Leseprobe zu "Die Entdeckung der Faulheit" von Corinne Maier
Einführung
Das Unternehmen ist keine humanistische Institution
"Arbeiten Sie nie", sagte der Situationist Guy Debord. Was für ein wunderbarer Plan, allerdings nur schwer zu verwirklichen. Deshalb sind ja so viele Menschen in einem Unternehmen angestellt; und obwohl vor allem die großen die Welt lange Zeit großzügig mit Arbeitsplätzen versorgten, ist merkwürdigerweise dennoch jedes Unternehmen ein mysteriöses Universum, womöglich gar ein Tabuthema. In diesem Buch soll im Klartext und ohne Phrasendrescherei darüber gesprochen werden.
Hört, hört, Ihr mittleren Angestellten großer Betriebe! Dieses provozierende Buch soll Sie "demoralisieren", genauer gesagt, es soll Ihre Arbeitsmoral untergraben. Es wird Ihnen helfen, sich des Unternehmens zu bedienen, in dem Sie beschäftigt sind, während bisher lediglich Sie dem Unternehmen dienten. Es wird Ihnen erklären, warum es in Ihrem Interesse ist, so wenig wie möglich zu arbeiten, und wie man das System von innen torpediert, ohne dabei aufzufallen.
Ist ‘Die Entdeckung der Faulheit' ein zynisches Buch?
Ja, und zwar absichtlich, das Unternehmen ist schließlich auch keine humanistische Institution! Es kümmert sich nicht im Geringsten um das Wohlergehen seiner Mitarbeiter und respektiert die Werte, die es lauthals verkündet, selbst nicht. Das beweisen doch all die Finanzskandale, von denen die Nachrichten voll sind, und die Sozialpläne, die in rauen Mengen erstellt werden. Und eine Vergnügungspartie ist die Arbeit in einem Unternehmen schon gar nicht. Es sei denn, man beschließt, sich von nun an darüber lustig zu machen.
Löst das Unternehmen sich in Ernüchterung auf?
Millionen von Menschen arbeiten in einem Unternehmen, und dennoch ist es eine undurchschaubare Welt. Das liegt daran, dass diejenigen, die darüber sprechen, ich meine die Universitätsprofessoren*, nie dort gearbeitet haben; sie wissen nichts.
((* Ich bin ihnen gegenüber ein bisschen gemein, ich muss gestehen, dass ich neidisch bin. Mein Job ist zwar besser bezahlt als ihrer, aber er ist weniger chic. Aber ich gebe zu: Manche Professoren haben interessante Arbeiten über das Unternehmen publiziert, vor allem die Soziologen.))
Diejenigen, die etwas wissen, hüten sich wohlweislich, darüber zu sprechen; die Unternehmensberater, die sich eilig aus dem Staub gemacht haben, um ihren eigenen Betrieb aufzumachen, hüllen sich in Schweigen, denn sie haben kein Interesse daran, den Ast abzusägen, auf dem sie selbst sitzen. Das Gleiche gilt für die Management-Gurus, die die Geschäftswelt mit guten Ratschlägen überschütten und lächerliche Modetrends in die Welt setzen, an die sie selbst nicht glauben. Deshalb haben die ungenießbaren Machwerke über "Management" für das Unternehmen den gleichen Stellenwert wie die Lehrbücher über Verfassungsrecht für das politische Leben: Durch sie wird man gewiss nicht verstehen, wie der schmilblick* funktioniert.
((* Der "Schmilblick" ist eine berühmte Radiosendung aus den Siebzigerjahren, die von dem Komiker Coluche in einem gleichnamigen Sketch auf die Schippe genommen (und dadurch unsterblich gemacht) wurde. Der schmilblick hat sich zu einem weithin gebräuchlichen Begriff in Unternehmen entwickelt: Man vermeidet damit genauere Aussagen über das, was man gerade tut, wichtig ist nur, dass diese unbestimmte Arbeit voranschreitet.))
Dennoch werden inzwischen Stimmen laut, die das Unternehmen so zeigen, wie es wirklich ist. Den Anfang haben Romane gemacht, die es wagten, die gedämpften Flure von Arthur Anderson (er hat 2002 Bankrott gemacht) oder das Gebäude der GAN (Groupe des Assurances Nationales) im Pariser Vorort La Défense (das anscheinend nicht zu stürzen ist) als Hintergrund zu wählen. Ein mutiger Schritt, denn man kann sich nur schwer vorstellen, dass Romeo und Julia über Cashflow diskutieren, Akten schließen, Joint Ventures erfinden, Synergien überschlagen und Organigramme zeichnen. Das Unternehmen, so viel ist sicher, ist nicht der Schauplatz, an dem sich edle Leidenschaften wie Mut, Großzügigkeit und Aufopferung für das Gemeinwohl entfalten. Es ist kein Ort zum Träumen.
Aber Moment mal ... Wenn es nicht der Hauptort ist, an dem Menschen sich bei der Verwirklichung hehrer Aufgaben voller Tatendrang begegnen, weshalb erproben Hochschulabsolventen ihre Talente dann traditionell in einem Unternehmen, vorzugsweise in einem großen?
Als ich selbst zu arbeiten begann, befand sich das Unternehmen im Aufwind, und alles sah ganz danach aus, als könnte es die Werte des sozialen Aufstiegs und den freiheitlichen Geist des Mai '68 unter einen Hut bringen. Oh, weh! Die Ernüchterung folgte alsbald. Ich bin nun schon lange dabei und hatte Zeit genug, um festzustellen, dass man uns belogen hat. Dass im Unternehmen keine beschwingte Tanzstimmung herrscht: Es ist nicht nur langweilig, sondern potentiell brutal. Sein wahres Gesicht tritt umso deutlicher zutage, seit die Internetblase geplatzt ist und Finanzskandale die Auflagen der Zeitungen hochtreiben. Der Zusammenbruch der Börsenkurse von Vivendi, France Telecom, Alcatel und anderen hat noch mehr Salz in die Wunden gestreut, denn dadurch wurde das Vermögen von Tausenden von Angestellten, die zugleich Aktienbesitzer waren und bis dahin in blinder Treue den draufgängerischen Reden ihrer Manager vertrauten, in den Sand gesetzt. Das Schlimmste aber ist das Gemetzel von 2003, in dem sich die dunkle Seite des Unternehmens offenbarte. Die Entlassungspläne werden immer zahlreicher: STMicroeletronics, Alcatel, Matra, Schneider Electric ... Das Unternehmen ist am Ende. Man muss den Tatsachen ins Auge sehen: Es ist nicht mehr der Ort des Erfolgs. Der soziale Aufzug ist blockiert. Die Sicherheitsgarantie der Diplome schwindet dahin, die Renten sind in Gefahr, und die Karriere ist nicht mehr selbstverständlich. Die Sechzigerjahre mit ihrem Fortschrittsfieber, in denen die Karriere wie selbstverständlich gesichert war, liegen weit hinter uns. Der Wind hat sich gedreht, und schon betteln flüchtende überqualifizierte Diplominhaber um obskure Posten als Bürohengste in der Verwaltung.
Denn das Unternehmen bietet kaum noch attraktive Zukunftsaussichten: Die nachfolgenden Generationen werden noch mehr Diplome vorweisen müssen, um noch weniger angesehene Posten zu ergattern und noch uninteressantere Projekte durchzuführen.
Ich habe schon zu meinem Sohn und meiner Tochter gesagt: "Meine Lieben, arbeitet nie in einem Unternehmen, wenn ihr groß seid. Nie! Papa und Mama wären sehr enttäuscht von euch!"
Der Mangel an individuellen und sozialen Perspektiven ist so gravierend, dass die Kinder des Bürgertums, aus denen sich der Nachwuchs für höhere Angestellte rekrutiert, sich schon jetzt unauffällig davon verabschieden könnten.
Wie? Indem sie sich Berufen zuwenden, die weniger eng mit dem kapitalistischen Treiben verknüpft sind (Kunst, Wissenschaft, Lehre ...), oder indem sie sich mit elegantem Gruß teilweise aus der Welt der Unternehmen zurückziehen. Das mache ich auch: Ich arbeite nur noch als Teilzeitkraft dort und widme den Hauptteil meiner Zeit anderen, weitaus spannenderen Aktivitäten*.
((* Welchen? Nun gut, wir wollen ganz offen sein: der Psychoanalyse und dem Schreiben. Aber es gibt noch jede Menge andere fesselnde Beschäftigungen: Esel züchten, eine ultraperfektionistische Audioausrüstung basteln, Feste organisieren, sich in Vereinen engagieren, Wein anbauen, mit Fossilien handeln, malen, am Strand auf Liebesfang gehen ...))
Macht es mir nach, ihr kleinen Angestellten, Lohnabhängigen, Neosklaven, Verdammte des Tertiärsektors, Hilfskräfte des ökonomischen Prozesses, meine Brüder und Schwestern, die von abgestumpften und unterwürfigen Subchefs herumkommandiert werden und gezwungen sind, sich die ganze Woche lang wie ein Kasper zu verkleiden und ihre Zeit mit nutzlosen Meetings und bescheuerten Seminaren zu vergeuden!
Zunächst aber kann man das System von innen her zersetzen, denn um sich aus dem Staub zu machen, bedarf es gewisser Vorbereitungen. Ahmen Sie ohne großen Kraftaufwand das Verhalten des typischen mittleren Angestellten nach, imitieren Sie sein Vokabular und seine Gesten, ohne sich dabei allzu stark "einzubringen". Sie werden nicht alleine damit dastehen: Einer kürzlich erschienenen Umfrage des IFOP zufolge haben 17 Prozent der französischen Angestellten "die innere Kündigung von ihrer Arbeit vollzogen", was bedeutet, dass sie eine so unkonstruktive Haltung einnehmen, dass es schon an Sabotage grenzt.
Nur drei Prozent der französischen Angestellten "rackern sich bei ihrer Arbeit ab" und sind ihrer eigenen Einschätzung nach "aktiv engagiert"*.
((* Nach der jüngsten Gallup-Untersuchung empfinden 87 % der Deutschen "keine echte Verpflichtung gegenüber ihrer Arbeit", 18 % haben "die innere Kündigung bereits vollzogen" (31 % der Franzosen!) und "keine emotionale Bindung" an ihren Arbeitsplatz. Nur 13 % nehmen für sich eine "hohe emotionale Bindung" in Anspruch. Gallup Studie Engagement Index 2004, Gallup GmbH (Anm. d. Üs.)))
Man muss zugeben, dass das ziemlich wenig ist. Das Unternehmen bemüht sich unterdessen, die anderen, die keiner der beiden Kategorien zuzuordnen sind, zu "motivieren". In der Tat mehren sich die Seminare, in denen die abgeschlafften Angestellten allesamt wieder auf Trab gebracht werden sollen. Dass man sich überlegt, wie man die Arbeitnehmer wieder dazu bringen könnte, die Ärmel hochzukrempeln, zeigt klar genug, dass ihnen ihre Arbeit schnuppe ist! Mein Großvater, Großhändler und Selfmademan, stieg morgens nie aus dem Bett, um sich zu fragen, ob er "motiviert" sei: Er machte seine Arbeit und fertig.
Sie brauchen keine Unannehmlichkeiten zu fürchten, wenn Sie "die innere Kündigung" vollziehen. Sie sind ohnehin umgeben von Unfähigen und Waschlappen, denen Ihr Mangel an Arbeitseifer kaum auffällt. Und selbst wenn jemand zufällig darauf aufmerksam wird, dann können Sie sicher sein, dass er oder sie nichts zu sagen wagen wird. Denn eine Bestrafung Ihrerseits hätte zwei unangenehme Folgen für den Vorgesetzten: Erstens würde bekannt werden, dass er (sie) nicht in der Lage war, seine (ihre) Führungsfunktion ordnungsgemäß zu erfüllen, und zweitens würde eine eventuelle Strafe Ihre Aussichten auf eine Versetzung reduzieren! Dank dieser omertà bringen es manche zu einem glanzvollen Aufstieg – ihre Vorgesetzten sind nämlich zu allem bereit, wenn sie sie nur loswerden, sogar zu einer Beförderung. Ein kleiner Schritt für den Menschen, ein großer Schritt für die Heuchelei ...
Pierre de Coubertin, Initiator der modernen Olympischen Spiele, sagte, es sei wichtig, teilzunehmen, heute aber ist es wichtig, so wenig wie möglich teilzunehmen. Wer weiß, vielleicht genügt das schon, um das System zu Staub zerfallen zu lassen – die Kommunisten haben siebzig Jahre lang Däumchen gedreht, und eines Tages fiel die Berliner Mauer ...
Im Übrigen sollte man sich keinen Illusionen hingeben; auch von einer Revolution ist nichts zu erwarten, denn die Menschheit erliegt unablässig den immer gleichen Irrtümern: Papierfluten, erbärmlich mittelmäßige Chefs und in brisanten Zeiten, wenn die Leute wirklich hitzig werden, Hinrichtungen. Das sind die drei Zitzen der Geschichte. (Aber hat die Geschichte wirklich Zitzen?)
Im Folgenden möchte ich einige Prinzipien aufzeigen, die Ihnen helfen, die Welt des Unternehmens zu verstehen, wie es wirklich ist, und nicht, wie es zu sein vorgibt.
Ein neues Interpretationsschema hilft zu verstehen
Wenn in einem Unternehmen jemand etwas zu Ihnen sagt oder wenn Sie ein Dokument lesen, dann gibt es dafür Schlüssel, mit deren Hilfe Sie den Sinn begreifen können. Diese Methode der Entschlüsselung mit Hilfe eines Interpretationsschemas wird Ihnen helfen, im Unternehmen wie in einem offenen Buch zu lesen – denn es ist wirklich wie ein Text, es spricht, es kommuniziert, es schreibt. Das kann es nur sehr schlecht, allerdings, aber umso besser für uns, denn die Arbeit der Entschlüsselung und des Verstehens wird dadurch nur noch amüsanter.
Die Zeichen umkehren.
Je mehr ein Großunternehmen über etwas spricht, umso weniger ist davon vorhanden. Beispielsweise werden Berufe genau in dem Moment "aufgewertet", wenn sie verschwinden; es wird über "Autonomie" schwadroniert, während man für die kleinste Lappalie ein Formular in drei Exemplaren ausfüllen und sechs Menschen nach ihrer Meinung fragen muss, um eine belanglose Entscheidung zu treffen; die "Ethik" wird in den Himmel gehoben, während das Unternehmen an absolut gar nichts glaubt.
Dem kreisförmigen Faden des Diskurses folgen.
Der Diskurs des Unternehmens dreht sich im Kreis, so wie eine Schlange sich in den Schwanz beißt. Es genügt, eine Idee zu nehmen und den Faden bis zum Ende zu verfolgen: Man wird unweigerlich wieder am Anfang ankommen. Das Unternehmen ist eine Welt, in der das Meeting oft der ultimative Zweck der Arbeit ist und die Aktion das höchste Ziel der Aktion (sofern nicht das Gegenteil der Fall ist).
Dummheit von Lüge trennen.
Das Schwierigste in einem Unternehmen ist, die Dinge richtig einzuschätzen, und mit wachsender Erfahrung werden Sie feststellen, dass manchmal beides richtig ist. Wenn Ihre Vorgesetzten Ihnen beispielsweise erzählen: "Die Mitarbeiter sind unser wertvollster Trumpf" oder: "Ihre Ideen sind wichtig für uns", dann handelt es sich dabei um folgenlose Banalitäten, denn jedermann weiß, dass eine solche Welt nicht existiert. Hingegen ist der Satz: "Bei uns können Sie verschiedene Berufe zugleich ausüben, für unterschiedliche und innovative Aufgaben und Projekte Verantwortung übernehmen" offensichtlich als Idiotenfalle gedacht. Und wenn ein Manager behauptet: "Ich habe keine Gerüchte gehört" oder: "Ich praktiziere eine Politik der Offenheit", dann ist das normalerweise gelogen. Die Verbindung von Schwachsinn und Heuchelei trägt reiche Früchte und bringt die Politik des modernen Managements hervor, von manchen pompös "Neomanagement" genannt.
Das Realitätsprinzip anwenden.
Was im alltäglichen Leben machbar ist, wird in der Welt des Unternehmens schwierig; und was im Alltag nur schwierig ist, erweist sich in der Arbeit als vollkommen unmöglich. Man kann beispielsweise das sichere Scheitern aller Versuche einer Reorganisation in großem Maßstab ebenso vorhersagen wie den Fehlschlag aller Projekte, die sich über mehr als zwei Jahre erstrecken, und schließlich ganz allgemein das Scheitern all dessen, was nie realisiert wurde.
Den richtigen Blickwinkel finden.
Man muss die Dinge und Ereignisse in ihrem Kontext sehen. Man kann das Unternehmen nicht von der Welt trennen, in der es gedeiht – oder, im Augenblick, verkümmert. Es ist nur Symptom einer Welt, die sich in tausend Lügen verstrickt hat und unablässig mit Hilfe ungeheurer Bestechungssummen und eines Kauderwelschs, das von närrischem Gestikulieren begleitet ist, den Gnadenstoß abwehrt.