In vielen deutschen Städten haben sich seit Beginn der 1970er
Jahre"ethnische Kolonien"gebildet. Entstanden im Zuge der
Anwerbung der"Gastarbeiter", erwiesen sie sich zunehmend
nicht als Durchgangsstation, sondern als Sackgasse: Die dort
lebenden Zuwanderer blieben weitgehend unter sich. Anlass, die
deutsche Sprache zu erlernen, gab es dort nicht. Schulisches
Scheitern stand häufig am Anfang des Weges in Arbeitslosigkeit,
Sozialhilfeabhängigkeit und Kriminalität. Die deutsche
Ausländerpolitik der 70er und 80er Jahre setzte auf die Bewahrung
der"kulturellen Identität"der Zuwanderer. Damit hat sie
die desintegrierenden Auswirkungen der ethnischen Kolonien eher
gefördert. Milliardenschwere Sprach- und Integrationsangebote
erzielten nicht die beabsichtigte Wirkung. Das Konzept des
Multikulturalismus bestärkte darüber hinaus jene unter den
Zuwanderern, die bewusst auf Abgrenzung und Absonderung
setzten.
Was kann gegen die schulische und berufliche Perspektivlosigkeit
großer Teile derNachkommen der Gastarbeiter unternommen werden? Was
muss die deutsche Politik tun, damit nicht ganze Generationen an
den Rand gedrängt werden, damit nicht die Gefahr von Gewaltexzessen
wie in Frankreich droht? Wie kann die Entwicklung
von"ethnischen
Kolonien"zu"Parallelgesellschaften"rückgängig
gemacht oder verhindert werden?
Nach"Ausländerpolitik in Deutschland"bietet Stefan Luft
in seinem neuen Buch einen illusionslosen Blick auf die
Wirklichkeit. Es wendet sich gegen weit verbreitete Legendenbildung
und zeigt auf, wie es gelingen kann, zu einer Wende in der
Integrationspolitik zu kommen: Integration muss als Aufgabe aller
gesellschaftlichen Schichten verstanden werden. Wir dürfen sie
nicht den sozial Schwächsten in den ethnischen Kolonien überlassen.
Andererseits haben auch die Zuwanderer und ihre Nachkommen eine
Pflicht, eigene Integrationsleistungen zu erbringen. Darüber hinaus
muss Zuwanderung wirkungsvoll gesteuert und begrenzt werden. Nicht
zuletzt aufgrund der absehbaren demografischen Entwicklung gehört
eine neue Integrationspolitik zu den unverzichtbaren
Voraussetzungen für die Erhaltung des inneren Friedens in
Deutschland.
Eberhard Seidel begrüßt Stefan Lufts Buch "Abschied von Multikulti", auch wenn er es für "widersprüchlich" hält und er darin letztlich kaum Neues findet. Beachtenswert scheint ihm das Werk dennoch, stammt es doch von einem CDU-Mann, der den "faktenarmen konservativen Diskurs" überwinden möchte, um den migrationspolitischen Realitäten der Gegenwart gerecht zu werden. So bescheinigt er dem Autor, mit einigen Legenden der aktuellen Migrationsdebatten aufzuräumen. Etwa der Behauptung, die Ausländer hätten sich aus freien Stücken und aus purer Integrationsunwilligkeit in ethnische Kolonien zurückgezogen. Für Seidel keine neue Erkenntnis, aber er hebt hervor: "es schadet nichts, wenn Konservative dies noch einmal aus berufenem Munde hören". Kritischer betrachtet er das Kapitel "Der schwierige Abschied vom Multikulturalismus", das er vor allem als Zugeständnis an den konservativen Zeitgeist und seine Schlagworte wertet. Durchwachsen scheint ihm dann das Kapitel "Wege aus der Integrationskrise", das zwischen "Vernünftigem, Absurdem und Reaktionärem" schwanke. Generell hält er dem Buch einen Schlingerkurs zwischen dem "Referieren nüchterner Fakten und reaktionären Knallfröschen" vor. Dennoch hofft er, das Werk möge unter Konservativen zum Nachdenken über die real existierende Migration führen. Dann hätte es für Seidel seine Schuldigkeit getan.