Bruder, was hast du getan? - Obermayer, Bastian; Stadler, Rainer

Bastian Obermayer Rainer Stadler 

Bruder, was hast du getan?

Kloster Ettal. Die Täter, die Opfer, das System

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Bruder, was hast du getan?

Der Missbrauch hatte System. Im Frühjahr 2010 wurde bekannt, dass geistliche Erzieher am Kloster Ettal ihnen anvertraute Internatsschüler über Jahrzehnte seelisch wie körperlich misshandelt und sexuell missbraucht hatten. Die Mönche kündigten an, alle Fälle gnadenlos aufzuklären. Wie sieht die Wahrheit aus? In ihrer Dimension stellten die Berichte über die bayerische Benediktinerabtei einen traurigen Höhepunkt unter all den Schreckensnachrichten aus konfessionellen Erziehungseinrichtungen dar, die an die Öffentlichkeit gedrungen sind. Wie konnte es geschehen, dass sich ein scheinbar so gottesfürchtiges Idyll vor der malerischen Kulisse der Alpen für so viele Kinder und Jugendliche als Ort des Grauens entpuppte? Bastian Obermayer und Rainer Stadler haben mit mehr als 50 ehemaligen Schülern gesprochen, die teilweise bis heute unter dem Trauma ihrer Schulzeit leiden. Sie trafen Eltern, Lehrer und Erzieher, die Verantwortlichen des Klosters, Psychologen, Theologen und Sozialwissenschaftler. Sie suchten die Tatorte auf und sichteten unzählige Dokumente aus dieser Zeit. Die Bruchstücke fügen sich zu einem Bild zusammen, das allen reflexartigen Erklärungsversuchen für die damaligen Vorfälle widerspricht. Denn verantwortlich sind nicht - wie von der Klosterleitung wiederholt behauptet - vom rechten Weg abgekommene Einzeltäter; vielmehr hatten Gewalt und Missbrauch am Kloster Ettal System.


Produktinformation

  • Abmessung: 222mm x 144mm x 30mm
  • Gewicht: 475g
  • ISBN-13: 9783462043402
  • ISBN-10: 3462043404
  • Best.Nr.: 33356752
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 13.10.2011

Unter Brüdern
Von SZ-Autoren: Bastian Obermayer
und Rainer Stadler über Missbrauch
Im Frühjahr 2010 berichteten die Medien fast täglich über katholische Geistliche, die Kinder und Jugendliche misshandelt oder missbraucht hatten. Trotz unzähliger Details, die bekannt wurden, blieb eine wesentliche Frage offen: Wie konnte es passieren, dass die Geistlichen alles verrieten, wofür die Kirche zu stehen vorgibt? Am Beispiel des Klosterinternats Ettal zeichnen die SZ-Magazin-Redakteure Bastian Obermayer und Rainer Stadler nach, wie das Personal einer Eliteanstalt an seinem Erziehungsauftrag scheiterte und seine Macht nutzte, um Schüler zu unterdrücken und zu quälen. Anhand von ausführlichen Gesprächen mit Zeitzeugen und klosterinternen Dokumenten rekonstruieren die Autoren den Internatsalltag in den Jahren 1950 bis 1990 – ein Alltag, der sich, so die Autoren, jeder Kontrolle von außen entzogen und aus dem es für die Schüler kein Entrinnen gegeben habe. Denn die Verbrechen der Mönche seien der Klosterleitung, den Mitarbeitern und sogar Eltern bekannt gewesen, doch die Täter gedeckt und ihre Taten verschwiegen worden, um den guten Ruf Ettals zu schützen. …

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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Die Ordensbrüder vom Kloster Ettal haben die SZ-Journalisten Bastian Obermayer und Rainer Stadler zwar nicht zum Reden über die Missbrauchsfälle gebracht, die es seit den 1950er Jahren im Benediktinerinternat gegeben hat, muss Nina Apin feststellen. Dafür haben sie in ihrem viel diskutierten Buch aber ausgiebig mit den Opfern gesprochen, so die Rezensentin. Zudem arbeiten die Autoren die Funktionsmechanismen heraus, die es den Klosterbrüdern über einen so langen Zeitraum ermöglichte, physische und sexuelle Misshandlung in derart großer Zahl auszuüben, ohne dass eingeschritten worden wäre. Für Stadler und Obermayer sind die Gründe hierfür zum einen in der "totalen Isolation" zu suchen, die den Mönchen in der systematischen Absonderung von Familie und Umgebung die vollständige Kontrolle über ihre Zöglinge gab, erklärt Apin. Zum anderen sehen die Autoren jahrhundertelange wirtschaftliche Abhängigkeit und die strenge Ordenshierarchie als maßgeblich dafür an, dass Missbrauch an der Klosterschule so lange ungestört betrieben werden konnte, so die Rezensentin.

© Perlentaucher Medien GmbH
Bastian Obermayer, geb. 1977, studierte in München Politik, Geschichte und Amerikanistik und besuchte dort die Deutsche Journalistenschule. Er ist seit fünf Jahren Redakteur beim Magazin der Süddeutschen Zeitung und wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Henri-Nannen-Preis und dem Theodor-Wolff-Preis. Rainer Stadler, geb. 1967, studierte Informatik und absolvierte die Burda-Journalistenschule in München. Er arbeite als freier Journalist und Auslandskorrespondent (Los Angeles) und schrieb u.a. für Süddeutsche Zeitung, Focus und Spiegel. Seit 2001 ist er Redakteur beim SZ- Magazin.

Kundenbewertungen zu "Bruder, was hast du getan?"

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Bewertung von Leserpost am 17.10.2011 ***** ausgezeichnet
Mich hat das Buch in doppelter Weise erschüttert. Das Erste: Als Spät-68er, der ich bin, war ich bis vor kurzem noch der Meinung, zu den paar Dingen, die wir 68er hingekriegt haben, gehört die Abschaffung der Rohrstock-Pädagogik. Und nun las ich in dem Buch von Obermayer und Stadler, dass es 1968 in Ettal erst richtig los ging mit dem Kinderverprügeln und bis 1990 anhielt. Und Ettal war nicht die einzige Elite-Institution, in der die schwarze Pädagogik bis in die 90er Jahre hinein noch praktiziert wurde.
Natürlich hatte ich das auch zuvor schon in der Zeitung gelesen, aber erst, nachdem ich durch dieses Buch in geballter Form damit konfrontiert wurde, trat dieser Erschütterungs-Effekt ein, der noch dadurch gesteigert wurde, dass es nicht nur die Gewalt gab in Ettal, sondern auch den sexuellen Missbrauch, dies oft auch miteinander verbunden und eben nicht eine seltene Ausnahme war. Von „bedauerlichen Einzelfällen“ kann man nach dem, was man heute weiß über die kirchliche Erziehung - nicht nur in Ettal, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Irland und in den USA - nicht mehr sprechen.

Im Unterricht in der Schule immer wieder Ohrfeigen, dass die Schüler zu Boden geschleudert wurden und die Trommelfelle platzten,
im Internat immer wieder Hiebe mit der Rute auf den nackten Hintern,
und dann abends und morgens im Bett die Priester, die unter die Bettdecke griffen. Oft waren es dieselben Priester, die eine Prügelstrafe in Vorfreude ankündigten und sich an der Angst der Schüler weideten.

Und das ereignete sich nicht vor dem Ersten Weltkrieg, nicht in der Zeit, in der Michael Hanekes „Weißes Band“ spielt, sondern in den siebziger und achtziger Jahren, als Prügeln an staatlichen Schulen und in den Familien längst aus der Mode gekommen war.

Wer das Buch liest, fragt sich: Waren da wirklich Mönche am Werk, die vom Gott der Liebe und Barmherzigkeit motiviert sind, oder Perverse, die sich von den Obsessionen eines Marquis de Sade inspirieren ließen?

Die Welt, in der die Schüler aufwuchsen, hatte etwas Totalitäres an sich. Sie waren eigentlich nie ohne Aufsicht, immer unter Kontrolle, sogar ihre Briefe wurden gelesen, ihre Päckchen geöffnet, und manchmal vergriffen sich die Mönche auch an dem Inhalt, nahmen für sich eine gute Leberwurst heraus, ein Päckchen Lebkuchen oder Süßigkeiten.

Den Leser beschleicht während der Lektüre das Gefühl, dieses Ausleben der sexuellen Lust an Schülern und diese ständigen Gewaltorgien wurden hingenommen wie lästige Fliegenschwärme, die man zwar eindämmen, aber nicht ausrotten kann. Man fragt sich unwillkürlich: Gehört das vielleicht einfach irgendwie dazu zum Klosterleben, vielleicht schon lange, möglicherweise schon immer?

Auf jeden Fall müssen sehr viele Menschen über sehr viele Jahre hinweg sich sehr angestrengt haben, um nichts zu sehen, nichts zu hören und nichts zu sagen. Auch die Vorgesetzten, die Kirchen- und Ordensleitungen sind nach diesem Prinzip verfahren, und die meisten Eltern und Schüler auch. Viele von denen wollen noch heute nichts davon wissen und den Mythos aufrechterhalten, von Elite-Mönchen zu Elite-Menschen ausgebildet worden zu sein. Tatsächlich befand sich diese „Elite“ mindestens ein halbes Jahrhundert hinter dem geistigen Stand ihrer Zeit.

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Bewertung von Robert Köhler aus München am 11.10.2011 ***** ausgezeichnet
Eine gut zu lesende Zusammenfassung zu Gewalt und Missbrauch

Wer einen Freitag Abend Krimi ansehen kann, verträgt es auch diese Buch zu lesen
Man spart sich das umfangreiche Lesen schwieriger Analyseliteratur und kennt Hintergründe und kann greifbar erahnen, was hinter Internatsmauern an vielen Orten nicht nur in Deutschland geschehen ist.

Den Autoren gelingt es am Beispiel der Geschehnisse im Internat Ettal das komplexe Misshandlungs- und Missbrauchsthema, das im Jahr 2010 die Medien beherrschte, greifbar zu machen. Sie stellen dar, was in Ettal passiert ist und verzichten dabei auf Einzelfälle, die noch schlimmer waren. Sie wagen eine Ursachenforschung der Geschehnisse. Hierbei gelingt es Ihnen die umfangreichen Analysen, die vielfältig für die Insitutionen im vergangenen Jahr erstellt wurden, sehr direkt mit den Ereignissen in Ettal in Zusammenhang zu bringen: Grenzen zwischen erlaubt und nicht erlaubt wurden in den Köpfen von Kindern verschoben. Bei vielen ehemaligen ist dies wohl heute noch der Fall.

Einzig P. Johannes wird das Buch nicht gerecht, er hat sich nach den ersten Wirren sehr offensiv für die Aufarbeitung eingesetzt und hat mit dem Abt ein Entschädigungskonzept vorangetrieben, dass deutschlandweit Maßstäbe setzt.

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