Der Beobachter im Gehirn (eBook, PDF) - Singer, Wolf

Der Beobachter im Gehirn (eBook, PDF)

Essays zur Hirnforschung

Wolf Singer 

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Der Beobachter im Gehirn (eBook, PDF)

Der Dialog zwischen den Natur- und den Kulturwissenschaften hat in den vergangenen Jahren an Intensität gewonnen, wobei die Hirnforschung einen zentralen Platz in der disziplinenübergreifenden Diskussion einnimmt. Es sind die mit der Hirnforschung verbundenen Fragen nach Bewußtsein, Identität und Selbstbestimmtheit des Menschen, denen sich der vorliegende Aufsatzband widmet. Der Autor führt in das Feld der Neurologie und der Neurobiologie ein und zeigt zugleich Chancen und Grenzen des Forschungsgebietes auf. Dabei entstehen zahlreiche Anknüpfungspunkte an die geisteswissenschaftliche Diskussion.


Produktinformation

  • ISBN-13: 9783518732113
  • ISBN-10: 3518732110
  • Best.Nr.: 37346210
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 29.04.2002

Eltern, laßt den Ehrgeiz sein!
Wolf Singer will die Erklärungslücke der Hirnforschung schließen

Die Sinnesorgane transportieren die Bilder, Töne und Gerüche der Welt ins Gehirn, und irgendwo dort drinnen sitzt ein Beobachter, ein Homunkulus, der sich ansieht, was auf der inneren Bühne gespielt wird. Diese Idee, die der neuen Essaysammlung des Hirnforschers Wolf Singer den Titel gibt, ist, wie der Autor darlegt, ebenso verlockend wie falsch. Das Gehirn ist ein selbstorganisierendes dezentrales System. Seine Leistungen beruhen auf seiner massiv parallelen Arbeitsweise und der rückgekoppelten Architektur der Großhirnrinde. Der Homunkulus ist überflüssig. "Der Beobachter des Gehirns" hätte die Sammlung daher besser geheißen, denn unter diesen ist Singer einer der profiliertesten.

In seinem neuen Buch reflektiert er über die verschiedensten Aspekte seiner boomenden Disziplin. Seine Themen reichen von der Geschichte der Max-Planck-Institute über das Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften, den Wert der Grundlagenforschung, die Unverzichtbarkeit der Tierversuche, den Nutzen der Hirnforschung für die Geschichtswissenschaft, für …

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

In der Hirnforschung, bemerkt der Rezensent Uwe Justus Wenzel nach Lektüre von Wolf Singers Essayband, habe das Unbekannte "viele Facetten". Die Erkenntnis, dass das Gehirn kein Zentrum besitzt, von dem alle Impulse ausgehen, stelle unweigerlich die Frage des "Ichs". Singer neigt dazu, so Wenzel, das Ich als kulturelles Konstrukt zu begreifen, das von außen an das Kind herangetragen und schließlich von ihm verinnerlicht wird. Dem Rezensent erscheint dies fragwürdig, und er vermutet in dieser Analyse seinerseits ein Konstrukt. Worauf es Singer ankommt, so Wenzel, ist die Frage nach der objektiven und subjektiven Freiheit des Menschen. Die objektive Freiheit sei aus neurobiologischer Sicht ausgeschlossen, die subjektive Freiheit also in gewisser Hinsicht Illusion. Werde der Mensch jedoch nicht als autonom begriffen, stelle sich die Frage nach der menschlichen Verantwortung. Der Rezensent bezweifelt allerdings, dass die "tiefgreifenden Veränderungen" des menschlichen "Selbstverständnisses", die Singer ankündigt, tatsächlich den Weg aus der Wissenschaft in das "lebensweltliche Selbstbild" finden …

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1943

in München geboren

1962

Beginn des Medizinstudiums an der Ludwig-Maximilians-Universität München

1965

Aufnahme in die Studienstiftung des Deutschen Volkes

1965/66

Zwei Semester an der Faculté de Medicine, Université de Paris, 3ème cycle de Neurophysiologie an der Faculté de Science, Université de Paris

1968

Staatsexamen und Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität München (Tutor: Prof. Dr. O. Creuzfeldt)

1971

Ausbildungsaufenthalt an der University of Sussex, England

1975

Berufung zum wissenschaftlichen Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft und zum Direktor an das MPI für Hirnforschung, Frankfurt am Main

aus: "Was kann ein Mensch wann lernen?", S. 56 ff.

Die Existenz zeitlich gestaffelter sensibler Phasen für die Ausbildung verschiedener Hirnfunktionen führt zu dem Postulat, dass das Rechte zur rechten Zeit verfügbar oder angeboten werden muss. Es ist nutzlos und womöglich sogar kontraproduktiv, Inhalte anzubieten, die nicht adäquat verarbeitet werden können, weil die entsprechenden Entwicklungsfenster noch nicht offen sind. Da bislang nur wenig experimentelle Daten darüber vorliegen, wann das menschliche Gehirn welche Informationen benötigt, ist wohl die beste Strategie, sorgfältig zu beobachten, wonach die Kinder fragen. Ich hatte ausgeführt, dass das Gehirn bei der Organisation seiner Entwicklung die Initiative hat und sich die jeweils benötigte Information selbst sucht. Es sollte demnach ausreichen und wäre wohl auch die optimale Strategie, sorgfältig darauf zu achten, wofür sich das Kind jeweils interessiert, wonach es verlangt, und wodurch es glücklich wird. Babies können auch schon im vorsprachlichen Stadium durch Lachen, Weinen und differenzierte Mimik signalisieren, was für sie richtig und wichtig ist. Wie lässt sich also das Angebot optimieren? Natürlich muss die Umwelt hinreichend reich sein, damit das, was benötigt wird, auch vorhanden ist, und die Kinder das, was sie suchen, auch finden können. Aber dies dürfte in aller Regel der Fall sein. Über die Sonderbegabungen werde ich noch sprechen. Wenig hilfreich dürfte es sein, die Kleinen mit Überangeboten zu überschütten und die Umgebung so früh wie möglich so komplex wie möglich zu gestalten: Mozart nicht nur im Kuhstall, sondern auch im Babyzimmer, Musik und Malerei aller Stilrichtungen, vielleicht sogar etwas hohe Literatur vorlesen. Das ist natürlich alles Unsinn, dem vehement Einhalt geboten werden muss. Hier vermischt sich Elternehrgeiz mit missverstandenen Botschaften über die Bedeutung kritischer Entwicklungsphasen. Es macht keinen Sinn, Entwicklungen forcieren zu wollen. Die Kinder werden aufgezwungene Angebote nicht annehmen, unnütze Zeit mit Abwehr verbringen, und es schwer haben, das für sie Wichtige herauszufiltern.
Wichtig ist vielmehr, dass Deprivationen vermieden werden. Diese Gefahr ist am Größten, wenn Sonderbegabungen vorliegen, auf welche die Eltern und später die Kindergärten und Schulen nicht vorbereitet sind. Weil Begabungen normal verteilt sind, muss mit erheblichen Abweichungen vom Mittelwert gerechnet werden, in beide Richtungen natürlich. Hier besteht dann in der Tat die Gefahr, dass das Rechte nicht zur rechten Zeit angeboten wird. Hier könnten Evaluierungsprogramme vorbeugen, mit denen sich bei Verdacht auf Sonderbegabungen überprüfen ließe, ob die Kleinen in Spezialbereichen besondere Förderung benötigen.
In den allermeisten Fällen wird es aber genügen, darauf zu vertrauen, dass die jungen Gehirne selbst am besten wissen, was sie in verschiedenen Entwicklungsphasen benötigen und dank ihrer eigenen Bewertungssysteme kritisch beurteilen und auswählen können. Kinder sind in aller Regel genügend neugierig und wissbegierig, um sich das zu holen, was sie brauchen. Elternehrgeiz ist hier wenig dienlich, entscheidend ist nicht, was die Eltern wollen, sondern was das Kind mitbringt und will. Hier ein praktisches Beispiel von vielen. Kinder wollen sprechen und durchlaufen eine sensible Phase, in der sie Sprachkompetenz besonders schnell und mühelos erlangen. Hier könnte das frühe Angebot einer zweiten Sprache die Nutzung natürlicher Ressourcen ohne Überforderung optimieren.
Abschließend möchte ich noch einen Aspekt hervorheben, an dem mir ganz besonders gelegen ist. Die differenzierte Entwicklung kognitiver Funktionen hängt ganz wesentlich von den Kommunikationsfähigkeiten und -möglichkeiten der Kleinen ab. Die Entwicklung von Autismus wird unter anderem darauf zurückgeführt, dass es den Kindern nicht gelingt, die emotionalen Signale zu dechiffrieren, die ihre Bezugspersonen in ihrer Mimik und Gestik ausdrücken. Über diesen nicht-sprachlichen Kommunikationsprozess wird den Kindern vermittelt, wie ihre Aktionen und Fragen von ihrem sozialen Umfeld bewertet werden und diese Information scheint für die Einbindung in das soziokulturelle Umfeld und alle damit verbundenen Lernprozesse von herausragender Bedeutung zu sein. Wenn die Kinder nicht in der Lage sind, diese bewertenden Signale zu dechiffrieren, führt dies zu sozialer Isolation, und in der Folge zu gravierenden Fehlentwicklungen aller höheren kognitiven Funktionen. Der Dialog mit der Umwelt bricht ab und umweltabhängige Entwicklungsprozesse werden fehlgeleitet. In diesem Fall liegt eine pathologische Störung der Kommunikationsfähigkeit vor. Sie belegt aber, wie außerordentlich wichtig kommunikative Prozesse für die Hirnentwicklung sind. Somit stellt sich die Frage, ob wir genügend investieren, um die normalen Kommunikationsmöglichkeiten auszuschöpfen.

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