung zu festigen.
Leseprobe zu "Männer" von Dietrich Schwanitz
Warum werden Mann und Frau immer mit Hund und Katze verglichen? Ist es, weil die Frau elegant und reinlich ist wie eine Katze, die auf leisen Sohlen dezent einherschreitet, im Vollgefühl ihrer Anmut und Würde, während der Hund ein lärmender Rabauke ist wie ein Mann, ein Meutenmitglied ohne Feingefühl, ausgestattet mit dem Hang zum Radau, aber Vorgesetzten gegenüber von schwanzwedelnder Unterwürfigkeit?
Sicher. Aber der eigentliche Grund für die Ähnlichkeit liegt tiefer. Worin er besteht, wurde mir bei einem denkwürdigen Anlaß klar.
Es war auf dem ersten Klassentreffen, Jahrzehnte nach dem Abitur. Als sich, nach der ersten Befangenheit, der Abend in die Nacht zog und die Worte hin- und herflogen, fiel mir plötzlich auf: Aus Frauen und Männern hatten sich zwei verschiedene Gesprächsgruppen gebildet. Was war geschehen? Die Männer rutschten im Nu in ihre alten Rollen zurück und wurden wieder die Knaben, die sie früher gewesen waren. Sie rissen Witze und lachten über die Heldentaten von einst. Von dem Leben, das sie seitdem geführt hatten, erfuhr man nichts. Wenn man nachfragte, wurde man mit Sprüchen abgespeist. Niemand erzählte, wie es ihm inzwischen ergangen war. Die Sprüche und Witze, die Anekdoten über alte Lehrer und die Reminiszenzen an alte Heldentaten dienten nur dem Zweck, nichts Persönliches erzählen zu müssen.
Wie anders bei den Frauen! Sie alle hatten eine Geschichte, die die Zeit von damals mit dem Heute verband. Es waren keine jungen Mädchen mehr, denn sie hatten in der Zwischenzeit etwas erlebt. Und sie wußten es und konnten es erzählen. Aus ihnen sprach die lebendige Erfahrung, und jede der Frauen wurde zu einer Figur in einem interessanten Lebensroman.
Häufig waren es Geschichten über verlorene Illusionen, die sie erzählten. Und in der Regel betrafen ihre Enttäuschungen ihre Männer. Und während ich zuhörte, wurde mir klar: Diese Männer sind von derselben Sorte wie ihre Klassenkameraden von einst, die da wie spätpubertierende Teenager ihre Sprüche klopfen. Sie sind ihren Frauen fremd geblieben. Sie wirken auf sie wie erfahrungslose Figuren, steril und ohne die Fähigkeit, zu ihnen zu sprechen. Und zugleich ging mir auf: Diese Frauen haben keinen Schimmer, daß alle diese Kerle eine Maske tragen. Daß sie ihre puerilen Scherze machen, um nichts Persönliches berichten zu müssen.
Und daß sie auf diese Weise ihre Trauer verbergen - Trauer über die verpaßten Chancen und die eigenen Fehler, Trauer darüber, daß das Leben im Vergleich zu den damaligen Hoffnungen kläglich verlaufen ist, und auch Trauer darüber, daß sie all das hinter der idiotischen Maske der Unreife verbergen müssen, die sie einsam und sprachlos macht. Und mit der Plötzlichkeit einer Eingebung wurde mir klar, daß die Ähnlichkeit mit Hund und Katze auf einem Fluch beruht, der die Beziehung zwischen ihnen verhext.
Dieser Fluch besteht darin, daß die Annäherung der Geschlechter in Männern und Frauen entgegengesetzte Reaktionen auslöst. Die Männer setzen eine Maske auf, werfen sich in die Pose des Siegers und verwandeln sich in Angeber. Damit betonen sie die Abgrenzung gegenüber den Frauen, um den Eindruck ihrer Männlichkeit zu verstärken. Die Frauen aber erwarten von Nähe größere Aufrichtigkeit und wechselseitige Selbstauslieferung. Die Männer dagegen verstärken die Theatralik, um cool zu wirken, und verschließen dabei ihr Inneres in dem Moment, in dem die Frauen ihre Gefühle offenbaren.
Der Effekt ist derselbe wie in der Kommunikation zwischen Hund und Katze: Wenn der Hund freundlicher Stimmung ist, wedelt er mit dem Schwanz. Ist er dagegen böse, dann knurrt er. Bei der Katze ist es umgekehrt. Ist sie gereizt, dann zuckt die Schwanzspitze. Fühlt sie sich anschmiegsam und liebebedürftig, beginnt sie zu schnurren. Nähert sich also eine Katze mit vertrauensseligem Schnurren einem Hund, fühlt dieser sich bedroht und beginnt zurückzuknurren. Das mißversteht die Katze als Einladung zu Vertraulichkeiten, die der Hund wiederum als Angriff auf seine Unabhängigkeit mißversteht und mit Bellen und Bissen beantwor-tet. Da nimmt es nicht wunder, daß die Katze dieses Verhalten als empörend empfindet.
Doch auch der Hund findet das Verhalten der Katze entsetzlich. Er hat die freundlichsten Absichten und wedelt eifrig und frohgemut mit dem Schwanz. Zu seiner Beruhigung beantwortet sie das mit einem zwar zurückhaltenden, aber deutlich sichtbaren Zucken ihrer Schwanzspitze. Als er, auf diese Weise ermutigt und uneingedenk seines betäubenden Mundgeruchs, sich ihr nähert, liest er an der Frequenzerhöhung beim Peitschen des Katzenschwanzes einen Willkommensgruß ab.
Gerade will er zu einem schlabbernden Begrüßungskuß ansetzen, da springt sie ihm spuckend und fauchend ins Gesicht.