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| Bewertung von Spassprediger aus www.spassprediger.de am 04.07.2008 | |
| Über die Verhältnismäßigkeit der Mittel Alles ist bekanntlich relativ. Dinge in der richtigen Relation zu sehen, ist allerdings gar nicht so einfach: Vieles, das uns als Faktum erscheint, bleibt bedeutungslos, solange wir die Zusammenhänge und Rahmenbedingungen nicht kennen. Das wird spätestens dann offenbar, wenn uns schlechter Journalismus mit Zahlen allein lässt, die per se nichts aussagen - und wir daraus Vorstellungen gewinnen, die mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun haben. Weil wir schlecht informiert sind und deshalb die falschen Schlüsse ziehen. Solange wir mit der Angabe allein gelassen werden, dass einem chinesischen Fahrradflicker im Monat etwa 125 Euro zum Leben bleiben, ziehen wir daraus gern einen Rückschluss auf die vermeintlichen Lebenshaltungskosten: Das Leben in China wird wahrscheinlich auch entsprechend günstiger sein, denken wir. Allerdings nur solange, bis uns jemand darüber aufklärt, dass ein Liter Milch in China 50 Cent kostet. Umgekehrt kann etwas, das uns zunächst sehr günstig erschien, plötzlich unerschwinglich wirken, wenn man es erst wieder in Relation setzt: 41 Cent für den Liter Benzin? Für uns ein schöner Traum. Für den äthiopischen Bauern, der im Monat zwischen 7 und 10 Euro verdient, wird aber wohl auch das eigene Kfz ein lebenslanger Traum bleiben. Das Buch "Der Mensch. Die kleinste wirtschaftliche Einheit" verdankt seinen Titel einer Kolumne des überaus lesenswerten Wirtschaftsmagazins "brand eins". Wer zu dessen regelmäßigen Lesern zählt, wird die kurzen Porträts, in denen Menschen und ihre Arbeit vorgestellt und ihr Einkommen den örtlichen Lebenshaltungskosten gegenübergestellt werden, kennen und möglicherweise so schätzen wie ich. 38 dieser Porträts erscheinen nun erstmals in Buchform. Für die von Knesebeck verlegte Zusammenschau wurden die bereits in brand eins veröffentlichten Porträts erweitert: Die Einblicke in die Mikro-Ebene des Lebensalltags werden jetzt in einen größeren Zusammenhang gestellt; auch für Stammleser der "brand eins" gibt es in dem 160 Seiten starken Buch also noch manches zu entdecken. Jedes der 30 Portraits wurde um eine Doppelseite ergänzt. Der Textteil greift jeweils einen Aspekt des Portraits auf und beleuchtet ihn eingehender, die gegenüberliegende Seite illustriert den Text mit einem ganzseitigen Foto. So erfährt der Leser nicht nur, dass die 50-jährige Russin Lida in einer Gemeinschaftswohnung lebt, für die sie im Monat 24 Euro Miete zahlt, sondern auch, was er sich unter einer so genannten "Kommunalka" vorzustellen hat - und warum es in Russland im Jahr 2008 nicht unbedingt ein Zeichen von Armut sein muss, in eine WG zu ziehen, deren Prinzip noch aus Sowjetzeiten stammt. Der Spassprediger meint: "Der Mensch. Die kleinste wirtschaftliche Einheit" ist ein mit hochwertiger Fotografie ausgestattetes, höchst interessantes Lesebuch, das auf eine Reise um die Welt einlädt. Die Grundidee, kurze Portraits von Menschen aus 38 Ländern mit einem abgewandelten "Big Mac-Index" zu verknüpfen, ist pfiffig und beschert dem Leser in komprimierter Form höheren Erkenntnisgewinn als so manche dreiviertelstündige TV-Reportage; zudem sind die Informationen der Textteile deutlich erkennbar auf einem äußerst aktuellen Stand. Dass das Buch nicht nur hochwertige Texte und Fotos bietet, sondern zudem offensichtlich auch ein gewissenhaftes Lektorat erfahren hat, ist ebenso erfreulich wie die schmucke Aufmachung des Hardcover-Bandes. Wer Wissenschaftsreportagen liebt, die über den Tellerrand von TV-Magazinen hinausblicken, findet in "Der Mensch. Die kleinste wirtschaftliche Einheit" eine der interessantesten Buchveröffentlichungen des Frühjahrs 2008. |
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