Leseprobe zu "Lernen macht intelligent"
Viele Menschen verbringen große Teile ihres Lebens damit, nach guten, vielleicht sogar außergewöhnlichen Leistungen zu streben. Hierfür, so lehren uns Pädagogen und Psychologen, ist effizientes Lernen über einen langen Zeitraum eine unabdingbare Voraussetzung. Manche Fähigkeiten und Fertigkeiten lassen sich besonders gut in der Kindheit erwerben, später hingegen nur mit erheblich größerem Aufwand. Andererseits wird fast allerorts lebenslanges Lernen propagiert, und tatsächlich erlauben es die dynamischen Entwicklungen im Arbeitsleben unserer Gesellschaften kaum noch jemandem, ein Leben lang im gleichen Tätigkeitsfeld beschäftigt zu sein. Aber nicht nur die Vermittlung von Fachwissen und Expertise steht im Zentrum des lebenslangen Lernens, auch in "weichen" Fertigkeiten (soft skills) wie sozialer und emotionaler Kompetenz, Kommunikationsfähigkeit, Überzeugungskraft etc. müssen wir uns ein Leben lang weiterentwickeln, um uns auf einem - durch zunehmende Rationalisierungs- und Globalisierungstendenzen in der Wirtschaft - immer kleiner werdenden Arbeitsmarkt weiterhin aussichtsreich positionieren zu können. Dies dient einerseits dem Ziel, einen möglichst hohen Lebensstandard im Hier und Jetzt zu erreichen, andererseits aber auch - in Zeiten implodierender Renten- und Pensionssysteme - die notwendigen Rücklagen für das Alter schaffen zu können. Zur Erreichung dieser Ziele der fachlichen, vor allem aber auch der persönlichen Fortbildung haben sich inzwischen ganze Dienstleistungssektoren etabliert (Supervision, Training von Managementqualitäten, Führungserfolg, soziale und emotionale Intelligenz und vieles mehr), und zum Teil sind neue Berufsbilder wie etwa das des Coachs entstanden. Wer "es geschafft hat", geht heute nicht mehr zum Psychoanalytiker, sondern hat einen eigenen Coach.
Der boomende Trainings-, Supervisions- und Coachingmarkt steht aber gleichzeitig in einem zumindest partiellen, aber deshalb nicht weniger interessanten Widerspruch zur Popularität von teils traditionellen, teils modernen Begabungsbegriffen. Der Intelligenzquotient oder IQ ist - selbst in der nicht einschlägig (aus-)gebildeten Bevölkerung - sicher eines der bekanntesten Konzepte der modernen Psychologie. Intelligenz mit ihren verschiedensten Facetten der Begabung gilt wohl den meisten Menschen als notwendige, wenn auch nicht hinreichende Voraussetzung für den Erfolg in Ausbildung und Beruf. Nicht zuletzt werden innerhalb wie außerhalb der modernen wissenschaftlichen Psychologie seit einigen Jahrzehnten immer wieder neue "Intelligenzen" ge- bzw. erfunden, wie beispielsweise die soziale Intelligenz und in jüngerer Zeit die emotionale Intelligenz bis hin zu Kuriositäten wie der sexuellen Intelligenz. Während einige Facetten menschlicher Begabungen angesichts einer mehr als 100-jährigen Tradition als sehr gut erforscht gelten können - dies trifft vor allem auf kognitive Fähigkeiten wie verbale oder Sprachbegabungen, rechnerisch-mathematische Fähigkeiten und das visuell-räumliche Vorstellungsvermögen zu -, haben andere Merkmale nicht nur eine deutlich kürzere Forschungsgeschichte, sondern die Erkenntnisse über sie sind teilweise trotz 40 bis 50 Jahre währender wissenschaftlicher Bemühungen auf vergleichsweise mäßigem Niveau angesiedelt. Dies gilt zum Beispiel für die Kreativität. Wieder andere Begabungsmerkmale, etwa die erwähnten soft skills, haben zwar einerseits eine längere Forschungstradition (der Begriff der sozialen Intelligenz geht auf Thorndike, 1920, zurück), doch ist der wissenschaftliche Erkenntnisstand zu diesen Fähigkeiten vergleichsweise bescheiden. In den letzten Jahren haben sich jedoch in der wissenschaftlichen Psychologie seriöse Forschungsaktivitäten zur emotionalen Intelligenz etabliert, die als eine Form der sozialen Intelligenz in neuem Gewände verstanden werden kann.
Die Psychologie und die Märkte, die Psychologen und verwandte Professionen bedienen, sind also mit dem faszinierend
Leseprobe zu "Lernen macht intelligent"
Vorwort
Viele Menschen verbringen große Teile ihres Lebens damit, nach guten, vielleicht sogar außergewöhnlichen Leistungen zu streben. Hierfür, so lehren uns Pädagogen und Psychologen, ist effizientes Lernen über einen langen Zeitraum eine unabdingbare Voraussetzung. Manche Fähigkeiten und Fertigkeiten lassen sich besonders gut in der Kindheit erwerben, später hingegen nur mit erheblich größerem Aufwand. Andererseits wird fast allerorts lebenslanges Lernen propagiert, und tatsächlich erlauben es die dynamischen Entwicklungen im Arbeitsleben unserer Gesellschaften kaum noch jemandem, ein Leben lang im gleichen Tätigkeitsfeld beschäftigt zu sein. Aber nicht nur die Vermittlung von Fachwissen und Expertise steht im Zentrum des lebenslangen Lernens, auch in "weichen" Fertigkeiten (soft skills) wie sozialer und emotionaler Kompetenz, Kommunikationsfähigkeit, Überzeugungskraft etc. müssen wir uns ein Leben lang weiterentwickeln, um uns auf einem - durch zunehmende Rationalisierungs- und Globalisierungstendenzen in der Wirtschaft - immer kleiner werdenden Arbeitsmarkt weiterhin aussichtsreich positionieren zu können. Dies dient einerseits dem Ziel, einen möglichst hohen Lebensstandard im Hier und Jetzt zu erreichen, andererseits aber auch - in Zeiten implodierender Renten- und Pensionssysteme - die notwendigen Rücklagen für das Alter schaffen zu können. Zur Erreichung dieser Ziele der fachlichen, vor allem aber auch der persönlichen Fortbildung haben sich inzwischen ganze Dienstleistungssektoren etabliert (Supervision, Training von Managementqualitäten, Führungserfolg, soziale und emotionale Intelligenz und vieles mehr), und zum Teil sind neue Berufsbilder wie etwa das des Coachs entstanden. Wer "es geschafft hat", geht heute nicht mehr zum Psychoanalytiker, sondern hat einen eigenen Coach.
Der boomende Trainings-, Supervisions- und Coachingmarkt steht aber gleichzeitig in einem zumindest partiellen, aber deshalb nicht weniger interessanten Widerspruch zur Popularität von teils traditionellen, teils modernen Begabungsbegriffen. Der Intelligenzquotient oder IQ ist - selbst in der nicht einschlägig (aus-)gebildeten Bevölkerung - sicher eines der bekanntesten Konzepte der modernen Psychologie. Intelligenz mit ihren verschiedensten Facetten der Begabung gilt wohl den meisten Menschen als notwendige, wenn auch nicht hinreichende Voraussetzung für den Erfolg in Ausbildung und Beruf. Nicht zuletzt werden innerhalb wie außerhalb der modernen wissenschaftlichen Psychologie seit einigen Jahrzehnten immer wieder neue "Intelligenzen" ge- bzw. erfunden, wie beispielsweise die soziale Intelligenz und in jüngerer Zeit die emotionale Intelligenz bis hin zu Kuriositäten wie der sexuellen Intelligenz. Während einige Facetten menschlicher Begabungen angesichts einer mehr als 100-jährigen Tradition als sehr gut erforscht gelten können - dies trifft vor allem auf kognitive Fähigkeiten wie verbale oder Sprachbegabungen, rechnerisch-mathematische Fähigkeiten und das visuell-räumliche Vorstellungsvermögen zu -, haben andere Merkmale nicht nur eine deutlich kürzere Forschungsgeschichte, sondern die Erkenntnisse über sie sind teilweise trotz 40 bis 50 Jahre währender wissenschaftlicher Bemühungen auf vergleichsweise mäßigem Niveau angesiedelt. Dies gilt zum Beispiel für die Kreativität. Wieder andere Begabungsmerkmale, etwa die erwähnten soft skills, haben zwar einerseits eine längere Forschungstradition (der Begriff der sozialen Intelligenz geht auf Thorndike, 1920, zurück), doch ist der wissenschaftliche Erkenntnisstand zu diesen Fähigkeiten vergleichsweise bescheiden. In den letzten Jahren haben sich jedoch in der wissenschaftlichen Psychologie seriöse Forschungsaktivitäten zur emotionalen Intelligenz etabliert, die als eine Form der sozialen Intelligenz in neuem Gewande verstanden werden kann.
Die Psychologie und die Märkte, die Psychologen und verwandte Professionen bedienen, sind also mit dem faszinierenden Widerspruch zwischen der Annahme zumindest teilweise erblich bedingter menschlicher Begabungen einerseits und einem Bildungs-, Trainings- und Coachingboom andererseits konfrontiert. Sind menschliche Begabungen (oder auch die Persönlichkeit, der "Charakter" eines Menschen) primär genetisch festgelegt oder zumindest durch pränatale und frühkindliche Einflüsse so stark beeinflusst, dass spätere Bildungsmaßnahmen unsere Psyche eigentlich kaum mehr oder nur in sehr engen Grenzen verändern können? Oder ist die menschliche Psyche (Begabungen und Persönlichkeit) so flexibel, dass Erziehung, (Aus-)Bildung, adäquates Training und Coaching auch aus einem unter schwierigsten Bedingungen aufgewachsenen "Kaspar Hauser" einen erfolgreichen Manager, Wissenschaftler, Künstler oder Politiker machen können?
Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo in der Mitte, das sagt uns schon die intuitive Alltagserfahrung. Aber wo sie genau liegt und welche Begabungen mehr oder weniger genetisch oder durch frühe Erfahrungen festgelegt werden, das wissen wir aufgrund der jüngsten Entwicklungen in der so genannten Populations- oder Verhaltensgenetik (der Erforschung des Einflusses von Anlage und Umwelt) wie auch in den Kognitions- und Neurowissenschaften wesentlich genauer als noch vor ein paar Jahren.
Obwohl wir so etwas wie einen stabilen Kern unserer Begabungen und unserer Persönlichkeit zugrunde legen müssen, haben natürlich Lernen und Erfahrung einen beachtlichen Einfluss auf die Anpassung dieses Kerns an unsere Umwelt. Aber wie genau wirken sich Bildung, Ausbildung und Training auf unsere geistigen Kompetenzen aus? In Deutschland wie in Österreich ist die Frage nach dem Wann und dem Wie besonders virulent, seitdem internationale Schulleistungsstudien wie PISA gelegentlich sogar dahingehend interpretiert werden, dass in diesen Ländern ein Bildungsnotstand herrsche. Obwohl es keinen Grund zu der Annahme gibt, dass deutsche und österreichische Schüler mit einem weniger effizienten Gehirn ausgestattet sind als finnische, niederländische oder kanadische Schüler, lernen diese mehr und besser in der Schule. Ganz offensichtlich können in Abhängigkeit von der Qualität der Lernangebote bei gleichen Voraussetzungen in der Intelligenz Kompetenzen in unterschiedlichem Ausmaß gefördert werden. Gibt es "kritische Perioden" für die eine oder andere Begabung, nach deren Verstreichen man bestenfalls mittelmäßige Leistungen erreichen kann? Und inwieweit spielen Motivation, Übung und Ausdauer nicht vielleicht sogar eine größere Rolle als die Begabung?
Die zentrale Frage dieses Buches ist der (vermeintliche) Widerspruch zwischen Begabungen und Talenten einerseits und der großen Bedeutung von Lernen und Bildung andererseits. Was sind die genetischen und neurobiologischen Grundlagen von Begabung und Lernen? Und inwieweit lassen sich die Grenzen der Begabung durch Lernen und/oder Üben überwinden? Ziel dieses Buches ist es, eine Synthese zwischen Erkenntnissen aus Begabungs- und Intelligenzforschung einerseits und kognitionspsychologischer Lehr- und Lernforschung andererseits vorzustellen.
Für die Entwicklung dieser Synthese haben wir, ein Vertreter der Intelligenz- und Begabungsforschung und eine Vertreterin der kognitionswissenschaftlich orientierten Lehr- und Lernforschung, uns zusammengefunden. Dieses Buch ist auch das Ergebnis einiger teils kontroverser, aber umso fruchtbarerer Diskussionen zwischen beiden Autoren. Dem soll die Struktur des Buches Rechnung tragen: Es werden wesentliche Erkenntnisse aus mehr als 100 Jahren wissenschaftlicher Intelligenz- und Begabungsforschung einerseits und Lernforschung andererseits vorgestellt. Wer sich einen "enzyklopädischen Zugang" erwartet, wird allerdings enttäuscht werden. Vielmehr reflektiert die Darstellung die persönlichen Schwerpunktsetzungen der Autoren aus der Perspektive der modernen Kognitions- und Neurowissenschaften.
Interindividuelle Unterschiede in der Intelligenz geben nicht nur der Wissenschaft Rätsel auf, sondern stellen auch eine Herausforderung für unser Schulsystem dar. Können Menschen mit unterschiedlicher Intelligenz von den gleichen Lerngelegenheiten profitieren? Diese Frage steht auch im Zusammenhang mit dem Thema Hochbegabung, dem wir ein eigenes Kapitel gewidmet haben. Es bleibt uns zu hoffen, dass bei den Leserinnen und Lesern das Buch so ankommt, wie wir es beabsichtigt haben: intellektuell stimulierend und alltagstauglich.
Wenn dies gelungen ist, so ist es bei weitem nicht allein unser Verdienst. Hella Beister vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin hat jedes einzelne Kapitel sehr kritisch gelesen, uns gnadenlos auf Widersprüche oder unverständliche bzw. schlampige Formulierungen hingewiesen und wertvolle Verbesserungsvorschläge gemacht. Wir sind ihr zu großem Dank verpflichtet. Frau Naumann von der Deutschen Verlags-Anstalt hat ein Übriges getan, um die Lesbarkeit und die Verständlichkeit des Buchs zu verbessern. Auch ihr sei herzlich gedankt. Frau Anna Kanape vom Institut für Psychologie der Universität Graz sei gedankt für die große Hilfe bei der Erstellung von Grafiken und für Literaturrecherchen. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass viele Kolleginnen und Kollegen, vor allem aber auch ZuhörerInnen unserer Vorträge kritische Anmerkungen zu einzelnen Befunden und Thesen geliefert haben, ohne deren Beiträge dieses Buch vielleicht nicht entstanden wäre.
Intelligenz und ihre Ursprünge
Der Begriff Intelligenz stammt ab vom lateinischen intelligentia, was zumeist mit "Verstand", "Einsicht" oder "Erkenntnisvermögen" übersetzt wird. Das der intelligentia zugrunde liegende Verb ist intellegere, was so viel bedeutet wie "mit Sinn und Verstand wahrnehmen, einsehen, begreifen, verstehen, richtig beurteilen".
Intelligenz und Begabung werden oft synonym verwendet, immer wieder aber auch mit etwas unterschiedlichen Begriffsinhalten. Während sich der Begriff der Intelligenz durchgesetzt hat, um kognitive Fähigkeiten (also im weitesten Sinne die Fähigkeit, gut zu denken, zu urteilen oder zu verstehen; siehe Binet und Simon) darzustellen, wird das Wort Begabung nicht nur zur Beschreibung eines hohen Denkvermögens, sondern auch anderer überdurchschnittlicher oder gar herausragender Leistungen herangezogen. Letztere können sogar auf anderen als rein kognitiven Gebieten zu beobachten sein: etwa besonders kreative oder schöpferische, musikalische oder sportliche oder auch außergewöhnliche soziale, emotionale oder gar spirituelle Taten (wie sie z. B. mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet werden).
Die Teilgebiete der Psychologie, die sich mit Intelligenzforschung einerseits und mit Begabungsforschung andererseits beschäftigen, laufen interessanterweise seit Jahrzehnten parallel. Und obgleich es Berührungspunkte gibt, ist der Austausch zwischen Intelligenzforschern und Begabungs- bzw. Hochbegabungsforschern bislang eher die Ausnahme denn die Regel. Nicht zuletzt wollen wir in diesem Buch versuchen, die beiden Gebiete einander etwas näher zu bringen und dabei die durchaus bestehenden, beträchtlichen Überschneidungen stärker herausarbeiten, als das in der einschlägigen Literatur bislang der Fall ist.
Zum Begriff der Intelligenz
Was ist Intelligenz? Im Widerspruch zu dem gerne zitierten Bonmot, es gäbe so viele Intelligenzdefinitionen, wie es Intelligenzforscher gibt, ist nach rund 100 Jahren psychologischer Intelligenzforschung doch eine weitgehende Übereinstimmung zwischen den jeweiligen Definitionen des Intelligenzbegriffs auszumachen. Intelligenz ist demzufolge die Fähigkeit, a) sich in neuen Situationen aufgrund von Einsichten zurechtzufinden, b) Aufgaben mit Hilfe des Denkens zu lösen, wobei nicht auf eine bereits vorliegende Lösungsstrategie zurückgegriffen werden kann, sondern diese erst aus der Erfassung von Beziehungen abgeleitet werden muss. Beispiele aus gängigen Intelligenztests zeigen allerdings, dass nicht nur neuartige Aufgaben gestellt werden, bei denen es um das Erfassen von Beziehungen geht, sondern häufig lediglich Wissen abgefragt wird (z.B. wenn Wörter erklärt werden müssen). Aber nicht nur die Aufgaben zur Erfassung von verbaler oder sprachlicher Intelligenz greifen auf kulturell tradiertes Wissen zurück, auch die Aufgaben zur Erfassung der numerischen oder mathematischen Intelligenz sind ohne Kenntnis des arabischen Zahlensystems und der Grundrechenarten nicht lösbar. Am geringsten ist die Abhängigkeit von kulturell tradiertem und vor allem in der Schule vermitteltem Wissen in der Regel bei Aufgaben, die sich figural-bildhaften Materials bedienen, etwa Würfelaufgaben, Matrizen, Flächenaufgaben etc., um Aspekte der räumlich-visuellen Wahrnehmungsfähigkeit zu erfassen. Aber selbst die erfolgreiche Bewältigung solcher Aufgaben ist - wie hier zu zeigen sein wird - an Kulturtechniken gebunden, und dies nicht nur aufgrund der - bei nahezu allen gängigen Intelligenztests gegebenen - Abhängigkeit der so genannten Instruktion, also der Aufgabenerklärung, vom Sprachverstehen.
Der Begriff der Intelligenz erfährt gerade in den vergangenen Jahrzehnten immer weitere "Ausdehnungsversuche". Intelligenz und der Intelligenzquotient sind enorm populär geworden, Zeitschriften benennen sich nach dem IQ, IQ-Shows im Fernsehen erfreuen sich großer Beliebtheit - ein interessantes Phänomen, das allerdings ein vorwiegend mitteleuropäisches zu sein scheint. In den USA ist der Begriff der Intelligenz eher verpönt. Selbst in wissenschaftlichen Publikationen wird er zumeist mit general cognitive ability (also allgemeine kognitive Fähigkeit) umschrieben. In den vergangenen Jahren wurde der Begriff der Intelligenz auch zunehmend zur Beschreibung von nicht-kognitiven Fähigkeiten herangezogen: Howard Gardners multiple Intelligenzen, Robert Sternbergs Erfolgsintelligenz oder die von Peter Salovey und John D. Mayer postulierte und von Daniel Goleman popularisierte emotionale Intelligenz fallen in diese Kategorie. Obwohl diese neueren, alternativen Intelligenzmodelle mehrheitlich bislang kaum den Ansprüchen an eine wissenschaftliche Theorie genügen, erscheinen einige der in diesen Modellen postulierten Fähigkeiten (vor allem soziale, emotionale und kreative Begabungen) aus der Sichtweise einer empirischen Psychologie interessant und untersuchenswert. Sie sind aber nach Ansicht der meisten Intelligenzforscher eindeutig nicht der Domäne der Intelligenz zuzurechnen, sondern verdienen eher Beachtung als eigenständige und von dem Bereich der Intelligenz unabhängige Persönlichkeitsmerkmale von Menschen.
Intelligenz als Lernfähigkeit
Wann immer man eine Gruppe von Menschen vor eine nichttriviale geistige Anforderung stellt, findet man Unterschiede. Diese können sich in der Anzahl der gelösten Aufgaben, in der Eleganz der Lösung oder aber in der zur Lösungsfindung benötigten Zeit zeigen. Die Ursachen für solche Leistungsunterschiede sind vielfältig. Sie können beispielsweise in der Lerngeschichte liegen: Die Aufgaben setzen Wissen voraus, welches man nur durch die Nutzung spezieller Lerngelegenheiten erwerben kann. So setzt beispielsweise die Lösung von Aufgaben zur Infinitesimalrechnung anspruchsvollen Mathematikunterricht in der gymnasialen Oberstufe voraus. Wenn eine Person mit Hauptschulabschluss eine solche Aufgabe nicht lösen kann, dürfen wir demnach nicht mangelnde Intelligenz dafür verantwortlich machen. Ist hingegen ein junger Erwachsener mit Abitur bzw. Matura nicht imstande, eine solche Aufgabe zu lösen, obwohl das Thema im Mathematikunterricht behandelt wurde, ist es nicht ganz abwegig, Rückschlüsse auf seine Intelligenz zu ziehen, da Lerngelegenheiten offensichtlich nicht nachhaltig genutzt wurden. Der Begriff der Intelligenz wird also gebraucht, um zu erklären, warum Menschen mit gleichem Bildungshintergrund und gleichen schulischen Lerngelegenheiten unterschiedliche Leistungen zeigen. Haben zwei Schüler aus vergleichbaren Elternhäusern mehrere Jahre in derselben Schulklasse gesessen, und am Ende hat einer der Schüler sehr gute und der andere sehr schlechte Noten, wird man dem Schüler mit den besseren Noten eine höhere Intelligenz zuschreiben.
Unterschiedlichen Personen ein unterschiedliches Maß an Intelligenz zuzuschreiben, ist nur dann fair, wenn Lern- und Erfahrungshintergrund ähnlich sind. Weiter unten werden wir noch ausgiebig diskutieren, dass das, was wir unter Intelligenz verstehen, ohne den Schulbesuch nicht messbar wäre. Frühe Versuche der Psychologie, die Intelligenz von Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund mit so genannten kulturfairen Tests zu vergleichen, haben sich als sehr unzuverlässig erwiesen und mussten aufgegeben werden.Aber auch bei vergleichbarem Lern- und Erfahrungshintergrund wäre es kurzsichtig, anzunehmen, dass bessere Leistung immer mit einer höheren Intelligenz einhergeht. Selbst sehr intelligente Menschen sind nicht automatisch in der Lage, jede Lerngelegenheit optimal zu nutzen. Zwar gibt es einen bedeutsamen Zusammenhang zwischen Intelligenz und Schulerfolg, aber dieser ist keineswegs so eng, dass man aus der einen Variablen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die andere Variable vorhersagen könnte. Für motivationsbedingte Abweichungen zwischen Intelligenz und Schulleistung wurden in der Psychologie schon vor längerer Zeit Fachbegriffe eingeführt: Man spricht von Underachievern, wenn die Schulleistung schlechter ist, als aufgrund der Intelligenz erwartet, und von Overachievern, wenn das umgekehrte Muster vorliegt. In Ländern wie Deutschland und Österreich, die in internationalen Schulleistungsstudien eher schlecht abschneiden, wird häufig reproduktiv gelernt. Möglicherweise können aber gerade intelligente Schüler wenig mit Lerngelegenheiten anfangen, die primär auf die Wiedergabe der vom Lehrer vorgegebenen Merksätze abzielen.