Gesetzgebungsverfahren und Reichstag in der Bismarck-Zeit
Der Reichstag war im Kaiserreich (gemeinsam mit dem Bundesrat)
zentrales Organ der Gesetzgebung. Die vorliegende Arbeit untersucht
für die Bismarck-Zeit (1867-1890), wie dieses Parlament auf das
Entstehen von Gesetzen einwirkte. Dabei steht die maßgebliche Rolle
der Fraktionen im Mittelpunkt. Punktuelle Vergleiche mit Bundestag
und Gesetzgebung heute sorgen für aktuellen Bezug. Der Autor
bedient sich zur Erfassung der historischen wie juristischen
Aspekte sowohl zeitgenössischer staatsrechtlicher Literatur als
auch der Stenographischen Berichte über die Verhandlungen des
Reichstags, Memoirenwerke (v. a. Reichstagsabgeordneter) und
Fraktionsunterlagen.
Den historischen Hintergrund bildet die Einbettung von Gesetzgebung
und Reichstag in ein kompliziertes Staatsgebilde, in dem das Modell
der konstitutionellen Monarchie mit bundesstaatlichen Elementen
verbunden wurde, wobei das Ganze durch die starke Stellung des
Reichskanzlers seine besondere Ausformung zum "System
Bismarck" gewann.In diesem Kontext stehen die Strukturen des
Reichstags und insbesondere der Fraktionen, die detailliert
beschrieben werden. Juristisch gesehen, ist die Verfassung das
Fundament der gesetzgeberischen Tätigkeit. Der heftig ausgetragene,
noch bei der Formulierung des Grundgesetzes nachwirkende Streit um
den Gesetzesbegriff und die Kontroverse um den Gesetzesbefehl
(Sanktion) sind Probleme, denen sich eine verfassungsgeschichtliche
Arbeit zu widmen hat - in der Parlamentspraxis hatten sie
allerdings, wie sich zeigt, keine große Bedeutung. Das praktische
Mitwirken des Reichstags im Gesetzgebungsprozeß ist bestimmt durch
das Fehlen einer festgefügten Gestaltungsmehrheit und den Zwang zur
Einigung mit den im Bundesrat repräsentierten Regierungen. Bismarck
als Reichskanzler wurde dadurch in die Lage versetzt, für
Gesetzgebungsvorhaben jeweils neu eine Mehrheit im Parlament suchen
zu können, aber eben oft auch zu müssen. Trotz öffentlich
ausgetragener Konflikte zwischen den Fraktionen und
mit der
Prof. Dr. Norbert Ullrich lehrt an der Norddeutschen Fachhochschule fur Rechtspflege in Hildesheim und lehrt an der Polizeiakademie Niedersachsen (Standort Hann.Munden) sowie an der Welfenakademie in Braunschweig.
Inhaltsangabe
Inhaltsübersicht: 1. Teil: Das Staatssystem des Kaiserreichs: Das Reich als Bundesstaat - Das konstitutionelle System - 2. Teil: Die innere Struktur des Reichstags: Der rechtliche Rahmen der Reichstagstätigkeit - Wahl und Zusammensetzung des Reichstags - Die Organisation des Reichstags - Die Stellung des einzelnen Abgeordneten - 3. Teil: Die Fraktionen: Überblick - Strukturen der Fraktionen - 4. Teil: Der rechtliche Rahmen der Reichsgesetzgebung: Das Gesetz - Die Reichsgesetzgebung und ihr Verhältnis zur Landesgesetzgebung - Der Gang der Reichsgesetzgebung - 5. Teil: Gesetzgebung und Fraktionen in der Reichstagspraxis: Die Gesetzesanträge - Die Behandlung von Gesetzesanträgen in den Fraktionen - Die Arbeit in den Kommissionen - Das Plenum - Die Beziehungen zwischen der Arbeit in Reichstag und Regierungsorganen - Kompromiß oder Konflikt? Gesetzesentstehung im Spannungsfeld zwischen Regierungsorganen, Reichstagsmehrheit und Reichstagsminderheit - Anhang - Literaturverzeichnis
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