Junge Männer türkischer/kurdischer Herkunft werden in Deutschland
nach wie vor als fremdländisch angesehen, kennen aber die Türkei
oft nur noch als Urlaubsland. Auf dieses Situation reagieren sie
mit Überanpassung, Überbetonung der nationalen Herkunft oder eine
souveräne Haltung des "Die Deutschen wollen mich nicht, zu den
Türken gehöre ich nicht: Ich mach mein eigenes Ding". Schwule
Männer und Jugendliche aus muslimischen Migrantenfamilien stecken
zudem in einem doppelten Dilemma: In der Schwulenszene gelten sie
oft genug als Exoten, als Fremde, auf jeden Fall gehören sie nur
selten zum Alltag in der Gay Community. Für ihre besondere
Situationen als Migranten mit türkischem, arabischem und iranischem
Hintergrund interessieren sich deutsche Schwule aber nur selten.
Von ihrer Herkunftsfamilie und -gemeinschaft werden sie wegen ihrer
sexuellen Orientierung zumeist ausgegrenzt, wenn diese überhaupt
davon erfahren darf. Und wie stehen sie in ihren Cliquen, unter
ihren gleichaltrigen Freunden da? Das vorliegende Buch will das
Bewusstsein für die besondere Situation schwuler Männer aus
muslimischen Migrantenfamilien in Deutschland schärfen und Anstöße
für eine Diskussion liefern. Es gibt einen Überblick über die Lage
in einigen Kernländern des Islam, einen Einblick in die Arbeit
schwullesbischer MigrantInnen-Gruppen aus der Türkei und eröffnet
einen schwulen Blick auf den Koran.
Im Mittelalter war Homosexualität im Islam nicht unbekannt, das belegen nicht zuletzt die heftigen Strafmaßnahmen, die das klassische Recht kannte: "Steinigung, Herabstürzen von einem hohen Berg oder Verbrennen", erklärt der ngr. zeichnende Rezensent. Bis heute missbilligten islamische Gelehrte die Homosexualität, in teils drastischer Weise. In diesem Band, so sab., suchen nun schwule, aber gläubige Muslime die Auseinandersetzung. Es gehe dabei freilich nicht nur um Auslegungs-, ja noch nicht einmal in erster Linie um religiöse Fragen. Kritisch betrachtet werde mehr noch die starke patriarchale Ausrichtung muslimischer Gesellschaften. Der Rezensent bedauert nur, dass über weibliche Homosexualität so gut wie nichts zu lesen ist.
Sehr zu empfehlen, da nach dem theoretischen Teil die soziale und sexuelle Lebenssituation türkischer, iranischer und arabischer Männer diskutiert wird. Diese Beiträge schärfen Bewusstsein, fördern Verständnis und liefern Diskussionsanstöße. Du & Ich, September 2003 Das Buch ist auf jeden Fall ein wichtiger Beitrag zum Abbau negativer, anti-islamischer Klischees und öffnet die Tür zu einer etwas differenzierteren Sichtweise. Xtra, Okt./ Nov. 2003 Nicht zuletzt durch seinen hohen Informationsgehalt könnte der Band "Islam und Homosexualität" einiges zum Verstehen zwischen Menschen verschiedenen kulturellen und religiösen Hintergrunds beitragen, sofern er denn vieltausendmal gelesen würden. Siegfried Straßner in NSP 1/2004 Die Lektüre dieses Seminarbands belohnt den Leser mit einem Panoptikum interessanter Perspektiven und Analysen zu einem bisher relativ unbekannten Terrain. Martin Hüttinger Da Islam und Homosexualität ein sehr weites Feld ist, werden die Themen im Buch nur angeschnitten. Dadurch geht das Buch nicht in die Tiefe, ist aber als Einstieg in die Problematik geeignet. Box 2/2004 Vielleicht wird das Miteinander nach dem Lesen leichter, nicht nur das Nebeneinder. Adam Dez/Jan / 03/04
Michael Bochow, geb. 1948, Dr. rer.pol, ist seit fast 20 Jahren in der Minderheiten- und Aids-Forschung tätig. Er veröffentlichte zahlreiche Studien, u.a. im Auftrag der Deutschen Aids-Hilfe.
Leseprobe zu "Islam und Homosexualität"
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Inhaltsangabe
Aus dem Inhalt: Renate Dieterich: Zum Verhältnis von Staat und Religion in der Türkei und im Iran Anja Hänsch: Religion und Staat in Ägypten und Saudi-Arabien - eine Annäherung Andreas Ismail Mohr: Das Volk Lots und die Jünglinge des Paradieses - Zur Homosexualität in der Religion des Islam Ali Mahdjoubi: Homosexualität in islamischen Ländern am Beispiel Iran Michael Bochow: Sex unter Männern oder schwuler Sex - Zur sozialen Konstruktion von Männlichkeit unter türkisch-, kurdisch- und arabischstämmigen Migranten in Deutschland Koray Ali Günay: Homosexualität in der Türkei und unter Türkeistämmigen in Deutschland. Gemeinsamkeiten und Unterschiede Abdurrahman Mercan: Lebensstile und Selbstorganisation von muslimischen Homosexuellen in Deutschland
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