Der Kick - Veiel, Andres

Andres Veiel 

Der Kick

Ein Lehrstück über Gewalt. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2008, Kategorie Sachbuch

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Produktbeschreibung zu Der Kick

Deutschen Jugendliteraturpreis 2008, Kategorie Sachbuch

'Wie konnte das passieren?' Dieser Aufschrei geht immer dann durch die Medien, wenn wieder irgendwo eine entsetzliche Gewalttat verübt wurde. So auch nach dem brutalen Mord an Marinus Schöberl im uckermärkischen Dorf Potzlow. Der 16-Jährige wurde von seinen Kumpels nach stundenlanger Misshandlung durch einen Tritt ins Genick getötet. Jenseits aller Klischees geht nun der Dokumentarfilmer Andres Veiel den Geschehnissen nach und gibt den als Monster abgestempelten Tätern eine Biographie. Er taucht tief ein in deren gesellschaftliches Umfeld und die Geschichte des Dorfes sowie seiner Bewohner. Mit diesem Buch gelingt Andres Veiel die so fundierte wie einmalige Analyse einer Gewalttat und ihrer Umstände.

"Ein kluges, nüchternes, auf beklemmende Weise hellsichtiges Buch." Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Der unerschrockene Fleiß und die behutsame Beharrlichkeit dieses Mannes sind ein Glücksfall." Berliner Zeitung

'Erstaunlich, erschreckend, lesenswert.' Hamburger Abendblatt

Marinus Schöberl war 16 Jahre alt, als er von drei Kumpels gefoltert und durch einen 'Bordsteinkick' zu Tode getreten wurde. Nachbarn hatten die Misshandlungen mit angesehen und über Monate geschwiegen. Dieser grausame Mord und seine furchtbaren Begleiterscheinungen rückten das uckermärkische Dorf Potzlow in die Schlagzeilen der internationalen Presse. In den Medien stand er sinnbildlich für rechtsradikale Gewalt und eine verrohte Gesellschaft in den fünf neuen Bundesländern. Der Regisseur und Psychologe Andres Veiel wollte sich mit einfachen, raschen Antworten nicht begnügen. Viele Monate hat er in Potzlow und Umgebung recherchiert, hat Interviews mit den Tätern geführt, mit ihren Angehörigen und Bekannten gesprochen. Er zeichnet ein komplexes Bild von weit zurückreichenden Traumata und Gewalt, die bis heute unter einer dünnen Schicht von Bürgerlichkeit und Zivilisation in unserem Land virulent sind.
'Mein Bruder fing dann an zu schreien: Scheiße, wir haben einen umgebracht. Er sprach auch davon, dass wir ihn verbuddeln müssen. Am Ausgang in Richtung Jauchegrube rechts stand ein Schaufelblatt ohne Stiel.' (Marcel Schönfels, wegen Mordes verurteilt)
'Bedrückt war er, aber wir wussten nicht, woran das liegt. Wir sind zur Schule hin, haben gesagt, hier stimmt irgendwas nicht, und die haben immer gesagt, es ist alles in Ordnung. Wir haben ihn gefragt, was ist denn los? Er hat sich nicht geäußert, nie. Das war wie ne Wand.' (Jutta Schönfeld, Mutter des Täters)
'Einmal Mörder, immer Mörder. Ich habe Hass, Wut und Verachtung für diese Bestien. Die verdienen kein anderes Wort. Die haben genau gewusst, was sie taten in ihrer Kaltblütigkeit.' (Birgit Schöberl. Mutter des Opfers)
Eine beklemmende Fallstudie über eine entwurzelte Jugend, Rechtsradikalismus, deutsche Traumata und Gewalttraditionen. Das Buch geht in seiner Recherche und Analyse weit hinaus über das erfolgreiche Theaterstück und den von der Presse gefeierten Film Inszenierungen an Theatern u. a. in Berlin, Bochum, Dresden, Hamburg, Köln, Leipzig, Moers, München und Oberhausen.

Produktinformation


  • Verlag: Goldmann
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 283 S.
  • Seitenzahl: 288
  • Goldmann Taschenbücher Bd.15519
  • Altersempfehlung: ab 12 Jahren
  • Deutsch
  • Abmessung: 183mm x 124mm x 23mm
  • Gewicht: 250g
  • ISBN-13: 9783442155194
  • ISBN-10: 3442155193
  • Best.Nr.: 23326914
"Veiel fördert historische Tiefenschichten zutage und bettet die Singularität des Mordes in eine Dorfchronik der Verdrängungen ein." Der Tagesspiegel

"Erstaunlich, erschreckend, lesenswert." Hamburger Abendblatt

"Andres Veiel versucht dennoch zu erklären, was auch nach so vielen langen Gesprächen kaum zu erklären ist." Stuttgarter Zeitung

"Andres Veiels Buch über den Mord von Potzlow ist eine beeindruckende Archäologie der Gewalt." Berliner Zeitung

"Was, wenn es außerhalb dieser großartigen Aufarbeitung des Deutschlandkomplexes keine richtigen Antworten gibt? Der Kick ist wie ein Kreislaufkollaps, schwindelerregend und heilsam. Es muss einem erst schwarz vor Augen werden, bevor man die Welt wieder scharf sehen kann." Frankfurter Rundschau über den Film von Andres Veil

"Dieses 'Lehrstück über Gewalt' könnte ein Klassiker werden: als Geschichtsbuch über die Gegenwart ebenso wie als Modellanalyse eines Gewaltverbrechens." Süddeutsche Zeitung

"Ein kluges, nüchternes, auf beklemmende Weise hellsichtiges Buch." Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Der unerschrockene Fleiß und die behutsame Beharrlichkeit dieses …

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Ein Klassiker: "als Geschichtsbuch über die Gegenwart ebenso wie als Modellanalyse eines Gewaltverbrechens." Süddeutsche Zeitung

"Erstaunlich, erschreckend, lesenswert."

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 26.03.2007

Die Sprache der Mörder
Lehrstück über Gewalt: Andres Veiels hervorragende Recherche

Chronik eines angekündigten Todes: Vor fünf Jahren wurde in dem ostdeutschen Dorf Potzlow der sechzehnjährige Marinus Schöberl brutal ermordet. Hätte es, wie die Einwohner sagen, wirklich jeden treffen können?

In einer Julinacht vor fast fünf Jahren wurde der sechzehnjährige Marinus Schöberl in einem uckermärkischen Dorf nach stundenlangem Martyrium brutal ermordet. Die Grausamkeit dieser Tat, verübt von zwei Brüdern und ihrem Freund, und die Umstände - es gab viele Zeugen, die bis heute schweigen - scheinen so ungeheuerlich, dass sich Versuche, dies zu erklären, fast verbieten. Aber erzählen kann man, ohne eine Lösung anbieten zu wollen, und zur Tat die anderen Puzzleteile fügen, die ein Gesamtbild ergeben, das man zwar auch nicht versteht, aber das zur singulären Untat einen Hintergrund fügt.

Der Dokumentarfilmer und Sachbuchautor Andres Veiel ("Black Box BRD") hat Potzlow zwei Jahre nach dem Mord aufgesucht, als die Medienwelle, die dieser Fall bundesweit auslöste, wieder verebbt war. Schlechte Bedingungen für einen, der es …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 20.03.2007

Wer Schwäche zeigt, der fällt
Wie begreift man Gewaltverbrechen? Andres Veiels erschütternd lehrreiches Buch über den Mord an Marinus Schöberl Von Jens Bisky
Der siebzehnjährige Sebastian Fink galt als „Schisser”, nur in der Gruppe stark. Aber er hatte die Demütigung des Opfers entschlossen vorangetrieben, ihn am brutalsten attackiert, dem blonden Sechzehnjährigen Faustschläge versetzt, bis dieser mit dem Stuhl nach hinten kippte. Sebastian schleppte ihn vor die Tür, öffnete den Hosenstall und urinierte auf Marinus Schöberl, als wollte er jede Erinnerung daran auslöschen, dass vor ihm ein Mensch lag, ein Saufkumpan.
Den Mord wenig später vollzogen die Brüder, Marco und Marcel Schönfeld, mit denen gemeinsam er über Marinus hergefallen war. So kam er, als die Tat 2003 vor Gericht verhandelt wurde, mit einer Jugendstrafe von zwei Jahren davon, und da er fast ein Jahr in Untersuchungshaft gesessen hatte, entließ man ihn in die Freiheit. Seine Freundin, die Mutter seines Kindes, wollte nichts mehr von ihm wissen.
Einmal traf ihn deren Schwester, bei der das junge Paar einst wohnte, im Supermarkt in Templin. Wie es in kleinen Orten so …

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Für Regina Mönch ist das Buch so etwas wie das Lehrstück eines Lehrstücks, ein "hervorragendes Sachbuch". So kann, findet sie, so muss man über den eigentlich unsäglichen Mord von Potzlow schreiben. Andres Veiels Gespräche mit Dorfbewohnern, Angehörigen, Nachbarn und Freunden liefern ihr den trostlosen, von "zivilisatorischen Defiziten" geprägten, "bis ins Kriegsjahr 1944" ausgreifenden Hintergrund zur Tat, ein "Sittenbild Potzlows", jedoch keine Lösungsvorschläge. Dass der Autor dennoch auf Probleme wie die Gewaltverherrlichung in Filmen hinweist, findet Mönch in Ordnung, sieht sie in Veiel doch keinen Ankläger, sondern einen gewissenhaften und differenzierenden Chronisten, der bereitstellt, "was der Leser braucht, um sich ein Urteil bilden zu können".

© Perlentaucher Medien GmbH

kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
2002 ermordeten drei Jugendliche im brandenburgischen Potzlow einen Freund auf bestialische Weise, trotz Zeugen blieb die Tat monatelang unentdeckt. Andres Veiel, renommierter Dokumentarfilmer ("Die Spielwütigen") und studierter Psychologe nahm das Verbrechen zum Anlass für Recherchen im Umfeld von Tätern und Opfern, aus denen das Theaterstück, der Film und schließlich die Materialsammlung "Der Kick" entstanden. Der Band versammelt den - als traditionelles Dokumentartheater angelegten - Dramentext, Biografien der Beteiligten, eine Offenlegung der Recherche sowie eine psychologische Analyse. So weit, so unspektakulär. Veiel hatte sich zunächst im Auftrag des Berliner Gorki-Theaters mit dem Fall beschäftigt, und dort gab es die ersten Vorwürfe gegen den gebürtigen Stuttgarter: Man wollte sich nicht von jemandem über den Osten belehren lassen, der aus der wohlhabendsten Ecke der Republik kam. Und tatsächlich kann sich Veiel einer gewissen Klischeelastigkeit nicht erwehren, die brandenburgische Provinz ist in "Der Kick" nie mehr als ein Abgrund aus Alkoholismus, Armut und Rechtsextremismus. Und das wussten wir eigentlich auch schon vorher. (fis)

"Veiel fördert historische Tiefenschichten zutage und bettet die Singularität des Mordes in eine Dorfchronik der Verdrängungen ein." (Der Tagesspiegel)
ANDRES VEIEL, geboren 1959 in Stuttgart, studierte Psychologie und machte parallel eine Regie- und Dramaturgieausbildung unter Leitung des polnischen Regisseurs Krysztof Kieslowski. Er ist derzeit der bedeutendste deutsche Dokumentarfilmer. Seine Filme "Balagan", "Die Überlebenden", "Black Box BRD" und "Die Spielwütigen" waren Publikums- und Presseerfolge und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Leseprobe zu "Der Kick" von Andres Veiel

Jutta Schönfeld: Am Dienstag, da ging es los. Man kennt ja das mit der Zeitung und Fernsehen und plötzlich is man das selbst. RBB, Stern TV, RTL, alle wollten was erfahren, und der Polizist hat gesagt, alles abblocken. Die Nachbarschaft, wenn du raus kommst, denn wird grad noch so gegrüßt, und dann gehen sie wieder los.

Und abends sitzen wir dann hier, kriegen Anrufe, Mörder, Mörder. Denn hört man bloß ein Stöhnen im Hintergrund. Wir hatten so ne Angst gehabt, wir haben Bekannte angerufen, können wir bei Euch unterkommen? Die dann, wir rufen zurück, und dann haben sie zurückgerufen. - Ja, tut uns leid, musst uns verstehen, das geht nich, geh in ein Hotel. - Ich sage: - Aber ein Hotel kost ja aber auch Geld. - Ich hab denn gesagt, man kann nich wegrennen, wir haben nischt gemacht, wir sind keine Mörder. -

Ich wusste, dass was passieren wird. Marco hat mich angerufen und gesagt, dass sie jetzt losziehen, Marcel und er, mit dem Sebastian. Am 12. Juli, in der Nacht. Ich war im Krankenhaus, da war Vollmond. Mir haben se ja Rückenmarkwasser gezogen, und da hab ich gedacht, ich muss nach Hause. Diese Unruhe, war so warm gewesen.

Birgit Schöberl: Am 12. Juli ist Marinus mal wieder nach Potzlow gefahren. Er hatte vorher noch Video geguckt, so ein Trickfilmvideo. Und dann kam er mit seinem Rucksack, was er immer so drin hat, Badehose, Handtuch, Wechselwäsche, und dann hat er gesagt: Mutti, ich fahr nach Potzlow, ich schlaf da und komm Sonntag wieder. Tschüss, mach's gut. Das war's, was er zu mir gesagt hat. Hat er mir noch ne Kusshand zugeworfen, wie er es immer so machte.

Hat immer zu mir gesagt, wo er hingeht, weil er wusste, ich wollte es wissen. Ich komme um die und die Zeit, oder ich schlafe im Bauwagen. Im Sommer ist das ein kleines Abenteuer.

Er wurde verhätschelt. Er wurde ja von seinen Schwestern geliebt. Er war eben das Küken. Marinus war nicht geplant, gefreut haben wir uns alle. Süßes Baby. Die Mädchen haben ihn manchmal ins Bett mitgenommen. Er durfte jede Nacht bei ner anderen schlafen. Man konnte ihm nicht böse sein, wenn er einen mit seinen dunklen Augen angeguckt hat.

Er hatte wohl Schulschwierigkeiten damals schon, aber, er hat sich Mühe gegeben, was er konnte eben. Ich hab ihn dann runter genommen von der normalen Schule, nach der ersten Klasse. Ich hab ihn nicht ausgeschimpft. Ich hab's versucht mit Reden, Marinus, du möchtest später mal die Fahrerlaubnis machen, da musst du lesen und schreiben können.

Und als er Sonntag nicht kam, da habe ich Montag angerufen. Vielleicht hat er sein Handy nicht geladen, oder er hat es ausgestellt. Oder er hat wieder mal die PIN vergessen. Wenn er kein Geld drauf hatte, dann hat er es mir eigentlich immer gesagt, hat ein fremdes Handy genommen. Na ja, es sind Ferien, wer weiß, wo der ist. Da habe ich mir auch direkt keine Sorgen so gemacht. In Potzlow ist er aufgehoben, da kann ihm nichts passieren.

Als er am Wochenende immer noch nicht da war, da war es mir mulmig. Und da bin ich Montag früh nach

Templin gefahren, um ihn als vermisst zu melden. Und dann passierte gar nichts.*

Verhörender: Verhör Marcel Schönfeld. Marcel Schönfeld: Ich wurde an dieser Stelle belehrt, dass ich gegen meinen Bruder Marco das Recht der Aussageverweigerung habe. Davon mache ich keinen Gebrauch. Ich will die volle Wahrheit sagen. Verhörender: Familienname. Marcel Schönfeld: Schönfeld. Verhörender: Vorname. Marcel Schönfeld: Marcel. Verhörender: Geburtsort. Marcel Schönfeld: Prenzlau/Uckermark. Verhörender: Beruf. Marcel Schönfeld: ohne, Azubi. Verhörender: Geburtsdatum. Marcel Schönfeld: 30. 3. 1985. Verhörender: Ehrenämter. Marcel Schönfeld: Was? Verhörender: Schule.

Marcel Schönfeld: Abschluss der 8. Klasse der Gesamtschule in Gramzow.

Verhörender: Beschuldigtenvernehmung, 18. 11. 02, 2.45 Uhr.

Marcel Schönfeld: Mit dem Gegenstand meiner heutigen Beschuldigtenvernehmung wurde ich vertraut gemacht. Über meine Rechte als Beschuldigter wurde ich belehrt.

* Alle Zitate von Birgit Schöberl stammen aus Interviews, die Gabi Probst vom Fernsehsender RBB 2003 mit ihr führte und die sie uns freundlicherweise zur Verfügung stellte.

Mir wurde zu Beginn meiner Vernehmung mitgeteilt, dass ich im dringenden Verdacht stehe, an der Tötung eines Menschen beteiligt gewesen zu sein. Dazu kann ich folgende Aussage machen: Es ist richtig, dass ich dabei war, als eine Person zu Tode kam. Verhörender: Um wen handelt es sich dabei? Marcel Schönfeld: Es handelt sich hierbei um Marinus Schöberl aus Gerswalde.

Verhörender: Waren Sie an dieser Handlung allein beteiligt?

Marcel Schönfeld: Außer mir waren noch mein Bruder Marco Schönfeld und Sebastian Fink beteiligt. Verhörender: Schildern Sie bitte, was passiert ist. Marcel Schönfeld: Es war der 12. Juli 2002. Nachmittags kam mein Kumpel Sebastian mit dem Zug nach Seehausen. Mein Papa und ich haben ihn abgeholt.

Dann kam mein Bruder Marco auf die Idee, nach Strehlow zu fahren, um dort Achim [Fiebranz] zu besuchen. Mein Bruder war erst neun Tage vorher aus der Haft entlassen worden. Die beiden kannten sich noch aus früheren Zeiten. Wir holten einen Kasten Bier "Sternburger". Der wurde dann durch die anwesenden Personen geleert. Nach ca. einer Stunde war der Kasten leer, und wir holten einen zweiten. Kurz zuvor kam Marinus Schöberl mit einem Fahrrad auf den Hof von Achim gefahren.

Achim Fiebranz: Geb ich ehrlich zu, ich hab die dritte Klasse drei Mal nachgemacht. Ich bin nach acht Jahren hier aus der Schule entlassen worden. Die anderen, die schlauer waren wie ich, die sind dann nach Warnitz gegangen. Und als Abschiedsgeschenk hab ich von einer ganz lieben Lehrerin, meiner Geschichtslehrerin, nen Buch gekriegt von damals, aus der Steinzeit, Bogen bauen, Fallen stellen, Vogelfallen stellen, und wat die damals alles gemacht haben und aus Binsen: Boote bauen, immer Binse an Binse. Und dat wollt ich allen beibringen, sind wir zur Muschelstelle gefahren. Weißte, wer am schlausten gewesen ist, am schnellsten kapiert hat? Det war Marinus, und Nancy hat gleich abgekiekt. Na und dann die anderen hinterher. Dann von unten wieder zusammen getüdelt, und dann wurde det richtig so 'n Indianerkahn. Mann, ich hab fast zwanzig Dinger mit de Kinder gebaut in der Woche. Au, die paddeln, die Dinger gehen nich unter und die haben sich gefreut, die Kinder haben sich gefreut, det war ne richtige Kanu-Flotte gewesen bei uns da unten!

Nancy und Marinus, die haben allet zusammen gemacht. Und dann sind sie bei mir öfters gewesen. Da warn se schon so fünfzehn, sechzehn. Wenn ich wusste, die kommen, hab ich mein Ehebett bloß an die Wand geschoben, Decke rüber geschmissen und dann konnten se da drinne machen, was se wollten und ich hab mit Sieglinde meine Wohnstube gehabt, konnt ich Fernseh kieken und was willste denn machen als Arbeitsloser?

Den Marinus hat die Nancy noch nicht überlebt, die waren fast sechs Jahre zusammen als Freunde und dann waren se fast en Jahr verlobt. Und dann auf einmal det. Da möchte ich mal sehen, det steckt kener weg. Sie hat zwar en Freund von Berlin jetze, aber die hört sich jeden Abend die Gespräche an, wat se aufm Handy gekriegt hat von Marinus, hat sie alles gespeichert. Ihr Bruder, der

Patrick, hat oft genug gesagt - der hat det Zimmer neben ihr -, Papa, ich halt det nich aus, darf ich bei Oliver im Zimmer schlafen, Nancy heult schon wieder wie ne Sau, sind ja bloß so ne dünnen Wände.

Ich könnt, wenn die Brüder mir jetzt in die Pfoten lofen würden, ich könnt mit nem Kopp den Balken einreißen, um die zu erwischen, wenn sie da vorne stehen würden jetzt, kannste glauben.An dem Abend, als die den Marinus da tot gemacht ham, da haben wir unten gesessen, in der alten Brennerei, haben gequatscht unter dem Schleppdach da. Det waren Nachbarn, waren bei mir gewesen, haben wir enen gezwitschert. Da kamen dann Marco, Marcel und Sebastian an. Den kannte ich nicht. Und später dann der Marinus.

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Andres Veiel 

Der Kick

Der Kick - Veiel, Andres

Ein Lehrstück über Gewalt. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2008, Kategorie Sachbuch

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  • Verlag: Goldmann
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  • Ausstattung/Bilder: 2008. 283 S.
  • Seitenzahl: 288
  • Goldmann Taschenbücher Bd.15519
  • Altersempfehlung: ab 12 Jahren
  • Deutsch
  • Abmessung: 183mm x 124mm x 23mm
  • Gewicht: 250g
  • ISBN-13: 9783442155194
  • ISBN-10: 3442155193
  • Best.Nr.: 23326914

Leseprobe zu "Der Kick"

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Produktbeschreibung zu "Der Kick"

Kurzbeschreibung

Deutschen Jugendliteraturpreis 2008, Kategorie Sachbuch

'Wie konnte das passieren?' Dieser Aufschrei geht immer dann durch die Medien, wenn wieder irgendwo eine entsetzliche Gewalttat verübt wurde. So auch nach dem brutalen Mord an Marinus Schöberl im uckermärkischen Dorf Potzlow. Der 16-Jährige wurde von seinen Kumpels nach stundenlanger Misshandlung durch einen Tritt ins Genick getötet. Jenseits aller Klischees geht nun der Dokumentarfilmer Andres Veiel den Geschehnissen nach und gibt den als Monster abgestempelten Tätern eine Biographie. Er taucht tief ein in deren gesellschaftliches Umfeld und die Geschichte des Dorfes sowie seiner Bewohner. Mit diesem Buch gelingt Andres Veiel die so fundierte wie einmalige Analyse einer Gewalttat und ihrer Umstände.

"Ein kluges, nüchternes, auf beklemmende Weise hellsichtiges Buch." Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Der unerschrockene Fleiß und die behutsame Beharrlichkeit dieses Mannes sind ein Glücksfall." Berliner Zeitung

'Erstaunlich, erschreckend, lesenswert.' Hamburger Abendblatt

Beschreibung

Marinus Schöberl war 16 Jahre alt, als er von drei Kumpels gefoltert und durch einen 'Bordsteinkick' zu Tode getreten wurde. Nachbarn hatten die Misshandlungen mit angesehen und über Monate geschwiegen. Dieser grausame Mord und seine furchtbaren Begleiterscheinungen rückten das uckermärkische Dorf Potzlow in die Schlagzeilen der internationalen Presse. In den Medien stand er sinnbildlich für rechtsradikale Gewalt und eine verrohte Gesellschaft in den fünf neuen Bundesländern. Der Regisseur und Psychologe Andres Veiel wollte sich mit einfachen, raschen Antworten nicht begnügen. Viele Monate hat er in Potzlow und Umgebung recherchiert, hat Interviews mit den Tätern geführt, mit ihren Angehörigen und Bekannten gesprochen. Er zeichnet ein komplexes Bild von weit zurückreichenden Traumata und Gewalt, die bis heute unter einer dünnen Schicht von Bürgerlichkeit und Zivilisation in unserem Land virulent sind.
'Mein Bruder fing dann an zu schreien: Scheiße, wir haben einen umgebracht. Er sprach auch davon, dass wir ihn verbuddeln müssen. Am Ausgang in Richtung Jauchegrube rechts stand ein Schaufelblatt ohne Stiel.' (Marcel Schönfels, wegen Mordes verurteilt)
'Bedrückt war er, aber wir wussten nicht, woran das liegt. Wir sind zur Schule hin, haben gesagt, hier stimmt irgendwas nicht, und die haben immer gesagt, es ist alles in Ordnung. Wir haben ihn gefragt, was ist denn los? Er hat sich nicht geäußert, nie. Das war wie ne Wand.' (Jutta Schönfeld, Mutter des Täters)
'Einmal Mörder, immer Mörder. Ich habe Hass, Wut und Verachtung für diese Bestien. Die verdienen kein anderes Wort. Die haben genau gewusst, was sie taten in ihrer Kaltblütigkeit.' (Birgit Schöberl. Mutter des Opfers)
Eine beklemmende Fallstudie über eine entwurzelte Jugend, Rechtsradikalismus, deutsche Traumata und Gewalttraditionen. Das Buch geht in seiner Recherche und Analyse weit hinaus über das erfolgreiche Theaterstück und den von der Presse gefeierten Film Inszenierungen an Theatern u. a. in Berlin, Bochum, Dresden, Hamburg, Köln, Leipzig, Moers, München und Oberhausen.

Leseprobe zu "Der Kick" von Andres Veiel

Jutta Schönfeld: Am Dienstag, da ging es los. Man kennt ja das mit der Zeitung und Fernsehen und plötzlich is man das selbst. RBB, Stern TV, RTL, alle wollten was erfahren, und der Polizist hat gesagt, alles abblocken. Die Nachbarschaft, wenn du raus kommst, denn wird grad noch so gegrüßt, und dann gehen sie wieder los.

Und abends sitzen wir dann hier, kriegen Anrufe, Mörder, Mörder. Denn hört man bloß ein Stöhnen im Hintergrund. Wir hatten so ne Angst gehabt, wir haben Bekannte angerufen, können wir bei Euch unterkommen? Die dann, wir rufen zurück, und dann haben sie zurückgerufen. - Ja, tut uns leid, musst uns verstehen, das geht nich, geh in ein Hotel. - Ich sage: - Aber ein Hotel kost ja aber auch Geld. - Ich hab denn gesagt, man kann nich wegrennen, wir haben nischt gemacht, wir sind keine Mörder. -

Ich wusste, dass was passieren wird. Marco hat mich angerufen und gesagt, dass sie jetzt losziehen, Marcel und er, mit dem Sebastian. Am 12. Juli, in der Nacht. Ich war im Krankenhaus, da war Vollmond. Mir haben se ja Rückenmarkwasser gezogen, und da hab ich gedacht, ich muss nach Hause. Diese Unruhe, war so warm gewesen.

Birgit Schöberl: …

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26.03.2007

Die Sprache der Mörder
Lehrstück über Gewalt: Andres Veiels hervorragende Recherche

Chronik eines angekündigten Todes: Vor fünf Jahren wurde in dem ostdeutschen Dorf Potzlow der sechzehnjährige Marinus Schöberl brutal ermordet. Hätte es, wie die Einwohner sagen, wirklich jeden treffen können?

In einer Julinacht vor fast fünf Jahren wurde der sechzehnjährige Marinus Schöberl in einem uckermärkischen Dorf nach stundenlangem Martyrium brutal ermordet. Die Grausamkeit dieser Tat, verübt von zwei Brüdern und ihrem Freund, und die Umstände - es gab viele Zeugen, die bis heute schweigen - scheinen so ungeheuerlich, dass sich Versuche, dies zu erklären, fast verbieten. Aber erzählen kann man, ohne eine Lösung anbieten zu wollen, und zur Tat die anderen Puzzleteile fügen, die ein Gesamtbild ergeben, das man zwar auch nicht versteht, aber das zur singulären Untat einen Hintergrund fügt.

Der Dokumentarfilmer und Sachbuchautor Andres Veiel ("Black Box BRD") hat Potzlow zwei Jahre nach dem Mord aufgesucht, als die Medienwelle, die dieser Fall bundesweit auslöste, wieder verebbt war. Schlechte Bedingungen für einen, der es …

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20.03.2007

Wer Schwäche zeigt, der fällt
Wie begreift man Gewaltverbrechen? Andres Veiels erschütternd lehrreiches Buch über den Mord an Marinus Schöberl Von Jens Bisky
Der siebzehnjährige Sebastian Fink galt als „Schisser”, nur in der Gruppe stark. Aber er hatte die Demütigung des Opfers entschlossen vorangetrieben, ihn am brutalsten attackiert, dem blonden Sechzehnjährigen Faustschläge versetzt, bis dieser mit dem Stuhl nach hinten kippte. Sebastian schleppte ihn vor die Tür, öffnete den Hosenstall und urinierte auf Marinus Schöberl, als wollte er jede Erinnerung daran auslöschen, dass vor ihm ein Mensch lag, ein Saufkumpan.
Den Mord wenig später vollzogen die Brüder, Marco und Marcel Schönfeld, mit denen gemeinsam er über Marinus hergefallen war. So kam er, als die Tat 2003 vor Gericht verhandelt wurde, mit einer Jugendstrafe von zwei Jahren davon, und da er fast ein Jahr in Untersuchungshaft gesessen hatte, entließ man ihn in die Freiheit. Seine Freundin, die Mutter seines Kindes, wollte nichts mehr von ihm wissen.
Einmal traf ihn deren Schwester, bei der das junge Paar einst wohnte, im Supermarkt in Templin. Wie es in kleinen …

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Perlentaucher-Notiz zur FAZ-Rezension

26.03.2007

Für Regina Mönch ist das Buch so etwas wie das Lehrstück eines Lehrstücks, ein "hervorragendes Sachbuch". So kann, findet sie, so muss man über den eigentlich unsäglichen Mord von Potzlow schreiben. Andres Veiels Gespräche mit Dorfbewohnern, Angehörigen, Nachbarn und Freunden liefern ihr den trostlosen, von "zivilisatorischen Defiziten" geprägten, "bis ins Kriegsjahr 1944" ausgreifenden Hintergrund zur Tat, ein "Sittenbild Potzlows", jedoch keine Lösungsvorschläge. Dass der Autor dennoch auf Probleme wie die Gewaltverherrlichung in Filmen hinweist, findet Mönch in Ordnung, sieht sie in Veiel doch keinen Ankläger, sondern einen gewissenhaften und differenzierenden Chronisten, der bereitstellt, "was der Leser braucht, um sich ein Urteil bilden zu können".

© Perlentaucher Medien GmbH

Rezension

"Veiel fördert historische Tiefenschichten zutage und bettet die Singularität des Mordes in eine Dorfchronik der Verdrängungen ein." Der Tagesspiegel

"Erstaunlich, erschreckend, lesenswert." Hamburger Abendblatt

"Andres Veiel versucht dennoch zu erklären, was auch nach so vielen langen Gesprächen kaum zu erklären ist." Stuttgarter Zeitung

"Andres Veiels Buch über den Mord von Potzlow ist eine beeindruckende Archäologie der Gewalt." Berliner Zeitung

"Was, wenn es außerhalb dieser großartigen Aufarbeitung des Deutschlandkomplexes keine richtigen Antworten gibt? Der Kick ist wie ein Kreislaufkollaps, schwindelerregend und heilsam. Es muss einem erst schwarz vor Augen werden, bevor man die Welt wieder scharf sehen kann." Frankfurter Rundschau über den Film von Andres Veil

"Dieses 'Lehrstück über Gewalt' könnte ein Klassiker werden: als Geschichtsbuch über die Gegenwart ebenso wie als Modellanalyse eines Gewaltverbrechens." Süddeutsche Zeitung

"Ein kluges, nüchternes, auf beklemmende Weise hellsichtiges Buch." Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Der unerschrockene Fleiß und die behutsame Beharrlichkeit dieses …

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Ein Klassiker: "als Geschichtsbuch über die Gegenwart ebenso wie als Modellanalyse eines Gewaltverbrechens." Süddeutsche Zeitung

Rezensionen und Kritik

"Erstaunlich, erschreckend, lesenswert."

Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag

2002 ermordeten drei Jugendliche im brandenburgischen Potzlow einen Freund auf bestialische Weise, trotz Zeugen blieb die Tat monatelang unentdeckt. Andres Veiel, renommierter Dokumentarfilmer ("Die Spielwütigen") und studierter Psychologe nahm das Verbrechen zum Anlass für Recherchen im Umfeld von Tätern und Opfern, aus denen das Theaterstück, der Film und schließlich die Materialsammlung "Der Kick" entstanden. Der Band versammelt den - als traditionelles Dokumentartheater angelegten - Dramentext, Biografien der Beteiligten, eine Offenlegung der Recherche sowie eine psychologische Analyse. So weit, so unspektakulär. Veiel hatte sich zunächst im Auftrag des Berliner Gorki-Theaters mit dem Fall beschäftigt, und dort gab es die ersten Vorwürfe gegen den gebürtigen Stuttgarter: Man wollte sich nicht von jemandem über den Osten belehren lassen, der aus der wohlhabendsten Ecke der Republik kam. Und tatsächlich kann sich Veiel einer gewissen Klischeelastigkeit nicht erwehren, die brandenburgische Provinz ist in "Der Kick" nie mehr als ein Abgrund aus Alkoholismus, Armut und Rechtsextremismus. Und das wussten wir eigentlich auch schon vorher. (fis)

Rezensionen und Kritik

"Veiel fördert historische Tiefenschichten zutage und bettet die Singularität des Mordes in eine Dorfchronik der Verdrängungen ein." (Der Tagesspiegel)

Autorenporträt zu "Andres Veiel"

Andres Veiel, geboren 1959 in Stuttgart, studierte Psychologie und machte parallel eine Regie- und Dramaturgieausbildung unter Leitung des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieslowski. Er ist derzeit der bedeutendste deutsche Dokumentarfilmer. Seine Filme 'Balagan', 'Die Überlebenden', 'Black Box BRD' und 'Die Spielwütigen' waren Publikums- und Presseerfolge und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2011 erhielt Andres Veiel den "Alfred-Bauer-Preis" und den "Preis der Gilde deutscher Filmkunsttheater".

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