Der mit den Tieren warb
Bernhard Grzimek wusste die Naturliebe der Deutschen so sachlich wie glamourös zu befeuern: Claudia Sewig hat ihm eine exzellente Biographie gewidmet.
Guten Abend, meine lieben Freunde." Mit diesem einen Satz wandelte ein, wie es damals hieß, "Herr in den besten Jahren" zwischen 1956 und 1980 regelmäßig Millionen Deutsche zur eingeschworenen Gemeinde von Tierschützern. Selbstverständlich kam ihm, der nicht nur Moderator, sondern Abgott der Sendung "Ein Platz für Tiere" war, die auch heute noch notorische Tierliebe der Bundesbürger entgegen. Aber zu dem, was man in unseren Tagen sofort "Kultsendung" nennen würde, wurde die Serie über bedrohte Tier- und Pflanzenwelten durch das Charisma des Bernhard Grzimek.
Seine distinkte Haltung, die er auch beim eindringlichsten Appell an die Zuschauer, beim diskreten Betteln um Spenden und bei seinen geschliffenen Attacken auf skrupellose Wilddiebe und profitgierige Landnahme nicht verlor, hielt sogar den exotischen Tieren stand, die er - mal eine Schimpansin, mal einen Geparden oder eine Anaconda - mit ins Studio brachte. Doch Grzimek prangerte nicht nur Missstände im fernen Afrika an. Er war der Erste, der den Zuschauern Bilder der Tierquälerei in hiesigen Hühnerfarmen zumutete, Skandal riskierte, als er das Tragen von Leopardmänteln pervers nannte und das Waldsterben in unseren Breitengraden als Folge hemmungslosen Profitstrebens bloßstellte.
"Das Abholzen der Regenwälder, die Verschmutzung der Weltmeere, insgesamt die Zerstörung der natürlichen Lebensräume für Tiere und Pflanzen sind eine Form des Krieges der Menschheit gegen sich selbst." Das Recht zu solchen Sätzen hatte Grzimek sich zuvor mit den Massenerfolgen seiner Tierfilme erworben: "Kein Platz für wilde Tiere", 1956 erst als Buch ein Bestseller, dann, in der Serengeti gemeinsam mit seinem Sohn Michael gedreht, als Urwald- und Tierfilm mit dem Bundesfilmpreis und dem Goldenen Bären der Berlinale prämiert, war der Anfang. Es folgte 1959 der internationale Triumph mit "Serengeti darf nicht sterben", 1960 mit dem Oscar ausgezeichnet, dem ersten für einen Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg.
Ein Gary Cooper der Zoologie.
Jedermann kannte die Fotos, die Grzimek und seinen Sohn in Khakihemd und Stetson vorm oder im "Zebra" zeigen, jener - zur Tarnung wie um des filmischen Effekts willen - schwarzweiß gestreiften Propellermaschine Dornier Do 27, die zu fliegen beide vor den Dreharbeiten gelernt hatten. Prägte Bernhard Grzimek sich damit, zwei Jahre vor "Hatari", der internationalen Öffentlichkeit als herrenhafter Abenteurer à la Hardy Krüger und John Wayne ein, etablierte er sich 1960, im Smoking den Oscar entgegennehmend und dabei das Blitzlichtgewitter der Hollywood-Reporter stoisch über sich ergehen lassend, im bundesdeutschen Unterbewusstsein als eine Art heimischer Gary Cooper der Zoologie.
Seine dezent männlich-glamouröse, für Leinwand und Bildschirm wie geschaffene Erscheinung war vielleicht das eigentliche Erfolgsgeheimnis Bernhard Grzimeks. Sicher aber war diese weltläufige Ausstrahlung das wirksame Gegengewicht zur vordergründigen Naivität und Zutraulichkeit, die in der Formel "meine lieben Freunde" anklang - und die er nach eigenem späten Eingeständnis vorschützte, um seine Ziele besser zu erreichen.
Die Rechnung ging auf: Von ihm, der 1956 im Studio des Hessischen Fernsehens saß wie eine Curd Jürgens ebenbürtige Besetzung für Zuckmayers "Des Teufels General", ließ das deutsche Publikum sich sagen, was es jedem anderen als törichtes Weltverbesserertum und Weltfremdheit angekreidet hätte. Der Verweis auf Zuckmayer kommt nicht von ungefähr: In Frankfurt, wo er, ohne Erlaubnis der amerikanischen Besatzung und gegen den Willen der provisorischen deutschen Verwaltung, ab 1946 den total zerstörten Zoo als dessen erster Direktor erst notdürftig und dann glänzend wieder aufgebaut hatte, wusste man vage, dass Bernhard Grzimek zwar ein "hohes Tier" (Regierungsrat) im "Reichsernährungsministerium" der Nazis gewesen war. Man wusste aber auch, dass er, und das in militärischen Diensten, Widerstand geleistet und versteckten Juden mit heimlichen Essenslieferungen das Leben gerettet hatte.
Diese Zeit und auch die Jugendjahre Bernhard Grzimeks untersucht zu haben und darzustellen ist eines der Verdienste der insgesamt glänzenden Biographie von Claudia Sewig. Sachlich und gradlinig jede Schlüssellochperspektive vermeidend, beschreibt sie Licht und Schatten: Entgegen allen, sogar gerichtlichen Beteuerungen war Bernhard Grzimek Mitglied der NSDAP, eingetreten am 1. Mai 1937. Doch er fand auch den Mut, anders als die meisten Prominenten, wenn es um ihre Jahre zwischen 1933 und 1945 geht, einzugestehen, dass er schon 1940 vom Massenmord an den Juden gewusst hatte: "Ich habe damals nicht gewagt, vielen Menschen davon zu erzählen. Ich wusste genau, was darauf stand, und wollte selbst überleben."
Das wiederum hätte er gegen Kriegsende um ein Haar nicht. Denn die Gestapo, womöglich von einem Denunzianten über seine Hilfe für Juden informiert, begann ihn im März zu verhören. Vor einer drohenden Durchsuchung seiner Berliner Wohnung flüchtete Bernhard Grzimek erst nach Detmold, dann nach Frankfurt, wo wenige Wochen später die neue steile Karriere des promovierten Tierarztes und Verhaltensforschers begann.
Martin Bormann? "Sehr durchschnittlich, niemand hätte ihm angemerkt, dass er Millionen umbringen ließ." So kommentierte Grzimek lange Zeit später ein Treffen mit dem Reichsminister und "Sekretär des Führers" im Berliner Hotel Kaiserhof. Bormann nahm Anstoß am polnischen Namen des im oberschlesischen Neiße Geborenen. Die - ihm schreckliche - Einladung verdankte Grzimek seiner Geliebten, einer jungen Berliner Schauspielerin, die dem Minister von dem geradezu begnadeten Tierpsychologen erzählt hatte. Über diese Liebe, wie über die aus ihr hervorgegangene Tochter Monika, wahrte Bernhard Grzimek Schweigen. Auch mit Leni Riefenstahl, die ihn, der zu Hause einen Wolf gezähmt hatte, samt dem Tier für die Dreharbeiten zu "Tiefland" verpflichtete, soll es eine Affäre gegeben haben.
Fest steht, dass Bernhard Grzimek zeitlebens Beziehungen außerhalb seiner beiden Ehen pflegte und neben den beiden ehelichen Söhnen sowie dem Adoptivsohn Thomas noch Vater mehrerer Kinder war. Ist es indiskret und geschmacklos, in einer Biographie nicht nur den zahllosen Verdiensten um Tier- und Naturschutz, sondern auch einem solchen Privatleben nachzuspüren? Nein, denn damit zeichnet Claudia Sewig eine für das Deutschland der dreißiger, fünfziger und siebziger Jahre exemplarische Persönlichkeit nach: Aus heutiger Sicht betrachtet, erweist sich Bernhard Grzimeks als perfekter Vertreter eines jahrzehntelang gültigen Männlichkeitsideals auf jenem damals weiten Feld zwischen dem zynisch banalen "ein Gentleman genießt und schweigt" und eiserner, bis zur seelischen Zerrüttung durchgehaltener Selbstdisziplin.
Öffentliche Leidenschaften.
Schweigen auch, als sein Sohn Michael bei den Dreharbeiten zu "Serengeti darf nicht sterben" mit dem Flugzeug tödlich verunglückte, ebenso, als 1980 der Adoptivsohn den Freitod wählte. Allenfalls trockene Worte, wenn die Rede war von seinen frühen, rührend gefühlvollen Erzählungen wie "Wolf Dschingis", dem Protokoll einer behutsamen Zähmung, oder seinem Kinderbuch "Das Haus der Tiere". Strenge Sachlichkeit, wenn seine Rettungstaten während des Dritten Reichs zur Sprache kamen, verdeckte Zuneigung, wenn es um die Familie ging. Öffentlich leidenschaftlich wurde Grzimek nur - und auch das immer in sehr gefasster Form -, wenn es um das Große und Ganze ging, um die Zukunft der Tiere, der Natur, des Menschen. In seinen Filmen also und in seiner Fernsehserie, oder als er 1975 gemeinsam mit Horst Stern und neunzehn anderen Umweltschützern den "Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland" gründete.
Egomane in Liebesdingen, ein fürsorglicher und zuverlässiger, aber oft distanzierter Ehemann und Vater, ein gewiefter Manager seines Zoos und geschickter Verwalter seiner Bucherfolge, ein unerschrockener, jedoch stets auch beflissener Gesprächspartner für Politiker und Konzernchefs, ein sensibler Psychologe aber nur, wenn es um Tiere ging, öffentlich allzeit ernst, privat derbste Witze liebend: präziser lässt sich ein erfolgreicher deutscher Mann seiner Generation zwischen Drittem Reich, Adenauer- und Brandt-Republik kaum zeichnen.
Als stillen, den deutschen Durchschnitt weit überragenden Helden aber macht ihn seine Biographin kenntlich, indem sie seinen Mut dokumentiert, sich auch als Feigling und gelegentlich eitel zu bekennen. Selbst dann, wenn sie ausplaudert, dass Bernhard Grzimek, der selbstverständlich so tat, als sei ihm seine Attraktivität keine Sekunde bewusst, sich Sprays aus Amerika einfliegen ließ, um sein schütteres Haar zu kaschieren. Loriot, der ihm mit dem legendären Steinlaus-Sketch ein Denkmal setzte, hätte auch das sicher in eine Zuneigung weckende Lachszene umgesetzt.
DIETER BARTETZKO.
Claudia Sewig: "Bernhard Grzimek". Der Mann, der die Tiere liebte. Biographie. Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 2009. 447 S., Abb., geb., 24,95 [Euro].
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